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Neuerscheinung: Band 55 der Reutlinger Geschichtslätter


Umschlag RGB 2016 Das Bild gehört zu der mittelalterarchäologischen Abschlussarbeit an der Universität Tübingen von Linda Gaiser M.A. und stellt einen wichtigen Ertrag jüngerer archäologischer wie baugeschichtlicher Forschung dar. Die Autorin hat sich darin diesem Dauerbrenner der Stadtgeschichte und Denkmalpflege systematisch unter den Aspekten „Schutz, Repräsentation, Ressource“ gewidmet. Die hier in gekürzter Form publizierte Arbeit stellt die verstreuten und vielfach noch unveröffentlichten Nachrichten zu dem System Stadtbefestigung und deren Nutzung zusammen. Besonders hervorzuheben ist die kartographische Dokumentation überkommener Baureste und archäologischer Fundstellen.

Die Arbeit von Linda Gaiser wurde unter anderem von dem in Reutlingen bestens bekannten Bauforscher Tilmann Marstaller M.A. begleitet, der bereits früher zu dem auch überregional bedeutsamen Tübinger Tor einen Beitrag in den Geschichtsblättern beigesteuert hat. Im neuen Band nun schlägt Marstaller ein weiteres Kapitel reichsstädtischer Geschichte auf und zeigt anhand ausgewählter Häuser die Charakteristika des Wiederaufbaus Reutlingens nach dem großen Stadtbrand von 1726 auf. Dieser Untersuchung kommt durch die Einbeziehung der in der Öffentlichkeit kontrovers diskutierten Häuserzeile Katharinenstraße 6–10 ein besonderer dokumentarischer Wert zu, die nun just im Erscheinungsjahr des Aufsatzes zu großen Teilen abgebrochen worden ist. Marstaller vergleicht die Reutlinger Befunde mit den württembergischen Städten Kirchheim unter Teck und Herrenberg, die ebenso wie Reutlingen von fatalen Brandkatastrophen heimgesucht worden sind. Das Fazit des Verfassers mündet in ein Plädoyer für einen „verantwortungsbewusste(n) Umgang“ mit den „noch immer zahlreichen Relikten dieser bewundernswerten Leistung des Wiederaufbaus einer abgebrannten Altstadt.“

Ein anderes Kapitel zur Reichsstadtzeit ist dem Reformationsjubiläum 2017 geschuldet. In einem Lebensbild Doktor Ludwig Hierters (um 1498/99–1539) lenkt Stadtarchivar Dr. Roland Deigendesch den Blick auf diesen bislang wenig beachteten „Anwalt des protestantischen Deutschland“. Der Reutlinger Jurist war rechtlicher Vertreter der evangelischen Stände am Reichskammergericht in Speyer und damit eine überaus wichtige Persönlichkeit im „rechtlichen Krieg“ um die Verteidigung reformatorischer Positionen. Darüber hinaus war er Anwalt und Berater seiner Heimatstadt in einer Vielzahl rechtlicher und politischer Angelegenheiten.
 
Die Geschichtsblätter haben immer wieder passende Themen aus der Geschichte der Bezirksgemeinden und der Region aufgegriffen. Aus einem Vortrag im Jubiläumsjahr 900 Jahre Bronnweiler 2015 ist der Beitrag von Kulturamtsleiter Dr. Werner Ströbele zu „Aspekten der Ortsgeschichte“ der Wiesaztalgemeinde hervorgegangen. Professor Rainer Loose aus Mössingen  beschäftigt sich mit der Reform der Landwirtschaft auf der Münsinger und Zwiefalter Alb und deren Hindernissen zur Regierungszeit König Wilhelms I. von Württemberg. Auch dieser Beitrag geht auf einen Vortrag zurück, den der Autor 2016 beim Zwiefalter Geschichtsverein gehalten hat.
 
Seit jeher war dem Geschichtsverein die Pflege der Erinnerung an den Reutlinger Publizisten, Literaturwissenschaftler und Dichter Hermann Kurz (1813–1873) ein Anliegen. Erfreulicherweise war der Reutlinger Hermann-Kurz-Stipendiat Dr. des. Matthias Slunitschek bereit, einen in seiner Doktorarbeit berührten, nicht unwichtigen Aspekt des Kurz’schen Werks in einem eigenen Beitrag zu vertiefen. Slunitschek bietet in seinem Aufsatz „… daß was vergessen ist, auch vergessen bleibe …“ über die Verstrickungen der Gräfin Amalie von Uexküll eine doch überraschende Antwort auf die bis heute offene Frage, warum Schillers Heimatjahre, einer von Kurz‘ wichtigsten Romanen, über Jahre hinweg nicht veröffentlicht werden konnte.
 
Der Beitrag von Christoph Schlemmer schließlich zu „Saisonarbeiter(n) – auf Dauer“ widmet sich italienischen Arbeitern in Reutlingen vor dem Ersten Weltkrieg. Schlemmers Aufsatz ging aus einem von Professor Ewald Frie betreuten Hauptseminar am Institut für Neuere Geschichte  der Universität Tübingen zu Leben und Arbeit in Württemberg im Industriezeitalter hervor und zeigt damit auf schöne Weise die Erkenntnismöglichkeiten quellennaher Arbeit im Archiv. Wie gewohnt runden Buchbesprechungen neuerer orts-, regional- und landesgeschichtlicher Veröffentlichungen den Band ab. Die Reutlinger Geschichtsblätter sind im Stadtarchiv Reutlingen und im Buchhandel erhältlich.
  
Reutlinger Geschichtsblätter NF 55 (2016), hrsg. von Stadtarchiv und Reutlinger Geschichtsverein (Redaktion: Roland Deigendesch). 276 S., zahlreiche, teils farbige Abbildungen. Leinen mit Schutzumschlag, Preis: 21,00 Euro.  ISSN 0486-5901.
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Redakteur / Urheber
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