Als Auenwälder werden Pflanzengesellschaften bezeichnet, die stark vom Wasserstand angrenzender Gewässer oder auch vom Grundwasserstand beeinflusst werden bzw. abhängig sind. Geprägt sind Auenwälder meist von den Baumarten Erle, Esche und Weide. In der Strauchschicht sind unter anderem oft das Pfaffenhütchen, der Wasserschneeball oder auch der Schlehdorn vertreten. Neben dem Giersch, der Brennnessel oder dem Mädesüß finden sich je nach Standort noch viele weitere Kräuter und auch Gräser.
Als einer der wichtigsten Bestandteile von natürlichen Flussläufen übernehmen die Auen wesentliche Aufgaben für die Gesundheit der Gewässer. Durch die geringere Strömung können sich Nähr- und Feststoffe absetzen und die Vegetation wirkt als natürlicher Filter, was sich erheblich auf die Qualität des Flusswassers auswirkt. Des Weiteren sind Auen die natürlichsten und wichtigsten Rückhalteflächen bei Hochwasser und dienen somit auch als Schutz für besiedelte Bereiche. Beide Funktionen sind in Zeiten, in denen der nachhaltige Umgang mit der kostbaren Ressource Wasser immer wichtiger wird, von großem Wert.
Durch die menschliche Nutzung (Abholzung, Trockenlegung, Begradigung und Verbauung natürlicher Flussläufe) sind natürliche Auenwälder allerdings fast vollständig verschwunden. Dabei sind Auen aufgrund ihrer mosaikartigen Vielzahl unterschiedlicher Bereiche (trocken/nass, Totholz stehend/liegend, Licht/Schatten etc.) auf vergleichsweise engem Raum und aufgrund der damit verbundenen ökologischen Prozesse wahre Hotspots der Artenvielfalt und gehören zu den artenreichsten Lebensräumen unserer Erde.
Im Stadtgebiet Reutlingen gibt es noch einige Auenwaldreste. Diese befinden sich ausschließlich entlang von Fließgewässern wie dem Neckar oder beispielsweise dem Reichenbach. Alle diese Auenwaldbereiche entsprechen natürlich nicht mehr ihrer ursprünglichen Ausdehnung, konnten aber in einer stark genutzten Kulturlandschaft und sogar im Siedlungsbereich erhalten bleiben und leisten somit einen wichtigen Beitrag zum Erhalt der Biodiversität. Der Großteil dieser Waldgesellschaften im Stadtgebiet Reutlingen ist daher nach § 30 BNatSchG oder § 33 NatSchG BW als Biotop gesetzlich geschützt. Aber auch „neue“ Auenwälder sind auf dem Gemeindegebiet in Entstehung bzw. werden als Ausgleichsmaßnahmen für Eingriffe durch Baumaßnahmen gezielt geschaffen.
Auch im stark frequentierten Sport- und Freizeitpark Markwasen finden sich entlang der Gewässer noch Bereiche mit der Pflanzenzusammensetzung und den Lebensbedingungen der Auenwälder, in denen tierisch viel los ist: Hier leben zahlreiche Insekten, wie Libellen, Schmetterlinge und Käfer, die wiederum eine wichtige Nahrungsgrundlage für Amphibien, Fische und Vögel sind. Daher ist es nicht verwunderlich, dass auch der Biber den Weg in die Parkanlage gefunden und sich niedergelassen hat. Als größtes europäisches aber auch sehr scheues Nagetier, findet der Biber im Auenwald einen geradezu idealen Lebensraum. In dem für den Menschen meist schwer zugänglichen Gelände hat der Biber als sehr guter Schwimmer beste Voraussetzungen. Außerdem findet der Biber im Auenwald seine Leibspeise, die Weide, zuhauf und kann sich als Baumeister frei entfalten. Querliegende Stämme und abgenagte Stümpfe – was von den meisten Menschen als unordentlicher Verhau empfunden wird – sind für den Auenwald und seine Bewohner geradezu ein Segen. Durch das Bauen von Biberburgen und das Aufstauen von Wasser entstehen Bereiche mit nahezu stehenden Wasserverhältnissen und gleichbleibendem Pegelstand, welche ohne den Biber in dieser Form nicht vorhanden wären. Auf diese Weise schafft der Biber im Auenwald weitere Lebensräume und Rückzugsgebiete für im Wasser lebende Pflanzen und Tiere und sorgt so für eine noch höhere Artenvielfalt.
Da der Biber keinen Winterschlaf hält, muss er für Vorräte im Winter sorgen. Hierfür fällt der fleißige Nager auch gerne mal eine große Weide oder Pappel. Doch auch mit solchen Fällaktionen schadet der Biber dem Auenwald und den darin lebenden Arten in keiner Weise. Ganz im Gegenteil: Durch diese Auflichtung des Waldes hilft der Biber bei der natürlichen Verjüngung der Gehölzbestände und schafft immer wieder lichtere Bereiche, wovon wiederum viele Tier- und Pflanzenarten profitieren.
Und sollte der Biber im Sport- und Freizeitpark dauerhaft sein Revier einrichten und somit weitere Auenwaldbereiche schaffen, werden sich die bereits jetzt schon beeindruckenden Froschkonzerte auf weitere Flächen ausdehnen. Im Zusammenspiel mit den Grillen und Heuschrecken, welche auf den angrenzenden Wiesenflächen durch das Altgrasstreifen- und Blühflächenkonzept ebenfalls bessere Bedingungen vorfinden, dürften die abendlichen Konzerte noch eindrücklicher werden.
Ein Besuch in den Dämmerungs- und Abendstunden lohnt sich also jetzt schon. In der Zukunft hoffentlich erst recht. Und mit sehr viel Glück bekommt man vielleicht sogar den Biber zu sehen.