Impressionen aus Reutlingen

Amtseinsetzung von Oberbürgermeister thomas Keck 

- Es gilt das gesprochene Wort -


Im Rahmen einer feierlichen Gemeinderatssitzung in der Stadthalle fand die Amtseinsetzung von Oberbürgermeister Thomas Keck am Freitag, 5. April 2019 statt.
Nachfolgend die Rede von OB Keck zum Amtsantritt:



„Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
An keinem wie an einer Heimat hängen,
Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
Er will uns Stuf‘ um Stufe heben, weiten.
Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen;
Nur wer bereit zum Aufbruch ist und Reise,
Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.“

Mit diesen Zeilen aus den „Stufen“ von Hermann Hesse grüße ich Sie alle sehr herzlich, meine Damen und Herren, verehrte Gäste,  liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger.

Mir ist kein zweites literarisches Zeugnis bekannt, das mit so hoher Dichte und Gültigkeit das menschliche Leben und seine Phasen, die „Stufen“ des Lebens darstellt. Und ich habe mich gefragt, ob es denn möglich wäre und sinnvoll sein könnte, Hesses „Stufen“ auf eine ganze Stadt zu übertragen. Begreifen wir unsere Stadt in ihrer Gesamtheit als „homogenes Wesen“, so fallen uns im Zeitverlauf ebenfalls „Stufen“, fallen uns „Phasen“ auf, die unsere Stadt und die Gemeinschaft ihrer Bürgerschaft durchschreitet.

Unser Reutlingen hat eine große Geschichte. Die „freie Reichsstadt“, die von den Staufern das Marktrecht erhielt, war jahrhundertelang geprägt von ihrer zünftisch-demokratischen Verfassung und, einhergehend damit, mit großem Bürgerstolz, dem auch der verheerende Stadtbrand von 1726, in dem vier Fünftel des mittelalterlichen Reutlingen in Flammen aufgingen, nichts anhaben konnte.

Entsprechend schwer trug diese Gemeinschaft am Verlust der Reichsunmittelbarkeit im Jahre 1802. Und vor diesem Hintergrund ist es nicht verwunderlich, dass sich die selbstbewusste Reutlinger Bürgerschaft in der Revolution von 1848 besonders engagierte, was höchst negative Folgen für die württembergische Oberamtsstadt und  spätere „Hauptstadt des königlich württembergischen Schwarzwaldkreises“ hatte, insbesondere in puncto Verkehrswegeentwicklung, denn sie wurde durch königliches Dekret, zur Strafe, als letzte größere Stadt Württembergs an das Eisenbahnnetz angeschlossen; ein struktureller Nachteil, an dem wir heute noch zu kauen haben.

Zwei Weltkriege setzten unserer Stadt zu, der zweite, von den Nazis entfachte Weltenbrand, brachte großes Leid und Verheerungen auch über unsere Stadt. Der Wiederaufbau nach 1945 war eine gewaltige Leistung der damaligen Stadtgesellschaft und ich darf in diesem Zusammenhang auch an die große Leistung des legendären Nachkriegs-Oberbürgermeisters, Oskar Kalbfell, erinnern, dem es, unter anderem, zu verdanken ist, dass Reutlingen als einzige mittelgroße Stadt in Deutschland Gelder für den Wohnungsbau aus dem sog. „Marshall-Plan“ erhalten hat.

Der wirtschaftliche Strukturwandel von der reinen Textil- und Maschinenbau-Stadt bis zur „Hightech-Stadt wurde geschafft und wir sind, gemeinsam mit der Wirtschaft und der „Hochschule Reutlingen“, weiter auf gutem Wege!

Die Zeiten wurden schnelllebiger - ein Zustand, der andauert. Und wir sehen uns gewaltigen Umbrüchen in Gesellschaft und Wirtschaft gegenüber: „Digitalisierung“, „Industrie 4.0“ und „KI („Künstliche Intelligenz“) sind die Schlagworte. Weitere sind „Klimawandel und seine Folgen“,  „Mobilitätswende“ und „Wohnraumkrise“ bei anhaltendem Zuzugsdruck und steigender Geburtenrate, mit direkten Folgen für die Entwicklung der Kinderbetreuungseinrichtungen und der Schulen. Gleichzeitig ist und bleibt es unser Auftrag, auch weiterhin die
kulturelle Vielfalt in unserer Stadt zu fördern, ebenso wie den Sport, den Breiten-, wie den Spitzensport. Dies sind nur einige der großen Handlungsfelder, denen sich der 
„Organismus Stadt“ heute stellen muss.

Die Förderung unserer Wirtschaft, der Industrie, des Handwerks und des Einzelhandels müssen ebenfalls Hauptanliegen sein, denn es ist eine florierende heimische Wirtschaft, die unser aller Wohlstand garantiert! Jedoch, - und dies muss uns allen klar sein: Wer etwas für die Wirtschaft tun will, darf sein Tun und Handeln nicht  ausschließlich auf die Wirtschaft beschränken. Er muss etwas für die Umwelt tun, muss dafür sorgen, dass die „natürlichen Lebensgrundlagen der Menschen“ bewahrt werden, was wir heute mit dem Begriff „Nachhaltigkeit“ beschreiben.

Wirtschaft braucht „bezahlbaren Wohnraum“ Attraktivität für Familien, die hier adäquat arbeiten und leben möchten, deren Kinder hier aufwachsen sollen. Deshalb braucht Wirtschaft „Bildung“, genauso wie ein kulturell vielschichtiges Angebot. Und schließlich braucht jede Form von wirtschaftlicher Produktivität „sozialen Frieden“! In einer Sozialpartnerschaft muss es fair zugehen; Zukunft kann nur das haben, was allen nützt!

In unserer Gesellschaft brodelt es. Woher kommt der Unmut der Menschen, der einerseits dazu führt, dass sich Menschen enttäuscht und frustriert von der Politik abwenden oder aber radikalen politischen Kräften zuwenden?

Wenn wir uns vor Augen halten, dass 40% aller Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer heute gegenüber 1995 Reallohnverluste erlitten haben, dann wird deutlich, woher der Unmut, der Frust der Menschen rührt. Wir brauchen bezahlbare Wohnungen, höhere Mindestlöhne und effektive Systeme gegen Altersarmut. In Deutschland sind 11 Millionen Menschen im Niedriglohnsektor beschäftigt, die in 10 bis 15 Jahren ins Rentenalter kommen, ohne dann Rentenansprüche zu haben. Wer zahlt denn für diese Menschen das Wohngeld? Der „soziale Tsunami“, der hier auf uns zukommt, wird die Kommunen mit voller Wucht treffen, weil sie, wie stets, das „letzte Glied in der Kette“ und den Menschen 
am nächsten sind.

Meine Damen und Herren, „Suchet der Stadt Bestes“, wie es der Prophet Jeremia (29:7) sagt, ist zu allen Zeiten die ehernste Aufgabe eines Bürgermeisters; dies ist sein Grundauftrag und darauf wird er vereidigt. Auch in der zünftisch-demokratischen Verfassung, die ja in der „freien Reichsstadt“ Reutlingen mehrere hundert Jahre lang gegolten hat, wurde der Amtsbürgermeister auf diesen Kern-Grundsatz vereidigt. Es war in der Reichsstadt aber zudem üblich, der Vereidigung des neuen Amtsbürgermeisters einen Eid der gesamten Bürgerschaft in gleicher Richtung folgen zu lassen. Die Bürgerschaft wurde so quasi „ins Boot geholt“ und verpflichtete sich ebenfalls, sich für das „Stadtwohl“ einzusetzen. 

Ein schönes Bild, wie ich meine, das die „Notwendigkeit zur Gemeinsamkeit“ deutlich macht, wenn ein Gemeinwesen funktionieren soll. „Bürgerschaftliches Engagement“ existiert in unserer Stadt heute in vielfältigster Weise. Viele Errungenschaften unserer Stadtgesellschaft wären ohne das ehrenamtliche Engagement vieler gar nicht existent, geschweige denn am Leben zu erhalten. Deshalb tun wir gut daran, dieses System der gegenseitigen Unterstützung der „Solidargemeinschaft Stadt“ nach Kräften zu pflegen und zu fördern. Damit der „ lebendige Organismus Stadt“ weiterhin funktioniert und möglichst alle Menschen mitnimmt.

Meine Damen und Herren, der Gemeinschaftsgedanke spielt in meinem Leben eine große Rolle. Ich bin ein „klassischer Ehrenamtler“, der weiß, wie wenig einer allein und wie viel viele zusammen zu Wege bringen können. Daran will und werde ich mich auch als Oberbürgermeister halten. Ich sehe mich als „Primus inter Pares“, als „Erster unter Gleichen“ mit
meinen Bürgermeisterkollegen der einzelnen Dezernate, Frau Erste Bürgermeisterin Hotz, Herrn Bürgermeister Hahn und Herrn Bürgermeister Kreher und ich freue mich auf die Zusammenarbeit mit ihnen allen. Und auch dem Gemeinderat will und werde ich ein fairer und zugewandter Partner sein, auf Augenhöhe!

Ebenso zuwenden will ich mich den fast 2.500 Menschen, die bei der Stadt Reutlingen und ihren Tochterunternehmen arbeiten. Ich will, einerseits, versuchen, mit möglichst vielen von ihnen zu sprechen, was einige Zeit dauern wird, und, andererseits, aber auch ansprechbar für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu sein und es zu bleiben, denn sie sind ein großes Kapital, das es, im Sinne des Gemeinwesens, zu nutzen, aber auch zu schützen und zu bewahren gilt!

Meine Damen und Herren, ich kann heute Abend nicht hier oben vor Ihnen stehen, ohne die Frau direkt anzusprechen, die diese Amtskette vor mir getragen hat, ganze 16 Jahre lang!
Liebe Frau Bosch, am vergangenen Montag sind Sie hier in unserer schönen Stadthalle, die zu einem ganz großen Teil auch „Ihre“ Halle ist, mit einer bewegenden Feier verabschiedet worden.
Es gibt nun zwei Möglichkeiten:
1. Ich beginne mit der ausführlichen Würdigung unserer ehemaligen
    Oberbürgermeisterin, was jedoch bedeuten würde, das die 
    Häppchen draußen Haare bekämen, bis ich fertig wäre
oder
2. Ich sage: Liebe Frau Bosch, Ihre Verdienste um unsere Stadt
    Reutlingen sind herausragend.

Es ist eine große Ehre für mich, Ihr Nachfolger sein zu dürfen und ich bin glücklich, liebe Frau Bosch, dass Sie mir zugesagt haben, mir Ihren guten Rat, wenn ich ihn brauche, nicht zu versagen.

Ich denke, ich wähle Möglichkeit Nummer 2 und rufe Ihnen zu:
„Chapeau, Barbara Bosch!“ Ihnen und Ihrem lieben Mann Friedemann Kuhn alles erdenklich Gute für die Zukunft!

Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger, es ist mir eine große Ehre, Ihr Oberbürgermeister, der Oberbürgermeister meiner geliebten Heimatstadt Reutlingen sein zu dürfen. Ich werde mein Amt mit stolz, aber auch mit der gebotenen Demut ausüben und mich mit aller Kraft bemühen, meinem geleisteten Amtseid gerecht zu werden!
Entsprechend der Tugendtafel des Dominikaners, Theologen und  Philosophen des 13. Jahrhunderts, Thomas von Aquin, werde ich mich bemühen,
  • das Wahre zu erkennen und zu verstehen;
  • das Zweckmäßige zu tun;
  • das konkret Richtige zu erkennen und in Angriff zu nehmen;
  • Jedem das Seine zuzuerkennen, also gerecht zu handeln,
  • und die Furcht zu überwinden und die Waghalsigkeit einzudämmen, also stets das richtige Maß anzustreben.
Ich schließe, wie ich begonnen habe, mit den „Stufen“ von Hermann Hesse:

„Wie jede Blüte welkt und jede Jugend
Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,
Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.
Es muß das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
In andre, neue Bindungen zu geben.
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.“

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!

Stadt Reutlingen

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