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Buchgeschichte und mehr: Reutlinger Geschichtsblätter erschienen


Den Einstieg liefert Gerd Brinkhus aus Mainz zu „Buchgewerbe in Reutlingen im 15. Jahrhundert“. In neuem Licht erscheint hier das einstige Franziskanerkloster, das sich am Ort des heutigen Friedrich-List-Gymnasiums befand und eine wichtige Stätte der Buchkultur mit Schreiber- und Einbandwerkstatt war. Gleich zwei Beiträge befassen sich im Anschluss mit dem in Reutlingen geborenen Drucker Erhard Öglin (um 1470–1520), der mit seinen frühen Notendrucken in die Annalen der Buchgeschichte eingegangen ist. Aus Anlass seines 500. Todestages in diesem Jahr legt die Musikhistorikerin Nicole Schwindt die Ergebnisse ihrer Forschungen zu den Notendrucken Öglins vor, der Münchner Germanist Gerhard Hölzle beleuchtet das Gesamtprogramm der Druckwerkstatt Öglins.

Den Abschluss des Themenschwerpunkts bildet der Schiedweckenvortrag 2019 aus der Feder von Stefan Knödler über den Reutlinger Volksbuchdruck um 1800. Der Verfasser, der selbst aus einer Reutlinger Verleger- und Buchhandelsfamilie stammt, geht auf die Ursprünge der weit verbreiteten, populären Kalender, Schauergeschichten sowie Liebes- und Abenteuerromane aus Reutlingen ein, ruft die vielgescholtenen „Raubdrucker“ aus der ehemaligen Reichsstadt in Erinnerung und bietet obendrein einen spannenden Einblick in die Lieblingslektüre Ludwig Uhlands und anderer Vertreter der schwäbischen Romantik.

Auch drei weitere Beiträge der gemeinsam von Reutlinger Geschichtsverein und Stadtarchiv herausgegebenen Geschichtsblätter widmen sich kunst- und kulturhistorischen Themen. Im Nachgang zur viel beachteten Ausstellung des Heimatmuseums „Figuren des Heils“ über spätgotische Kunst in Reutlingen im Jahr 2009 teilt Peter Maier seine Überlegungen über Herkunft und Schicksal eines schon damals mit der Reichsstadt in Verbindung gebrachten mittelalterlichen Flügelaltars mit. Die Reutlinger Kunsthistorikerin Daria Stelzer beschäftigte mit den Porträts des Malers und Holzschneiders Wilhelm Laage (1868–1930). Das Thema führt nicht zuletzt zu einem kunstaffinen Zirkel der Jahre vor und nach dem Ersten Weltkrieg in Reutlingen, rückt aber ebenso das Stadtbild als Gegenstand des Wahl-Reutlingers ins Bewusstsein.

Aus einem Geschichtsvereinsvortrag ging der Beitrag von Bärbel Schwager über die 1935 bis 1936 erbaute Reutlinger Christuskirche hervor. Durch die Beschäftigung mit dem Kirchenbau des Architekten Hannes Mayer ergaben sich nicht nur neue kunst- und architekturhistorische Erkenntnisse, sondern auch Einblicke in stadtplanerische Aspekte der Tübinger Vorstadt. „Hohe bauliche Qualität vieler baulicher Details“, so das Fazit der Autorin, verdienen alle Wertschätzung für ein Bauwerk, das einen überaus beachtlicher Bestandteil im Oeuvre des Architekten darstellt, der damals noch ganz am Beginn seiner Karriere stand.

Stadtplanung ist auch ein Stichwort für den abschließenden Beitrag aus der Feder des früheren Reutlinger Baubürgermeisters Professor Werner W. Köhl über die Hintergründe der Reutlinger Stadtentwicklung in den Jahren nach 1945. Auch er geht auf einen Vortrag des Geschichtsvereins zurück und sorgt für eine Anbindung dieses Geschichtsblätterbandes an den derzeitigen 75. Jahrestag des Kriegsendes 1945. Besprechungen neuerer orts-, regional- und landeskundlicher Bücher runden den Band ab, der im Buchhandel und im Stadtarchiv Reutlingen zu haben ist.

Reutlinger Geschichtsblätter NF 58 (2019), hrsg. von Stadtarchiv und Reutlinger Geschichtsverein (Redaktion: Roland Deigendesch). 271 S., zahlreiche, teils farbige Abbildungen. Leinen mit Schutzumschlag,
Preis: 20,00 Euro. ISSN 0486-5901.
 

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