Blühwiesen für die Artenvielfalt – Reutlingen blüht auf!

Vielfalt bewahren

Die seit vielen Jahren schwindende Artenvielfalt hat sich neben dem Klimawandel zur Herausforderung entwickelt, die zunehmend Handlungsbedarf erfordert. Biologische Vielfalt im direkten Umfeld des Menschen zu fördern kommt nicht nur der Natur, sondern auch dem Wohlbefinden der Reutlinger Bürgerinnen und Bürger zugute.

Honigbiene auf Wiesenflockenblume. Foto: T. Ayoub

Reutlingen blüht auf – Artenvielfalt im Siedlungsgrün

Frei nach dem Motto „Es freut sich auch der Stadtverwalter, wenn’s nutzt für Biene, Hummel, Falter“, setzt sich die Verwaltung in Reutlingen für die Reaktivierung und Schaffung von naturnahen Lebensräumen ein. Durch den Aufbau von Naturoasen im Siedlungsraum steigt zudem die Lebensqualität für AnwohnerInnen und BesucherInnen.

Diese urbanen Naturoasen ermöglichen der lebendigen Umwelt Austausch und Vernetzung. Um dies zu gewährleisten, wird im Stadtgebiet immer wieder nach geeigneten Flächen Ausschau gehalten, welche für eine Naturwidmung in Frage kommen. Hierbei werden bisherige und künftige Nutzungen berücksichtigt.

Nicht jede Fläche eignet sich. Verkehrsinseln an unübersichtlichen Kurven, Liegerasen oder Rodelhänge sind durch Sicherheits- und Nutzungsansprüche der BürgerInnen ungeeignet. Attraktiv sind vor allem jene Flächen, deren Nutzungskonfliktpotenzial gering ist und die mit wenig Aufwand ökologisch aufgewertet werden können. Statt abgeschnittenen grünen „Inseln“ entsteht so ein flächendeckendes Gefüge, das sich im Einklang mit der Stadtgemeinschaft entwickeln kann.

Gemeinsam für die Vielfalt

Degerschlachter Streuobstwiese
Mit vereinten Kräften gilt es der Natur wieder mehr Raum zu geben, damit sie sich erholen und stärken kann. Gemeinsam mit Privatleuten, Landwirten und Bezirksgemeinderäten entstehen Kooperationsprojekte wie etwa die Streuobstwiese im Degerschlachter Auchtert, wo durch Neuanpflanzungen von Bäumen eine ökologische Aufwertung stattfindet. Davon profitiert auch die Naturgemeinschaft der angrenzenden wertvollen FFH-Mähwiese.

Degerschlachter Bezirksgemeinderat Thomas Fuhr weiß, wie naturfreundliche Landwirtschaft betrieben wird. Er führt seit Jahrzehnten als Landwirt einen Biobetrieb. Davon profitieren die Flächen, die er auf Reutlinger Gemarkung pflegt. Einige dieser Flächen bewirtschaftet er bereits seit vielen Jahren im Sportpark Markwasen. Und weil er um den Mehrwert der Lebendigkeit weiß, den die Natur mit sich bringt, hat er nicht gezögert, als 2019 die Idee aufkam, der Natur hier noch etwas mehr Spielraum zu geben.

Es wimmelt im Markwasen
In Abstimmung mit den Reutlinger Naturverbänden, die bereits im Markwasen aktiv sind, wurden hier in den vergangenen Jahren gemeinsam mit Landwirt Fuhr und der Stadtverwaltung Teilflächen identifiziert, die als Blühstreifen und Wildwiese aufgewertet und gepflegt werden sollten.

So hat die eine oder der andere vielleicht bereits bemerkt, dass es wilder zugeht im Markwasenpark! Die impulsgebende Einsaat standortgerechter Pflanzen soll hier einen „Kickstart“ für die Artenvielfalt erwirken. Denn auf einem reichen Angebot von Pflanzenarten finden unterschiedliche Insekten und andere Kleinsttiere Nischen, Nahrung und Herberge. Dies wiederum kommt Vögeln, Amphibien und Kleinsäugern zugute. Die positiven Auswirkungen entfalten sich bis hin zu uns Menschen.

Informationsschild für Besucher/innen im Sportpark Markwasen. Foto: D. Koep, Presseamt Stadt Reutlingen

… es wimmelt weiter
Der Sportpark Markwasen bietet seit jeher Naherholung für Jung und Alt und ist gern besuchtes Ausflugsziel für naturbegeisterte ReutlingerInnen. Mit seinen weitläufigen Grünflächen und Gewässern, vielfältigen Landschaftsstrukturen und Bodenbedingungen bietet er ideale Voraussetzungen für eine artenreiche Naturgemeinschaft.

Diese Artenvielfalt wurde bereits mehrfach durch Zählungen und Beobachtungen im Auftrag der Stadtverwaltung nachgewiesen und dokumentiert. Das dient nicht nur der Bestandsaufnahme. Die Ergebnisse bringen Handlungsempfehlungen hervor und dienen als Wegweiser. So wurde gemeinsam mit dem NABU Reutlingen ein Vogelmonitoring durchgeführt, in dessen Folge die Neupflanzung von Gehölzen für selten gewordene Vogelarten wie z. B. den Neuntöter stattfand.

Pflege zum Wohle der Natur

Wo der Mensch wirkt, hinterlässt er Spuren. Diese zeigen sich in der (Kultur-)Landschaft. In gewisser Weise können wir mit unseren Tätigkeiten und Werkeleien sogar eine Bereicherung der Artenzahl erzielen. Durch eine zeitlich geschickte und extensive, nicht zu häufige Mahd, kann die Landschaft ökologisch und vielfältig gepflegt werden. Dies ermöglicht es unterschiedlichen Pflanzenarten, die verschiedene Überlebensstrategien entwickelt haben, sich mal mehr und mal weniger durchzusetzen. So wird Vielfalt gefördert.

Es kommt jedoch darauf an, wie diese Pflege aussieht. Ein schmaler Grat, denn nicht selten leidet die Umwelt, wenn das natürliche System zu stark beschädigt wird. Auf unsere Blühwiesen bezogen kann man sagen: Bei der naturfreundlichen Vorgehensweise spielen Art, Häufigkeit und Zeitpunkt der Mahd eine große Rolle.

Um das Kleinklima der Wiese zu unterstützen, sollte nicht zu kurz gemäht werden. Mindestens eine Handbreite hoch sollte die Wiese noch stehen bleiben. Das Mähwerk eines Balkenmähers oder gar eine Sense sind im Vergleich zu anderen Methoden besonders tierschonend. Um die Entwicklungskreisläufe zu berücksichtigen, ist eine ein- bis zweimalige Mahd pro Jahr optimal. Auch hier gilt: Von allem etwas. Möglichst nicht die gesamte Fläche in einem Durchgang abmähen, so haben die Tiere Ausweichräume. Das Mahdgut sollte nach dem Mähen ein bis zwei Tage auf der Fläche verweilen, so können Insekten, die sich darin befinden, auf die umliegenden ungemähten Teile fliehen. Dann sollte das Mahdgut allerdings schnell entfernt werden, bevor es durch Nässe seine Nährstoffe wieder in den Boden einträgt. Was zunächst unlogisch klingt: Nährstoffe im Boden fördern eher artenarme Pflanzengesellschaften. Alternativ kann das abgeschnittene Wiesengut in Haufen zusammengerecht werden, auch das schafft Strukturvielfalt und neue Lebens- und Schlupfmöglichkeiten auf der Wiese.

Insektenfreundliche Grünpflege ermöglicht artenreiche Pflanzenbestände und fördert so Nischen und Nahrung für unterschiedliche Tiergemeinschaften.

Wie sieht das denn aus?!

Die naturfreundliche Wiese wird nicht vollständig abgemäht. Auch im Herbst bleibt ein Teil stehen. Dies mag „unansehnlich“ erscheinen, ist jedoch für das Überleben der Tiere im Winter wichtig. Denn in unterschiedlichen Pflanzenteilen finden viele Insekten einen Unterschlupf. Vögel ernähren sich von Pflanzensamen, die sie in alten Blütenständen finden und andere Kleintiere sind durch die deckende Krautschicht gut geschützt. Deshalb gilt: Auch wenn die Wiese unbewohnt und wild aussieht… bitte nicht betreten, hier schlummert eine ganz eigene Welt und wartet darauf, uns im nächsten Frühjahr wieder mit ihrer Vielfalt zu erfreuen.

Damit die Wiese beim Joggen, Radeln und Spielen nicht im Weg ist, wird der Wegsaum kurzgehalten. Dahinter darf es dann wild zu gehen. Foto: T. Ayoub

Was auf den ersten Blick verblüht und wüst scheint, strotzt auch im frühen Herbst noch vor Leben. Foto: T. Ayoub

Ich möchte helfen, aber wie?

Tipps für BürgerInnen

  • Akzeptanz – Seien Sie aufgeschlossen!
    Sie sehen überstehendes Begleitgrün oder struppig-wilde Wiesen, die bereits ausgeblüht sind und stören sich nicht an ihrem Erscheinungsbild? Wunderbar! Oder etwa doch? Sie erweisen der Natur bereits einen großen Dienst, indem Sie Ihren Blick für die erfrischend ungeordnete Ästhetik öffnen. Aufregung weicht Neugier und Toleranz.
  • Aufmerksamkeit – wecken Sie Ihren EntdeckerInnengeist!
    Sie erfreuen sich an der naturnahen Gestaltung? Dann schauen Sie genauer hin, beobachten Sie die Lebendigkeit, die sich in einer kleinen Fläche entwickeln kann. Zeigen Sie Ihre Begeisterung und geben Sie diese weiter.
  • Widmung – Werden Sie Teil des lebendigen Netzwerks!
    Ihre Terrasse, Ihr Hausgarten oder „Gütle“ kann das Naturnetz, das sich über Reutlingen spannt, erweitern! Damit ermöglichen Sie den Tieren und Pflanzen zu wandern und so neue Lebensräume zu erschließen.


Wiesen-Hinweise für BürgerInnen

  • Unordnung ist das halbe Leben! Es darf ruhig etwas wilder sein. Das hält auch der gewohnt ordnungsliebende Schwabe mit etwas Übung aus.
  • Abwechslung ist gefragt: Nicht alles oder gar nichts abmähen. Dann gibt es mehr Nischen und mehr zu entdecken. Daran erfreut sich auch die belebte Natur, die bald diese unterschiedlichen Lebensräume erobert.
  • Wiesenpflanzen sind auch für uns Menschen nützlich. Sie finden als Wildkräuter in der Hausapotheke oder in der Küche Anwendung.
  • Achten Sie beim Kauf von Samenmischungen darauf, dass der Anteil der „mehrjährigen Pflanzen“ besonders hoch ist. Wenn es nur für eine Saison sein soll und möglichst farbenfroh, dann eignen sich Mischungen mit „einjährigen“ Pflanzen. Für die Natur sind aber zwei- und mehrjährige Pflanzen von Vorteil. Diese überdauern mehr als eine Saison und bieten viele Überwinterungsmöglichkeiten für Insekten. Viele Blühmischungen beinhalten beides, probieren Sie es aus!
  • Jede Wiese ist anders. Und nicht jede Fläche ist für jede Art von Wiese geeignet. Ob sich eine Pflanzenart ansiedelt, hängt von verschiedenen Faktoren ab. Beispielsweise Witterung, Sonne, Bodenbeschaffenheit und -zusammensetzung, die übrige Pflanzengemeinschaft und Störungsfrequenz (anders gesagt: Wie häufig wird die Wiese betreten und gemäht) spielen eine Rolle. All dies wirkt zusammen. So ist jede Wiese individuell verschieden. Wer hier eine „Standard“-Wiese erwartet wird unter Umständen enttäuscht sein, wenn „seine“ Wiese nicht so bunt oder üppig oder artenreich ist wie eine andere. Beobachten Sie Ihre Wiese mit Geduld. Wie wir Menschen braucht auch die Natur eine gewisse Entwicklungszeit.


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Frau Dr. Heike Jacob

Stellvertretende Fachgebietsleiterin Natur-, Arten- und Bodenschutz

Telefon: 07121 303-5686

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