Das 20. Jahrhundert

1933 - Machtübernahme der Nationalsozialisten

Einzug des III. Infanterieregiments 35 im Jahr 1936.
Foto: Einzug des III. Infanterieregiments 35 im Jahr 1936.
Die NS-Machtübernahme verläuft in Reutlingen wie in anderen Kom-munen: Das Gleichschaltungsgesetz macht die Nationalsozialisten im April 1936 plötzlich zur stärksten Fraktion im Gemeinderat, nachdem sie bis dahin nur zwei Räte gestellt haben. Besetzung sämtlicher Leitungsfunktionen mit Parteimit-gliedern, Ausschaltung des politischen Gegners durch massiven Druck. Der demokratisch gewählte Oberbürgermeister wird seines Amtes enthoben, ein neues Stadtoberhaupt nach dem Führerprinzip vom Innenministerium eingesetzt, die Lokalpresse gleichgeschaltet.

1938 - Ausgrenzung, Verfolgung

In der reichsweiten Pogromnacht (9./10. November) werden die beiden letzten jüdischen Geschäfte zur Schließung gezwungen. Die anderen jüdischen Unternehmen (1933 immerhin 16) sowie viele in Reutlingen lebende Menschen jüdischer Herkunft (in den 1930er Jahren rund 100) sind schon zuvor dem massiven Druck der braunen Machthaber gewichen. Zu den Opfern der NS-Rassenpolitik gehören auch mehrere Sinti-Familien. Mindestens 30 Personen aus diesen beiden Gruppen werden in Konzentrationslagern umgebracht, zahlreiche Patienten aus Heil- und Pflegeanstalten im Reutlinger Raum in Grafeneck ermordet.

1939 - 1945 - Zweiter Weltkrieg

Beim Einmarsch der Franzosen zerstörte Nikolaikirche, 1945, Stadtarchiv Reutlingen
Foto: Der Nikolaiplatz nach den Luftangriffen im Frühjahr 1945
Nach vier schweren Luftangriffen liegen weite Teile der Stadt am Ende des von Hitler heraufbeschworenen Zweiten Weltkrieges in Schutt und Asche. Die schreckliche Bilanz: 3240 zerstörte Wohnungen (25 Prozent des Gebäudebestandes), mehr als 5.000 Obdachlose, 474 Tote, über 1.800 gefallene Soldaten, ungefähr 3000 Kriegsgefangene und -vermißte sowie ein Bevölkerungsrückgang von 40.000 auf 32.000 Einwohner.

1945 - 1949 - Besatzungszeit und Wiederaufbau

Am 20. April 1945 übergibt der ehemalige SPD-Stadtrat Oskar-Kalbfell Reutlingen den von Tübingen heranrückenden Franzosen, die ihn noch am selben Tag als kommissarisches Stadtoberhaupt einsetzen. Unter Kalbfell (seit September 1946 demokratisch gewählter Oberbürgermeister) werden - noch unter französischer Militärbesatzung - die Weichen für eine rasche Beseitigung der Kriegsfolgen sowie für einen kontinuierlichen Wiederaufschwung in sämtlichen Bereichen gestellt (Reutlinger Spende, Trümmerbeseitigung, städtisches Wohnungsbauprogramm, Integration von annähernd 6000 Heimatvertriebenen und Flüchtlingen, zeitweilige Eingemeindung von 12 benachbarten Gemeinden).

1958 - Partnerstädte

Erste offizielle Städtepartnerschaft zwischen Reutlingen und dem französischen Roanne. Es folgen weitere Partnerschaften mit Ellesmere Port/Großbritannien (1966/67), Bouaké/Elfenbeinküste (1970/71), Aarau/Schweiz (1986), Szolnok/Ungarn (1990), Duschanbe/Tadschikistan (1990) und Reading Pennsylvania/USA (1998).

1971-1975 Neun neue Bezirksgemeinden

Nach Betzingen (1907), Sondelfingen (1939) und Ohmenhausen (1949) schließen sich im Zuge der Verwaltungsreform zwischen 1971 und 1975 neun weitere Bezirksgemeinden mit Reutlingen zusammen: Bronnweiler, Gönningen, Oferdingen und Reicheneck 1971, Altenburg, Degerschlacht und Sickenhausen 1972, Rommelsbach 1974 und Mittelstadt 1975.

1945 / 1973 / 1995 / 2003 / 2019 - Oberbürgermeister nach 1945

Zwei Oberbürgermeister mit ungewöhnlich langen Amtszeiten bestimmen die Entwicklung nach 1945. Dem stürmischen, pragmatischen Wiederaufbau der Oskar-Kalbfell-Zeit folgt ab November 1973 unter Dr. Manfred Oechsle (CDU) eine Epoche der Konsolidierung und des qualitativen Ausbaus. Dieser vollzieht sich im Zeichen eines einschneidenden wirtschaftlichen Strukturwandels, bei dem unter anderem die elektrotechnische Industrie und der Dienstleistungssektor an Bedeutung gewinnen. Im April 1995 tritt Dr. Stefan Schultes (CDU) die Nachfolge von Dr. Oechsle an. Mit Barbara Bosch wird im Februar 2003 zum ersten Mal eine Frau in Reutlingen als Stadtoberhaupt gewählt. Nachdem sie sich entschlossen hat, für eine dritte Amtszeit nicht mehr zur Verfügung zu stehen, wird im April 2019 Thomas Keck zum Oberbürgermeister gewählt.

1988 - Reutlingen wird Großstadt

Luftaufnahme von Reutlingen aus dem Jahr 1988
Foto: Luftaufnahme von Reutlingen aus dem Jahr 1988
Im Oktober 1988 überschreitet Reutlingen die 100000 Einwohner-Marke und wird zur 9. Großstadt in Baden-Württemberg. Unbestritten ist Reutlingens Rolle als Wirtschaftszentrum der Region Neckar-Alb. Auch im kulturellen Bereich übt die Stadt mittlerweile eine überregionale Funktion aus.
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