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Arbeiter – Siedlung Gmindersdorf :
100 Jahre Architektur- und Alltagsgeschichte

05.09.2003 - 09.11.2003

Plakat Gmindersdorf Im Jahr 1903 begann die Reutlinger Textilfirma Ulrich Gminder, einer der größten Industriebetriebe im Deutschen Kaiserreich, mit dem Bau von Gmindersdorf, einer „Wohlfahrtseinrichtung“ für Arbeiter in unmittelbarer Nähe zum Betriebsgelände. Das Unternehmen brauchte für eine neue Spinnerei mit 40.000 Spindeln zusätzliche Arbeitskräfte, die auch außerhalb Württembergs angeworben werden mussten.

Der Bauauftrag für die Arbeitersiedlung ging an den Stararchitekten der damaligen Zeit: Theodor Fischer, Professor an der Technischen Universität Stuttgart. Er hatte sich als Reformer der Stadtplanung einen Namen gemacht und war 1907 Mitbegründer des Deutschen Werkbundes.

Fischer gestaltete Gmindersdorf als Gesamtkunstwerk, in dem sich neue städtebauliche Ideen mit den Ansprüchen moderner Infrastruktur verbanden. An den Entwürfen für die Siedlung waren in Fischers Büro u.a. die Architekten Paul Bonatz und Bruno Taut beteiligt, die mit ihren späteren Bauten wegweisend für die Stadtentwicklung im 20. Jahrhundert wurden.

Die Ausstellung zeigt, wie Fischer in Gmindersdorf fortschrittliche Wohn- und Hygienestandards im Arbeitersiedlungsbau einführte. So hatte in den 48 Häusern jede Wohnung – für die damalige Zeit ungewöhnlich – einen eigenen Eingang, nach Süden liegende Wohnräume, einen Abort sowie Wasser- und Gasanschluss. Insgesamt wurden für die Reutlinger Siedlung 18 verschiedene Typen von Doppel- und Mehrfamilienhäusern entwickelt. Mit einen ländlich-kleinstädtischen Architekturstil und großen Hausgärten, die der englischen Gartenstadtidee entsprachen, erhielt die Arbeitersiedlung den Charakter eines natürlich gewachsenen Dorfes. Kaufhaus mit Bäckerei und Konsumladen, Wirtschaft mit Metzgerei, Ziegenstall und Mosterei stellten die wirtschaftliche Selbständigkeit des neuen Vorortes sicher. Darüber hinaus stiftete die Fabrikantenfamilie einen Kinderhort mit Turn- und Gemeinschaftssaal sowie einen Altenhof, der mit der außergewöhnlichen Architekturform eines Halbrundes die Siedlung abschloss.

Der Takt der Fabrik bestimmte das Leben in Gmindersdorf. In der Ausstellung wird auch den alltags- und sozialgeschichtlichen Seiten der „Arbeiterkolonie“ nachgespürt, in der bis zu 1000 Einwohner lebten: der Bedeutung der Werksiedlung für die Firma Ulrich Gminder, der Reglementierung der Wohn- und Lebensweise durch den Mietvertrag oder der Kontrolle durch den Koloniewart. Auch das Thema Freizeit spielt eine Rolle: die siedlungseigenen Musik- und Turnvereine, der Schwatz vor dem Haus, die engen nachbarschaftlichen Beziehungen. In den 1960er Jahren endete die Geschichte von Gmindersdorf als Arbeitersiedlung. Nach dem Verkauf der Firma Ulrich Gminder im Jahr 1964 an die Robert Bosch GmbH gingen die Gebäude allmählich in private und städtische Hand über.

Die Arbeitersiedlung Gmindersdorf ist ein architektonisches Kleinod, das heute teilweise unter Denkmalschutz steht.

Begleitbuch zur Ausstellung
Arbeiter-Siedlung Gmindersdorf
100 Jahre Architektur- und Alltagsgeschichte
Martina Schröder, Helen Wanke, Bärbel Schwager
Verlag: Heimatmuseum Reutlingen
September 2003
192 Seiten, ca. 170 Abbildungen
15,50 Euro
ISBN 3-933820-55-3

Das Begleitbuch zur Ausstellung enthält zahlreiche bisher unbekannte historische Fotografien und unveröffentlichte Dokumente. Über die Ausstellung hinaus bietet es Informationen und neue Erkenntnisse zur Baugeschichte der Siedlung und zum Alltag in Gmindersdorf.

Redakteur / Urheber
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Stadt Reutlingen

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