Impressionen aus Reutlingen

Feierliche Verabschiedung von Oberbürgermeisterin Barbara Bosch
am    1. April 2019 in der Stadthalle Reutlingen

- Es gilt das gesprochene Wort -

Ansprache von Oberbürgermeisterin Barbara Bosch


Sehr geehrte (stellvertretend)
-       Frau Staatsministerin Schopper
-       Frau EBM Hotz
-       Herrn Stadtrat Treutlein
-       Herrn Regierungspräsident Klaus Tappeser
-       Herrn Bürgermeister Ives Nicolin
-       meine Damen und Herren
 
„Leider lässt sich eine wahrhafte Dankbarkeit mit Worten nicht ausdrücken.“
Das erkannte schon Johann Wolfgang von Goethe. Trotzdem will ich es versuchen. Weil ich nach 16 Jahren im Amt als Oberbürgermeisterin von Reutlingen viele Gründe habe, Dank zu sagen – und nach dem heutigen Abend und den Ansprachen ohnehin.
 
Ich danke den Rednerinnen und den Rednern für ihre Wertschätzung und das Lob, dass sie mir zugedacht haben. Sie haben in einem Rückblick auf meine Amtszeit so viel Positives zusammen getragen, dass es dringend Not tut, das eine oder andere zurecht zu rücken. Kommunalpolitik ist immer Teamarbeit, innerhalb des Rathauses, aber auch darüber hinaus, und deshalb liegt es nun an mir, meinen Dank zu überbringen.
 
Zu allererst danke ich den Bürgerinnen und Bürgern unserer Stadt Reutlingen.
Nicht nur, weil sie mir in zwei Wahlen mit einer hohen Zustimmung meine Amtseinsetzung und -fortführung überhaupt ermöglicht haben – das natürlich auch. Vor allem aber bin ich aufrichtig dankbar dafür, dass ich mich in diesen 16 Jahren von Vielen in der Bürgerschaft getragen und begleitet gefühlt habe. Ich meine damit nicht die bedingungslose Zustimmung zu allem, was ich initiiert oder getan habe. Ich meine eine vertrauensvolle, gedankliche Begleitung meiner Arbeit, aufmerksam, wohlwollend, aber nicht unkritisch.
 
Ich habe diese Zuwendung immer wieder gespürt, oftmals auch im direkten Gespräch, und sei es nur kurz beim Gang durch die Wilhelmstraße.
 
Dieses aufgenommen und verankert Sein in der Bürgerschaft war für mich in allen Jahren die größte Motivation, mein Amt, fleißig und engagiert, mit anderen Worten so gut wie möglich auszuüben.
 
Die gewählte Volksvertretung und oberstes Organ der Stadt ist der Gemeinderat. Frau Erste Bürgermeisterin Hotz hat in meiner letzten Sitzung aufgezählt, wie viele es waren und wie viele tausend Vorlagen in meiner Amtszeit durch die Verwaltung erstellt und über meinen Schreibtisch an den Gemeinderat gegangen sind. Ich habe großen Respekt vor dem Engagement für ein politisches Mandat als Stadtrat oder Stadträtin, für die Bereitschaft, Verantwortung für die gesamte Stadt zu übernehmen, was nicht nur zeitlich eine große Beanspruchung darstellt. In ähnlicher Form gilt dies auch für die Mitglieder der Bezirksgemeinderäte und der weiteren kommunalpolitischen Gremien wie dem Integrations- und Jugendgemeinderat. In einer Zeit, in der zunehmend unverblümt und lautstark Egoismen vertreten werden, ist es nicht einfacher geworden, hinzustehen, Rückgrat zu zeigen und das Wohl für die gesamte Stadtgesellschaft abzuwägen. Der Trend zur Aufgeregtheit hat sich in den letzten Jahren erkennbar gesteigert und wird durch die elektronischen Medien wie in einer Echokammer verstärkt.
 
Ich danke allen Stadträtinnen und Stadträten, die sich dieser Verpflichtung auf das Wohl der Stadt immer wieder gestellt haben, auch wenn dies oft ein Ringen um die richtige Lösung ist. Auch im Gemeinderat haben wir oftmals kontrovers diskutiert, das darf und muss in der Demokratie sein. Ich habe mich gefreut, dass wir trotzdem immer wieder in der Nachsitzung um einen Tisch versammelt sein konnten. So stärkt man Demokratie, und dafür herzlichen Dank.
 
Dazu gehört eine Rathaus-Mannschaft, die zu einem steht und es zu schätzen weiß, dass wir gemeinsam für ein sehr hohes Gut arbeiten: das Wohl der Stadt und der Menschen, die in ihr leben. Ich bedaure, dass es die Arbeitsdichte, von einem Termin zum nächsten eilend, viel zu selten zugelassen hat, dass ich zum Telefonhörer gegriffen oder eine Mail geschickt habe, um für eine gute Vorbereitung, eine gute Zuarbeit zu danken.
 
Deshalb bedanke ich mich hier in aller Öffentlichkeit bei den Beschäftigten der Stadtverwaltung Reutlingen für die viele gute Arbeit, die geleistet worden ist. Und denke gern zurück an viele Gelegenheiten, einmal geschwind auf dem Flur oder bei einer mittäglichen Kaffeepause ein paar Worte zu wechseln und humorvoll die ein oder andere Episode zu kommentieren.
 
Der Dank geht in diesem Zusammenhang ausdrücklich an meine drei Dezernentenkollegen, Frau EBM Hotz, Herr BM Hahn und Herrn BM Kreher.
Frau Hotz war schon im Amt, als ich kam, und Herr Hahn folgte ein knappes Jahr darauf. Wir kennen und schätzen uns also schon lange, verbringen viele Stunden in der Woche miteinander. Inzwischen toppen wir drei locker die Statistik der durchschnittlichen Ehedauer in Deutschland. Wir kennen unsere Stärken, aber auch unsere Macken, gehen uns wie in jeder guten Ehe manchmal auf die Nerven, ziehen aber zumeist an einem Strang und lachen immer wieder herzhaft miteinander, manchmal sogar übereinander.
Ich werde ganz sicher an den Mittwochvormittagen hin und wieder daran denken, dass Sie jetzt in unserer wöchentlichen Dienstbesprechung sitzen und der Kampf um die abgezählten Laugenhörnchen auf dem Tisch „tobt“.
 
Einen ganz großen Dank möchte ich meinem persönlichen Stab im OB-Büro aussprechen: Frau Neumeister, Frau Tröster, Frau Ruoff, Tobias und Thomas Hauser, Frau Traub, Frau Föll und Herrn Kimmerle, und will noch an die Vorgänger Herrn Stöhr und Frau Tessmann erinnern. Mein Nachfolger kann sich glücklich schätzen, eine so treue, loyale und bienenfleißige Truppe zu haben, die sich komplett mit ihrer Aufgabe identifiziert und ihre Chefin nie im Regen stehen gelassen hat – weder im Büro noch bei der umsichtigen Beförderung mit dem Dienstwagen.
 
Lieber Herr Keck, ich lege Ihnen diese Mannschaft ans Herz, behandeln Sie sie gut, dann geht sie mit Ihnen durch dick und dünn.
 
Reutlingen stünde heute nicht so gut da, hätten wir nicht engagierte Unternehmen und Betriebe. Bei vielen Firmenbesuchen, auch während meiner Stadtteilbegehungen, konnte ich mir davon ein Bild machen. Mit den Kammern gibt es eine enge und konstruktive Zusammenarbeit. Bei allen bedanke ich mich herzlich.
 
Den Kirchenvertretern bin ich für die vertrauensvolle und auch sehr persönliche Zusammenarbeit sehr dankbar. Viele Ziele, nach denen wir streben, sind deckungsgleich: eine humane Gesellschaft, in der die Würde des Menschen unantastbar bleibt.
 
Ein absoluter Aktivposten sind die in den Vereinen, Initiativen und Verbänden engagierten Bürgerinnen und Bürger unserer Stadt. Es ist beeindruckend, was hier vorangebracht, entwickelt und dargeboten wird. Ich denke an die sehr große Zahl ehrenamtlich tätiger Menschen, aber auch an jene, die sich hauptamtlich in wichtigen gesellschaftlichen Bereichen einbringen. Ein beeindruckender Querschnitt ist heute hier versammelt.
 
Ich scheide aus dem Amt mit einem großen Stolz auf das, was in unserer Stadt hierbei geleistet wird. Die Städte sind das Fundament unseres Staates. Demokratie wird vor Ort erlebbar. Gesellschaftliche Entwicklungen nehmen in den Städten ihren Ausgang, sie sind immer ein Testfall und Beschleuniger für diese. Hier werden Herausforderungen für die moderne Gesellschaft schneller sichtbar.
Städte sind aber auch ein Ort von Gemeinsamkeit und Vielfalt, wo Anderssein zum Strickmuster gehört. Das funktioniert nur mit Respekt und Toleranz.
 
Wenn Fehlentwicklungen auftreten, so merkt man das aufgrund der Vielfalt in der Bevölkerung zuerst in den Städten. Toleranz darf allerdings nicht mit Laissez faire verwechselt werden. Überall dort, wo unsere Grundwerte einer humanistischen und demokratischen Gesellschaft zum Beispiel durch andere Lebenskonzepte in Frage gestellt werden, dürfen wir nicht weichen und müssen klar Position beziehen. Meinungsfreiheit, Kunstfreiheit, Religionsfreiheit gelten auch in Reutlingen, aber auf der Basis eines gemeinsamen, aus dem Grundgesetz heraus definierten Wertekanons.
 
Das Wunderbare an Kommunalpolitik ist, dass es hierbei ganz konkret zugeht. Ich freue mich sehr über die Anwesenheit so vieler Kollegen und Kolleginnen aus der kommunalen Familie – aus der Region, in der uns teilweise eine seit vielen Jahren interkommunale Partnerschaft verbindet, von Seiten des Städtetags Baden-Württemberg, sowie aus Karlsruhe und meiner „alten Heimat“ Fellbach. Stellvertretend für Sie alle will ich den Kollegen OB Palmer ansprechen. Unsere Städte Tübingen und Reutlingen sind sehr unterschiedlich und ergänzen sich sehr gut, auch wir beide sind unterschiedliche Persönlichkeiten. Was uns beide eint, ist der Humor. Ich danke Ihnen und allen anderen aus der Kollegenschaft für die wertschätzende Zusammenarbeit. Herr Palmer hat mir sogar die Augen geöffnet. Erst durch ihn bin ich jetzt am Ende meiner Amtszeit darauf aufmerksam geworden, dass ich überhaupt keinen Dienstausweis besitze.
 
Bundespräsident Frank Walter Steinmeier hat vor einigen Tagen in einer Rede in Berlin gesagt, „Die Zersetzung der Vernunft ist der Anfang der Zersetzung der Demokratie. …Vernunft hat nicht gerade Konjunktur.“ Im politischen Diskurs in Deutschland, aber auch „auf der anderen Seite des Atlantiks und in vielen Gesellschaften weltweit“ finde sich eine „sentimentale Rohheit“ (Thomas Mann).
Er fragt sich: „Woraus speist sich der grassierende Verlust an Vernunft? Was treibt die wütende Sehnsucht nach Sündenböcken?“
 
Um dem in Europa und in der Welt entgegen zu wirken, sind Städtepartnerschaften ein probates Gegenmittel. Hier findet Völkerverständigung und damit gelebte Toleranz ganz konkret zwischen den Menschen statt, und zwar schon von jung auf, beginnend mit den Schüleraustauschen. Ich bin für die Erfahrungen, die in 16 Jahren Zusammenarbeit mit unseren Partnerstädten machen durfte, überaus dankbar. Sie waren auch ganz persönlich eine Bereicherung, weshalb ich mich kurz an die Delegationen aus sechs Partnerstädten und einer Städtefreundschaft in deren Landessprache wenden möchte.
 
Bei Aarau und Prina fällt dies noch sehr leicht. Lieber Dr. Marcel Guignard, Sie haben als langjähriger Stadtpräsident die Partnerschaft intensiv begleitet. Zwischen Aarau und Reutlingen besteht eine weit in die Bürgerschaft hinein verankerte, sehr herzliche Freundschaft, für die ich sehr dankbar bin. Wir verstehen uns nicht nur, ohne zu reden, sondern sogar dann, wenn wir miteinander reden. Mein Besuch beim Maienfest wird mir immer in Erinnerung bleiben.
 
Lieber Kollege Oberbürgermeister Hanke, unsere Städtefreundschaft ist in Folge des Mauerfalls entstanden und längst in den Normalzustand einer sehr herzlich und freundschaftlichen Verbindung übergegangen. Pirna ist uns ans Herz gewachsen, und die gegenseitigen Besuche bei diversen Veranstaltung bestätigen das Fundament unserer Freundschaft. Vielen Dank ganz persönlich Ihnen hierfür.
 
-        Ellesemere Port und Reading
-        Roanne und Bouaké
-        Szolnok
 
Bedanken möchte ich mich ausdrücklich bei allen, die heute das Programm dieser feierlichen Verabschiedung bereichern. Eine Stadt kann sich glücklich schätzen, eine so schwungvolle und musikalisch versierte Stadtkapelle zu haben, ein Naturtheater, das Unterhaltung und ernste Anliegen erfolgreich jedes Jahr verbindet, und eine Württembergische Philharmonie Reutlingen, die unter dem – inzwischen dritten in meiner Amtszeit – Chefdirigenten Fwazi Haimor ein kulturelles Aushängeschild Reutlingens über Baden-Württemberg und Deutschland hinaus ist. Ich danke dem Moderator Helge Thun für sein Zutun zum Abend.
 
Ich bedanke mich bei den Vertretern der Medien, die ihren Beitrag zu unserer Demokratie durch eine professionelle Berichterstattung über Kommunalpolitik leisten. Ich weiß, dass die Rahmenbedingungen ihrer Arbeit schwieriger geworden sind, und schätze es deshalb umso mehr, wenn Qualitätsjournalismus geliefert wird. Im Übrigen verweise ich auf Manfred Rommel, von dem die Einschätzung stammt:
„Die Verhältnisse sind dort am besten geordnet, wo die Journalisten alles schreiben können, was sie wollen, und wo sie Politiker nicht alles machen, was die Journalisten schreiben.“
 
Einen ganz besonderen Dank an zwei Menschen möchte ich an den Schluss stellen.
Ich bedanke mich bei einer unbekannten Person und deren Angehörigen für die Entscheidung, Organspender zu sein. Mein Mann wäre heute nicht unter uns, und ich würde als Witwe zu Ihnen sprechen, wenn er nicht die Lunge eines anderen Menschen bekommen hätte.
Es gab bereits viele – erfolglose – politische Diskussionen zum Thema Organspende, und ganz aktuell hat Bundesminister Spahn eine solche wieder aufgerufen. Ich wünsche allen verzweifelten kranken Menschen, die dringend auf ein Spenderorgan angewiesen sind, dass ihnen möglichst bald geholfen werden kann.
 
Der größte persönliche Dank geht an meinen Mann Friedmann Kuhn. Man muss niemandem in vergleichbaren Positionen wie der meinen erklären, wie unabdingbar wichtig ein guter und verlässlicher Partner oder eine Partnerin ist. Es geht dabei um banale Dinge wie die alltäglichen Verrichtungen, es geht darum, einfach nur da zu sein, wenn das Überlaufventil geöffnet wird, es geht darum, auch Schweigen zu ertragen, wenn etwas in einem arbeitet. Es geht darum, mit Ausnahme des Urlaubs, die Mehrzahl der Abende und ein Gutteil aller Wochenenden allein, jedenfalls ohne mich zu verbringen. Lieber Frieder, du hast nicht ein einziges Mal in den 22 Jahren, weil das Bürgermeisteramt in Fellbach in diesem Fall hinzu zu zählen ist, auch nur andeutungsweise einen Vorwurf formuliert, warst immer für mich da, eine sichere Bank. Und das, obwohl du dich selbst krankheitsbedingt immer wieder in einer ganz schwierigen Situation befunden hast. Die Sorge, wie viele gemeinsame Jahre uns noch bleiben, begleitet uns – aber sie kann unsere Zuversicht nicht bremsen.
Mein geliebter Frieder, Reutlingen verdankt dir mehr als es weiß. Ich danke dir von Herzen.
 
Lieber Herr Keck, ich wünsche Ihnen als mein Nachfolger viel Freude am und im Amt und viel Erfolg und Gottes Segen.
„Suchet der Stadt Bestes“, rät uns Jeremia im Alten Testament. Wir haben uns in Reutlingen nicht nur darauf beschränkt, zu suchen, sondern hin und wieder auch zu finden. Dass dies zum Wohl der Stadt weiterhin gelingen möge, das wünsche ich Ihnen.
 
Unserer – meiner – Stadt Reutlingen wünsche ich sozialen Frieden und eine erfolgreiche Stadtentwicklung. Ich trage zum letzten Mal diese Amtskette und trete in wenigen Stunden zurück in das Glied aller Bürgerinnen und Bürger. Demokratisch konstituierte Macht ist immer nur geliehene Macht, dass wusste ich von Anfang an. Ich habe meine Arbeit als Oberbürgermeisterin gerne und aus Überzeugung gemacht. Nun freue ich mich auf mehr Zeit mit meinem Mann und der Familie, darauf, dass ich Dinge tun kann, die über zwei Jahrzehnte kaum mehr möglich waren: ins Kino oder in die Oper gehen, spontan einen Tagesausflug oder eine Fahrradtour machen, Freunde treffen, oder einfach nur an einem lauen Sommerabend zuhause auf der Terrasse ein Glas Rosé trinken. Ich freue mich auf mein Ehrenamt im Deutschen Roten Kreuz, mit über 45.800 aktiven ehrenamtlichen Mitgliedern die größte Organisation dieser Art in Baden-Württemberg.
 
Die wichtigste Währung für das Amt eines Oberbürgermeisters ist das Vertrauen der Bürgerschaft. Ich danke Ihnen für Ihr Vertrauen in den zurück liegenden 16 Jahren.
Und seien Sie versichert: Mein Herz schlägt weiter für diese Stadt und ihre Menschen.
 
Herzlichen Dank, dass Sie sich heute Abend Zeit für meine Verabschiedung genommen haben. Alles Gute.

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