Biografie

Friedrich List (1789-1846)

Friedrich List ist der erste international anerkannte deutsche Klassiker der Politischen Ökonomie. Mit seinem Credo „Durch Wohlstand zur Freiheit“ wurde er zum Vordenker der „Sozialen Marktwirtschaft“ und als Eisenbahnpionier zum Nestor der deutschen Verkehrswirtschaft. Ideen- und zeitgeschichtlich steht List zwischen Adam Smith (1723–1790) und Karl Marx (1818–1883).

Ein Sohn der Stadt Reutlingen

List wurde am 6. August 1789 in Reutlingen geboren und erlebte 1802/03 die Eingliederung der Freien Reichsstadt in das Königreich Württemberg. Nach dem Besuch der Lateinschule absolvierte er im väterlichen Betrieb eine Lehre als Weißgerber und anschließend eine Ausbildung zum Verwaltungsfachmann. Er ehelichte 1819 Karoline Seybold, verw. Neidhard, mit der er drei Töchter und einen Sohn hatte.

In württembergischen Diensten

Zu dieser Zeit herrschte im deutschen Südwesten eine soziale und wirtschaftliche Not. Hungersnöte zwangen viele württembergische Untertanen zur Auswanderung. Zur Abreise versammelten sich die Amerikaauswanderer im Neckarhafen von Heilbronn. List erhielt 1817 den Regierungsauftrag, sie nach ihren Auswanderungsmotiven zu befragen. Dabei handelt es sich die erste bekannte demoskopische Untersuchung, die überhaupt durchgeführt wurde. Nicht zuletzt diese vertiefte Kenntnis der damaligen sozialen und politischen Missstände im Land bewog List, dem König die Gründung einer Staatswirtschaftlichen Fakultät an der Universität Tübingen vorzuschlagen. Es handelt sich um die früheste bis heute existierende wirtschaftswissenschaftliche Fakultät in Deutschland. Damit wurde die Volkswirtschaftslehre nach den klassischen Wissenschaften Theologie, Philosophie, Medizin und Rechtswissenschaft als fünfte wissenschaftliche Disziplin institutionalisiert. Hier wurde List als Verwaltungsfachmann auf den Lehrstuhl für Staatsverwaltungspraxis berufen.

Gewerbeförderung, Zollverein und Landtagsmandat

Anlässlich der Frühjahrsmesse in Frankfurt verfasste er 1819 seine berühmte „Denkschrift zur Abschaffung der Binnenzölle“ zwischen den 38 souveränen Staaten des Deutschen Bundes, die den politischen Anstoß zur Gründung des deutschen Zollvereins gab, eine Vorstufe zur Gründung eines deutschen Nationalstaats.  Außerdem gründete List in Frankfurt zusammen mit Kaufleuten den „Allgemeinen deutschen Handels- und Gewerbsverein“ – die erste Interessenvertretung deutscher Kaufleute und Vorläufer der heutigen Industrie- und Handelskammern. Zu dieser Zeit verlor er allerdings nach einem Zerwürfnis mit dem König seinen Tübinger Lehrstuhl. 1820 wurde Friedrich List in die Zweite Kammer des württembergischen Landtags als Abgeordneter der Stadt Reutlingen gewählt, wegen seiner scharf formulierten „Reutlinger Petition“ aber nach zwei Monaten bereits ausgeschlossen und zu zehnmonatigen Festungshaft verurteilt. Er verbüßte sie nach einem zweijährigen Exil in Frankreich und in der Schweiz (Aarau) auf dem Hohenasperg, dem württembergischen Staatsgefängnis.

List in Amerika

Mit dem Versprechen, „freiwillig“ auszuwandern, kam List vorzeitig frei. 1825 emigrierte er mit seiner Familie in die USA und begleitete dort er den berühmten Marquis de Lafayette gut zwei Monate auf dessen triumphaler Rundreise durch die Küstenstaaten. Anschließend versuchte sich List in Pennsylvania als Farmer und übernahm in Reading die Redaktion des deutschsprachigen „Readinger Adler“. Doch war er bald auch als Unternehmer erfolgreich. List entdeckte ein großes Steinkohlevorkommen und baute von 1828 bis 1832 zusammen mit Isaac Hiester die 22,5 Meilen lange „Little Schuylkill“-Eisenbahn – eine der ersten zehn mit Dampf betriebenen Eisenbahnstrecken der Welt – und wurde damit zu einem Eisenbahnpionier. Die Ernennung zum amerikanischen Konsul für das Königreich Sachsen durch Präsident Andrew Jackson 1833 ermöglichte schließlich seine Rückkehr nach Europa. In Leipzig nahm List als erstes Projekt die Herausgabe des mehrbändigen Staats-Lexikons in Angriff, das aber nicht unter seinem Namen, sondern unter dem der Freiburger Professoren Rotteck und Welcker erschien und im deutschen Vormärz als „Bibel der Liberalen“ Schule machte.

Der Eisenbahnpionier

Mehr noch setzte List seine ganze Energie für den Bau der ersten deutschen Ferneisenbahn, der Sächsischen Eisenbahn von Leipzig- Dresden sowie der Badischen Eisenbahn von Basel nach Mannheim ein, die er als Initialzündungen für die Errichtung eines deutschen Eisenbahnnetzes betrachtete. Mit seiner Denkschrift „Über ein sächsisches Eisenbahnsystem als Grundlage eines allgemeinen Deutschen Eisenbahnsystems“ und seinem „Aufruf an unsere Mitbürger in Sachsen, die Anlage einer Eisenbahn zwischen Dresden und Leipzig betreffend“ von 1833 gab er den entscheidenden Anstoß zum Bau der Sächsischen Eisenbahn.

Der Wirtschaftstheoretiker

Da er bei beiden Projekten nicht die erhoffte Anstellung erhielt, ging er 1837 nach Frankreich und verbrachte drei Jahre in Paris. Während des dortigen Aufenthalts beteiligte er sich an zwei Preisfragen der Französischen Akademie der Wissenschaften mit aus heutiger Sicht visionären Texten, die erst im 20. Jahrhundert wieder entdeckt wurden. 1840 wieder in Deutschland, betätigte er sich in Weimar als Eisenbahnberater der drei thüringischen Herzogtümer. Die Universität Jena verlieh ihm in diesem Jahr für seine Bemühungen um das thüringische Eisenbahnwesen die Ehrendoktorwürde der Juristischen Fakultät.

List als Publizist in Augsburg

1841 übersiedelte List nach Augsburg, wo er sein ökonomisches Hauptwerk „Das nationale System der politischen Ökonomie“ fertigstellte, das in 15 Sprachen übersetzt ist, und nach John Carter und Percy H. Muir zu den bedeutendsten Werken in der Geschichte des Buchdrucks gezählt wird, welche die Welt bewegt und verändert haben. Außerdem setzte er in engem Kontakt zu dem Stuttgarter Verleger Cotta sein reiches journalistisches Schaffen fort. Mit seinen ca. 800 journalistischen Aufsätzen wurde List zu einem bedeutenden Vertreter des deutschen Journalismus im Vormärz und zum ersten deutschen Wirtschaftsjournalisten überhaupt.

Rastloser Einsatz und bitteres Ende

Gegen Ende seines Lebens führten ihn drei Reisen nach Österreich-Ungarn, Belgien und England. In London unterbreitete er 1846 der englischen Regierung den Vorschlag einer deutsch-englischen Allianz, der allerdings von Regierung und Opposition abgelehnt wurde. Obwohl List vielfach hohe Anerkennung erhielt und zuletzt bei seiner Reise in die Donaumonarchie einen fast triumphalen Empfang in Wien erfahren durfte, war er zu dieser Zeit physisch und psychisch in hohem Maße angeschlagen. Friedrich List, so lässt sich sagen, ist am Unverstand seiner Zeitgenossen und dem Widerstand der politischen Machthaber zerbrochen. Auf einer Reise nach Italien, die der Wiederherstellung siener Gesundheit dienen sollte, ist er am 30. November 1846 in Kufstein aus dem Leben geschieden.

Autor: Prof. Dr. Dr. Eugen Wendler (2023)

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