Lebenslauf
Oskar Kalbfell (geboren 1897 in Betzingen, gestorben 1979 in Reutlingen) war der erste Reutlinger Nachkriegsoberbürgermeister. 1945 von der französischen Besatzungsmacht als Oberbürgermeister eingesetzt, wurde er ab 1946 mehrfach gewählt. Im Jahr 1973 trat er aus gesundheitlichen Gründen von seinem Amt zurück.
Werdegang
Nach einer Lehre zum Optiker und Feinmechaniker sowie Militärdienst im Ersten Weltkrieg bildete er sich zum Kaufmann weiter. Als Geschäftsführer der Firma August Bobrzyk firmierte Kalbfell von 1927 bis 1937, danach wurde er selbstständiger Unternehmer im Baugeschäft Briel & Kalbfell. Als SPD Stadtrat war er während der NS-Zeit einerseits verfolgt, suchte andererseits um Aufnahme in die NSADP nach. Gegen Kriegsende bereitete er die Übergabe Reutlingens an die französische Armee vor. Prägend wurden seine Verdienste beim Wiederaufbau der kriegszerstörten Stadt. Große Verdienste erwarb er sich zudem um Wohnungs- und Straßenbau, aber auch um Bildung und Sport. Am Ende der Ära Kalbfell legten Eingemeindungen den Grundstein für den Weg Reutlingens zur Großstadt.
Meilensteine
- Wiederaufbau der kriegszerstörten Stadt.
- Wohnungs- und Siedlungsbau u.a. Mahdachsiedlung (Ohmenhausen), Storlach, Betzenried, Burgholz, Orschel-Hagen, Hohbuch.
- Eingemeindung von Ohmenhausen (1948) sowie von Altenburg, Bronnweiler, Degerschlacht, Gönningen, Oferdingen, Reicheneck und Sickenhausen (1970–1972).
- Kulturförderung mit Gründung von Landestheater Württemberg-Hohenzollern und Württembergsicher Philharmonie.
- Sportförderung mit Bau von Freibad, Stadion Kreuzeiche und zahlreichen Sporthallen
- Schulförderung mit Bau und Erweiterung zahlreicher Schulen.
- Städtepartnerschaften mit Roanne (Frankreich), Bouaké (Elfenbeinküste), Ellesmere Port (Großbritannien).
- Patenschaft für die schlesische Stadt Schweidnitz (heute Świdnica, Polen)
- Neubau des Rathauses (Einweihung 1966).
- Gründung Oskar-Kalbfell Stiftung zur Förderung von Begabten 1967.
Gremientätigkeit und Ehrungen
- Gemeinderat 1922–1933, SPD-Fraktionsvorsitz ab 1928. Verlust des Mandats und Verhaftung 1933.
- Kommissarischer Landrat des Kreises Reutlingen 1945–1947 sowie Kreistagsmitglied 1949–1971.
- Abgeordneter der Beratenden Landesversammlung Württemberg-Hohenzollern 1946–1947 sowie Abgeordneter des Landtags Württemberg-Hohenzollern 1947–1952.
- Abgeordneter des ersten Deutschen Bundestages 1949–1953.
- Abgeordneter der Verfassunggebenden Landesversammlung 1952 sowie des Landtags Baden-Württemberg 1952–1968.
- Präsident des Gemeindetags Württemberg-Hohenzollern 1949–1956 und Mitglied des Hauptausschusses im Deutschen Gemeindetag 1949–1956. Zahlreiche weitere kommunale Gremien (u.a. Hauptausschuss des Deutschen Städtetages 1949–1973 sowie Präsidiumsmitglied 1960–1973; Vorsitzender des Städtetags Baden-Württemberg 1954-1957, 1958-1960; Stellvertretender Vorsitz Zweckverband Bodensee-Wasserversorgung ab 1953, Aufsichtsratsvorsitzender der GWG ab 1951).
Oskar Kalbfell erfuhr zahlreiche Ehrungen. In Reutlingen selbst erhielt er 1965 die Bürgermedaille der Stadt in Gold und wurde 1973 Ehrenbürger. 1980 wurde der Platz beim Tübinger Tor nach ihm benannt. Auch die französische Partnerstadt Roanne ernannte ihn 1974 zum Ehrenbürger. Kalbfell war Träger des Großen Verdienstkreuzes des Verdienstordens der Bundesrepublik (1955) und des Großen Verdienstkreuzes mit Stern (1973). Das Land Baden-Württemberg ehrte ihn mit der Verdienstmedaille des Landes 1976 sowie der Verfassungsmedaille des Landes in Gold 1967.