3. Preis

Hähnig – Gemmeke Freie Architekten mit werkbüro freiraum + landschaft

Der Entwurf übersetzt die komplexe Wettbewerbsaufgabe in ein attraktives Wohnquartier. Die Verfasser nutzen die topographische Situation im Wettbewerbsgelände geschickt aus, um mit einer Sequenz einzelner Nachbarschaften die bestehende Siedlungsstruktur zur Sickenhäuser Straße hin abzuschließen. Dazwischen liegen die Freiräume als grüne Fugen, die gliedern und die Kompaktheit der Teilquartiere im Gesamtgefüge geschickt ausbalancieren.  
Allerdings überzeugt dieses Prinzip im Westen des Wettbewerbsgebiets mehr als im Osten. Hier führt die Entscheidung zu einem vom Siedlungsgebiet abgelösten Sport- und Kulturcampus zwar zu einer eigenständigen und markanten Lösung, doch wird im Maß der Bebauung die an dem Standort für möglich gehaltene Verdichtung deutlich unterschritten.
Die angebotenen Gebäudetypologien bieten gute Möglichkeiten, die künftigen Wohnungsbedarfe in Reutlingen mit abzudecken. Städtebauliche Konfiguration und Wohnungsgrundrisse reagieren sinnvoll auf die Bedingungen der Grundstücke. Gleichzeitig führt die Entscheidung für eine durchgängig ähnliche „Körnung“ dazu, dass der Entwurf etwas statisch wirkt und sich von den bestehenden Quartieren im Umfeld ablöst. Funktionen, die Übergänge schaffen, Nahtstellen formulieren und den bestehenden Nachbarschaften einen Mehrwert bei der zukünftigen Entwicklung bieten können, fehlen weitgehend.  
Die Freiräume überzeugen primär in ihrer differenzierten Ausformulierung. Als durchgängiges Gerüst, das als robustes Rückgrat für eine phasenweise Entwicklung in der geplanten Nutzungsintensität wirksam werden kann, tragen sie hingegen weniger.  
Die Erschließung für den Kfz-Verkehr ist insgesamt schlüssig. Es wird Wert gelegt auf eine gute Durchdringung mit Rad- und Fußwegen bei gleichzeitiger Unterbindung des  Durchgangsverkehrs in Ost-West-Richtung. Die Funktion der Mobilitätsstation ist unklar und deren Lage am Rande des Gebietes erscheint zumindest für die Zugänglichkeit von Sharing-Angeboten nur bedingt geeignet.
Die Riegelbebauung entlang der Schieferstraße im Teilgebiet West schützt nicht nur die geplante nachgelagerte Wohnbebauung und schafft günstige Aufenthaltsqualitäten auf den Freiflächen, sie ist auch für die Bestandsbebauung „Am Schieferbuckel“ von Vorteil. Eine großzügige Grünzäsur zwischen den geplanten Neubauten und der bestehenden Eishalle und Skateanlage schafft einen ausreichenden Lärmpuffer und löst somit den bestehenden Lärmkonflikt.
Der Entwurf setzt die Ziele des Erhalts eines günstigen Lokalklimas in vorbildlicher Weise um. Die Entwicklungsachse parallel zur Schieferstraße bildet eine ausreichend breite und durchgängige Durchlüftungsbahn, die dem Lokalklima und der Lufthygiene zu Gute kommt.  
Die Kompaktheit der städtebaulichen Konzeption wirkt sich günstig auf den Energiebedarf aus. Jedoch wirken im westlichen Planungsgebiet einzelne Gebäudeabstände knapp bemessen, woraus in den Wintermonaten Verschattungen und reduzierte solare Gewinne resultieren.
Insgesamt leistet der Wettbewerbsbeitrag einen wichtigen Beitrag zur Diskussion um eine angemessene Bebauung des Standorts. Die vorgeschlagene städtebauliche Struktur erreicht auf qualitätvolle Weise die notwendige bauliche Dichte und verhält sich respektvoll zu den bestehenden Nachbarschaften.
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