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Findbuch zum Bestand "Zeugniskonzeptbücher 1838-1859" online


Wilhelm Grathwohl war von 1845 bis 1867 Reutlingens Stadtoberhaupt gewesen. Auch hat er sich als Landtagsabgeordneter Verdienste um den achalmstädtischen Eisenbahnanschluss 1859 erworben. Und jetzt das: Die jüngst archivisch erschlossenen Zeugniskonzeptbücher der Jahre 1838 bis 1859 belegen einwandfrei: Bereits 1833 war dieser honorable Bürgersmann als Verwaltungsgehilfe in Böblingen wegen „Nachtschwärmerei“ zu einer Geldstrafe verurteilt worden.
Quellenkritischer betrachtet taugt das Delikt dann aber doch nicht zum Skandal. Das Wissen über jenes Vergehen ist einem Eintrag in einer kleinen Serie amtlicher Protokolle zu entnehmen. Die Niederschrift dieser Bände fällt größtenteils in die Amtszeit von Grathwohl selbst. Sie beinhalten die Texte von insgesamt rund 4550 ‚polizeilichen Führungszeugnissen‘. Zu Reutlingens Oberbürgermeister erfahren wir vor allem, dass „derselbe ein ganz gutes Praedicat habe.“

Warum sich Wilhelm Grathwohl 1859 ein Zeugnis ausstellen lassen musste, geht aus dem Eintrag nicht hervor. Zwingende Gründe, sich die Bescheinigung eines guten ‚Prädikats‘ zu erwerben, gab es für die damaligen Reutlinger zahlreiche: der Erwerb des Bürgerrechts in einer anderen Kommune wegen Heirat, die Beantragung von Unterstützung wegen Invalidität oder aber auch wegen eines Kuraufenthalts in Bad Wildbad, ein Gaststättenkonzessionsgesuch, der Besitz einer Schusswaffe wegen abseitigem Wohnort, der Erlass von Strafgebühren wegen nicht gezahlter ‚Hundesteuer‘ („Hundeabgabendefraudation“) etcetera, etcetera. 

Die dem Dschungel der Verwaltungsvorschriften von anno dazumals geschuldeten zahllosen Zeugnispflichten und deren Protokollierung bieten uns heute eine aufschlussreiche historische Quelle. Sie wirft Schlaglichter auf personen-, sozial- und wirtschaftsgeschichtliche Aspekte. Gesuche stammen etwa von Witwen oder alleinstehenden Frauen, die um eine Freistellung ihrer Söhne vom Militärdienst bitten: In einer weitgehend maschinenlosen Zeit waren diese Männer wegen zahlloser kraftintensiver Arbeiten unentbehrlich zur Bestreitung des Lebensunterhalts.

Häufige Konzessionsgesuche von Buchdruckern und deren Frauen zum „Lumpensammeln“ können als indirekter Beleg für einen krisenhaften Wirtschaftswandel in Reutlingen gewertet werden. In der Oberamtsbeschreibung von 1824 waren die Buchdrucker noch als Repräsentanten eines „bedeutenden“ Gewerbes genannt gewesen. Ein Beleg, wie Nachhaltigkeit keine ökologische Kür, sondern Ausdruck rigider Wirtschaftlichkeit war, ist das häufige Gesuch bedürftiger Bürger um „Dorn“: Sie benötigten die Erlaubnis, vergünstigtes (weil dorniges) Reisig als Brennholz einzukaufen.

Überraschend ist ein Antrag von 1857 auf „Abbrennen selbsterzeugter Früchte, Trester etc.“, also auf Spirituosenherstellung. Der Antragsteller ist als spirituell einflussreiche und unternehmerisch vielseitige Persönlichkeit in die Annalen der Stadtgeschichte eingegangen: Es war Gustav Werner. Auch sonst sind es kleinere Funde, die zu einem lebendigen Bild der Vergangenheit beitragen. Beispielsweise wenn Spitznamen („vulgo“) festgehalten sind, etwa bei einer „Regine Wendler vulgo Kohlkopf“. Den Inhalt der meisten Einträge bringt ein in Reutlingen nicht ungewöhnlicher Familienname auf den Punkt: "Gut praedicirt" war neben vielen anderen auch ein Herr „Biedermann“.

Die Serie der Reutlinger „Zeugniskonzeptbücher“ von 1838 bis 1859 wurde durch die ehrenamtliche Mitarbeiterin des Stadtarchivs Heidi Stelzer regestiert. Die kurzen Inhaltsangaben zu den einzelnen ‚Zeugnisvergaben‘ sind inzwischen auch online abrufbar. Auf www.stadtarchiv-reutlingen.findbuch.net sind Findmittel des Stadtarchivs ins Internet hochgeladen. In der Gruppe „C Gemeinderat“ ist das Repertorium für den Bestand „C 6 Zeugniskonzeptbücher“ eingestellt.

Titelblatt des dritten Bandes Zeugniskonzepte
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