Ausschnitt aus dem Pax Publica

25. Todestag Oberbürgermeister Oskar Kalbfell


Oskar Kalbfell vor seinem neuen Rathaus - 1966 Er hatte maßgeblichen Anteil am raschen Wiederaufbau und an der wachsenden wirtschaftlichen Prosperität der Achalmmetropole. Für seine Verdienste um „seine“ Stadt erhielt er beim Ausscheiden aus dem Amt die Ehrenbürgerwürde verliehen. Vor 25 Jahren, am 5. November 1979, ist Oskar Kalbfell gestorben.

Er war der Mann der Stunde, zur rechten Zeit am richtigen Ort, als die französischen Soldaten am 20. April 1945 in die von drei Luftangriffen schwer getroffene Stadt einmarschierten. In Betzingen hatte er mit ihnen verhandelt und - selbst auf einem der ersten Panzer mitfahrend - für eine kampflose Übergabe Reutlingens gesorgt. Noch am selben Tag ernannten die Besatzer Kalbfell zum kommissarischen Oberbürgermeister, und innerhalb kürzester Zeit präsentierte er ihnen eine funktionsfähige Verwaltungsmannschaft. Die Weichen hatte er bereits in den Jahren zuvor gestellt: Zusammen mit einer oppositionellen Gruppe Gleichgesinnter hatte man Vorkehrungen für die Zeit nach dem sich abzeichnenden Zusammenbruch des NS-Regimes getroffen.

Über Tatkraft und Organisationsgeschick verfügte er; so hatte er sich erstaunlicherweise als Teilhaber einer Baustofffirma während des Dritten Reichs über Wasser gehalten. Und die notwendigen politischen Erfahrungen brachte er auch mit: Seit 1919 Mitglied der SPD, hatte er von 1922 - damals als jüngster Stadtrat - bis zur Machtübernahme der Nationalsozialisten dem Reutlinger Gemeinderat angehört. Sein politisches Engagement trug ihm nach der Gleichschaltung der Parteien seinerzeit im Frühjahr 1933 mehrere Monate „Schutzhaft“ im KZ Heuberg ein.

Zur Welt gekommen ist Oskar Kalbfell am 28. Oktober 1897 in der damals noch selbständigen Gemeinde Betzingen. Er stammte aus einer kinderreichen Handwerkerfamilie und wuchs in bescheidenen Verhältnissen auf. Nach einer Optiker-Lehre bildete er sich aus eigenem Antrieb zum Kaufmann weiter. Schon früh hat sich Oskar Kalbfell der sozialistischen Arbeiterjugend und der Arbeiterturnbewegung angeschlossen.

Mit Elan und Durchsetzungskraft packte er nun nach Kriegsende auch seine neue Aufgabe als Stadtoberhaupt an. Oskar Kalbfell war ein typischer Vertreter jener OB-Generation, die nach 1945 mit ihrem pragmatischen Führungsstil die sich bietenden Entscheidungsspielräume nutzte und mit einem kleinen effektiven Verwaltungsapparat die notwendigen Maßnahmen zur Überwindung der Nachkriegsprobleme traf.

So sind in Reutlingen die ungemein rasche Trümmerbeseitigung, das Wiederherstellen der Infrastruktur, die Schaffung von Wohnraum und Arbeitsplätzen, die erfolgreiche Aktion der „Reutlinger Spende“ für Kriegsgeschädigte, die Integration von Flüchtlingen und Vertriebenen und der wirtschaftliche Aufschwung der 50er Jahre eng mit dem Namen Oskar Kalbfells verbunden. Die legendären „3 K“ - OB Kalbfell, seine rechte Hand Bürgermeister Otto Künzel und Landrat Hans Kern, zugleich Präsident der IHK - personifizierten den demokratischen Neubeginn.

Vorbildfunktion besaß Reutlingen auf dem Gebiet des sozialen Wohnungsbaus: Zahlreiche neue Siedlungen entstanden; als größter Bauträger fungierte die 1951 gegründete GWG, die in der Ära Kalbfell über 17.000 Wohnungen errichtete. Ein besonderes, auch biographisch bedingtes Augenmerk des Nachkriegs-OB galt den Bereichen Bildung und Sport. 18 neue Schulgebäude, die Errichtung einer PH (1962), die Gründung einer (heute noch existierenden) Stiftung zur Förderung von begabten Kindern aus einkommensschwachen Familien, der Bau von 28 Sporthallen und 5 Hallenbädern sowie des Sport- und Freizeitparks Markwasen mit Freibad und Stadion legen hiervon ein beredtes Zeugnis ab.

Insgesamt viermal (1946, 1948, 1954 und 1966) hat die Reutlinger Bürgerschaft ihren OB mit zum Teil überwältigenden Mehrheiten im Amt bestätigt. Dass Reutlingen bis in die 1970er Jahre als SPD-Stadt galt, hing wesentlich mit seiner Person zusammen. Oskar Kalbfells Wirken und Ansehen reichte indessen weit über den lokalen Rahmen hinaus: So war er jahrzehntelang Mitglied im Kreistag, er engagierte sich in der Landespolitik, wo er von 1946 bis 1968 den Landtagen von Württemberg-Hohenzollern und Baden-Württemberg angehörte, und vier Jahre lang, in der 1. Legislaturperiode 1949-1953, saß er sogar als direkt gewählter SPD-Abgeordneter im Bundestag. Aus der großen Zahl seiner anderen Funktionen ist insbesondere seine verantwortliche Mitwirkung in kommunalen Spitzenverbänden auf Landes- wie auf Bundesebene hervorzuheben.

Kalbfell war Realpolitiker, bürgernah, mit einer mitunter geradezu charismatischen Ausstrahlung. Andererseits machte ihm sein bisweilen selbstherrliches Auftreten und sein autokratischer Führungsstil nicht nur Freunde. Auch seine Biographie ist nicht ohne Brüche: Dass er zum Beispiel 1939, allerdings vergeblich, einen Aufnahmeantrag in die NSDAP stellte, entbehrt nicht einer gewissen Ambivalenz, und die Gerüchte, die ihm eine Mitverantwortung bei der Auswahl der in den letzten Kriegstagen von den Franzosen erschossenen vier Reutlinger Geiseln anlasteten, verstummten trotz eines gerichtlichen Freispruchs nie völlig.

Als Oskar Kalbfell im Mai 1973, auch auf Drängen enger Vertrauter, fünf Jahre vor Ablauf seiner Amtszeit seinen Rücktritt ankündigte, war gerade die große Eingemeindungswelle im Gange und Reutlingen auf dem Weg zur Großstadt. Das wenige Jahre zuvor eingeweihte neue Rathaus, ein nicht unumstrittenes Herzanliegen des Oberbürgermeisters, galt geradezu als Symbol von Kalbfells Aufbauleistung. Am 5. November 1973 überreichte Oskar Kalbfell nach mehr als 28 ½ Jahren die Rathausschlüssel an seinen Nachfolger, den CDU-Mann Dr. Manfred Oechsle. In Anerkennung seiner großen Verdienste um die Stadt Reutlingen zeichnete der Gemeinderat den scheidenden OB mit der Ehrenbürgerwürde aus.

Auf den Tag genau sechs Jahre später ist Oskar Kalbfell gestorben. Auf seinen Wunsch hin wurde er nicht auf dem historischen Stadtfriedhof Unter den Linden, sondern auf dem während seiner Amtszeit errichteten neuen Friedhof auf der Römerschanze beigesetzt. Der Politikwissenschaftler Hans-Georg Wehling schließt seine 1997 erschienene Kalbfell-Biographie mit dem Satz: „Als Kalbfell am 5. November 1979 in Reutlingen starb, wusste er - aufgrund seiner Krankheit - schon längst nicht mehr, dass er einmal Oberbürgermeister von Reutlingen gewesen war. Die Stadt und ihre Bürger aber werden es nicht vergessen!“ Dem ist nichts hinzuzufügen.


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