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Der Schwörtag ist Kulturerbe


Einst waren die Schwörtage in den Freien Reichsstädten machtvolle Demonstrationen kommunaler Selbstregierung. Auch wenn sie diese Funktion seit mehr als zweihundert Jahren eingebüßt haben, sind sie als zentrales städtisches Fest mit ihren Symbolen, Ritualen und Traditionen im Bewusstsein der Bürgerschaft wichtig geblieben. Die Kulturministerkonferenz der Länder hat daher auf Empfehlung des unabhängigen Expertenkomitees für Immaterielles Kulturerbe der Deutschen UNESCO-Kommission die heute noch lebendigen Schwörtagstraditionen in den einstigen Reichsstädten Reutlingen, Esslingen am Neckar und Ulm in das Bundesweite Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes aufgenommen.

Die Oberbürgermeister Thomas Keck (Reutlingen), Dr. Jürgen Zieger (Esslingen) und Gunter Czisch (Ulm) begrüßten in einem gemeinsamen Online-Pressegespräch am Freitag (26. März) diese Entscheidung, mit der eine politische Kultur gewürdigt wird, die ihre Anfänge im Mittelalter hat, aber bis in die Gegenwart wirkt. Die Tradition der Schwörtage verbinde die einstigen Reichsstädte bis heute und sei ein Spezifikum im deutschen Südwesten, betonte OB Keck eingangs.

OB Thomas Keck: „Ich freue mich sehr, dass diese jahrhundertealten Wurzeln unserer kommunalen Selbstverwaltung nunmehr auch die Anerkennung als immaterielles Kulturerbe durch die Unesco-Kommission und die Kulturministerkonferenz erfahren haben. Die Schwörtagsfeiern waren und sind ein Ritual, das für Mitsprache der Bürgerinnen und Bürger, also für Demokratie im eigentlichen Sinn steht. In den alten Reichsstädten war jede politische Handlung eine unter Anwesenden, eine ‚Präsenzveranstaltung‘. Dafür ist der Schwörtag ein hervorragendes Beispiel.“

OB Gunter Czisch: „Die Bedeutung des Ulmer Schwörmontag ist weit mehr als Brauchtumspflege und turbulentes Stadtfest. Für Ulm ist der Tag bis heute ein sichtbares Zeichen bürgerschaftlichen Gemeinsinns. Während die mittelalterliche Schwörfeier Ausdruck spezifischer reichsstädtischer Freiheit, politischer Unabhängigkeit und Selbstregierung war, ist der Schwörmontag heute eine Manifestation zivilgesellschaftlichen Bewusstseins und Ausdruck kommunaler Demokratie. Nicht zuletzt bildet dieser „ulmischste aller Feiertage“ in einer immer heterogener werdenden Stadtgesellschaft eine identitätsstiftende Klammer über alle Unterschiede hinweg. Aus diesem Grund dürfen wir auch nicht an Symbolen und Ritualen „kleben“. Auch wenn Schwörrede und Schwörglocke unverzichtbar sind: Wir müssen uns öffnen für innovative Vermittlungsformate, für eine Kombination von analogen und digitalen Elementen, für die Einbindung und Beteiligung junger Leute. Denn was am Ende zählt, ist, dass die Botschaft und der Kern dieser grunddemokratischen Tradition lebendig und wach bleiben.“

OB Dr. Jürgen Zieger: „Die Aufnahme der „Schwörtagstraditionen in südwestdeutschen Reichsstädten“ in das nationale Verzeichnis Immaterielles Kulturerbe“ unterstreicht eindrucksvoll: Die Idee der kommunalen Selbstverwaltung mit einer starken Stimme der Bürgerschaft und einem regelmäßig erneuerten Bekenntnis von Oberbürgermeister und Gemeinderat zu den Statuten der Stadtgemeinschaft lebt. Übertragen auf die politischen Regelungen der heutigen Zeit heißt dies: In den Kommunen müssen Dialog, Partizipation und die politische Meinungsbildung über sämtliche Generationen, Instrumente der Teilhabe, Integration und des gemeinsamen Miteinanders ständig gelebt und gepflegt werden. Nur dann kann es gelingen, auf breiter Basis mit Gemeinsinn von Bürgerschaft, Gemeinderat und Verwaltung der Stadt Bestes zu verfolgen und zu erreichen. Aus der Neuordnung der Nachkriegszeit entwickelt wurde in Esslingen das Statut der zwölf Bürgerausschussbezirke stadtweit. Die rund 180 Mitglieder der Bürgerausschüsse werden auf zwei bis drei Jahre gewählt und die Bürgerausschüsse werden bei der Meinungsbildung und Politikberatung behandelt wie alle Träger öffentlicher Belange. 1990 wurde von OB Ulrich Bauer in Esslingen die Schwörtagstradition mit der symbolischen Verpflichtung des Gemeinderates, des Oberbürgermeisters und aller Bürgerinnen und Bürger auf die Statuten der Stadt wieder aufgenommen. Zugleich wurden die Modalitäten in Verbindung mit dem 1974 eingeführten dreitägigen Bürgerfest moderner interpretiert. Die Aufnahme in das immaterielle Kulturerbe wird die Stadt Esslingen dazu nutzen, das Label der Schwörtagstradition aktiv zu profilieren. Zugleich müssen wir sicherstellen, dass bei aller nötigen Anpassung an gewandelte Einstellungen in der Bevölkerung der historische und stadtgesellschaftliche Kern der Schwörtagsfeiern erhalten bleibt.“

Prof. Eva-Maria Seng, Universität Paderborn: „Die Schwörtradition der ehemaligen Reichsstädte Ulm, Reutlingen und Esslingen erfüllt in geradezu idealer Weise die Kriterien des immateriellen Kulturerbes im Bereich Bräuche, Darstellungen und Ausdrucksformen auf dem Gebiet der gesellschaftlichen Bräuche, Rituale und Feste, überlieferter Traditionen und Ausdrucksformen von Wissen und Bräuchen und deren Anwendung in der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in Auseinandersetzung mit der Geschichte. Diese spezifische Form der Vergesellschaftung durch gegenseitigen Schwur der städtischen Bürgergemeinde und der Exekutivorgane der Städte, deren Wiederbelebung nach dem Zweiten Weltkrieg und Weiterentwicklung unter neuen demokratischen Vorzeichen bilden ein Beispiel, wie es gelingt, Bräuche und Rituale der Vertrautheit, Wiedererkennung und Strukturierung des Ortes und Raumes mit neuen Elementen zu verknüpfen bzw. diese zu integrieren, um so dem Erstarren in bloßer Folklore zu begegnen. Mit der Tradierung, Wiederholung und Weitergabe kultureller Praktiken von Generation zu Generation, die dabei ständig neu geschaffen, gestaltet und vermittelt werden sollen, entspricht die Schwörtradition der Konvention. Ich gratuliere den drei Städten zu dieser Auszeichnung und wünsche Ihnen bei der weiteren Inwertsetzung und Ausgestaltung dieses Elementes der Selbstvergewisserung der Städte viel Erfolg.“

GESCHICHTLICHER HINTERGRUND DER SCHWÖRTAGE

Die Schwörtagsfeiern in ehemaligen Reichsstädten gehören zu den ältesten profanen kommunalen Traditionen. Sie gehen auf mittelalterliche Vorläufer zurück, bei denen sich die Stadtgemeinde als Schwurgemeinschaft konstituierte. Ausgangspunkt war die besondere politische Kultur in den Reichsstädten des Alten Reiches, die sich weitgehend selbst regierten und so eine relative Unabhängigkeit wahren konnten. Ausdruck dieser kommunalen Selbstregierung war der gemeinsame öffentliche Eid des Bürgermeisters, des Rates und der ganzen Bürgerschaft auf die Stadtverfassung. In Ulm wurde die Stadtverfassung als „Schwörbrief“ bezeichnet. Die Schwörtagsfeiern fanden jährlich zu Wahlen und Amtsübergaben statt. An diesen offiziellen Akt schlossen sich in der Regel Feste an. Der Schwörakt hatte letztlich den Zweck, den Zusammenhalt in der Stadt zu stärken und sicherzustellen, dass Konflikte innerhalb der Stadtgesellschaft friedlich und „regelbasiert“ ausgetragen wurden. In Reutlingen erinnerte der Chronist Christoph Friedrich Gayler (1780–1849) an den Schwörtag als „ein Fest demokratischen Frohsinns“; für Esslingen konstatierte Johann Jakob Keller (1764–1832) schon „mehrere Wochen vorher ein Leben und Weben, ein Kaufen und Verkaufen, das einzig seinen Bezug auf diese Feier hat“. Der Schwörtag als ein zentrales städtisches Fest war auch damals ein wichtiger Faktor im Bewusstsein der Bürgerschaft. Auch die traditionellen Orte des Schwörakts („Schwörhaus“) und die Gegenstände, z. B. Schwörstab und Schwörglocke, bekräftigen diese Traditionen. In Reutlingen knüpft der Schwörtag an den historischen Termin der Wahlwoche an. Höhepunkt und Abschluss ist hier der Bürgermeistersonntag, jeweils der zweite Sonntag nach dem Ulrichstag. SCHWÖRTAGE IN DER MODERNE Die Schwörtagsfeiern in den Reichsstädten waren Ausdruck spezifischer Freiheit, der Unabhängigkeit und der Selbstregierung der Bürgergemeinden. Der Verlust dieser Freiheit durch die Mediatisierung in napoleonischer Zeit führte auch zu einer Abschaffung der Schwörtage durch die neuen Landesherren. Auf drastische Weise wurde dies in Ulm dadurch deutlich gemacht, dass die bayerischen Behörden 1804/05 den Schwörbalkon am Schwörhaus abrissen. Zwar blieb auch in Esslingen das historische Schwörhaus auf dem Schwörhof bestehen, der eigentliche Schwörbalkon verschwand aber auch dort. In der Bevölkerung blieben die Orte jedoch zentraler Bezugspunkt reichsstädtisch-bürgerlichen Selbstverständnisses oder zumindest im kommunalen Gedächtnis verwurzelt. Als die Stadt Ulm nach hundert Jahren das Schwörhaus wieder erwerben konnte, ließ sie 1910 wieder einen Balkon anbringen. In Reutlingen führte vor allem die Weingärtnerzunft die Schwörtagstradition bis um 1930 fort. Die Bedeutung der Schwörtage war auch den Nationalsozialisten bewusst, die diese 1933 in Ulm und 1935 in Esslingen für ihre Zwecke zu instrumentalisieren versuchten. So hielt in Ulm der nationalsozialistische Oberbürgermeister am 14. August 1933 eine Schwörrede an die Bevölkerung, die als Treuegelöbnis zwischen „Führer und Gefolgschaft“ inszeniert wurde. Der Schwörmontag wurde zu einer NSDAP-Parteiveranstaltung umfunktioniert, mit einem Festumzug mit Parteiorganisationen und anderen Verbänden unter dem Gesang nationalsozialistischer Lieder. Umso bemerkenswerter ist es, dass Ulms Oberbürgermeister Theodor Pfizer am 8. August 1949 den ersten Schwörmontag veranstaltete, dem er einen demokratischen Charakter verlieh. Wie in reichsstädtischer Zeit, so geht es auch heute um die Festigung der Zusammengehörigkeit in der Stadtgemeinde. Alle nach 1945 in den ehemaligen Reichsstädten in einem demokratischen Geist wieder ins Leben gerufenen Schwörtage nehmen auf die reichsstädtischen Traditionen Bezug. Den Anfang machte Ulm, wo 1949 der erste Schwörmontag veranstaltet wurde. In Esslingen wurde die Schwörtagsfeier 1990 und in Reutlingen, wo es seit 1998 im Rahmen eines jährlichen Museumsfestes Elemente des Schwörtags gab, 2005 wieder ins Leben gerufen. Auf die mittelalterliche Tradition verweisen u.a. in Ulm das historische Schwörhaus, das Läuten der Schwörglocke und die Eidesformel aus dem 14. Jahrhundert („Armen und Reichen ein gemeiner Mann zu sein...“), in Esslingen und Reutlingen sind es der historische Schwörhof, der in Reutlingen verwendete Schwörstab und der historische Schwörtags-Termin der Wahlwoche, deren Höhepunkt hier der sogenannte Bürgermeistersonntag ist. SCHWÖRTAGSFEIERN IN ESSLINGEN, REUTLINGEN UND ULM HEUTE In den städtischen Bevölkerungen sind die Schwörtage verankert, dies gilt insbesondere für Ulm, wo der Schwörmontag ein städtischer Feiertag ist. Die Schwörtagstraditionen verweisen auch auf historische Verbindungen und Gemeinsamkeiten ehemaliger Reichsstädte, besonders im deutschen Südwesten, und die Manifestierung eines zivilgesellschaftlichen Bewusstseins. Handwerkerinnungen und Vereine als Nachfolger der mittelalterlichen Zünfte gewährleisten eine Weitergabe der Tradition an künftige Generationen. In Reutlingen etwa erfordert das „Fahnenflaigen“ besondere Fertigkeiten, die zum Teil innerhalb einer Familie weitergeben worden sind, in Ulm ist dies beim Fischerstechen und beim Bindertanz der Fall. Im Zentrum der Schwörtagstraditionen steht der offizielle Schwörakt, bei dem in Ulm und Reutlingen nur der Oberbürgermeister schwört, in Esslingen verpflichtet sich auch der Gemeinderat, vertreten in jährlichem Wechsel von einem Fraktionsvorsitzenden. In allen drei Städten legt das Stadtoberhaupt dabei der Bürgerschaft Rechenschaft über das vergangene Jahr ab und stellt sein weiteres Programm vor. Im Vorfeld des Schwörakts oder im Rahmen der Schwörtagsfeier (Reutlingen) findet ein besonderer ökumenischer Gottesdienst statt. Orte der Schwörfeier sind seit alters her in Ulm das Schwörhaus und in Esslingen wie in Reutlingen der Schwörhof, zu dem sich die Festgemeinde in einem Umzug begibt. Im Anschluss daran findet ein Reigen von Festen statt, die teilweise selbst auf eine lange Geschichte zurückblicken. In Ulm besuchen zehntausende Menschen die Festveranstaltungen, alleine zum Schwörakt kommen alljährlich rund 5.000 Menschen, außerdem wird er von weiteren 3.000 im Internet mitverfolgt. Regelrechte Publikumsmagnete sind das auf alten Traditionen beruhende Nabada, das „Hinunterbaden“, eine Art karnevalistischer Wasserumzug auf der Donau, die Lichterserenade, bei der zuletzt 20.000 Lichter auf Papierschiffchen unter Musikbegleitung die Donau hinabtrieben, und das eigenständige, alle vier Jahre stattfindende traditionelle Fischerstechen. In Reutlingen kommt dem „Fahnenflaigen“ und generell den Zunftfahnen eine besondere Rolle zu. In Esslingen und Reutlingen gibt es in Anknüpfung an ältere Traditionen „Schwörtagsvorträge“, bei denen ein prominenter Redner, eine prominente Rednerin zu Fragen der Gegenwart Stellung nehmen. In Ulm finden unmittelbar nach dem Schwörakt sowohl Ehrungen als auch die Verleihung von Preisen statt. PARTIZIPATION UND GEMEINSINN ALS „MARKENKERN“ Die Schwörtagstraditionen gelten heute auch als Ausdruck kommunaler Demokratie und Selbstbestimmung, sie sind sozusagen deren Markenkern. In der Bevölkerung sind sie nicht zuletzt durch die Beteiligung zahlreicher Vereine verankert. Dies gilt insbesondere für Ulm, wo der Schwörmontag ein städtischer Feiertag ist, der von der Bevölkerung gelebt wird und zehntausende Menschen aus nah und fern anzieht. Das große Bürgerfest in Esslingen am Wochenende nach dem Schwörtag wird vor allem von den Vereinen und Vereinigungen bestritten. Für künstlerische Darbietungen bieten die Schwörtagstraditionen vielfältige Anknüpfungspunkte, die auch genutzt werden. Gleichzeitig entwickeln sich mit den Schwörtagen neue Formen und Events, die Teil des Veranstaltungsreigens werden und die Tradition weiterentwickeln. Beispiele hierfür aus Ulm sind die Lichterserenade, die von den Donaufreunden ausgeht, und die Open-Air-Konzerte auf dem Münsterplatz, aber auch ganz neue Formate wie ein digitaler Schwörmontags-Rap. In Esslingen trägt die terminliche Verbindung des Schwöraktes mit dem populären Bürgerfest zu seiner Attraktivität bei. Die Schwörtraditionen leben.

Schwörtagseid Fahnenflaiger

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