Ausschnitt aus der Pax Publica

 

Porträtaufnahme von HAP Grieshaber

Porträtaufnahme von
HAP Grieshaber

Der Reutlinger Fotograf Carl Näher (1901 bis 1981) hatte Anfang der 1950er Jahre eine Reihe Porträtstudien gemacht, die Grieshaber als nachdenklichen und suchenden Künstler interpretierten.

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HAP Grieshaber (1909-1981) – Fotografien aus dem Stadtarchiv

Hintergrundinformationen


 
Helmut Andreas Paul (HAP) Grieshaber wurde am 15. Februar 1909 in Rot an der Rot geboren. Mit den Eltern kam er 1912 nach Nagold und 1920 nach Reutlingen. Durch seine Ausbildung zum Schriftsetzer und dem Besuch der Staatlichen Kunstgewerbeschule in Stuttgart verknüpfte er Handwerk und Kunst, eine Richtung, die prägend für seine künstlerische Entwicklung werden sollte. Arbeits- und Auftragssuche erwiesen sich als schwierig und so ging er 1931 ins Ausland: Kunststudent und Graphiker in London, Reisender und freier Künstler in Ägypten und Griechenland. Durch die politischen Verhältnissen gezwungen, kehrte er 1933 nach Reutlingen zurück.

Eingestuft als „entarteter Künstler“, erhielt Grieshaber in Deutschland Berufs- und Ausstellungsverbot. Trotz widriger Umstände, „malgré tout“, versuchte er künstlerisch zu arbeiten. Zusammen mit der Kunstanstalt Erwin Sautter und einigen Freunden entstanden von 1933 bis 1939 die „Reutlinger Drucke", Mappenwerke mit Holzschnitten zur Marienkirche und anderen Themen. Nach Krieg und Kriegsgefangenschaft meldete er im Juli 1946 seinen Wohnsitz in Eningen an.

Das Motto „Malgré tout" begleitete ihn ein Leben lang. Sofort nach Kriegsende stürzte er sich in künstlerische und publizistische Aktivitäten: machte Vortragsreisen und Ausstellungen, gab eine Zeitung heraus, entwarf Flugblätter und Plakate, erstellte Mappenwerke und Bücher. Die Achalm wurde seit 1947 sein Lebens- und Arbeitsmittelpunkt, die Schwäbische Alb seine Heimat. Von 1951 bis 1953 arbeitete er als Dozent an der „Bernsteinschule“, einer Einrichtung zur Kunstausbildung in der Nachkriegszeit, und entwickelte seine farbigen Holzschnitte zum großformatigen Tafelbild.

Bereits Mitte der 1950er Jahre gelang ihm der Durchbruch zum international anerkannten Künstler: 1955 Berufung als Professor an die Kunstakademie Karlsruhe, 1957 Oberschwäbischer Kunstpreis, 1958 Ausstellungen in Amsterdam, Heidelberg und München. Aufgrund unterschiedlicher Auffassungen zur Prüfungsordnung beendete er 1960 seine Anstellung als Kunstprofessor und entschied sich für eine Laufbahn als freischaffender Künstler.

Geehrt mit Preisen, Auszeichnungen und Ämtern, arbeitete der Holzschneider, Maler, Typograph und Drucker seit den 1960er Jahren eng mit Verlagen und Kultureinrichtungen der DDR zusammen. Politisch engagierte Beiträge produzierte er für die Züricher Kunstzeitschrift „Spectrum“ ebenso wie für seine eigene Publikationsreihe „Engel der Geschichte“. Bei Aufträgen für öffentliche Gebäude experimentierte er mit unterschiedlichsten Techniken und Materialien für Wand- und Fenstergestaltungen. Nach seinem Tod, am 12. Mai 1981, hinterließ er ein vielseitiges und umfangreiches Werk, das vom kleinformatigen Buch bis hin zum monumentalen Holzstock reichte. Geprägt durch die Erfahrungen im Dritten Reich, blieb er zeitlebens ein wachsamer „homme engagé", der politische und gesellschaftliche Verhältnisse analysierte und durch seine Kunst kommentierte.

Die Fotogalerie zeigt eine kleine Auswahl aus den beiden Fotosammlungen Näher (S 105/4) und Dohm (S 105/5) des Reutlinger Stadtarchivs. Besonders der Bestand des Fotohauses Näher enthält eine Reihe interessanter Schwarz-Weiß-Aufnahmen aus den 1950er Jahre. Der Fotografenmeister Carl Näher (1901 bis 1981) gehörte zur Reutlinger Kunstszene und hatte enge Kontakte zu Grieshaber. Die Fotos wirken dadurch weniger formell und ermöglichen Einblicke in Leben und Werk des Künstlers.

HAP Grieshaber (1909-1981) – Fotografien aus dem Stadtarchiv

  • „Die Achalm“ – HAP Grieshabers Arbeits- und Lebensmittelpunkt

Von 1947 bis zu seinem Tod 1981 hatte der Künstler seinen Arbeits- und Lebensmittelpunkt an der Achalm bei Reutlingen. Aus einem kleinen Gartenhaus entstand allmählich ein Wohnhaus mit Werkstatt und Atelier. Grieshaber besaß eine umfangreiche Bibliothek, war sehr belesen und befasste sich mit Politik, Geschichte, Kunsttheorien und fernen Ländern. Die Aufnahme vor seinem Bücherregal stammt aus den 1950er Jahren. 
StadtA Rt., S 105/4 II Nr. 933/6
  • „Hinter dem Spiegel“ – Porträtaufnahmen von HAP Grieshaber	

Der Reutlinger Fotograf Carl Näher (1901-1981) hatte Anfang der 1950er Jahre eine Reihe Porträtstudien gemacht, die Grieshaber als nachdenklichen und suchenden Künstler interpretierten. Spiegeleffekte und die Einbeziehung seiner monumentalen Holzschnitte unterstützten dabei diesen Eindruck. Die beiden Porträts entstanden um 1952 an der „Bernsteinschule“, die in einem Kloster in der Nähe von Sulz untergebracht war. Grieshaber arbeitete dort von 1951 bis 1953 als Kunstdozent.      
StadtA Rt., S 105/4 Nr. 16120 und 16121 FB3
  • „Picasso und die Kunstkritik“ – Vortrag von HAP Grieshaber  

Seit 1947 hielt Grieshaber in verschiedenen Städten Süddeutschlands Vorträge über Picasso. Die großen Expressionisten und die klassische Moderne boten ihm vielfältigste Anregungen, doch Picasso blieb zeitlebens seine wichtigste Instanz. Am 13. März 1952 wurde ein Vortrag im privaten Rahmen dokumentiert. Die Bilder an der Wand verweisen auf das Thema „Picasso“. Die Ausstellungsplakate über der Tür hatte Grieshaber 1947 für die Kunstgalerie Herbert Herrmann in Stuttgart entworfen.    
StadtA Rt., S 105/4 Nr. 3483/3
  • „Atelier und Werkstatt“ – HAP Grieshaber präsentiert seine Arbeiten    

Das Fotohaus Dohm machte im März 1959 eine Bildreportage über den immer bekannter werdenden Reutlinger Künstler. Grieshaber präsentierte dem Fotografen seine Werke im Atelier an der Achalm. Hier zeigt er gerade einen Druck aus seiner „Baby-Serie“, die nach der Geburt seiner Tochter Ricca 1954 entstanden war. Auch die zahlreichen Tiere aus seinem „Hauszoo“, wie beispielsweise hier die Katze, tauchen immer wieder als Motiv in seinen Werken auf.   
StadtA Rt., S 105/5 Nr. 3987/9a
  • „Geräumiges Freiluftatelier“ – HAP Grieshaber bei der Arbeit  

Der Künstler arbeitete häufig auf seiner geräumigen Terrasse oder auf dem Dach seines Hauses. Er genoss die Arbeit im Freien und die Verbindung mit der Natur. Von seinem „Freiluftatelier“ bot sich ein weiter Blick ins Tal und auf die gegenüberliegenden Bergketten der Schwäbischen Alb. Für den Fotografen inszenierte er im Sommer 1957 eine Arbeitssituation mit Einzelplatten, die er gerade in Bearbeitung hatte.  
S 105/4 Nr. 9285 und 9283  FB1
  • „Der Holzschneider“ – HAP Grieshaber mit moderner Maschine 

Klassischerweise hatte Grieshaber die Druckstöcke mit seinem geliebten selbstgemachten Holzmesser bearbeitet. Doch mit zunehmender Größe der Objekte griff er auch zu modernen technischen Hilfsmitteln. Die Aufnahme mit der Maschine entstand im März 1959 auf der großen Terrasse vor seinem Haus, die ihm auch als Werkstatt diente und Raum genug für seine überlebensgroßen Formate bot.     
S 105/4 Nr. 7737/5a
  • Handwerker und Künstler
Für Grieshaber gab es keine Trennung zwischen Kunst und Handwerk. Neben der Buch-, Plakat- und Zeitschriftenherstellung befasste er sich auch mit den unterschiedlichsten Verfahren für monumentale baubezogene Kunstwerke. "Sgraffito", eine Kratz-Putz-Technik zur Wandgestaltung, erlernte er bei dem Reutlinger Malermeister und Künstler Anton Geiselhart. Im Frühjahr 1952 gestaltete Grieshaber zusammen mit dem Künstler Lothar Quinte, der damals noch Student bei ihm war, eine Hauswand.

StadtA Rt., S 105/4 Nr. 3504/12
  • „Der Drucker“ – HAP Grieshaber an der Druckerpresse

Grieshaber war ein Vertreter der Volksbildung. Die Reproduktionstechnik  beim Holzschnitt machte Kunst bezahlbar und so konnten sich immer mehr Menschen ein Bild für die eigene Wohnung leisten. Grieshaber arbeitete mit einer alten Handdruckpresse, die er im Sommer 1963 dem Fotografen vorführte. Auch das Motiv des Handdruckers hat er in seinen Werken verarbeitet.    
StadtA Rt., S 105/4 Nr. 9199/5
  • „Galerie 5“ – ein Ort für moderne Kunst in Reutlingen

 Grieshaber war von 1955 bis 1960 Professor an der Kunstakademie Karlruhe. Er konfrontierte seine Studenten auch mit den Realitäten des Künstlerdaseins und dem Kunstmarkt. In einer neu errichteten Galerie in Reutlingen, untergebracht im Gewölbekeller von Anton Geiselharts Haus Gartenstraße 5, fand im Frühjahr 1958 eine Ausstellung mit Werken seiner Schüler statt. Die Aufnahme zeigt Grieshaber bei der Eröffnungsrede am 12. April. 
StadtA Rt., S 105/4 Nr. 7428/
  • „Heimat Achalm“ – HAP Grieshaber im Garten 

Grieshaber inszenierte sich gerne in der Natur: Hier eine Szene im Juli 1963, die an seine Lieblingsfigur, den vielgestaltigen griechischen Hirten- und Waldgott „Pan“ erinnert. Der verwunschene Garten an der Achalm war zugleich auch ein Tierparadies. Neben unterschiedlichsten Pflanzen gab es einheimische und exotische „Haustiere“. Zahlreiche Naturmotive fanden Eingang in Grieshabers Werke.
StadtA Rt., S 105/4 II Nr. 1082/8
  • „Besuch der Nonnen“ – HAP Grieshaber gibt Unterricht im Drucken 

Im Sommer 1963 besuchten Nonnen aus dem Kloster Sießen den Künstler an der Achalm. Sie wurden in die Geheimnisse der „Schwarzen Kunst“ eingewiesen. Das Motiv „Mutter und verlorener Sohn“ von 1952 bezieht sich auf das Lukas-Evangelium und diente als Druckvorlage. Das überlebensgroße Bild, bestehend aus zwei Einzelplatten, passte in keine Presse und musste für den Abdruck von Hand abgerieben werden. Das Endresultat wurde auf den beiden Fotografien nun kritisch begutachtet. 
StadtA Rt., S 105/4 II Nr. 1082/2 und 4
  • „Geheimnisvolle Identitäten“ – HAP Grieshaber hinter Maske 

Der Künstler liebte Inszenierungen, Verkleidungen und geheimnisvolle, mehrdeutige Aussagen. Abstrakte Kunstobjekte und an exotischen Vorbildern orientierte Masken nutzte er beim spielerischen Dialog mit Kamera, Fotograf und Betrachter. „Eulenspiegel aus Schwaben“ nannte ihn der Schriftsteller Werner Steinberg, der in der Nachkriegszeit in Reutlingen lebte. Die Aufnahme entstand vermutlich um 1960. 
StadtA Rt., S 105/4 Nr. 16137 FB3

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