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Schon vor über 100 Jahren elektrisch unterwegs


Das Reutlinger Stadtarchiv bietet einen Einblick in die frühe Phase der Elektromobilität und in die Automobilgeschichte der Stadt, die vom ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts bis zu den Sonderanfertigungen der Karosseriefabrik Erhard Wendler reicht. Die historischen Fotografien sind auf auf www.reutlingen.de/fotogalerie zu sehen.

Inzwischen sind weit mehr als 100 Jahre vergangen, seit das erste Automobil durch Reutlingen fuhr. Fabrikanten und Ärzte waren in Reutlingen mit die Ersten, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts den Wechsel von der Pferdekutsche zum Automobil vollzogen. Sie verfügten entweder über die finanziellen Möglichkeiten oder waren, beispielsweise darauf angewiesen, Patienten im weiteren Umkreis zu betreuen. Um 1911 waren 32 Autos in der Stadt zugelassen, 19 davon fuhren Fabrikanten. Außerdem waren acht Lastkraftwagen und 17 Motorräder in Reutlingen unterwegs. Während sich zunächst viele ein Auto aus finanziellen Gründen nicht leisten konnten, wurde in den 1920er Jahren durch neue, kleinere Modelle zumindest für Selbständige und Firmen eine eigene Motorisierung möglich.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts hatten Elektroautos einen höheren Anteil am Autobestand als benzinbetriebene Fahrzeuge. Durch das notwendige Aufladen der Batterie war der Aktionsradius allerdings recht eingeschränkt. In Reutlingen hatten 1911 nach aktuellen Erkenntnissen immerhin vier der zugelassenen Autos einen Elektroantrieb, das entspricht einem Anteil von über zwölf Prozent. Zum Vergleich: Anfang 2019 betrug der Anteil 0,2 Prozent. So fuhren die Fabrikanten Gustav Wagner und Konrad Gminder Elektroautos der Firma Tribelhorn aus Feldbach in der Schweiz. Diese hatte sich ausschließlich auf die Anfertigung von Fahrzeugen mit Elektroantrieb spezialisiert. Übrigens gab es bei Tribelhorn schon im Jahre 1911 ein Elektroauto mit Benzin-Range-Extender – was uns heute von den Autoherstellern als neuester Stand der Technik angepriesen wird.

Der Textilfabrikant Konrad Gminder benutzte seinen Tribelhorn auch für die Fahrten zur Filiale in das etwa 14 Kilometer entfernte Neckartenzlingen. Überliefert ist, dass die Ladung der Akkus für die einfache Strecke gerade so gereicht haben soll. Im Werk Neckartenzlingen mussten sie für die Rückfahrt wieder aufgeladen werden. Dies war sicher der hiesigen Topografie geschuldet, denn unter günstigen Bedingungen hatten die Elektroautos von Tribelhorn eine Reichweite von bis zu 40 Kilometern.
Gustav Wagner nutzte seit 1910 neben einem herrschaftlichen Tribelhorn-Double Phaeton auch ein zweisitziges Auto der Modellreihe 1. Zwar nur maximal 30 km/h schnell, waren die Elektroautos zu dieser Zeit in der Einfachheit und Zuverlässigkeit den Benzinfahrzeugen noch weit überlegen. Selbst im strengsten Winter war ein Elektroauto, geladene Batterien vorausgesetzt, sofort fahrbereit.
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