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Reutlinger Arzt mit Idealismus und Familiensinn


Porträtfoto Dr. Max Weinhardt, 1968 „Dieser Mann hat nie etwas auf Äußerlichkeiten gegeben – er kannte nur Idealismus und Pflichterfüllung“, hieß es 1962 in einer Charakterisierung des seinerzeit hoch geschätzten Mediziners. Vielleicht kann sich der eine oder andere alteingesessene Reutlinger noch an den Arzt erinnern, der nicht zuletzt wegen seines schlagfertigen Humors stadtbekannt war.

Dr. Max Weinhardt wurde am 12. März 1880 in Reutlingen als eines von fünf Kindern des aus Rommelshausen im Remstal stammenden Gottlob Friedrich Weinhardt (1853–1934) und dessen Ehefrau Louise Charlotte geb. Bode (1851–1924) geboren. Sein Vater Gottlob Friedrich Weinhardt war lange Jahre Lehrer an der Höheren Töchterschule (heute Isolde-Kurz-Gymnasium) sowie Gesangsleiter unter anderem des Reutlinger Liederkranzes. Seine Mutter war die Tochter von Friedrich Bode, der ab 1836 eine lithographische Anstalt in Reutlingen betrieb. Nach dem Medizinstudium in Tübingen und Berlin arbeitete Dr. Max Weinhardt zunächst als Assistenzarzt an Krankenhäusern in Cannstatt und Stuttgart.

Im März 1911 ließ er sich als praktischer Arzt und Geburtshelfer sowie Spezialarzt für Chirurgie und Frauenkrankheiten in Reutlingen in der Gartenstraße 6 nieder. Mit Unterbrechungen betrieb er bis April 1922 hier seine Praxis, danach verzogen er und seine erste Ehefrau Käthe geb. Kirchgessner in die Karlstraße 14. Hier war Dr. Weinhardt bis kurz vor Vollendung des 80. Lebensjahres als praktischer Arzt tätig. Viele Jahre nahm er daneben die Aufgaben eines Post- und Bahnarztes wahr, betreute die Patienten der Gustav-Werner-Stiftung zum Bruderhaus und war Vertrauensarzt im Bürgerspital. Seit 1911 gehörte er dem Deutschen Roten Kreuz an und bildete in Reutlingen und Umgebung die weiblichen Bereitschaften aus. Am Ersten Weltkrieg nahm Dr. Weinhardt als Stabsarzt und Chirurg an der Front, u. a. in Russland und an der Somme (Frankreich), sowie als Arzt im Reservelazarett Frauenarbeitsschule in Reutlingen teil. Als einer der wenigen in Reutlingen während des Zweiten Weltkriegs verbliebenen Ärzte kam eine ungeheure Belastung auf den inzwischen schon über 60-jährigen zu, galt es damals doch 200 und mehr Patienten am Tag zu versorgen.

Für seine Verdienste bei der ärztlichen Betreuung der Reutlinger Bürgerschaft wurde Dr. Max Weinhardt 1965 die Bürgermedaille verliehen.

Marktplatz vor und nach dem Luftangriff vom 1. März 1945, Tuschezeichnung in der Familienchronik Weinhardt, Künstler Walter Ast  Bei den an das Stadtarchiv übergebenen Unterlagen handelt es sich um eine durch Dr. Weinhardt in Auftrag gegebene Familienchronik sowie dessen Sammlung von Familiendokumenten. Während des Nationalsozialismus wurde die Familienforschung bzw. Genealogie als „Sippenkunde“ popularisiert. Auch Dr. Max Weinhardt betrieb Ahnenforschung, die sich in einer zwischen 1938 und 1948 durch den gelernten Buchdrucker und Grafiker Adolf Hartmeyer auf Ziegenpergament niedergeschriebenen, in Leder gebundenen, aufwändig gestalteten Familienchronik „Sippe Weinhardt 1550–1948“ niederschlug.

Adolf Hartmeyer hatte führende Positionen bei sozialdemokratischen Zeitungen in Leipzig, Karlsruhe und Nürnberg innegehabt, ehe er sich 1933 einer drohenden Verhaftung durch die Nationalsozialisten durch Rückzug in seine Geburtsstadt Tübingen entzog. Hier versuchte er seine Familie mit kalligrafischen Arbeiten und als Ahnenforscher zu ernähren, indem er Geschäfts- und Familienchroniken erstellte. Nach Kriegsende hatte Adolf Hartmeyer von 1946 bis 1948 das Amt des Tübinger Oberbürgermeisters inne.

„Euch, Enkel, verfasst ich die Geschichte der Ahnen/ Mög sie Euch lehren, mög sie Euch mahnen!/ Ohne Falsch und ohne Fein/ Erzählt ich der Sippe Werden und Sein“, stellte Dr. Max Weinhardt als Motto den chronikalischen Aufzeichnungen voran. Von besonderem stadtgeschichtlichem Interesse in der Familienchronik ist vor allem die Lebensgeschichte Dr. Max Weinhardts selbst, der sich etwa zu Ereignissen während des Nationalsozialismus und der Besatzungszeit äußert. So berichtet er beispielsweise von seiner Weigerung, der NSDAP bzw. dem NS-Ärztebund beizutreten, thematisiert die Auflösung der Reutlinger Freimaurerloge und schildert die Auswirkungen der Bombenangriffe auf Reutlingen. Optisch beeindruckt die Weinhardt’sche Familienchronik durch verschiedene großformatige Stammtafeln sowie zahlreiche Zeichnungen u. a. der Reutlinger Künstler Paul Beuttner und Walter Ast. Die von Dr. Weinhardt gesammelten Familiendokumente geben etwa Auskunft über seine Eltern sowie die Familie seiner nach Cleveland/ Ohio ausgewanderten Tante.

Jedem Interessierten stehen die an das Stadtarchiv  übergebenen Unterlagen zur Einsichtnahme im Lesesaal zur Verfügung. Die Ausstellung in den Wandvitrinen vor den Diensträumen des Stadtarchivs ist noch bis Ende April zu den Öffnungszeiten des Reutlinger Rathauses zu sehen.

Titelblatt der Familienchronik „Sippe Weinhardt 1550–1948“ mit dem Familienwappen und einem Porträt Dr. Max Weinhardts von Paul Beuttner

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Redakteur / Urheber
Stadtarchiv Reutlingen, Nicole Linke

Stadt Reutlingen

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