Rathaus Reutlingen

Bürgerempfang am 6. Januar 2014

Ansprache Oberbürgermeisterin Barbara Bosch


- Es gilt das gesprochene Wort -



Liebe Bürgerinnen und Bürger,
sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Gäste,

ich heiße Sie herzlich willkommen zu unserem Bürgerempfang 2014 in unserer Reutlinger Stadthalle. Ein Jahr nach dem Eröffnungswochenende ist uns diese Halle schon sehr vertraut, viele von uns haben im vergangenen Jahr eine oder vielleicht sogar mehrere Veranstaltung besucht. Die Auswahl war beeindruckend: Insgesamt war die Stadthalle für 280 Veranstaltungen gebucht, viel mehr als wir uns erwartet haben. Ein gelungener Start, wie er besser nicht sein könnte. Als Erinnerung an das Einweihungswochenende haben wir Texte und fotografische Impressionen in einer Broschüre zusammengefasst, die gemeinsam mit einer Übersicht über 10 Jahre Innenentwicklung in Reutlingen im Foyer ausliegt und die Sie gerne mitnehmen können.

Mit dem heutigen Bürgerempfang, traditionell wieder am 6. Januar, sind wir also fast schon heimisch an diesem Ort. Das gilt natürlich besonders für das Bläserquintett der Württembergischen Philharmonie Reutlingen, die hier im neuen Haus ihre Konzerte immer wieder vor vollen Rängen gibt. Ich danke dem Bläserquintett unter der Leitung von Jürgen Jubel für den inzwischen schon traditionellen Auftakt beim Bürgerempfang.
Ebenfalls nicht fremdeln muss der Chor VOICES unter der Leitung von Cornelius Fritz, der uns beschwingt musikalisch durch das weitere Programm begleiten wird. Die VOICES haben die gute Akustik bei ihrem Jubiläumskonzert im November erfahren können. Die VOICES sind 20 Jahre alt geworden. Nachträglich nochmals herzlichen Glückwunsch und vorab schon vielen Dank für ihre Beiträge heute. 

Beim letzten Bürgerempfang im Rathaus 2012 hatte ich Ihnen versprochen, dass es künftig in der neuen Stadthalle für alle einen Sitzplatz geben wird. Um auch bei großem Andrang Wort zu halten, haben wir die Übertragung in den Kleinen Saal sicher gestellt. Und ich freue mich sehr, dass das Interesse am Bürgerempfang zum gemeinsamen Start in das neue Jahr wieder so groß ist.
Besonders freue ich mich darüber, dass Sie erneut in so großer Vielfalt den Weg hierher gefunden haben: Bürgerinnen und Bürger aus der Kernstadt und den Stadtbezirken, die Mitglieder des Gemeinderates, der Bezirksgemeinderäte und vieler anderer politischer Gremien, Vertreter der Kirchen und Glaubensgemeinschaften, aus Vereinen und Verbänden, Institutionen und staatlichen Behörden, der Wirtschaft, der kulturellen und sozialen Einrichtungen, der Bildung, der Wohlfahrtsverbände, aus unserer Verwaltung und den städtischen Gesellschaften, der Medien. Sie alle gestalten unsere Stadt und füllen sie mit Leben – herzlich willkommen!

Erlauben Sie, dass ich stellvertretend für Sie alle einige Gäste namentlich begrüße.

Ich hoffe, Sie alle können auf ein gutes Jahr zurückblicken: auf Wünsche, die in Erfüllung gegangen sind, auf Anstrengungen, die sich gelohnt haben und auf positive Eindrücke, die über das vergangene Jahr hinaus Kraft geben zur Bewältigung der Aufgaben und Herausforderungen, die nun 2014 vor uns liegen.

Sie haben sicher den einen oder anderen Jahresrückblick im Fernsehen oder der Zeitung gesehen und waren wie ich erstaunt, was das vergangene Jahr so alles im Gepäck hatte. Von A wie Abhörskandal bis Z wie Zensus, dazu Hochwasser und Hagelsturm, Krönungen und Krisen, Finanzmärkte und FDP, Polizeireform, Päpste und viel Privates, Persönliches. Was die Deutschen wirklich interessiert, schreibt die ZEIT, lasse sich an den Suchanfragen bei Google ablesen. Diese Suchmaschine seien Fenster in unsere Gehirne und zeigten im jährlichen Rückblick, was die Menschen wirklich wissen wollen von der Welt. Laut Googles Rückblick, „Zeitgeist“ genannt, heißt das: Für Eurokrise und Überwachung interessiert sich niemand, Politik lässt die Deutschen kalt. Sie suchen im Internet lieber nach Helene Fischer, die die meistgesuchte Person des Jahres hierzulande war. In der Rubrik „Politiker“ schaffte es zwar Philipp Rösler hinter Peer Steinbrück und vor Annette Schavan auf Platz 5, was aber im Gesamtzusammenhang den Schluss nahelegt, dass sich die Internetnutzer eher für persönliches Scheitern denn für politische Programme interessieren. Bunte Geschichten sind offensichtlich spannender als das Bohren dicker Bretter in der Politik. In Amerika ist das übrigens nicht viel anders. Die meistgestellte Frage bei einer der Google-Sucheingaben heißt: „Wie binde ich eine Krawatte?“ Kein Wunder, gibt es doch laut Internet bis zu 200 verschieden Krawattenknoten, darunter mit so beeindruckenden Namen wie „Knoten des Isis“ oder den „Onassis“. Die anwesenden Herren haben derlei Belehrungen nicht nötig, wie man sieht. Oder sie haben heute früh schon ein You-Tube-Video geschaut...

„Wie küsse ich richtig“, kommt übrigens auch unter die Top Ten der häufigsten Sucheingaben in den USA. Vielleicht hat der eine oder andere von Ihnen den Vorsatz gefasst, Antworten auf diese bewegenden Fragen in dem noch frischen Jahr 2014 zu finden. „Wenn ein Jahr nicht leer verlaufen soll, muss man beizeiten anfangen“, wusste schon Goethe, und so sind auch in diesem Jahr wieder unsere Vorsätze bestens dokumentiert. Diesmal nicht von Google, sondern von der DAK. Sie hat eine Rangliste der guten Vorsätze für 2014 erfragt. Auf Platz eins kommt „Stress vermeiden oder abbauen“, dahinter „Mehr Zeit für Familie und Freunde“ und „Mehr Sport“.

Der gute Vorsatz „Abnehmen“ kommt auf Platz 6 im bundesweiten Ranking, aber nicht in Baden-Württemberg, hier mit 26 Prozent bundesweit der niedrigste Wert. Wie gut, so können wir uns nachher ohne Gewissensbisse den Köstlichkeiten unseres Sponsors, der Biobäckerei Berger, zuwenden. Ganz herzlichen Dank der Familie Berger, die mit ihrem Team zu Zeiten, in denen andere noch Urlaub machen oder ausschlafen, in einem Kraftakt wieder 6.000 Gebäckstücke hergestellt und für den Bürgerempfang gespendet hat. Vielen Dank für diese treue und im doppelten Wortsinn wertvolle Unterstützung.

Insgesamt sind die Menschen – mit oder ohne eigene Vorsätze – für das neue Jahr so optimistisch gestimmt wie lange nicht, so aktuelle Vergleichsstudien. Im bundesweiten Optimismus-Ranking, so schreibt die Stuttgarter Zeitung, belegt Baden-Württemberg den ersten Platz vor Bayern und Nordrhein-Westfalen. Grund für den Optimismus seien gute Konjunkturdaten und gute Wirtschaftsaussichten. „Land des Lächelns“ titelt deshalb auch die ZEIT.

Über so viel Zuversicht dürfen wir uns freuen, weil Vertrauen in die Zukunft die Quelle speist, aus der wir die Kraft für unser Handeln schöpfen. „Das Glück deines Lebens hängt von der Beschaffenheit deiner Gedanken ab“, befand Marc Aurel schon vor langer Zeit und liegt damit auch heute noch im Grunde richtig. Trotzdem tut ein Schuss Realitätssinn und Nüchternheit gut. Bretter werden ja nicht deshalb schon dünner, weil man einen neuen Bohrer Marke GroKo hat.
Um es mit Friedrich Nietzsche zu sagen:
„Pläne machen und Vorsätze fassen bringt viel gute Empfindungen mit sich, und wer die Kraft hätte, sein ganzes Leben lang nichts als ein Pläne-Schmiedender zu sein, wäre ein sehr glücklicher Mensch: Aber er wird sich gelegentlich von dieser Tätigkeit ausruhen müssen, dadurch, dass er einen Plan ausführt - und da kommt der Ärger und die Ernüchterung.“

Wie wahr, könnte man als in der Praxis gestählter Kommunalpolitiker ausrufen. Wie leicht sind Forderungen aufgestellt, und um wie viel schwieriger ist es, gute, praktikable, allseits akzeptierte Lösungen zu finden. Wir haben in Reutlingen, wie auch anderswo, nicht nur ein Bürgerinteresse, sondern viele Standpunkte und oft gegensätzliche, sich ausschließende Interessen von Bürgern. Diese auszutarieren ist schwierig. Nehmen wir als Beispiel die Nachtruhe in der Innenstadt. Ein umstrittenes Thema überall in den Städten, wie eine kürzlich vom Innenministerium veröffentlichte Umfrage in Heidelberg und Ravensburg erneut bestätigt. Auch unsere Innenstadtbewohner können ein „garstig Lied“ singen über Wildpinkler, Radaubrüder und Säufer. Die Beschreibung der Situation ist allerdings viel leichter als die Abhilfe. Ein wirkungsvoller Schritt wäre, wie der Städtetag seit langem fordert, wenn Kommunen endlich begrenzte und begründete Alkoholverbote auf öffentlichen Plätzen, an Brennpunkten, aussprechen dürften. Leider konnte sich auch diese Landesregierung bisher nicht zu diesem Schritt durchringen. Damit fehlt uns ein entscheidendes Instrument. Wobei ich mir auch klar darüber bin, dass damit nicht alle Probleme behoben wären. Immerhin handelt es sich um ein gesamtgesellschaftliches Phänomen, dem mit Verboten alleine nicht beizukommen ist. Genauso wie mir unverständlich bleiben wird, dass offensichtlich immer mehr Menschen in der Silvesternacht ihre Sektflaschen und Verpackungsmaterialien zwar gefüllt mit nach draußen nehmen können, aber nicht mehr leer zurück. Das ist nichts anderes als schlechtes Benehmen, für das der Steuerzahler, also wir alle, aufkommen muss. Das ist beim Aufenthalt in der Innenstadt während des ganzen Jahres leider nicht anders. Dort treffen zudem unterschiedliche Interessen der Bewohner, der Gastronomen, der Innenstadthändler und der Besucher aufeinander und führen zu Konflikten. Entgegen mancher aufgeregter Verlautbarung in der jüngsten Vergangenheit sind wir längst mit den Akteuren an einem Tisch gesessen und werden die gemeinsamen Gespräche fortführen. Wir alle haben das Ziel, unsere Stadt lebendig und lebenswert zu erhalten. Falls hier im Saal jemand den Stein der Weisen gefunden hat, möge er sich bei mir melden. Das gilt auch für Stadträte.

Apropos Stadträte. Wir haben in diesem Jahr Kommunalwahlen in Baden-Württemberg, zusammen mit der Europawahl am 25. Mai. Zum ersten Mal dürfen bei der Kommunalwahl auch unsere jungen Bürgerinnen und Bürger ab 16 wählen. Alle politisch Verantwortlichen sind deshalb aufgerufen, junge Menschen mehr als bisher für politische Prozesse und politische Verantwortung zu begeistern. Keine einfache Aufgabe. Eine gute Einrichtung in diesem Zusammenhang ist sicher unser aktiver Jugendgemeinderat.

Ganz aktuell wurden bzw. werden von den politischen Gruppierungen die Kandidatenlisten für den Gemeinderat, die Bezirksgemeinderäte und den Kreistag aufgestellt. Wir alle profitieren davon, wenn sich möglichst viele Menschen zu einer solchen Kandidatur bereit finden. Das ist nicht selbstverständlich, denn einen Stadtrat erwartet viel ehrenamtliche Arbeit, die nicht immer vergnüglich ist, und einiges an Sitzfleisch und Hirnschmalz erfordert. Ich habe großen Respekt vor dem Engagement in unseren politischen Gremien und der damit verbundenen Bereitschaft, sich für das Allgemeinwohl in die Pflicht nehmen und dabei möglichst nicht vor den Karren von Einzelinteressen spannen zu lassen. Beschlussfassendes und letztendlich verantwortliches Gremium ist der gewählte Gemeinderat. Er muss die Anregungen und Bedenken aus der Bürgerschaft aufnehmen und gewichten. Das ist keine leichte Aufgabe und sehr verantwortungsvoll. Ich möchte mich deshalb für diesen Einsatz zum Wohl unserer Stadt herzlich bedanken!

Ich möchte diesen Dank auch mit der Hoffnung verbinden, dass trotz spürbar beginnenden Wahlkampfes die Fairness unter Demokraten erhalten bleibt.
Allen Wahlkämpfern sei der Aphorismus des Publizisten Peter E. Schuhmacher mitgegeben, der da lautet:
„Aus einer Mücke einen Elefanten zu machen, das ist keine Kunst. Die Rückverwandlung eines Elefanten in eine Mücke ist schon sehr viel mühsamer.“

Wir können unsere Kräfte anderweitig gebrauchen, die Aufgaben sind viele, wie zum Beispiel der Neubau eines Theaters – dem ersten Theaterbau in Reutlingen. Damit halten wir das in der Kulturkonzeption gegebene Versprechen, die kulturelle Vielfalt in unserer Stadt durch das neue soziokulturelle Zentrum franz.K, den Neubau der Stadthalle und nun der Spielstätte für das Theater Die Tonne und andere zu bereichern. Die städtische Infrastruktur hat unter anderem damit in Reutlingen binnen 10 Jahren einen gewaltigen Sprung nach vorne getan. Davon profitiert nicht nur die Bevölkerung unserer gesamten Stadt, sondern der gesamten Region. Unseren Rang als Großstadt in der Region hat dies weiter gestärkt.

Bei anderen Themen müssen erst noch Fragen beantwortet werden, bevor gebaut werden kann.
Wie geht es im Rahmen der Fortschreibung des Verkehrsentwicklungsplanes weiter mit dem vorgeschlagenen Ausbau des ÖPNV und des Rad- und Fußgängerverkehrs? Wieviel davon ist finanzierbar?
Wie können weitere geplante Einzelhandelsstandorte in der Innenstadt ermöglicht werden, um als Einkaufsstandort trotz wachsender Konkurrenz im Umland bestehen zu können?
Wie geht es mit dem Raumordnungsverfahren für Metzingen weiter?
Wie können weitere Flächen für Wohnungsbau und Gewerbe gewonnen werden?
Wann kommt das Hotel neben der Stadthalle?
Das Klimaschutzkonzept, dessen Beratung im Gemeinderat verschoben worden war, wird in der nächsten Sitzung behandelt. Welche der vorgeschlagenen Maßnahmen sind realisierbar und finden die Mehrheit des Gemeinderates?
Welches Ergebnis wird die regionale Schulentwicklung, in Abstimmung mit den benachbarten Schulträgern, bringen?
Erreichen wir in diesem Jahr die volle Bedarfsdeckung in der Kinderbetreuung? Wir sind bereits bei über 55 Prozent Platzangebot nach dem Rechtsanspruch.
An den Antworten zu diesen Fragen arbeiten wir, mit Zuversicht.

Der Bau weiterer Pflegeeinrichtungen für ältere Menschen durch unsere RAH ist bereits in Vorbereitung, auch die weiteren Stufen des Ausbaus des Bürgerparks und der Altstadtsanierung stehen auf der Agenda, wie auch die weiteren Arbeiten bei einzelnen Ortentwicklungskonzepten in unseren Stadtbezirken.

Eher mittel- bis langfristig angelegt sind die Perspektiven für eine Straße-Schiene-Umladestation mit Logistikzentrum auf dem Gelände des ehemaligen Güterbahnhofs, das wir nach jahrelangen Streitigkeiten nun erwerben konnten. Ich habe kurz vor Weihnachten die Gelegenheit genutzt, gegenüber Verkehrsminister Herrmann noch einmal die günstige Ausgangslage für weitere Planungen auch des Landes für ein Gütertransportzentrum südlich von Stuttgart darzustellen.
Ebenfalls kein Schnellschuss kann, wie angekündigt, die beabsichtigte Gründung eines Stadtkreises Reutlingen sein.
Es ist die absolute Ausnahme in Baden-Württemberg, dass eine Stadt wie Reutlingen nicht selbstständig ist. Wir wollen und wir können unsere Geschicke selbst in die Hand nehmen – wie alle anderen Städte unserer Größe in Baden-Württemberg auch.
Subsidiarität heißt das in der Landesverfassung: Aufgaben eigenverantwortlich erledigen, Doppelstrukturen vermeiden, als Großstadt agieren können. Wäre Reutlingen schon Stadtkreis, hätten wir als eingeführter Schulstandort auch einen G9-Zug am Gymnasium erhalten. Als Teil des Landkreises gingen wir leer aus – als einzige Großstadt in Baden-Württemberg ohne G9. Ich weiß, Herr Landrat Reumann, dass uns die Einschätzung, welche Auswirkungen ein Stadtkreis auf den benachbarten Landkreis hätte, trennt. Der Gemeinderat der Stadt Reutlingen hat beschlossen, dies sorgfältig prüfen und berechnen zu lassen. Daran arbeiten wir in den nächsten Monaten. In Anbetracht nicht nur des Umfangs, sondern auch der Bedeutung des Themas ist es richtig, wenn der durch die Kommunalwahlen neu konstituierte Gemeinderat anhand der dann vorgelegten Unterlagen über eine Antragsstellung entscheidet, weil er ja in der Folge auch alle weiteren Beschlüsse mitzutragen hat. Auch der neue Kreistag wird sich erst dann fundiert mit dem Thema beschäftigen können, wenn die Ergebnisse der Untersuchung vorliegen. Deshalb wären Festlegungen zum jetzigen Zeitpunkt verfrüht.

Strukturen werden von Menschen geschaffen, sie können also auch verändert werden.
Machtlos sind wir nur gegen Naturgewalten. Die haben uns vergangenes Jahr gleich zweimal heimgesucht. Zuerst das Hochwasser Anfang Juni, dann zwei Monate später das Hagelunwetter.
Nach wie vor kämpfen wir in der Stadt mit den Folgen des Hagelsturmes vom Juli, der privates und städtisches Eigentum schwer beschädigt hat. Die Sparkassenversicherung schätzt, dass es in Deutschland noch nie so massive Schäden durch Hagel gegeben hat wie an diesem Sonntag. Für die Stadt Reutlingen und die Feuerwehren ist es der größte Einsatz der Nachkriegsgeschichte gewesen. Die Behebung der Schäden wird lange dauern und viele Kräfte binden, so dass andere Vorhaben zurückgestellt werden müssen. Wir in Reutlingen haben beim Hagelsturm noch Glück im Unglück gehabt. Es gab anders als beim Hochwasser im Juni keine Toten und Schwerverletzten. Nicht auszudenken, wenn der Hagelsturm mit seiner zerstörerischen Gewalt nicht an einem Sonntag, sondern an einem Werktag aufgezogen wäre, wenn Schulen, Kindergärten und Produktionsstätten voll in Betrieb gewesen wären.
Dankbar waren wir für die vielen Helfer in der Not nach diesem Naturereignis. Ich habe auch einiges an Nachbarschaftshilfe in diesen Tagen und Wochen mitbekommen, was mich sehr gefreut hat. Nach wie vor gibt es sie: die Solidarität und das Zusammenstehen unserer Bürgerinnen und Bürgern.

Generell hat das Bürgerengagement einen hohen Stellenwert in Reutlingen. Bundes-präsident Joachim Gauck hat die Ehrenamtlichen in seiner Weihnachtsansprache als ein „großes Geschenk für Deutschland“ bezeichnet. Ich empfinde dies ebenso. Wir werden in Reutlingen auch in diesem Jahr wieder ein Fest für die Ehrenamtlichen organisieren, um so unsere Wertschätzung und Anerkennung auszudrücken – so wie wir durch die Einladung zum Bürgerempfang heute vielen engagierten Menschen in den Vereinen und Institutionen unserer Stadt ein Dankeschön sagen.

Ein Blick auf den Kalender 2014 zeigt, dass es auch bundesweit wieder einen Ehrenamtstag geben wird. Sehr nachdenklich macht mich der von der UNO im Jahr 2000 ausgerufene jährliche Internationale Tag der Migranten am 18. Dezember. Es wäre doch ein guter Vorsatz für 2014, Fragen der Zuwanderung sachlich und ohne Klischees zu diskutieren. Dass wir in Deutschland Zuwanderung dringend benötigen, um Arbeitsplätze entsprechend besetzen zu können, das weiß nicht nur die Wirtschaft. Und vor dem Hintergrund des entsetzlichen Leids, das Menschen in ihren krisengeschüttelten Heimatländern erfahren müssen, darf für uns in der internationalen Staatengemeinschaft die Aufnahme von Flüchtlingen zum Beispiel aus Syrien keine Frage des „ob“, sondern allenfalls des „wie“ sein.

In diesem Jahr jährt sich zum 100. Mal der Beginn des Ersten Weltkrieges. Er war Ausgangspunkt einer Epoche globaler Veränderungen, die im Zweiten Weltkrieg ihren schrecklichen Höhepunkt erlebte und erst mit den Umbrüchen der Jahre 1989/1990 endete. Viele Flüchtlinge mussten im 20. Jahrhundert Deutschland den Rücken kehren, suchten Aufnahme in der Fremde. Seien wir dankbar über den Weg, den Deutschland seither nehmen konnte, und über unsere heutige Situation in Europa und in der Welt. In unserem Land diskutieren wir die Frage, ob die neue Koalition von Bestand sein wird. Andere europäische Länder fragen sorgenvoll, ob der schwache Lichtschimmer am Horizont ein Zeichen dafür sein kann, dass deren akute Finanznöte ein Ende haben werden. Ob Frankreichs Wirtschaft wieder Tritt fassen kann. Oder wie sich Italien nach dem erzwungenen Abgang Berlusconis neu erfinden wird. International fragen wir uns, wie lange sich Syriens Präsident Assad, dessen Chemiewaffen 2013 die Weltöffentlichkeit aufschreckten, noch an der Macht halten können wird, oder ob der Westen mit Iran unter dessen Präsident Rohani eine dauerhafte Verständigung über das Atomprogramm finden kann.

Seien wir dankbar für das friedliche Zusammenleben in Reutlingen, mit Angehörigen von 131 Nationalitäten und einem Bevölkerungsanteil von 35 Prozent mit Migrationshintergrund. Hätten Sie das vermutet? Unserem Integrationsrat gilt der Dank für seinen Beitrag zum unaufgeregten Miteinander in unserer Stadt. Lassen Sie uns gemeinsam an dieser Bürgergesellschaft weiter arbeiten, in der jeder seinen Platz haben und auch seinen Beitrag dazu leisten können sollte.

Deutschland profitiert von Europa; es gibt keine Alternative zu diesem Bündnis, welches uns seit bald 70 Jahren die Möglichkeit zu Frieden und Wohlstand gibt. Lassen Sie sich deshalb von europafeindlichen Hasardeuren nicht kirre machen und nutzen Sie die Chance zur Stimmabgabe, welche die Europawahl bietet.

Es steht einem guten erfolgreichen Jahr also nichts mehr im Wege. Hoffen wir, dass alle guten Prognosen eintreffen und dass auch das nötige Geld in die Kassen kommt.
Nicht nur in die privaten, ebenso in die öffentlichen. Auch wenn wir in Reutlingen durch konsequenten Abbau aktuell den niedrigsten Schuldenstand seit Jahren haben. Wir wollen trotzdem nicht Lotto spielen im Reutlinger Gemeinderat und somit nicht dem Beispiel der finnischen Stadt Pukkila folgen. In dieser Kleinstadt bei Helsinki, schreibt die FAZ, soll jeder Abgeordnete in der wöchentlichen Sitzung eine Zahl ziehen und dann spielt die Stadt mit diesen Zahlen Lotto. Der Bürgermeister wird mit den Worten zitiert: „ Viele Leute halten unsere Sitzungen für langweilig, aber jetzt werden wir jede Menge Spaß haben.“
Wie gut, dass im Rat von Pukkila nur neun Angeordnete sitzen, ebenso viele Glückszahlen werden in der finnischen Lotterie gezogen. Unser Gemeinderat in Reutlingen hat mit mir als Oberbürgermeisterin 41 Mitglieder, da wäre das Glückspiel schon komplizierter. Aber nicht nur deswegen verzichten wir auch künftig auf Glückspiele jeder Art und wollen es lieber weiterhin mit solider, verlässlicher Arbeit versuchen.
Da wir uns geographisch gerade in Skandinavien aufhielten, will ich meine Rede auch mit einem Sprichwort aus Schweden beschließen und Ihnen folgenden Ratschlag für das Jahr 2014 mitgeben:
„Hab’ weniger Angst, hoffe mehr; iss’ weniger, kaue mehr; jammere weniger, atme mehr; rede weniger, sage mehr; hasse weniger, liebe mehr; dann gehört dir das Glück“.

Ihnen und Ihren Familien viel Glück für 2014!


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