Sondersitzung des Gemeinderats am 5. Juni 2008 - Stadthalle

Meine sehr geehrten Damen und Herren, erlauben Sie mir bitte, vor Eintritt in die Beratungen zu den einzelnen Tagesordnungspunkten einige Vorbemerkungen zum Thema der heutigen Sitzung zu machen, dem geplanten Neubau einer Stadthalle. Ich will mit zwei Zitaten beginnen. 

„Es hat heute keinen Sinn, sich mit der Geschichte der Saalbaufrage, die über 60 Jahre zurückgeht, näher zu befassen, richtiger ist, sich zu vergegenwärtigen, wie unter Berücksichtigung der heutigen Verhältnisse und Bedürfnisse die so wichtige Frage ihrer Lösung entgegenzuführen ist. ... Für die Stadt Reutlingen erscheint es als dringendes Bedürfnis, ein Konzerthaus zu besitzen, das den zu stellenden Anforderungen, der Veranstaltung von größeren Instrumental- und Vokalkonzerten, Oratorien, Theateraufführungen, Vorträgen, von verschiedensten Feiern, Versammlungen bei einem normalen Besuch von Teilnehmern genügt. Das Haus müsste vielleicht einen kleineren Saal, ... etwa für 200 bis 300 Personen und einem größeren Saal, der Raum für etwa 1.500 Personen bietet, ... enthalten.“ 

„Eine Stadt wie Reutlingen hätte doch in den vergangenen ... Jahren ein richtiges Konzert- und Theaterhaus bauen können und müssen. Da rühmt sich die Stadt ihrer großen Baulust, ihrer Kunstförderung und – mit Recht – ihres ... Orchesters ... und lässt sich Zeit mit dem längst fälligen Konzert- und Theaterhaus. Die Listhalle kann für Massenkundgebungen und Schreihälse geeignet sein, für Schauspiele, Operetten und Konzerte ist sie es nicht. Man bezahlt meist sehr teure Eintrittskarten und ärgert sich dazu, weil man im Saal schlecht sitzt, sieht und hört. Wer ganz vorne ist, mag noch einigermaßen auf seine Kosten kommen; wer einen Platz in der Mitte hat, ist zu bedauern; wer hinten sitzt, kann ungestört schlafen. Ich gehe nicht mehr hin, mir reicht`s ...“ 

Die beiden Zitate könnten der aktuellen Diskussion über den Neubau einer Stadthalle entnommen sein, sie sind aber – sie ahnen es sicher bereits – wesentlich älter. Beide entstammen Artikeln des Reutlinger Generalanzeiger. Das erste Zitat findet sich im GEA vom 5. Januar 1935. Wenn wir von diesem Datum 60 Jahre zurückrechnen, dann haben die Reutlinger bereits im 19. Jahrhundert über einen angemessenen „Saalbau“, wie man es damals nannte, diskutiert, und offensichtlich sollte diese Fragestellung, wenn auch unter unterschiedlichen Vorzeichen, die Stadt auch im gesamten 20. Jahrhundert immer wieder beschäftigen. 1938 wurde dann, nach auch in der Öffentlichkeit interessiert verfolgten Debatten über Standort-, Finanzierungs- und andere Fragen, die neue Friedrich-List-Halle errichtet. Allerdings war man von der ursprünglich als richtig empfundenen Größenordnung mit einem kleineren und einem größeren Saal für bis zu 1.500 Personen, aufgrund der angemeldeten Ansprüche und des Interesses der Nationalsozialisten an einer Aufmarschhalle, abgewichen und hatte eine Halle mit einer Bestuhlung für bis zu 3.000 Besuchern erstellt, was den Ruf nach einem in der Größe für Vereine angemessenen Saal nicht verstummen ließ. 
Die Listhalle wurde bekanntlich im Krieg zerstört und ab 1947 zum Teil aus Bauschutt-Material in Einfachstbauweise wieder aufgebaut, zunächst als Großgarage und Ausstellungshalle. Spätere Einbauten sollten sie auch für kulturelle Veranstaltungen tauglich machen. Dass das Ergebnis dieser nachträglichen Umbauten nicht durchweg als zufriedenstellend empfunden worden ist, das belegt das zweite Zitat aus einer Glosse im GEA vom 24. Februar 1962.
In den 60er und 70er Jahren gab es verschiedene Initiativen zum Bau einer Stadthalle, die allerdings alle nie so weit gediehen sind wie die Planungen für ein Kultur- und Kongresszentrum auf dem von der Stadt (BWS) zum Zwecke der Neuordnung erworbenen ehemaligen Bruderhausgelände. Der vom Gemeinderat 1989 beschlossene Bebauungsplan Kernstadterweiterung West sieht, neben der dann erfolgten Verlagerung der Verkehrsströme der 1999 abgeschlossenen Renaturierung der Echaz mit Erneuerung der Wehranlage und Neubau eines Wasserkraftwerkes sowie den Grünflächen, die Sondernutzung „Stadthalle“ vor.
Mit großem Einsatz hat man sich von Seiten der Stadtverwaltung und des Gemeinderates an die Planungen für ein Kultur- und Kongresszentrum mit Hotel und Multiplex-Kino gemacht, welche zuletzt in der Öffentlichkeit zunehmend kritisch diskutiert worden sind. Die notwendigen Beschlüsse hatte der Gemeinderat bereits gefasst. Das Vorhaben wurde bekanntlich durch den Bürgerentscheid im Oktober 2002 abrupt zum Ende gebracht. Die Suche nach der richtigen Antwort auf die „Saalbau-Frage“, welche die Geschichte der Stadt nun bereits seit so langem begleitet, ging in eine weitere Runde – allerdings mit reichlich erschwertem Marschgepäck. Die Vorgänge um das Kultur- und Kongresszentrum hatten Blessuren hinterlassen, Verunsicherung darüber, ob und wie denn nun das Projekt erneut anzugehen sei.
Heute liegt es nun an uns gemeinsam, die Erfahrungen aus der Vergangenheit in einem entschiedenen Beschluss für die Zukunft zu bündeln. Wenn der Gemeinderat sich heute, was ich hoffe, sich grundsätzlich für den Neubau einer Stadthalle in Reutlingen entscheidet, so findet diese Beschlussfassung in einem ganz anderen Rahmen als die früheren Planungen statt. Wir haben uns in Reutlingen nach dem Bürgerentscheid gegen das Kultur- und Kongresszentrum zunächst einmal anderen drängenden Themen zugewandt, den massiven Ausbau der Kinderbetreuung und der Ganztagesbetreuung an den Schulen in Angriff genommen – mit Erfolg. Die Weiterentwicklung des Bruderhausgeländes ist verknüpft mit den Vorhaben zur Innenstadtsanierung, die Entwicklung in anderen Stadtquartieren wurden in Angriff genommen, teilweise bereits abgeschlossen, siehe Tübinger Vorstadt und Rahmenplan Oststadt bis hin zu den Bezirksgemeinden, siehe Betzingen und Mittelstadt. Und die Frage, wie die Kultur in der Stadt und damit die Stadt mit ihrer Kultur sich künftig positionieren will, haben wir nicht auf den Bau einer Stadthalle beschränkt, sondern in einer Kulturkonzeption das Ganze in den Blick genommen. Kultur wird in Reutlingen an verschiedenen Stellen gefördert und weiterentwickelt, wie das kommenden Montag anstehende Richtfest für das soziokulturelle Zentrum franz k. und die wiederaufgenommene Diskussion über die zweite Spielstätte unseres Theaters Die Tonne und die Erweiterung zu einem Theaterzentrum belegen. Und noch etwas ist uns heute so Bewusst wie nie zuvor. Wir wissen inzwischen, dass die Listhalle aus statischen Gründen nicht erhalten bleiben kann, es sei denn, wir würden Unsummen von Geld hineinstecken, von denen kein Besucher profitieren würde.
Die vorliegenden Planungen für den Neubau einer Stadthalle zeichnen sich ganz besonders durch Sorgfalt und Gründlichkeit aus. Dies jetzt auch für die Beratungen des Gemeinderats zum Thema PPP, also ob ein privater Partner den Bau übernehmen sollte. Vor allem aber hat noch kein Projekt in dieser Stadt in diesem Umfang und in dieser Bandbreite eine solche Öffentlichkeitsarbeit erlebt. Die Bevölkerung ist laufend und sehr transparent informiert worden, konnte sich vielfältig einbringen und ihre Meinung äußern, hat selbst im Bürgerentscheid 2006 einen deutlichen Startschuss für die Aufnahme der Planungen gegeben. Die Ergebnisse aus der Bürgerbeteiligung zum städtebaulichen Ideenwettbewerb sind in die Ausschreibungen eingeflossen und liegen den weiteren Planungen insbesondere für den Außenbereich der Halle auf dem Bruderhausgelände zugrunde. Und wenn im zweiten Halbjahr 2008 der Aufstellungsbeschluss für den Bebauungsplan zur neuen Stadthalle gefasst wird, werden die Bürgerinnen und Bürger erneut am Prozess beteiligt. In der kürzlich durchgeführten repräsentativen Umfrage, die das Meinungsbild der Bevölkerung wiederspiegelt, sprechen sich in allen Alters-, Berufs- und Wählergruppen die Menschen unserer Stadt mit über zwei Drittel dafür aus, nun mit dem Bau zu beginnen.
Mit dem Startschuss für die Stadthalle heute werden gleichzeitig die weiteren Planungen für den Park und für ein Hotel eingeläutet. Wir werden, das verspreche ich, auch alle Schritte transparent darstellen. Dies gilt auch für das Kostencontrolling. Hier stehen Gemeinderat und Verwaltung gemeinsam in der Pflicht, die heute zu verabschiedenden Eckpunkte bei den vielen noch anstehenden Entscheidungen zum Beispiel zur Ausstattung der Halle oder der Gestaltung des Außenbereichs im Auge zu behalten. Die Stadt baut eigentlich schon seit langem jedes zweite Jahr eine neue Stadthalle. Die Investitionssumme bei der Stadthalle ist nichts Außergewöhnliches, den Umgang mit großen Bausummen sind wir hier alle gewohnt. Allein für die Erweiterung der Ganztagesbetreuung an den Schulen haben wir zuletzt erst 17 Mio. € investiert. Wie bei jedem anderen Bauprojekt auch, werden wir die Kostenentwicklung im Rahmen des Baucontrolling genau beobachten, bei Abweichungen den Gemeinderat informieren und mit ihm diskutieren, welche Schlüsse daraus zu ziehen sind. Wir alle wissen, dass wir gerade bei diesem Projekt unter besonderer Beobachtung der Öffentlichkeit stehen. 
Mit den Beschlüssen heute schließen wir beileibe nicht das Kapitel der Suche nach einem geeigneten „Saalbau“, aber wir können miteinander entschlossen unseren Willen zum Ausdruck bringen, dass die Stadt, ihre Bürgerschaft und ihre Vereine, nun endlich die ihr angemessene Halle für das auf hohem Niveau befindliche Kulturangebot erhält, dass mit der Neugestaltung des brachliegenden Areals die Innenstadt qualitätsvoll weiterentwickelt wird. Viel Arbeit, aber dann nicht mehr mit vagem Ausgang, steht uns also dann bevor, bis voraussichtlich in 2011 die Einweihung stattfindet. Lassen Sie uns heute einen Knopf dran machen.
Wenden wir uns der Tagesordnung zu. Zunächst wird auf Antrag der Fraktion Die Grünen und Unabhängigen zu entscheiden sein, ob ein Bürgerentscheid durchgeführt wird. Sollte dieser Antrag abgelehnt werden, wird der zweite Tagesordnungspunkt aufgerufen, Grundsatzbeschluss und Vergabe der Planungsleistung an den Architekten. Prof. Lederer, der Vorsitzende der Auswahlkommission, wird über deren Entscheidung berichten. Ich freue mich sehr, dass Herr Max Dudler persönlich den Siegerentwurf seines Büros vorstellen wird. Im dritten Tagesordnungspunkt beschließen wir bereits über die nächsten konkreten Schritte für die Umsetzung.
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