Das erste Obergeschoss

Wohnstube:
In der Stube, als einzig beheizbarem Raum eines Bauernhauses, wird Wohnen, Arbeiten und soziales Miteinander thematisiert. Nähmaschine, Nähzeug und Schusterwerkzeug verweisen auf die Herstellung von Kleidung in der Stube.
 
Schlafkammer:
Die neue Wohnkultur des 19. Jahrhunderts wird in einem Zeitschnitt verdeutlicht: Linoleum statt Holzfußboden, Tapeten statt gekalkte Wände, Möbel mit Furnierimitation. Pinsel und andere Werkzeuge dokumentieren die Herstellungsverfahren. Weitere Themen: Das neue Brautkleid, Heirat, Säuglingssterblichkeit.
 
Küche:
Die Entwicklung des Koch- und Eßgeschirrs und der Ernährungswandel werden mit einer chronologischen Reihe - vom irdenen Geschirr über Steingut und Zinnschüsseln bis hin zu emaillierten Gefäßen und Porzellan - gezeigt.
 
Vorratskammer:
Neben den traditionellen bäuerlichen Haltbarkeitsverfahren - Essig- und Schmalzhafen, Gefäßen mit eingelegten Eiern, Einmachgläsern - werden Dosen, Packungen und Werbematerialien der frühen Nahrungsmittelindustrie ausgestellt.
 
Ausgedingkammer:
Altenteil, bemalte Möbel aus Betzingen, Trachtzubehör.
 
Trachtenraum:
Die Inszenierung einer "Hochzeitsgesellschaft" führt die verschiedenen Kleidungsvarianten der Betzinger Männer- und Frauentracht vor: das Brautfräulein in der Tracht der Ledigen, die Braut im Festgewand der Verheirateten, der Brautführer im Weißkittel, der Bräutigam in Kirchgangstracht. Den Gegensatz zu den traditionsverhafteten Trachtenträgern bildet ein Paar in damals moderner bürgerlicher Kleidung und ein Kind im Matrosenanzug. In einer Wandvitrine wird eine frühe Form bewußter Trachtenpflege gezeigt: Mantel, Weste, Hemd und Hose eines Betzinger Fabrikanten, der sich diese Kleidungsstücke um 1870 schneidern ließ.

Die Betzinger Tracht stieß durch ihre außergewöhnliche Farbigkeit und ihre verschiedenen Erscheinungsformen in ganz Deutschland auf großes Interesse von Künstlern und Volkskundlern. Betzingen galt zeitweise als Muster- und Vorzeigedorf, das in den Arbeiten zur Volkskunde Schwabens eigens behandelt und hervorgehoben wurde. Vielfach, wie etwa in der Brockhaus-Enzyklopädie, steht Betzinger Kleidung stellvertretend für die Tracht im Königreich Württemberg schlechthin. Vor allem die bewußte Verwendung von Tracht bei der folkloristischen Rückbesinnung auf ein "heiteres Landleben", wie sie seit der Mitte des 19. Jahrhunderts in Malerei, Fotografie, Literatur und Heimatpflege stattfand, förderte den Ruf als Trachtendorf.
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