2.Preis

gmp international GmbH, Hamburg mit  
Ramboll Studio Dreiseitl, Hamburg


Städtebaulicher Ideenteil:
Die Überlegung, das Industriemuseum nicht in den Bereich der Wandelhallen zu integrieren, sondern nördlich der Bahn zu verorten, ist eine interessante Idee mit Perspektiven, die zu in sich stimmigen Welten führt. Dem aufgewerteten Posttunnel, kommt die Aufgabe zu, Nord und Süd über eine kulturell definierte Passage  miteinander zu verknüpfen. Er wird  didaktisch in die Konzeption des Industriemuseums einbezogen und so selbst zum Teil der Ausstellung. Mit der Platzierung des Museums nördlich der Bahn wird zusammen mit dem Franz K. und dessen Saalneubau, der auch durch andere genutzt werden kann, ein stimmiger, durchdachter und funktionierender Stadtraum geschaffen – wenn man so will eine „Kultur- und Event-Welt“.
Dieser Ansatz wird sehr gut gestützt und erweitert durch die Art Freiraumgestaltung, der vorgeschlagenen Abflachung zur Echaz und deren nutzbare Ufergestaltung. Besonders zu loben ist, dass das vorhandene und inzwischen recht gut entwickelte Baumdach der Platanen erhalten und integriert wird.
Der Vorschlag, im Bereich der Wandelhallen ein Kunstmuseum zu etablieren, ist hochinteressant. Hier könnte, vor allem zusammen mit den vorgeschlagenen Ateliers und evtl. auch mit weiteren denkbaren Nutzungen ein bedeutender öffentlicher Ort entstehen – sowohl innerhalb der gesamten Innenstadt als auch im Quartier. Die dadurch entstehende Arbeitsteilung von Industriekultur und Kunst könnte sowohl die Belebung des Quartiers deutlich fördern als auch inhaltlich den jeweiligen Belangen möglicherweise besser gerecht werden.  
Die Verbindungen zwischen allen Bereichen sind gut durchdacht, funktionstüchtig und insgesamt gelungen, weil sie ganz selbstverständlich mit z.T. komplexen Höhensituationen umgehen und sie lösen und zwar immer im Kontext aus Bebauung, Freiraum und Nutzung. Dies gilt auch über das Quartier hinaus im Bereich der Wilhelmstrasse und des ZOB.
Die vorgeschlagene Bebauung im Osten ist unaufgeregt, angemessen und stärkt den Straßenraum Unter den Linden und rahmt zugleich den Biergarten des franz.K mit dem erhaltenen Baumbestand. Allerdings sind die privaten, den Gebäuden zugeordneten Hof- und Freiflächen sehr eng und nicht eindeutig im Sinne einer Typologie definiert. Kritisch gesehen werden insbesondere die Freiflächen der Kita.
Das Baufeld an der Einmündung in die Gutenbergstraße bildet einen nachvollziehbaren Auftakt des Gesamtquartiers und bietet Erdgeschoss-Nutzungen an, die für die Funktion und Nutzung der öffentlichen Räume wichtig sind.
Der bewusste Akzent der auf dem Sockel sitzenden 9-geschossigen Wohnbebauung ist nachvollziehbar und respektiert die Wirkung des „Stuttgarter Tors“ weitgehend. Eine maßvolle Reduzierung würde dem Beitrag gut zu Gesicht stehen.
Die Bebauung südlich der Bahn bildet auf Dauer ein klares und eindeutiges Feld aus Kunst, Verwaltung und Dienstleistung, in das die Stadtbahn selbstverständlich und funktionsgerecht integriert wird. Allerdings ist insbesondere der Baukörper der Verwaltung bei weitem zu massiv und wird hinsichtlich der Geschosszahl kritisch gesehen.
Parallel zu den DB-Gleisen entsteht in Verlängerung der Stadtbahn-Haltestelle ein freier und übersichtlicher Raum für Passanten und Stadtbahn. Es wird hier voraussichtlich keine Unterfahrung von Gebäuden mit der Stadtbahn erforderlich. Aussagen zum Mobilitätskonzept und Fahrradparken sind im Ansatz formuliert. Die Durchwegung des autofreien Quartiers für Fußgänger und Radfahrer ist grundsätzlich gegeben. Die Pkw-Stellplätze sind in Tiefgaragen unter den Gebäuden verortet.
Eine etappenweise Umsetzung unter weitgehendem Erhalt vorhandener Bäume ist gut möglich.
Insgesamt zeugt der Entwurf von einer guten städtebaulichen Auseinandersetzung mit dem Ort und dem Bestand. Bei einer etwas geringeren Dichte eröffnen sich strukturell, städtebaulich und gestalterisch verfolgenswerte Ansätze.

Hochbaulicher Realisierungsteil:
Das Museum bildet eine eigene und selbstbewusste Einheit im Gesamtgefüge und die Adresse eines bedeutenden öffentlichen Freiraums, wenn gleich die gewählte architektonische Erscheinung – insbesondere hinsichtlich der Verbindungsfunktion zwischen den Teilquartieren – kontrovers diskutiert wird.
Auch wenn der Entwurf nicht an die Wandel-Hallen angeschlossen ist, weshalb es hier auch zu keinen Synergie-Effekten kommt, so werden doch durch die direkte Anbindung des Industriemuseums an den Tunnel andere positive urbane und kuratorische Nebeneffekte geboten. Es gibt Optimierungspotenzial bei der Positionierung der Museumspädagogik und mancher Besucherfunktionen. Dann könnte das Foyer auch als Eventfläche bespielt werden. Die im Betrieb kritisch zu sehende Abtrennung der Sonderausstellung kann auch als museale Erweiterung des Tunnelraums verstanden werden, was für die weitere Museumskonzeption neue Impulse setzen kann.
Die Kenndaten, im Besonderen die Werte des BRI, liegen im überdurchschnittlichen Bereich.
Die Gebäudekonzeption scheint für die Nutzung als Industriemuseum gut geeignet. Direkte betriebliche Synergien mit dem Kunstmuseum sind allerdings nicht gegeben, Synergien für die Belebung eines Herzstücks der Reutlinger Innenstadt sind jedoch enorm. 
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