August-Lämmle-Straße

August Lämmle

Lehrer, Mundartdichter und Volkskundler, * 3.12.1876 in Oßweil bei Ludwigsburg, † 8.2.1962 in Tübingen. Straßennamensgebung durch Beschluss des Gemeinderats 1951.

Eine jüngere, stärker auf die problematischen Seiten des Heimatdichters eingehende Biographie findet sich in dem Blog von Frieder Matthies (Institut für Geschichtsdidaktik und Public History der Universität Tübingen) aus dem Jahr 2021:

https://www.historischer-augenblick.de/2021/06/01/zwischen-heimatromantik-und-nazi-ideologie-die-kontroverse-person-des-august-l%C3%A4mmle/

„(…) Nach dem Besuch der örtlichen Lateinschule war er [Lämmle] ab 1896 23 Jahre lang an verschiedenen Orten im Ländle als Lehrer tätig, bis er 1919 für seine volkskundliche Forschung freigestellt wurde. Schon bald leitete er die Abteilung „Volkskunde“ im Landesamt für Denkmalpflege. 1929 wurde er Redakteur der Zeitschrift „Württemberg“, die er ab 1933 auch herausgab. In diesem Jahr trat er auch in die NSDAP ein.

Schon in den 1990er Jahren gibt es Diskussionen um die Person August Lämmles, damals geht es um eine Straßenumbenennung in Marbach. Seither wird es nicht mehr ruhig um den Mundartdichter. Lämmles NS-Vergangenheit wird genauer unter die Lupe genommen und in verschiedenen Städten werden Umbenennungen gefordert – zuletzt in Leonberg. Dort gibt die Stadtverwaltung 2020 ein historisches Gutachten in Auftrag, das die Eignung August Lämmles als Namensgeber der Leonberger Grundschule prüfen soll.

Neben der NSDAP trat Lämmle außerdem der Reichsschrifttumskammer, der Reichspressekammer und dem Reichsbund deutscher Beamten bei, um seinen Beruf weiterhin problemlos ausüben zu können. Trotzdem stand sein Verhältnis zur NS-Diktatur zunächst unter keinem guten Stern: 1935 verbot ihm das Parteigericht das Bekleiden von Parteiämtern – denn August Lämmle war 19 Jahre lang Mitglied einer Freimaurerloge gewesen. Dieser vermeintliche Konflikt hinderte Lämmle allerdings nicht daran, das NS-Regime in den nächsten Jahren in den höchsten Tönen zu loben. 1935 beschrieb er den Hitlergruß als „unser Gebet zu Gott und unsere Bitte, daß Er ihm Heil und Segen gebe zu seinem Werk.“

In seinem Gutachten kommt Historiker Peter Poguntke im Oktober 2020 zu einem klaren Ergebnis: Als Namensgeber für die örtliche Schule sei August Lämmle ungeeignet – zu überschwänglich Lob und Unterstützung für führende Nationalsozialisten, zu weitläufig die Anbiederungen an das NS-System. Als Reaktion kündigt die Leonberger Stadtverwaltung im Monat darauf die Umbenennung der August-Lämmle-Grundschule an. Kusterdingen zieht nach: Dort soll neben der Schule auch die August-Lämmle-Straße umbenannt werden. In Oßweil, dem Geburtsort des Dichters, lehnt der Gemeinderat eine Diskussion über den Namen der dortigen August-Lämmle-Schule allerdings ab.

Nachdem August Lämmle 1936 noch den Schwäbischen Dichterpreis erhielt, ging er 1937 in Pension. Schriftstellerisch war er weiterhin tätig, äußerte sich auch weiter sehr wohlwollend den Nationalsozialisten gegenüber. Die Nürnberger Rassengesetze bezeichnete er als „Dienst am Volkstum“, eine Rede Hitlers als „politische Worte von so hohem Geiste und so edler Sprache“ wie man sie „seit den Tagen Arndt und Fichtes nicht mehr gehört“ habe. Zum 50. Geburtstag des Gauleiters von Württemberg und Hohenzollern, Wilhelm Murr, widmete er diesem ein Gedicht in seiner Zeitschrift in dem er den Staat glücklich pries, „dem gütige Götter gegeben Führer und Volk aus dem ewigeinzigen Brunnen des Bluts.“ Im Jahr darauf wurde er von Murr zum Vorsitzenden des Bundes für Heimatschutz in Württemberg und Hohenzollern ernannt.

Während man sich in Leonberg und Kusterdingen schon auf die Suche nach neuen Namen macht, erhalten in Oßweil August Lämmle und die nach ihm benannte Schule, Straße und Turnhalle immer noch weitreichend Rückendeckung. Ein Ludwigsburger Stadtrat befürchtet, Lämmles Name würde „durch den Dreck gezogen“, ein anderer findet, heutige Zeitgenossen sollten sich nicht nachträglich als Richter aufspielen. In einem Zeitungsartikel vom 10.1.2021 beschwert sich eine Verwandte des Dichters, dass dieser in eine rechte Ecke gerückt werde, „in der er niemals gestanden habe.“ Leserbriefe sprechen von „Umbenennungsvirus“, „Anmaßung“ und „Moralapostel[n]“. In Oßweil will man das Leonberger Gutachten nicht einfach so hinnehmen: So hofft der Vorstand des „Freundeskreis August Lämmle“, dass „dieses Gutachten die Diskussion in Oßweil nicht negativ beeinfluss[t].“

1947, mittlerweile in Leonberg ansässig, musste sich August Lämmle im Zuge der Entnazifizierung in einem Spruchkammerverfahren verantworten. Zur Last gelegt wurde ihm vor allem ein Vorwort zu einer Neuauflage seines Buches „Herz der Heimat“, in dem er Adolf Hitler unter anderem als „den gläubigsten und mutigsten Mann der deutschen Geschichte“ bezeichnete. Lämmle verteidigte sich vor Gericht erfolgreich, und mit der Unterstützung zahlreicher Entlastungszeugen wurde er als Mitläufer nur zu einer Geldstrafe verurteilt.

In der geschichtswissenschaftlichen Forschung wird das Ergebnis dieses Verfahrens als aus heutiger Sicht nicht nachvollziehbar bezeichnet. Schon 2005 vertritt Prof. Dr. Axel Kuhn von der Universität Stuttgart die Ansicht, dass die Richter 1947 mit Lämmles Werk nicht vertraut waren und ihn, bei Kenntnis von zusätzlichem Material, härter hätten bestrafen müssen. Auch Peter Poguntke kommt zu diesem Urteil: Er beschreibt das Urteil als unverständlich und als grobe Fehleinschätzung. Wie wir heute wissen, ist das vielzitierte Vorwort kein Einzelfall: Mit nationalsozialistischem Gedankengut liebäugelnde Veröffentlichungen Lämmles ziehen sich durch die gesamte NS-Zeit.

Seinen Lebensabend verbrachte Lämmle hochangesehen in Leonberg. 1951 wurde ihm vom Land ein Professorentitel verliehen, im selben Jahr erhielt er in Leonberg die Ehrenbürgerwürde. 1955 wurde in Oßweil die neue Grundschule nach ihm benannt, 1956 erhielt er die Ludwigsburger Bürgermedaille. 1962 starb er in Tübingen, sein Grab befindet sich auf dem Waldfriedhof in Stuttgart.

Die Person August Lämmles polarisiert. An seiner heimatverbundenen Mundartdichtung erfreuen sich noch heute viele Menschen, er konfrontiert uns aber auch mit der deutschen NS-Vergangenheit und damit, wen wir mit Schul- und Straßennamen als unsere Vorbilder inszenieren wollen. „Aufgeklärt“ ist in Lämmles Fall schon das Meiste die Frage, was wir mit diesem Wissen anfangen, wird aber regional verschieden beantwortet.“

Die ältere Sicht zeigt die Würdigung Lämmles von Lieselotte Bühl in der Neuen Deutsche Biographie, Bd. 13 (1982), S. 403–404, online: https://www.deutsche-biographie.de/pnd116644230.html#ndbcontent

„Bäuerliche Herkunft und die 14jährige schwäb.-fränk. Berufswanderung des Junglehrers vermittelten Lämmle sichere Kenntnis des Landes und seiner Mundart. Sein Weltbild formte sich in einer Zeit heimatbezogener, sozialreformerischer und volkspädagogischer Anstrengungen (Albverein 1888, Heimatschutzgedanke 1897, Schiller-Nationalmuseum 1903, Volks und Jugendbüchereien, Volksbühnen, Volks und Bauernhochschulen), die dem schwindenden Heimatgefühl, den Klassengegensätzen, der Auswanderung und Landflucht des von materieller und geistiger Not heimgesuchten Landvolks steuern sollten. Für diese Bestrebungen setzte sich Lämmle etwa seit 1904 neben dem Schuldienst (seit 1913 Reallehrer) ein: u. a. mit einer Heimatkunde (1909), mit einer Anthologie für Schwaben außerhalb Schwabens (1924), als Gründer des Silchergaus des schwäb. Sängerbundes (1920), als Mitarbeiter von schwäbischen Zeitschriften und Tageszeitungen. Nach einjähriger Beurlaubung für besondere Aufgaben der ländlichen Wohlfahrtspflege, der Volksbildung und der Volkskunde (1921/22) wurde Lämmle 1923 die Einrichtung, 1924 die Leitung der Gruppe Volkskunde am württ. Landesamt für Denkmalpflege übertragen. 1930 wurde er zum Landeskonservator ernannt. Während seiner Amtszeit erschienen u. a. die Quellenreihe „Schwäb. Volkskunde“ (1924 ff.), Lämmles grundsätzliche Schrift „Unser Volkstum“ (1925) und die Monatsschrift „Württemberg“ (1929 ff.), die er zunächst als Schriftleiter (1929–1933), dann, um deren Fortbestand zu sichern, als Herausgeber (1933–1938) betreute. Die Zuwendung des Dritten Reichs zu Volkstum und Bauerntum erklärt das Fehlen einer kritischen Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus in Lämmles Werk. 1938 ließ sich Lämmle pensionieren. 1939–1945 war er Vereinsleiter des Bundes für Heimatschutz in Württemberg und Hohenzollern. Mit der Schrift „Ein viel mißbrauchtes Volk“ (1951) setzte er sich für die Bildung des Südweststaates ein.

Um 1904 begann L. mit dem Sammeln von schwäbischen Redensarten und Sprichwörtern. Es folgte die Mundartdichtung, die sich von „Schwobabluat“ (1913) bis zu „Was mir lieb ist“ (1958) immer mehr vom Anekdotischen ab und dem Idyllischen zuwandte. Wie L. Anschluß an die Mundartdichtung gefunden hatte (G. Schwegelbaur, A. Reiff, O. Gittinger, M. Koch u. a.), so fand er ihn für seine Besinnungsdichtung an die hochsprachliche Dichtung, die sich 1909 mit dem von Theodor Heuss eingeleiteten Dichterbuch „Sieben Schwaben“ (u. a. Lämmle, Finckh, H. Hesse, Anna Schieber, W. Schussen, Auguste Supper) als die neue schwäbische Literatur vorgestellt hatte. Gelegenheit zu fruchtbarem Gedankenaustausch bot bis 1933 der von O. v. Güntter geleitete Literarische Klub in Stuttgart. – Über die Volkskunde kam L. zur Bearbeitung überlieferter Stoffe (Volksmund; 16. Jh.) in seinen Geschichten (seit 1917). Sie fanden ihre endgültige Fassung in „Menschen … nur Menschen (1959). 1937 (²1952) erschien die „Reise ins Schwabenland“, ein Führer durch Schwaben, 1953 folgte mit dem „Goldenen Boden“ die Fortsetzung in Form von Kurzbiographien der „Unentwegten“ (u. a. Kepler, Oetinger; Schiller; Hauff, Mörike; Eyth, Daimler), Essays über Geschichte und Kultur der Schwaben, Beiträge zu volkskundlichen Gegenständen. Nach einer 10jährigen, nahezu vollständigen Schaffenspause (1938–48) erschien die Spruchdichtung, zuletzt zusammengefaßt in „Ich schau von außen durchs Fenster“ (1956). Der „Philosoph des schwäb. Lebens“ (Schwenkel) beendete sein Lebenswerk mit Biographischem und Autobiographischem. – Lämmle machte sich um die Wiederbelebung des Heimatgefühls und die Bewahrung von Mundart und Brauchtum des schwäbischen Volkes verdient. Er versuchte durch Dichtung und volkskundliche Aufklärung Einsicht in natürliche Schwächen, Stärken und Möglichkeiten des schwäbischen Volkes zu geben. „Volkstum ist Aussteuer, nicht Endziel, nicht Selbstzweck“. In seiner persönlichen Entwicklung fühlte er sich neben seiner Heimat der griechischen Philosophie, dem deutschen Idealismus (Goethe vor allem), der Bibel verpflichtet.“

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