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Vom kleinen Färbereibetrieb zum textilen Branchenführer


„Mehr noch als in andern Jahren/ muss die Frau von Heute sparen./ Machts wie ich und kauft bei „Gminder“/ Stoff für Euch und für die Kinder/ Durch Gminder-Rips und Gminder-Linnen könnt ihr schön sein und gewinnen“, heißt es in einem Lobgedicht auf die Fabrikate der Reutlinger Firma Ulrich Gminder, von einer zufriedenen Kundin 1932 verfasst. Zu diesem Zeitpunkt konnte Gminder als einer der größten Textilbetriebe Süddeutschlands trotz Phasen   konjunktureller Notstände wie beispielsweise der 1929 ausgelösten Weltwirtschaftskrise auf eine mehr als 100-jährige Erfolgsgeschichte zurückblicken. Eine Vitrinenausstellung des Stadtarchivs erinnert derzeit an die bis 1964 bestehende Firma.

Werbematerial für Gminder-Halblinnen, 1960er JahreJacob Ulrich Gminder (1776-1832) betrieb eine Färberei in der unteren Wilhelmstraße. 1814 konnte der Färbermeister mit Andreas Schradin den ersten Lehrling einstellen und die nebenbei unterhaltene Landwirtschaft aufgeben – dies gilt als eigentliches Gründungsdatum der Firma. Ulrich Gminders Söhne Konrad (1802-1885) und Andreas Gminder (1810-1885) erweiterten das Geschäft um einen Großhandel mit Baumwollwaren. Durch den 1859 erfolgten Eisenbahnanschluss Reutlingens konnten Rohstoffe wie Baumwolle kostengünstig herbeigeschafft sowie die Produkte vermarktet werden.
Mit der 1864 auf den unteren Hegwiesen (Ecke Bismarck- und Karlstraße) errichteten Baumwollweberei mit 48 mechanischen Webstühlen ging Gminder zur Eigenproduktion von Baumwollgeweben über. 1869 kaufte die Firma von den Erben des Werkmeisters Konrad Schurr die zwischen Reutlingen und Betzingen gelegene Sägemühle samt Wasserkraft für 27.000 Gulden. Auf dem Gelände erstellte man in der Folge eine Färberei mit Mange zum Glätten der Tücher und Appretur für die Textilveredelung, zwei Trockentürme und eine weitere Weberei. Eine Erweiterung des Produktionsprogramms brachte 1885 die Gründung der Baumwollspinnerei in Neckartenzlingen: Damit verband das Unternehmen die verschiedenen Stufen der Textilproduktion vom Spinnen des Fadens über das Weben bis zum Färben, Bleichen und Veredeln der Stoffe in einer Hand. 1890 bauten die Enkel Ulrich Gminders, Louis (1842-1904) und Carl Gminder (1844-1896), eine weitere Weberei mit 900 mechanischen Webstühlen.

1904 wurde durch Gminder das imposanteste Gebäude der Reutlinger Industriearchitektur errichtet: Die Spinnerei an der Tübinger Straße nach Plänen des international tätigen Architekten Philipp Jacob Manz, in der eine Hochdruckdampfanlage von 1.500 PS 44.000 Spindeln antrieb. Ab 1903 ließ das Unternehmen zudem durch den bedeutenden Stuttgarter Architekten Prof. Theodor Fischer die Arbeitersiedlung Gmindersdorf erbauen, um qualifizierte Arbeitskräfte an sich zu binden. Mit rund 2.100 Mitarbeitern war Ulrich Gminder zu diesem Zeitpunkt zum größten Textilwerk Württembergs und einem Branchenführer in Deutschland geworden. Nach dem Tod Louis Gminders 1904 wurde die Rechtsform der Firma von der offenen Handelsgesellschaft (oHG) in eine GmbH mit einem Stammkapital von 12 Millionen Mark umgewandelt. Die Firmenanteile blieben in Familienbesitz.
Preisliste der Firma Ulrich Gminder aus dem Jahr 18921920 entwickelte Emil Gminder (1873-1963), Urenkel des Firmengründers Ulrich Gminder, das „Gminder-Halblinnen“, ein Mischgewebe aus kotonisierten Bastfasern und Baumwolle. Diese Erfindung begründete den weltweiten Ruf des Namens Gminder und wurde zum Exportschlager als Stoff für Kleider, Tisch- und Bettwäsche, Bucheinbände und anderes mehr. Die Erfahrung der Firma in der Verarbeitung einheimischer Rohstoffe war nach der „Machtergreifung“ 1933 aber auch für die Autarkiebestrebungen der Nationalsozialisten von Interesse. Bei Gminder begann man mit der Herstellung von Erzeugnissen aus Zellwolle, einer aus Holz gewonnenen Faser. Bereits ab 1934 litt die Textilindustrie jedoch empfindlich unter Kontingentierungen und Rohstoffknappheit.
Mit Kriegsausbruch 1939 hatten Stoffe für den Heeresbedarf absolute Priorität. So belieferte Gminder u. a. Wehrmachtsbeschaffungsämter. Dennoch stand die Produktion, bedingt durch fehlende Rohstoffe, teilweise still. Räumlichkeiten der Firma wurden von Rüstungsfirmen genutzt. Hauptproblem der Kriegswirtschaft war die Sicherstellung des Arbeitskräftebedarfs. Wirksame Abhilfe schaffte die rücksichtslose Ausbeutung des Arbeitskräftereservoirs der von der deutschen Wehrmacht besetzten Gebiete. So waren während des Zweiten Weltkrieges bei Ulrich Gminder bzw. den dorthin verlegten Teilbetrieben von Bosch und der Kugellagerfabrik Norma rund 350 ausländische Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen beschäftigt. Ein unrühmliches Kapitel der Firmengeschichte ist auch die Beteiligung an der Übernahme österreichischer Textilbetriebe im Zuge der sogenannten „Arisierung“ jüdischer Unternehmen.
Nach Kriegsende wurde Gminder im Oktober 1945 zunächst unter Vermögenskontrolle der Militärregierung gestellt. Als einer der von den Franzosen stark beanspruchten Produktionszweige erholte sich die Textilindustrie trotz Beschlagnahmung von Maschinen und Rohstoffen v. a. nach der Währungsreform 1948 jedoch zusehends. 1950 beschäftigte Gminder wieder rund 2300 Personen. In den 1960er Jahren rutschte die Firma u. a. durch die zunehmende Etablierung von synthetischen Fasern in eine strukturelle Krise. Die Zukunftsaussichten des noch profitabel arbeitenden Unternehmens waren ungewiss. Nach dem Tod von Dr. h. c. Emil Gminder wurde die Firma zum 1. April 1964 für rund 14,5 Millionen DM an Bosch verkauft. Aus Textilarbeitern wurden „Boschler“, es begann abermals eine industrielle Erfolgsgeschichte.

In der Ausstellung werden zum einen Archivalien und Fotografien aus dem Familien- und Firmenarchiv Gminder präsentiert, die ab 1965 bis 2005 an das städtische Archiv gelangten. Ergänzt wird die Schau durch weitere Exponate aus verschiedensten Beständen des Stadtarchivs. Die Ausstellung in den Wandvitrinen vor den Diensträumen des Stadtarchivs ist noch bis Ende Juli zu den Öffnungszeiten des Reutlinger Rathauses zu sehen.
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