Hindenburgstraße

Paul von Beneckendorff und von Hindenburg

Generalfeldmarschall, Reichspräsident 1925–1934. * 2.10.1847 in Posen, † 2.8.1934 in Neudeck (Ostpreußen).

Umstritten v. a. wegen seiner Rolle in der Weimarer Republik, besonders wegen der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler am 30.1.1933. Straßennamensgebung durch Gemeinderatsbeschluss am 26.10.1927 zeitgleich mit Benennung der die Hindenburgstraße kreuzenden Ebertstraße, die an den ersten Präsidenten der Weimarer Republik Friedrich Ebert (1871–1925) erinnert.

Als „Sieger von Tannenberg“ und „Retter Ostpreußens“ erlangte der bei Kriegsausbruch bereits pensionierte Offizier im Jahr 1914 eine enorme Popularität und wurde 1916 nach Misserfolgen des deutschen Heeres an der Westfront zusammen mit Erich Ludendorff (1865–1937) an die Spitze der dritten OHL [Anmerkung: Oberste Heeresleitung] berufen. Obwohl überzeugter Monarchist, ließ Hindenburg sich nach dem Tod Reichspräsident Eberts überzeugen, für dessen Nachfolge zu kandidieren. Der Historiker Werner Conze bewertet Hindenburgs Rolle in seinem 1972 erschienen Artikel für die Neue Deutsche Biographie so:

„Im April 1925 stellte er [Hindenburg] sich – selbst parteilos – nach einigem Widerstreben zum 2. Wahlgang der Reichspräsidentenwahl als überparteilicher Kandidat der Rechtsparteien einschließlich der Bayerischen Volkspartei zur Verfügung. Er wurde mit der relativen Mehrheit von gut 48% vor Marx (Zentrum) mit 45% und Thälmann (KPD) mit 6% gewählt. Die Wahl wurde entweder als Anzeichen angesehen, daß die restaurativen Kräfte einen für die Zukunft verhängnisvollen Sieg über die Republik errungen hätten, oder sie wurde mit der Hoffnung verbunden, daß die Tradition des Kaiserreichs Aussicht habe, hinfort sich der Republik im Geiste einer „konservativen Demokratie“ anzuverwandeln. In der Tat lagen beide Möglichkeiten in diesem Ereignis beschlossen. Bis 1929 schien die Entwicklung in der zweiten Richtung zu gehen. H. bemühte sich, seiner „Osterbotschaft“ vor der Wahl gemäß, über den Parteien zu stehen sowie trotz seiner inneren Bindung an die Monarchie, getreu seinem Eide, ein loyaler und gerechter Präsident der Republik zu sein. Er befremdete daher viele seiner alten Freunde oder Kameraden von rechts und zerstreute manche Befürchtungen von links. Doch wirkten H.s Enttäuschung über die Labilität der kurzlebigen Kabinette seit 1925 und sein traditionelles Mißtrauen gegen politische Parteien und Parlamentarismus darauf hin, schon in der Regierungskrise um die Jahreswende 1926/27 dem Gedanken eines parlamentarisch unabhängigen Beamtenkabinetts näherzutreten oder Oberst von Schleichers Vorschlag eines Minderheitskampfkabinetts mit dem Notstandsartikel 48 im Hintergrund zu erwägen. Wurden derartige Absichten damals noch zurückgestellt, so traten sie im Frühjahr 1930 in ihr akutes Stadium.

Als gegen Ende des Jahres 1929 die vielberufene „Krise des Parlamentarismus“ und die Entscheidungsschwäche der Regierung gegenüber den drängenden wirtschafts- und finanzpolitischen Fragen angesichts der beginnenden Wirtschaftskrise und zunehmender rechtsradikaler Aktivität noch stärker als zuvor ins öffentliche Bewußtsein traten, hielt H., bestärkt durch Schleicher und andere Ratgeber, den Zeitpunkt für gekommen, seine Präsidialgewalt für einen richtungweisenden Kurswechsel einzusetzen. Ein „H.Kabinett“ sollte gebildet und notfalls auch unabhängig von der Parteienmehrheit gehalten werden. Auf jeden Fall sollte von nun an ohne die SPD regiert werden. H. wünschte eine Abkehr vom fragwürdig gewordenen reinen Parlamentarismus, das heißt eine dauerhafte Schwenkung nach rechts, wobei er außer dem allgemeinen „vaterländischen“ Wohl speziell auch eine verstärkte Hilfe für die in der Krise besonders gefährdete ostdeutsche (Groß)Landwirtschaft im Auge hatte. Wenn auch offensichtlich die Initiative zum „H.Kabinett“ stärker von Schleicher als von dem auch hier nicht selbst treibenden H. ausgegangen ist, so hat der Reichspräsident doch die Berufung Brünings zum Reichskanzler (30.3.1930) als Beginn für den erwünschten Kurswechsel angesehen. Daraus folgte, daß H. „seinen“ Kanzler im Juli 1930 mit Hilfe des Artikel 48 der Verfassung und der Reichstagsauflösung gegen die widerstrebende Reichstagsmehrheit deckte, daß er aber zwischen dem Herbst 1930 und dem Frühjahr 1932 in dem Maße sich Brüning entfremdete, als dieser de facto trotz seiner unpopulären Wirtschaftspolitik immer mehr ein Kanzler der Mitte und der Linken und immer weniger der sich von ihm zunehmend abwendenden Rechten wurde. Auch hier war Schleicher neben andern Einflüssen von rechts politisch entscheidend, schon in der zweiten Hälfte des Jahres 1931, besonders aber im Frühjahr 1932, als es um die Frage der Amtsverlängerung oder der Wiederwahl H.s ging. Der Reichspräsident lehnte damals Brünings Plan ab, daß er als Reichsverweser bis zur Einsetzung eines Monarchen weiter im Amt bleiben sollte, da für ihn eine monarchische Restauration nur mit Wilhelm II. als Kaiser in Betracht kommen konnte. Die Wiederwahl wurde unvermeidlich, weil eine verfassungsändernde Mehrheit im Reichstag für eine Amtsverlängerung ohne Wahl nicht erreichbar war. Widerwillig fügte sich H. der Tatsache, daß nur er noch für populär genug gehalten werden konnte, gegen Hitler den Wahlsieg davonzutragen. Daß er, verglichen mit 1925, gleichsam mit verkehrter Front, das heißt von links und der Mitte gegen rechts gewählt wurde, hat H. kaum verwinden können. Nachdem er im 2. Wahlgang mit der absoluten Mehrheit von 53% vor Hitler mit 37% und Thälmann mit 10% gewählt worden war, ließ er seinem Unmut über Brüning freien Lauf. Den letzten Anstoß gab der Entwurf eines Siedlungsgesetzes, in dem die Aufsiedlung nicht entschuldungsfähiger Güter vorgesehen war. H. gab dem daraufhin einsetzenden Druck des Reichslandbundes und der Deutschnationalen Volkspartei bereitwillig nach und entließ Brüning, den er ohnehin fallen lassen wollte, am 30.5.1932.

Zu dem von Schleicher vorgeschlagenen Nachfolger Franz von Papen und dessen konservativem Kabinett gewann H. alsbald Sympathie und Vertrauen. Die Grenze dieser engen Beziehung war jedoch durch H.s Treue zur Verfassung gesetzt. Der Reichspräsident lehnte Ende November 1932 eine befristete Diktatur Papens als Ausweg aus der staatspolitischen Krise ab, da die Verfassung einer Suspension des Reichstags widersprach, mochte diese auch nur für ein halbes Jahr vorgesehen sein. H. trennte sich ungern von Papen, hielt es aber für seine Pflicht, Schleicher als Kanzler einen verfassungsgerechten Ausweg aus der Krise finden zu lassen. Als Schleicher damit im Januar 1933 gescheitert oder vorerst stecken geblieben war und nun seinerseits die Diktatur mit suspendiertem Reichstag für ein halbes Jahr forderte, lehnte H. wiederum ab und ließ sich unter dem Druck persönlicher Einflüsse widerstrebend dazu bringen, Hitler als Reichskanzler eines konservativ-nationalsozialistischen Koalitionskabinetts verfassungsgemäß zu berufen (30.1.1933). (…).“ Quelle: https://www.deutsche-biographie.de/gnd118551264.html#ndbcontent

Kritischer die neuere Sicht von Peter Longerich 2025: „Mit einer Reihe von präsidentiellen Verordnungen ermöglichte Hindenburg es Hitler, erste Schritte auf dem Weg zu einer Diktatur einzuleiten. Bei der feierlichen Eröffnung des neu gewählten Reichstages in Potsdam am 21.3.1933 schien sich Hitler durch sein devotes Auftreten der Autorität des greisen Feldherrn unterzuordnen. Hindenburg gab sich dem Glauben hin, Hitler sei der Vollender eines von ihm eingeleiteten nationalen Einigungswerkes, und verzichtete künftig auf die Ausübung seiner verfassungsmäßigen Machtposition. Durch das am 23.3.1933 verabschiedete Ermächtigungsgesetz konnte die Regierung ohnehin selbst Gesetze erlassen und war somit nicht mehr auf das Notverordnungsrecht des Reichspräsidenten angewiesen. Mit Hindenburgs Tod im August 1934 trat ein am Vortag verabschiedetes Gesetz in Kraft, wonach die Ämter des Reichskanzlers und Reichspräsidenten in den Händen Hitlers zusammengelegt wurden.“ Quelle: https://www.nsdoku.de/lexikon/artikel/hindenburg-paul-von-344

Auch Wolfram Pyta, von dem die bis heute maßgebliche Biographie Hindenburgs stammt, sieht in ihm nachgerade einen „Anti-Ebert“, der für eine autoritäre, militärisch geprägte Führungskultur stand.

Die Straßennamensgebung in Reutlingen 1927 kann freilich als Ausdruck einer Kompromissbereitschaft der politischen Mitte im Ratsgremium gelten, mit der Ebert – übrigens auch der von Rechtsterroristen ermordete Außenminister Walter Rathenau (1867–

1922) – und Hindenburg gleichermaßen gewürdigt werden sollten. 1947 wurde die Hindenburgstraße nach Karl Marx um-, aufgrund von Anwohnerprotesten 1954 wieder rückbenannt.

Eine Überblicksbiographie online:
https://www.dhm.de/lemo/biografie/paul-hindenburg

Die Straßennamensgebung in Reutlingen 1927 kann als Ausdruck einer Kompromissbereitschaft der politischen Mitte im Ratsgremium gelten, mit der Ebert – übrigens auch der von Rechtsterroristen ermordete Außenminister Walter Rathenau (1867–1922) – und Hindenburg gleichermaßen gewürdigt werden sollten. 1947 wurde die Hindenburgstraße nach Karl Marx um-, aufgrund von Anwohnerprotesten 1954 wieder rückbenannt.

Weitere Literatur

Wolfram Pyta: Hindenburg. Herrschaft zwischen Hohenzollern und Hitler, München 2007

Gerald Kronberger: Wegweiser zur Stadtgeschichte: Die Historie der Reutlinger Straßennamen, in: Reutlinger Geschichtsblätter NF 50 (2011), S. 93–95. Online: https://publikationen.uni-tuebingen.de/xmlui/handle/10900/84635

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