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Geschichtsblätterband 2017 (NF 56) zum Reformationsjubiläum


Reutlinger Geschichtsblätter 2017_UmschlagIm Mittelpunkt des eben erschienenen 56. Bandes der Reutlinger Geschichtsblätter steht das große Reformationsjubiläum im vergangenen Jahr. Bekanntlich zählte Reutlingen zu den ersten Reichsstädten im deutschen Südwesten, die sich dem neuen Glauben zugewandt hatten. Eine komplizierte Gemengelage aus politischen Verwerfungen und sozialen Konflikten, schließlich das Ringen um den rechten Glauben erforderten damals Umsicht, Mut und Entschlossenheit von Bürgern und Obrigkeit. Vielfach wurde Reutlingens besondere Rolle als „kleines Licht“ – so der Reformationshistoriker Johann Georg Beger – hervorgehoben. In entscheidender Stunde hatte sich Reutlingen als einzige Reichsstadt dem ungleich mächtigeren Nürnberg angeschlossen und 1530 das für den Protestantismus in Deutschland grundlegende Augsburger Bekenntnis unterzeichnet. In der zwar schlecht verbürgten, aber immerhin denkbaren Frage wandte sich denn auch der erstaunte Luther an den landeskundigen Philipp Melanchthon: „Was ist das für eine Stadt?“. Doch auch handfestere Quellenzeugnisse unterstreichen die Sonderrolle Reutlingens: Markgraf Philipp von Baden äußerte sich als Statthalter des Kaisers kurz nach dem als „schwäbisches Worms“ berühmt gewordenen Verhör Matthäus Albers in Esslingen höchst besorgt über die Fortschritte der „lutherischen Sache“ im Reich und nannte als Beispiele dafür Magdeburg, Straßburg – und eben Reutlingen. 
 
Die bemerkenswerte und bis heute prägende Reformationsgeschichte der Stadt war somit für den Geschichtsverein und das Stadtarchiv Anlass genug, eine Tagung zum Thema auszurichten, zu der die Stuttgarter Landeshistorikerin Professor Dr. Sabine Holtz als Kooperationspartnerin gewonnen werden konnte. Die Vorträge dieser Tagung liegen nun mit dem neuen Geschichtsblätterband 2017 vor. Sie geben Einblick in aktuelle Fragen der Forschung und in eine zeitgemäße Bewertung der für uns heute so fernen Reformationsepoche. Junge Forscher kommen darin ebenso zu Wort wie bewährte Fachleute. Sabine Holtz berichtet einführend über „Die Reichsstadt Reutlingen zwischen reformatorischem Bekenntnis und kaiserlicher Loyalität“, Stadtarchivar Roland Deigendesch beschreibt „Reutlinger Kleriker vor der Reformation“. Weiteren Themen der vorreformatorischen Zeit widmen sich Tjark Wegner (Reichsstädtische Bettelordensklöster) und Melanie Prange (Kirchliche Kunst am Ende des Mittelalters und in der frühen Reformation). Uta Dehnert untersucht die Geschichte der Täufer in Reutlingen um 1527/28 und Irmtraud Betz-Wischnath beschreibt mit dem Zwiefalter Klosterhof und seiner Kapelle einen permanenten Konfliktherd zwischen der katholischen Abtei und der evangelischen Reichsstadt.
 
Über die Tagungsbeiträge hinaus enthält der Band den Schiedweckenvortrag des Vorjahres von Dr. Wilhelm Borth über „Die Reformationszeit als identitätsstiftender Höhepunkt der Reutlinger Stadtgeschichte“. Er beleuchtet vor allem die Reformationsjubiläen des 17. bis 19. Jahrhunderts unter ihren jeweiligen zeitgeschichtlichen Bedingungen. Ebenfalls in nachreformatorische Zeit führt der Beitrag von Dr. Martina Schröder zu dem jüngst neu erworbenen „Musikbecher“ im Reutlinger Heimatmuseum. Der Besitzgang dieses Prunkpokals von 1625 ist eng mit der jüngeren deutschen Geschichte verwoben. Martina Schröder schildert kenntnisreich die Vorgeschichte des Erwerbs, beschreibt den Pokal kunsthistorisch und sorgt für seine stadtgeschichtliche Einordnung. Außerhalb des Themenschwerpunkts zur Reformation enthalten die Geschichtsblätter die lange schon geplante neunte und letzte Folge der „Neue(n) Funde zu Friedrich List“ von Professor Dr. Volker Schäfer, eine für die Listforschung überaus wichtige Serie, die in dieser Zeitschrift 1989 ihren Anfang nahm.

Ein umfangreicher, wiederum in Teilen die Reformationszeit berührender Besprechungsteil zu neueren orts-, regional- und landesgeschichtlichen Veröffentlichungen beschließt diesen vom Stadtarchiv und dem Reutlinger Geschichtsverein (Redaktion: Roland Deigendesch). gemeinsam herausgegebenen Jahresband. Das Buch hat 360 Seiten sowie zahlreiche, teils farbige Abbildungen. Es kostet 23,00 € und ist im Stadtarchiv und im örtlichen Buchhandel erhältlich.
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Redakteur / Urheber
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