Geburtshaus Friedrich Lists
72764 Reutlingen
Geboren wurde Friedrich List am 6. August 1789 in der Reutlinger Wilhelmstraße. Mit der Neunummerierung Reutlinger Gebäude 1888 erhielt sein Geburtshaus die Bezeichnung Wilhelmstraße 64. Zusammen mit der Haushälfte Wilhelmstraße 66 war es nach dem Stadtbrand 1726 unter einem Giebeldach errichtet worden. Der Vater von Friedrich List, der umgangssprachlich als der „dicke List“ bekannte Weißgerber Johannes List (1746–1813), erwarb es gleichsam in Etappen 1776 und 1797 von Mutter und Großmutter.
Vor dem Hintergrund der sich nach Lists Tod 1846 hinziehenden Planungen für das schließlich 1863 eingeweihte Reutlinger List-Denkmal beim Bahnhof erfolgte mit der Kennzeichnung des Geburtshauses 1857 eine erste Würdigung seiner Person im Reutlinger Stadtbild. Die Stadt beauftragte den Bildhauer Ernst Machold (1814–1879) mit der Anfertigung einer steinernen Gedenktafel, die im August 1857 angebracht wurde und später verloren ging.
Durch die Expansion des „Haushaltungsmagazins“ von Flaschner Wilhelm Fauché (1880–1963), dessen Vater 1886 Eigentümer des Gebäudes Wilhelmstraße 68 geworden war, wurde der Begriff „Listhaus“ zwischen 1911 und den 1970er Jahren schließlich für einen stattlichen Gebäudekomplex zwischen Wilhelm- und Kanzleistraße namensgebend. 1909 erwarb Fauché die Nachbargebäude Nr. 66 sowie im Jahr 1911 Lists Geburtshaus.
Diese Gebäudegruppe fasste er zum „Listhaus“ zusammen, in dem neben „Haus- und Küchengeräten“ unter anderem „Kristall“ und „Luxuswaren“ angeboten wurden. Die Flaschnerei gab Fauché 1912 auf. Das „Listhaus“ wurde zunächst 1919 bis auf die Begerstraße und in den 1950er Jahren unter der Leitung von Fauchés Schwiegersohn Wilhelm Panne (1903–1984) bis zur Kanzleistraße vergrößert. Weitere Erwerbungen folgten. Ein grundlegender Um- und Neubau fand 1976 und 1977 statt.
Im Gebäudebuch von 1893 ist die Grundfläche des Geburtshauses von Friedrich List noch mit 74 Quadratmetern angegeben. Als 2001 die Buchhandlung Osiander das „Listhaus“ vollständig anmietete, wurde dessen Gesamtverkaufsfläche mit rund 3000 Quadratmetern beziffert. In der Achalmstadt wandelte sich eine historische Adresse im Herzen der Reutlinger Altstadt so zu einer ebenso populären wie kommerziellen Teilquartierbezeichnung.
Friedrich-List-Denkmal Reutlingen
72764 Reutlingen
In der Vaterstadt Lists tat man sich im Umgang mit dem großen Sohn lange schwer. So hielt man sich nach bekannt werden der Nachricht von Lists Selbstmord 1846 in Kufstein mit offiziellen Würdigungen zunächst zurück. Erst am 24. Januar 1847 erschien ein von Stadtschultheiß Grathwohl und anderen Honoratioren unterzeichneter Aufruf, „das Andenken unseres verdienten Landsmanns auf eine würdige Weise zu ehren“. Wie in zahlreichen anderen Städten gründete sich in Reutlingen daraufhin ein Listkomitee, dessen Tätigkeit jedoch schon nach wenigen Wochen zum Erliegen kam. Erst das Stiftungsfest des Reutlinger Liederkranzes am 12. Oktober 1850 brachte den Durchbruch. Nun bildete sich ein „Comité zur Errichtung eines Denkmals für Friedrich List in Reutlingen“ mit Vertretern der Stadt sowie Reutlinger Vereinigungen. In den folgenden Jahren gingen Spenden aus dem In- und Ausland ein, sodass man die Anfertigung eines Bronzedenkmals bei dem Dresdener Bildhauer Gustav Adolph Kietz (1824–1908), der später auch das Denkmal Ludwig Uhlands in Tübingen schuf, und dem Braunschweiger Erzgießer Georg Howaldt in Auftrag geben konnte. Das Denkmal wurde an Lists Geburtstag am 6. August 1863 eingeweiht. Gleichzeitig vollzog man die Übergabe des „kolossalen, in Erz gegossenen Standbildes auf granitenem Piedestal“ an die Stadt Reutlingen. Vier Jahre nachdem Reutlingen 1859 an das Eisenbahnnetz angeschlossen worden war, wurde das Monument somit zum Mittelpunkt des im Rahmen der Denkmalseinweihung „Listplatz“ benannten neuen Bahnhofsvorplatzes.
Friedrich-List-Gymnasium Reutlingen
72764 Reutlingen
Friedrich List besuchte einst die städtische Lateinschule am Weibermarkt. Er war kein herausragender Schüler, nach den Erinnerungen seines Jugendfreundes August Merkh aber ein begeisterter Leser. Außerdem „wußte er schon als Schüler die Feder zu führen.“ Im Königreich Württemberg ging aus der Lateinschule das Lyzeum, 1886, inzwischen an den Kanzleiplatz umgezogen, das erste Gymnasium der Stadt hervor. Als später auch andere Schulen in Reutlingen eine höhere Bildung anboten, kam unter dem Eindruck des feierlich begangenen 100. Jahrestags der Zollvereinsgründung 1934 der Wunsch auf, die altehrwürdige Schule nach Friedrich List zu benennen. Am 9. Juni 1935 erhielt man dazu die Genehmigung, sie hieß nun „Friedrich-List-Oberschule für Jungen“. Erst nach 1945 wurde die heute noch gültige Bezeichnung Friedrich-List-Gymnasium eingeführt.
Listbrücke Reutlingen
72764 Reutlingen
Alt-Stadtrat Ulrich Lukaszewitz (1943 - 2020) war Initiator der Restauration und Installation von Resten der ehemaligen Listbrücke, die jetzt nahe der heutigen Bahnbrücke über die Gutenbergstraße als technisches Denkmal neu in Szene gesetzt wurde.
Die Listbrücke war im Jahr 1906 errichtet worden, um den Warenumschlagplatz Güterbahnhof mit der Innenstadt zu verbinden. Dass die Brücke nach Friedrich List benannt wurde, lag nahe, war der gebürtige Reutlinger doch ein Vordenker des Eisenbahnbaus in Deutschland. 1982 fiel das Bauwerk dem vierspurigen Ausbau der Ost-West-Trasse zum Opfer. Einige ornamentale Bestandteile lagerte die Stadtverwaltung ein.
Im Sommer 2019 besann sich Ulrich Lukaszewitz auf die über 100 Jahre alte Ingenieurskunst und nahm Kontakt zum städtischen Amt für Tiefbau, Grünflächen und Umwelt auf, um den erhaltenen Brückenpfeiler und die beiden Geländeteile aus ihrem Dornröschenschlaf auf dem städtischen Lagerplatz in der Christophstraße zu reißen. Um sie zu einer Kunstinstallation umzugestalten, mussten die Bestandteile aufwendig saniert werden. 2020 wurden sie im Schatten der Bahnlinie nach Tübingen an der Tübinger Straße wieder aufgestellt.
Die Listbrücke an ihrem ursprünglichen Standort am Reutlinger Güterbahnhof (Foto: Dohm)
Aarau (Schweiz)
5000 Aarau
Nachdem Friedrich List aufgrund der „Reutlinger Petition“ von 1821 zu zehn Monaten Gefängnis auf dem Hohenasperg verurteilt wurde, entzog er sich der drohenden Verhaftung durch Flucht. Sein Weg führte über Frankreich in die Schweiz nach Basel, schließlich 1823 in das als liberal geltende Aarau. Dort machte List Bekanntschaft mit dem Aarauer Amtsbürgermeister Johannes Herzog, der sich für ihn einsetzte. Am 11. September erhielt List das Niederlassungsrecht. Er wohnte mit seiner Familie im Haus „Vor der Aarebrücke 48“. In Aarau erinnert heute noch eine Gedenktafel an Lists Asyl (siehe die Abbildung unten).
Während seiner Aarauer Zeit unterhielt List ein weitgespanntes Netzwerk zu anderen Demokraten, Schriftstellern und Publizisten. Er engagierte sich unter anderem im Aarauer Lehrverein und gründete gemeinsam mit weiteren Herausgebern die Zeitschrift „Europäische Blätter“. Auch für weitere Zeitungen verfasste er zahlreiche Beiträge. Darüber bemühte er sich um eine politische Rehabilitierung in Württemberg, allerdings erfolglos. Im Juli 1824 kehrte List nach Württemberg zurück und wurde auf dem Hohenasperg inhaftiert. Nur durch das Versprechen, nach Amerika auszuwandern, kam er vorzeitig wieder frei.
Am 5. Dezember 1985 fasste der Gemeinderat in Reutlingen den Beschluss, mit der Stadt Aarau eine Städtepartnerschaft zu begründen, die dann am 15. Februar 1986 in Aarau besiegelt wurde. Die Gewährung des Asyls in Aarau für Friedrich List im Jahr 1823/1824 bildete dabei einen der ersten bedeutenden Anknüpfungspunkte für die bis heute lebendige Städtepartnerschaft zwischen Reutlingen und Aarau.
Erinnerung an Friedrich List in Aarau. Foto: R. Richner (2023)
Reading (Pennsylvania/USA)
19601 Reading PA
Nachdem Friedrich List auf dem Hohenasperg, wo er eine zehnmonatige Freiheitsstrafe zu verbüßen hatte, durch das Versprechen, nach Amerika auszuwandern, vorzeitig freikam, wanderte er mit seiner Familie im Frühsommer 1825 in die Vereinigten Staaten aus. Nach verschiedenen Anläufen, die wachsende Familie in dem deutsch geprägten Pennsylvania zu ernähren, war er von 1826 bis Anfang der dreißiger Jahre Redakteur der deutschsprachigen Wochenzeitung 'Readinger Adler', dem Vorläufer des heutigen Reading Eagle. Außerdem gründete er zum Transport neu entdeckter Kohlevorkommen den Vorläufer der Reading Railroad. Diese frühe Eisenbahnlinie verband die kohlereichen Gebiete nördlich von Reading mit den Nachbarstädten bis nach Philadelphia. Während der acht Jahre in Amerika war List also Redakteur und Unternehmer, zudem mit dem politischen Amerika bestens vernetzt. Seine berühmte Philadalphia-Rede vor amerikanischen Handelsleuten und Fabrikanten enthielt bereits Grundsätze seiner späteren wirtschaftpolitischen Vorstellungen. Nach Deutschland kehrte List 1833 zurück. Ein Zeichen der Anerkennung durch die amerikanische Regierung war die Übertragung des US-Konsulats in Leipzig, Lists neuem Lebensmittelpunkt.
Die historische Verbindung zwischen Reutlingen und Reading über Friedrich List und seine Zeit in Übersee war wegbereitend für die Aufnahme von Gesprächen zwischen den beiden Städten im Jahr 1989. Im Jahr 1998 wurde die Städtepartnerschaft offiziell besiegelt und 2023 wird das Jubiläum zum 25. Jahrestag der Städtepartnerschaft gefeiert.