Engel auf der Turmspitze der Marienkirche

Anschrift:

Nikolaikirche / City Kirche / Vesperkirche

Am Nikolaiplatz 1
72764 Reutlingen

Die Nikolaikirche

 

Von der „Nyclaus Capelle" zur Reutlinger „Citykirche"

 

Die Nikolaus-Skulptur des Bildhauers Karl Wolter aus dem Jahr 1914 stellt den Namenspatron der Kirche als Helfer eines notleidenden Kindes dar. Stadtarchiv Reutlingen, S 106 Nr. 08B0082 "Anno domini 1358 incepta est hec capella": Dank diesem lateinischen Hinweis wissen wir, dass das Gebäude der heutigen Nikolaikirche eine 650-jährige Geschichte besitzt. Nachzulesen ist der Jubiläumsbeleg nicht in einer in dunklen Archivmagazinen verwahrten Pergamenturkunde, sondern an der Choraußenwand der Kirche selbst. Die der Wilhelmstraße zugewandte Bauinschrift kann übersetzt werden mit: „Im Jahr des Herrn 1358 wurde mit dem Bau dieser Kapelle begonnen."

Der mittelalterliche Steinmetz hat außerdem seine Datierung noch präzisiert: Auf den Tag des heiligen Papstes Urban („in die S. Urbani Pape") ist der Baubeginn gefallen. Der Namenstag jenes Heiligen ist der 25. Mai. Dass die Kirche selbst dem bis heute populären Sankt Nikolaus geweiht wurde, verrät dabei nicht nur die Inschrift, sondern auch die steinerne Statue in der Mauernische daneben. Zu sehen ist hier seit 1914 ein von dem Bildhauer Karl Wolter geschaffenes Standbild, das diese Gestalt nicht im prachtvollen „katholischen" Bischofsornat zeigt, sondern ganz bewusst in einem „schlichten apostolischen Gewand".

Heute ist die Nikolaikirche Ort eines ökumenischen Projekts


Die „Citykirche" steht seit 2005 mit einem modernen seelsorgerischen Angebot ohne konfessionelle Schranken für alle offen. Dies kann als versöhnlicher Schlusspunkt einer rund 650-jährigen Kirchengeschichte gewertet werden, verbindet sich doch gerade mit den historischen Nutzungen der Nikolaikirche die Entwicklung der Glaubensspaltung und Wiederannäherung der beiden großen christlichen Kirchen in Deutschland in ganz besonderer Weise.

Die Reformation hatte einen Bedeutungsverlust für die damalige Nikolauskapelle mit sich gebracht, die im Spätmittelalter wohl nicht zu knapp mit Pfründen, Messen und Altären ausgestattet gewesen war. Die älteste deutschsprachige Reutlinger Stadtchronik hält für das Jahr 1531 nicht nur den Bildersturm in der Achalmstadt fest: In dieser Zeit hatten „Nonnen Männer und Mönch Weiber" genommen, und mehrere Gotteshäuser, darunter auch das Kirchengebäude an der unteren Wilhelmstraße, wurden ihrer Glocken beraubt.

Dass es nicht nur die Glocken, sondern gleich ein ganzer Dachreiter gewesen ist, den radikale Reutlinger nach 1530 beseitigt haben, legen nicht zuletzt die Formulierungen in der Reimchronik des Johannes Fizion nahe. Die Anfang der 1620er Jahre niedergeschriebenen Zeilen bezeugen eine nur noch sporadische Verwendung der Kirche für Trauergottesdienste. Offensichtlich gab es kein schlüssiges Nutzungskonzept für das durchaus stattliche steinerne Gotteshaus. Zu „Sankt Niclass" schreibt Fizion: „Stett uhne Glockhen und ohn Spitz / Man braucht sie nur zum Trauren ietzt".

In der ausgehenden Reichsstadtzeit wurde die Nikolaikirche sogar zeitweilig als Magazin zweckentfremdet. Eine Stadtbeschreibung von 1805 spricht nur noch von einer „unansehnlichen Capelle, die inwendig mit einfältigen Gemälden verunstaltet" sei. Doch das beginnende 19. Jahrhundert ließ in Reutlingen eine völlig neue Situation entstehen. In der zur württembergischen Oberamtsstadt gewordenen vormaligen rein protestantischen Reichsstadt und in deren Umland lebte künftig eine zunehmende Anzahl von Katholiken.

Der königlichen Regierung in Stuttgart war die konfessionelle Gleichheit in ihrem mächtig gewachsenen und Protestanten und Katholiken gleichermaßen umfassenden Staate ein besonderes Anliegen. So wurde jene vormals noch stiefmütterlich behandelte Nikolaikapelle 1823 zur katholischen Pfarrkirche. Sie blieb es bis zur Einweihung der neu errichteten Sankt-Wolfgang-Kirche im Jahr 1910. Mittlerweile hatte sich die Zahl der Reutlinger Katholiken von rund 80 auf weit mehr als 3000 Personen erhöht.

Von 1848 bis 1911 stand in der Wandnische an der Choraußenwand der Kirche eine „katholische“ Nikolaus-Statue, die den Heiligen im Ornat eines abendländischen Bischofs zeigt. Stadtarchiv Reutlingen, Nachlass Launer Bd. 2 S. 1 Die evangelische Kirche war auch das 19. Jahrhundert hindurch Eigentümerin des Gebäudes geblieben. 1913 baute sie es zur Predigerkirche um, nachdem die Spitalkirche am Marktplatz nicht mehr länger für Gottesdienste verwendet wurde. 1914 konnte schließlich die neue Nikolaus-Statue mit Kind aufgestellt werden, die nach Auffassung des damaligen Dekans die „Bestimmung der Nikolaikirche für den Jugendgottesdienst" treffend zum Ausdruck brachte. Das 1848 von Bildhauer Ernst Machold geschaffene Standbild eines Nikolaus mit Mitra und Krummstab und drei Goldkugeln in der Hand hatte 1911 seinen Platz in der Chorwandnische räumen müssen. Die neue Statue von Wolter trägt ein Buch mit Broten darauf.

Bei Kampfhandlungen nach der Besetzung Reutlingens durch die Franzosen im April 1945 brannte die Nikolaikirche völlig aus. Stehen blieb die gespenstische Ruine ihrer Außenmauern. Die vollständige äußere und innere Wiederherstellung des Kirchengebäudes zog sich bis Anfang der 1960er Jahre hin. Weiterhin vorrangig als „Sammelplatz für unsere Jugend" gedacht, wurde der Kirchenbau mit beachtenswerten Kunstwerken ausgestattet: etwa den farbigen Chorfenstern von Christian Oehler aus dem Jahr 1962 oder dem 1963 eingefügten Tympanon des Westportals von Ulrich Henn.

Eine besondere Verwendung fand und findet die Nikolaikirche schließlich seit 1998


In der sogenannten „Vesperkirche" erhalten bedürftige Menschen ebenso wie vermögendere „Solidaresser" während mehrerer Winterwochen eine warme Mahlzeit. Maßgeblich initiiert von dem ehemaligen Marienkirchenpfarrer Klaus Kuntz wollen kirchliche und soziale Einrichtungen ein Zeichen gegen soziale Not setzen. Sie erfüllen damit auch das Patrozinium der Kirche mit Leben, gilt Nikolaus doch nicht zuletzt als Helfer der Armen.

Die Nikolaikirche hat in Reutlingen in den vergangenen Jahrhunderten in kirchlicher Hinsicht eine oftmals untergeordnete, manchmal sogar vernachlässigte Rolle gespielt. Nichtsdestotrotz hat der gotische Sakralbau mit seiner markanten Architektur dem Stadtbild im Bereich der unteren Wilhelmstraße seit dem Spätmittelalter seinen unverwechselbaren Stempel aufgedrückt. Und er bot und bietet Raum für außergewöhnliche Nutzungen.

Die Nennung der 'Sant Nyclaus Capelle ze Rutlingen' in einer Urkunde von 1387 ist der älteste schriftliche Nachweis dieser Kirche in den Beständen des Stadtarchivs. Stadtarchiv Reutlingen, Reichsstädtische Urkunden und Akten Nr. 1649

Mit einer Ausstellung in den Wandvitrinen vor seinen Diensträumen erinnerte das Stadtarchiv an das 650-jährige Kirchenjubiläum. Unter den gezeigten Dokumenten befand sich eine Pergamenturkunde aus dem Jahr 1387, die den ältesten schriftlichen Beleg für die „Sant Nyclaus Capelle ze Rutlingen" in den Beständen des Stadtarchivs darstellt. Zu sehen war ferner die erste deutschsprachige Reutlinger Stadtchronik, die für 1531 vermeldet, dass Reutlinger Kirchengebäude, darunter die „St. Niclauß Kürche", ihrer Glocken beraubt wurden. Ausgestellt war auch das Ratsdekret von 1726, das nach dem verheerenden Reutlinger Stadtbrand einen Buß-, Bet- und Fasttag anordnete, an dem unter anderem „das heylige Abendtmahl in der Nicolai Cappel außgespendet werden" sollte. Eindrücklich ist schließlich eine Fotografie der unmittelbaren Nachkriegszeit mit dem Torso von Kirchenchor und -schiff, dessen Wände teilweise mit Balkenabstützungen notdürftig gesichert werden mussten.


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