Umzug ins neue Rathaus
Rathaus-Baubeginn 1963

Baubeginn des neuen Rathauses im Jahr 1963

Gründsteinlegung am 27. Juni 1963

Grundsteinlegung am 27.06.1966 mit Oberbürgermeister Oskar Kalbfell

Umzug ins neue Rathaus im Januar/Februar 1966

Auszug aus den bisherigen Verwaltungsräumen im Frühjahr 1966

Auszug aus den bisherigen Verwaltungsräumen im Frühjahr 1966

Auf dem Weg zum Festakt am 22. April 1966


Auf dem Weg zum Festakt - Zusammen mit den Gästen aus Roanne (mit Amtsschärpe) begab sich Oberbürgermeister Oskar Kalbfell ins Matthäus-Alber-Haus

Rathausbesichtigung (22.4. - 24.4.1966)

Am kompletten Wochenende der Rathauseinweihungsfeier war die Bürgerschaft eingeladen, den neuen Verwaltungssitz zu inspizieren.

Rathausbesichtigung (22.4. - 24.4.1966)

Von der Möglichkeit, das Rathaus am Freitagnachmittag sowie am Samstag, 23.4.66 und Sonntag 24.4.66 zu besichtigen, machten ganze "Menschenmassen" Gebrauch.

50 Jahre Rathaus

Vor 50 Jahren, am 22. April 1966, konnte das neue Reutlinger Rathaus feierlich eingeweiht werden. Am 27. Juni 1963 hatte die Grundsteinlegung im historischen Zentrum Reutlingens stattgefunden. Entstehen sollte ein Gebäudekomplex für die Kommunalverwaltung einer Stadt, deren Bevölkerung sich zwischen 1945 und 1961 von 32.949 auf 67.407 Einwohnern mehr als verdoppelt hatte. Die verantwortlichen Architekten des Neubaus waren Professor Wilhelm Tiedje sowie Diplom-Ingenieur Rudi Volz. Deren Planungen wollten nichts weniger, als die „Demokratie als Bauherr“ angemessen darstellen. Hierfür wurde zum einen das immense, für die zahlreichen städtischen Ämter und Einrichtungen erforderliche Bauvolumen in zwei um einen Freiraum gruppierte Verwaltungsbauten untergliedert. Zum anderen bildete an Stelle des alten Rathauses zum Marktplatz hin das neue Ratsgebäude den „repräsentativen Kopf der Anlage“.
 
Die Errichtung eines solchen Rathauses als Herzstück des kommunalen Gemeinwesens ermöglichte es, die bis dahin über die Stadt verteilten städtischen Dienststellen einschließlich der Stadtwerke unter einer Adresse zu vereinigen. Diese  waren bisher im sogenannten „Rathaus“ in der Alteburgstraße 1, in dessen „Hintergebäude“ Pfenningstraße 1, aber auch im „Alten Rathaus“ in der Rathausstraße 6 (Liegenschaftsamt, Stadtkasse u.a.) sowie in den „Verwaltungsgebäuden“ Bismarckstraße 15 (Stadtwerke, Stadtarchiv u.a.) und Bismarckstraße 15/1 (Sozialamt, Tiefbauamt u.a.) untergebracht gewesen. In einer großen Umzugsaktion zum Jahresbeginn 1966 konnten sie am Marktplatz zusammengeführt werden. Der Gemeinderat und seine Ausschüsse nahmen ab 15. Februar 1966 ihre Arbeit in den neuen Sitzungssälen auf.
 
Als öffentliche Einrichtung war der Rathausneubau die sicherlich stadtbildprägendste kommunale Hochbaumaßnahme Reutlingens im 20. Jahrhundert. Entsprechend feierlich sollte seine Einweihung als ein Höhepunkt in der Ära von Oberbürgermeister Oskar Kalbfell ausfallen. Zu diesem Zweck ergingen zahlreiche Einladungen insbesondere an Bundes-, Landes und Kommunalpolitiker und nicht zuletzt an die französische Stadt Roanne, Reutlingens erster und damals noch einziger ausländischer Partnerstadt seit 1958. Für die hiesige Bevölkerung war der Einweihungsfreitag am 22. April 1966 nicht zuletzt deswegen ein herausragendes Datum, weil an diesem Tag für Reutlinger Schülerinnen und Schüler der Unterricht entfiel. Außerdem erhielten die Kinder beim Rathausbesuch eine Tafel Schokolade geschenkt.

Festakt am 22. April und Rathausbesichtigung vom 22. bis 24. April 1966

Der Festakt zur Rathaus-Einweihung am Freitag, den 22. April 1966, fand im vollbesetzten Matthäus-Alber-Haus statt. Schon am Vortag hatte Oberbürgermeister Kalbfell eine Delegation aus Reutlingens Partnerstadt Roanne im großen Sitzungssaal feierlich empfangen sowie zahlreiche Geschenke entgegengenommen. Beim Festakt am Freitag ab 10 Uhr sprachen neben ihm selbst als Begrüßungsredner unter anderem der baden-württembergische Innenminister Hans Filbinger sowie Landtagsvizepräsident Franz Gog vor rund 700 geladenen Gästen. Architekt Tiedje beglückwünschte die Stadt für ihren „Mut zur Gegenwart“. Nach weiteren ausführlichen Beiträgen verzichtete Stadtrat Erich Barthold schließlich als Vertreter des Gemeinderats auf seine Rede und übergab stattdessen deren Manuskript samt silbernem Ratsbecher-Geschenk an Oberbürgermeister Kalbfell. Die zweieinhalbstündige Veranstaltung wurde aufgelockert durch Musikbeiträge des Schwäbischen Symphonie-Orchesters. Zum Abschluss des Festakts ertönte die beethovensche Ouvertüre zu „Die Geschöpfe des Prometheus“.
 
Von der Möglichkeit, das Rathaus am Freitagnachmittag sowie am Samstag und Sonntag zu besichtigen, machten schließlich – so die Presse – ganze „Menschenmassen“ Gebrauch. Bei schönem Frühlingswetter wurden sie dabei im Innenhof des Rathauses durch Platzkonzerte des Betzinger Musikvereins, des Musikvereins Ohmenhausen sowie der Stadtkapelle Reutlingen unterhalten. Das Interesse an einem Gebäude, das durch seine Größe wie auch durch seine Formsprache wohl mehrheitlich als eher ungewohnt und gewöhnungsbedürftig wahrgenommen wurde, war nachhaltig.

Festakt im Matthäus-Alber-Haus am 22.4.1966 - Rechts am Bildrand ist Architekt Tiedje mit Gattin zu sehen. Rechts neben Oskar Kalbfell sitzt Innenminister Filbinger. Festakt am 22.4.2016 - Professor Wehling erhält von Oberbürgermeisterin Barbara Bosch eine Flasche Reutlinger Sekt und eine Tafel fair produzierte und gehandelte Tafel Schokolade.
22. April 1966: Festakt im Matthäus-Alber-Haus
Die geladenen Gäste des  Festakts in einem bis auf den letzten Platz gefüllten Saal wurden Zeugen einer „sachlichen und schlichten Einweihungsfeier“ (Reutlinger General-Anzeiger). Die zahlreichen Redebeiträge dauerten rund zweieinhalb Stunden. Rechts am Bildrand ist Architekt Tiedje mit Gattin zu sehen. Rechts neben Oskar Kalbfell sitzt Innenminister Filbinger.
22. April 2016: Festakt im Foyer des Ratsgebäude
Mit einer kleinen Feierstunde hat die Stadt an das 50jährige Jubiläum des Rathauses erinnert. Festredner der Jubiläumsveranstaltung mit rund 200 Gästen war der Politikwissenschaftler Prof. Dr. Hans-Georg Wehling, der in seinem Vortrag "Die Kirche bleibt im Dorf, das Rathaus in der Stadt" auch die Überlegungen nachvollzog, die zum Bau dieses Rathauses geführt hatten.


22. April 2016: Die Kirche bleibt im Dorf, das Rathaus in der Stadt

Das denkmalgeschützte Reutlinger Rathaus gilt als Abschluss des Wiederaufbaus nach dem Krieg. Die zentralen Themen nach dem Krieg – Sicherstellung der Ernährung, Wiederaufbau und Wohnungsnot, die Integration der vielen Heimatlosen – waren gewaltige Herausforderungen, die verständlich machen, dass es nicht die erste Aufgabe sein konnte, ein neues Rathaus zu planen und zu bauen. 1959 wurde ein Architektenwettbewerb ausgelobt, Ende 1962 erfolgte der erste Spatenstich. Es war aus heutiger Sicht kein Nachteil, so das Fazit von Oberbürgermeisterin Barbara Bosch, dass sich Gemeinderat, Verwaltung und Planer diese Zeit genommen haben, denn die Bauaufgabe Rathaus war und ist komplex. Im Wortsinn war Vieles unter ein Dach zu bringen, was die Oberbürgermeisterin so zusammenfasste:
  • die Repräsentation der Bürgerschaft,
  • das Selbstverständnis einer ehemaligen Reichs-  und heutigen modernen Großstadt,
  • die Funktionalität einer zeitgemäßen, und das hieß damals bereits auch einer bürgernahen Verwaltung der kurzen Wege.
Mit einem Wort, es galt, einem modernen, demokratischen Gemeinwesen baulichen Ausdruck zu verleihen.

Festredner der Jubiläumsveranstaltung mit rund 200 Gästen war der Politikwissenschaftler Prof. Dr. Hans-Georg Wehling, der in seinem Vortrag "Die Kirche bleibt im Dorf, das Rathaus in der Stadt" auch die Überlegungen nachvollzog, die zum Bau dieses Rathauses geführt hatten:
Für die damalige Kommunalpolitik unter Oberbürgermeister Oskar Kalbfell spricht, dass man als neues Rathaus keinen kostengünstigen nüchternen Zweckbau errichten wollte, sondern ein repräsentatives Gebäude, das dem Rang einer früheren Reichsstadt angemessen war. Immer wieder hat Kalbfell auf die historischen, stolzen Rathäuser anderer Reichsstädte wie beispielsweise Esslingen verwiesen. So ließ man sich denn auch Zeit, um ein solches repräsentatives Objekt zu planen. Überlegungen dazu gab es ja bereits von Anfang an, seit 1945.  Hinzu kam der Wille, das Rathaus nicht an die Peripherie zu verlegen, quasi auf die grüne Wiese, etwa der Pomologie, was den Grundstückserwerb erleichtert hätte. Nein, das neue Rathaus sollte in der Altstadt verankert sein, am Rande des Marktplatzes und diesseits des Ledergrabens, der in der Vergangenheit so etwas wie die wirtschaftliche Lebensader der Stadt war. Mit den Worten Kalbfells in seiner Einweihungsrede:

"Hier am Markt, wo das Leben pulsiert, wo die Menschen sich treffen, wo sie einkaufen, da soll die Verwaltung ihren Sitz haben. Hier soll der Gemeinderat beraten und beschließen."

Eine klare Haltung hat Wehling zu den Diskussionen um das (viele) Geld, das öffentliche Bauten kosten. Solche Diskussionen gab es damals und es gibt sie heute, da eine millionenteure Sanierung des Rathauses ansteht. Wehling sagte in seinem Vortrag wörtlich: "Im Nachhinein heißt es, ein solcher Bau wäre gegenwärtig gar nicht mehr zu finanzieren Es waren damals alles inclusive 28,3 Mio DM. Nun bin ich der Meinung, dass der Staat ganz allgemein, unter Einschluss kommunaler Bauten, sich angemessen repräsentieren sollte.  Das gilt für Ministerien, Gerichte, Regierungspräsidien, Landratsämter und nicht zuletzt auch für Rathäuser und natürlich auch Museen. Sie sollen nicht nur ihrem eigentlichen Zweck genügen. Selbstverständlich gilt das auch für kirchliche Gebäude. Funktionalität und Schönheit sollen bei öffentlichen Gebäuden stets zusammen kommen. Der Politiker und Architekturkritiker der Adenauerzeit Adolf Arndt (1904 - 74) hat gemahnt ,"dass wir der Mode nach zwar alle heute uns Demokraten nennen, aber die peinlichste Pfennigfuchserei beginnt, sobald es sich um das bauliche Herz der Demokratie handelt".  

Am Ende seines kenntnisreichen Vortages, der besonders das Leben und Wirken des Reutlinger Nachkriegsoberbürgermeister Oskar Kalbfell würdigte, schlug Wehling eine 
Brücke zu heute: “Das Ansehen Kalbfells, seine vielfältigen Kontakte kamen auch der Stadt zu Gute. Stets hat man versucht, bis in die Gegenwart hinein, diese Kontakte weiter auszubauen, für Reutlingen zu nutzen, aus der Stadt etwas zu machen, mit dem Bau des Rathauses, dem Bau der Festhalle, eines neuen Theaterbaus, auch mit dem Streben nach Kreisfreiheit“.


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