Reutlingen als Fairtrade-Stadt - Zertifizierung am 3. Mai 2012

- Es gilt das gesprochene Wort -

Reutlingen ist jetzt Fairtrade - Stadt. Darüber freuen wir uns und feiern die Anerkennung zusammen mit den Menschen, die unsere Stadt auf dem Weg dahin voran gebracht haben.

Was waren die Gründe für den Anstoß des Zertifizierungsverfahrens? Gerade Ihnen hier dies im einzelnen aufzulisten hieße, Eulen nach Athen zu tragen. Deshalb, und weil kundige Menschen nach mir zu diesem Thema noch ausführlicher Stellung nehmen werden, nur ein paar Gedanken.

Viele Bürgerinnen und Bürger, Händler, Unternehmen in Reutlingen engagieren sich seit vielen Jahren für einen gerechten Handel, damit Produzenten in Afrika, Asien und Lateinamerika bessere, „faire“ Preise für ihre Produkte erhalten. Fairtrade wendet sich gegen die Ausbeutung zumeist rohstoffreicher Länder der früher sog. Dritten Welt durch Industrienationen. Fairtrade achtet darauf, dass nicht international agierende Multis die Gewinne abschöpfen, sondern Produzenten und Arbeiter vor Ort vom Handel profitieren, dass das Geld nicht abfließt, sondern Infrastruktur vor Ort aufgebaut werden kann. Nur so können soziale Einrichtungen, wie Schulen oder Gesundheitsstationen, errichtet und ihren Familien ein menschenwürdiges Leben gesichert werden. Es ist mir eine große Freude, dass immer mehr Reutlinger Geschäfte, Gastronomiebetriebe, Schulen, Vereine und Veranstalter fair gehandelte Produkte anbieten und nutzen.

Viele Bauernfamilien und Plantagenangestellte in den sog. Entwicklungsländern leben unter dem Druck des Weltmarktes, der schwankenden Preise und des ausbeuterischen lokalen Zwischenhandels. Die Folgen reichen von Verschuldung über Arbeitslosigkeit bis zur Verelendung. Auch die Arbeitsbedingungen sind oft katastrophal. Vielfach sind gesundheitsschädliche Stoffe im Einsatz, die Arbeiterinnen und Arbeiter haben keinerlei Rechte und Kinder müssen arbeiten, statt in der Schule lernen zu können.

Obwohl die Stadt Reutlingen als Kommune keine „internationale Politik“ betreibt – dies ist nationale Aufgabe –, wissen wir doch seit längerem um den Leitspruch „global denken – lokal handeln“. Wir haben uns im Gemeinderat bereits 2004 gegen Handel mit Produkten aus ausbeuterischer Kinderarbeit ausgesprochen. Der Gemeinderat hat dann 2008 mit einem Beschluss zur Beachtung ökologischer und sozialer Kriterien in der Beschaffung einen weiteren Schritt getan und die Weichen für eine faire, nachhaltige und soziale Beschaffung gestellt. So stammt beispielsweise der im Rathaus ausgeschenkte Kaffee bei Ratssitzungen und Empfängen aus fairem Handel.

Die Vorbereitungen für die Bewerbung der Stadt um den Titel „Fairtrade-Stadt“ haben deutlich gemacht, was sich schon eine Zeitlang abzeichnete: Wir sind mit unseren Bemühungen beileibe nicht allein. Viele Akteure in der Stadt haben sich diesem Ziel bereits seit längerem verschrieben, und so ist die Auszeichnung der Stadt Reutlingen heute im Rahmen der internationalen Kampagne „Fairtrade Towns“ Ausdruck der Wertschätzung dieses breiten Engagements von Bürgerschaft, Handel und Gastronomie sowie Schulen, Politik und Verwaltung. Darüber freuen wir uns und können auch stolz darauf sein. Es geht uns allen um mehr Gerechtigkeit in dieser einen Welt, die wir haben. Und deshalb ist die Auszeichnung heute auch kein Grund sich zurückzulehnen, sondern am gemeinsamen Ziel miteinander weiterzuarbeiten.

Eine Hoffnung verbinde ich mit der heutigen feierlichen Auszeichnung. Sie soll den Gedanken, von dem wir hier alle überzeugt sind, hinaustragen in alle Gruppierungen unserer Reutlinger Stadtgesellschaft. Gerechtigkeit und Fairness im Umgang mit anderen Menschen auf diesem Globus kann nicht allein von der „großen“ Politik bewerkstelligt werden, sondern braucht uns alle, jeden einzelnen von uns – als Entscheider in Unternehmen und Gremien, vor allem aber auch als Verbraucher. Wir können Einfluss auf internationale Warenströme nehmen, wir können, wie konkrete Beispiele zeigen, auf die Entwicklung lokaler und regionaler Handelsunternehmen Einfluss nehmen. In Familien und in Schulen wird durch die Bildungsarbeit für gerechte Nord-Süd-Beziehungen der Grundstein für den aufgeklärten Verbraucher gelegt, der über den eigenen Tellerrand hinausschaut.

Wenn die Bundeskanzlerin in einem Video-podcast für einen neuen Wachstumsbegriff wirbt und davon spricht, die europäischen Länder müssten über neue Formen des Wohlstands reden, in denen nicht allein die klassischen, ökonomischen Wachstumsgrößen maßgeblich sind, sondern ein „nachhaltiger Wohlstand“, dann meint sie mit Blick auf nationales und internationales Handeln das, was uns auch in Reutlingen bewegt: Die Sicherung unserer Zukunftsfähigkeit.  Wir haben also auch ein wohlverstandenes Eigeninteresse, auf der Grundlage unserer Werte und Überzeugungen so zu handeln.

Die Stadt Reutlingen ist beim Thema „fair-trade dabei...

...nicht allein aus ethischen Gründen (die ich heute gar nicht bemüht habe, die aber für die Stadt ebenso gelten wie für alle, die sich hier engagieren).

...nicht allein weil, die Stadt Vorbild sein will in Sachen sozialer Gerechtigkeit .

...sondern vor allem, weil Fairness und Nachhaltigkeit überall in der Welt Bedeutung haben, weil Ursachen und Wirkungen global zusammenhängen und weil Reutlingen mit einem Engagement als Fairtrade- Stadt einen Beitrag leisten kann für wirtschaftliche, soziale und ökologische Nachhaltigkeit in den Entwicklungsländern und damit auch bei uns.

Ich danke allen Beteiligten für das bisher Erreichte und für Ihr Bemühen, den Fairen Handel in Reutlingen zusammen weiter voran zu bringen:
  • Dem Gemeinderat, der vor Jahresfrist die Weichen gestellt hat für eine entsprechendes städtisches Engagement
  • Den Reutlinger Akteuren, darunter dem „Eine-Welt-Verein“, der das Thema in Reutlingen schon seit langem bewegt, den Vertretern aus Handel und Gastronomie, denen die Aufnahme fair gehandelter Produkte in ihr Sortiment wichtig ist, den Reutlinger Schulen, die für eine „generationenübergreifende Nachhaltigkeit“ bei der Befassung mit dem Thema sorgen, den Kirchen, die sich in ihren Gemeinden mit Fragen des fairen Welthandels befassen, den Umweltverbänden und allen anderen Mitwirkenden.
  • Meiner Verwaltung. Sie hat die Steuerungsgruppe ins Leben gerufen, begleitet, ihre Arbeitsergebnisse gebündelt und die Zertifizierung vorbereitet.
  • All denen, die mit Musik, Gastvortrag, Informationsstand und Grußwort den Rahmen unserer heutigen Veranstaltung mitgestaltet haben.
Henry Ford:
Zusammenkommen ist ein Beginn, Zusammenbleiben ein Fortschritt, Zusammenarbeiten führt zum Erfolg.

Ich wünsche allen Akteuren des Fairen Handels ertragreiche Zusammenarbeit!
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