Bürgerempfang am 6. Januar 2008

- Es gilt das gesprochene Wort -

Rede Oberbürgermeisterin Barbara Bosch

Begrüßung
Heute am 6. Januar ist Epiphanias, der Tag des Herrn, so nennen ihn die Evangelischen.
Dreikönigstag sagen die Katholiken und die FDP.
Die Österreicher rechnen ganz praktisch: Heute ist der Weihnachtszwölfer (= 12. Tag nach dem 1. Weihnachtsfeiertag).
Für das bürgerliche Reutlingen ist der heutige Tag ganz pragmatisch der Tag des Bürgerempfangs im Rathaus. 
Die Tradition des Festes am 6. Januar geht übrigens zurück bis zur Antike. Bei den Griechen war es Brauch, Dionysos und die Verwandlung von Wasser in Wein zu feiern. Derlei Befähigung sollten Sie allerdings nicht von meinem kommunalpolitischen Amt erwarten. Ich habe deshalb wie in den Vorjahren veranlasst, dass ganz profan Wasser, Reutlinger Apfelsaft und Reutlinger Wein bereit gehalten wird, um die Stimme für die sich nach dem Programmteil anschließenden anregenden Gespräche zu befeuchten. Ich freue mich außerordentlich, dass neben dieser Belohnung für das lange Stehen und Zuhören auch in diesem Jahr wieder Handfestes gereicht werden kann, ermöglicht durch die großzügigen Spenden der beiden renommierten Handwerksbetriebe aus der Wilhelmstraße, der Vollkornbäckerei Hugo Berger, der in Teilen seines Gebäcks die Wurstwaren von Deutschlands ältester Metzgerei Göbel verarbeitet hat. Ihre Unter­stützung wird den Bürgerempfang in bewährter Weise vervollkommnen und den Verehrern unseres Reutlinger Weins die schmackhafte Grundlage liefern - herzlichen Dank Ihnen beiden, Herrn Berger und Herrn Göbel. 
Unsere Einladungskarte zum heutigen Bürgerempfang ziert ein Motiv der drei Könige,
gestaltet von Karl Langenbacher, Reutlinger Künstler, Literat und Werbegrafiker, der am
7. Februar 100 Jahre alt geworden wäre. Langenbacher hat diese Karte mit den drei Königen - oder den drei Weisen aus dem Morgenland - 1954 für die Textilfirma Stoll entworfen.
Die drei Könige tragen Mäntel aus Wolle in Rot, Grün und Violett, die aus dem Mantelsaum heraus in einem Wollknäuel auslaufen, den jeder König an einem Faden hinter sich herzieht wie eine Schleppe. Eine in der christlichen Ikonografie zugegebenermaßen ungewöhnliche Darstellung, mit der sich wohl auch der Auftraggeber nicht recht anfreunden konnte, schließlich sollen die Strickmaschinen, die heute in alle Welt verkauft werden, Produkte ohne Wollfäden liefern. Die Weihnachtskarte wurde jedenfalls vor 54 Jahren nicht von der Firma versandt, sondern von Langenbacher als private Jahreskarte verwendet. Mir gefielen die drei Könige so gut, dass wir sie in diesem Jahr als offizielle Einladungskarte der Stadt Reutlingen eingesetzt haben. Wir ehren damit den Künstler Karl Langenbacher, der als universeller Kopf seine Zeitgenossen in Bann zog. Wie er das tat, das können Sie ab dem 7. Februar in drei städtischen Ausstellungen in der Stadtbibliothek, im Spendhaus und im Heimatmuseum begutachten, die von Christoph Dohse zusammengestellt wurden.  
Da die drei Weisen aus dem Morgenland unbestritten männlicher Natur sind, setze ich mich mit dieser Einladungskarte auch nicht dem Verdacht aus, ein monarchisches Amtsverständnis zu pflegen. Die Queen gehört bekanntlich nach England, die wenigen Anlässe für das Tragen der Amtskette genügen mir vollkommen, zumal eine Krone ohnehin nur Frisur-technische Schwierigkeiten aufwerfen würde, und in der Kommunal­politik haben wir uns in vorgesehenen Abständen der Wählerschaft zu stellen. Und das ist richtig so.
Und die ist in Reutlingen eine aufgeweckte. Dies zeigt sich schon allein daran, dass sie sich von einem Druckfehler in der Einladungskarte nicht beirren lässt. Der Fehlerteufel hat dort mit dem falschen Wochentag, nämlich dem Samstag, zugeschlagen. Dass Sie heute alle dennoch da sind, beweist, dass Sie mitdenken. Solche Bürger brauchen wir in Reutlingen. 
Im vergangenen Jahr ist wiederum Vieles in der Stadt angestoßen und weiterentwickelt, sind viele Weichenstellungen vorgenommen worden. Mit dem Mut zur Lücke nachfolgend ein paar Stichworte. 
Wir wissen seit dem letzten Jahr, dass die Stadthalle in einem Bürgerpark stehen wird und haben zuletzt auch über den Architekten für die Freilandplanung entschieden, so dass diese zügig, parallel zum Bau der Stadthalle, vorangetrieben werden kann. Wir befinden uns mitten in den Beratungen über die Frage, ob eine öffentlich-private Partnerschaft für den Bau und/oder Betrieb der neuen Stadthalle vereinbart werden soll. Richtig spannend allerdings wird es, wenn das Preisgericht am Ende seiner Beratungen am 18. und 19. Januar seine Entscheidung bekannt geben wird, welche Architektur die neue Stadthalle bekommen, wie sie also aussehen soll. Daran wird sich, wie wir es in Reutlingen inzwischen gewohnt sind, eine umfangreiche Beteiligung der Öffentlichkeit anschließen. Eine repräsentative Befragung habe ich stets zugesagt und werde wie auch sonst mein Wort halten. Nach den bisherigen Planungen könnte der Gemeinderat im April, spätestens Mai den Baubeschluss fassen. Nach zwei europaweit ausgeschriebenen Wettbewerben, bei welchen wir auch an die lange Verfahrensdauer gebunden waren, kann nun endlich ein Knopf an eine über 60-jährige Debatte gemacht werden. Seit dem provisorischen Wiederaufbau nach dem Kriegsende 1947 wird nämlich an den Neubau einer Stadthalle gedacht. In diesem Jahr wird es also endgültig ernst damit und dann werden alle von Ihnen beim Bürgerempfang einen Sitzplatz finden. 
Zweites Stichwort: Familienoffensive Reutlingen. Für einen ebenfalls großen Schub beim geplanten Ausbau der Kinderbetreuung hat der Gemeinderat noch zuletzt durch seine Beschlüsse gesorgt. Familienoffensive Reutlingen - das heißt Gas geben bei der Einrichtung zusätzlicher Plätze in der Ganztages- und Kleinkindbetreuung, mit enormen Auswirkungen auf unseren städtischen Haushalt. Zwar werden Bund und Land Zuschüsse geben, dennoch bleibt ein erheblicher Brocken an den Kommunen hängen. Es gibt kein anderes Politikfeld, in dem wir in dieser Weise jährlich unsere Haushaltsmittel erhöhen. Wir reden insgesamt über Millionenbeträge, und wir tun dies, weil wir von der Notwendigkeit einer verbesserten Kinderbetreuung für den Wirtschaftsstandort und Familienstandort Reutlingen überzeugt sind. 
Unter Familienoffensive Reutlingen verstehen wir übrigens nicht nur den beschleunigten Ausbau der Platzzahlen, sondern auch die Unterstützung der betrieblichen Betreuung sowie der integrativen Tageseinrichtungen (mit behinderten und nicht behinderten Kindern) sowie eine Vielfalt pädagogischer Konzepte. Außerdem hat der Gemeinderat in seiner letzten Sitzung 2007 den Startschuss für das Kinder- und Familienzentrum im Ringelbach mit vielen Hilfsangeboten unter einem Dach sowie für neue Bauherrenmodelle auf dem ehemaligen Ypernkasernengelände gegeben, von dem auch junge Familien profitieren können. 
All dieses trägt dazu bei, die Attraktivität unserer Stadt zu festigen und zu steigern.  
Drittes Stichwort: die Innenstadt. Die Vorbereitungen für eine Sanierung der Innenstadt haben im vergangenen Jahr kräftig an Fahrt zugelegt. Sehr konkret haben sich Bürgerinnen und Bürger in Workshops mit den Vorschlägen für den Bodenbelag in der Wilhelmstraße und anderer Straßen und Plätze beschäftigt. Der Gemeinderat wird nach eingehender Beratung hierüber entscheiden, damit die Bagger anrücken können. Bevor das geschieht, werden wir Anfang des Jahres mit den Einzelhändlern das Baustellen­management besprechen. Und mit der Bürgerschaft wollen wir dann in einem weiteren Schritt zum Beispiel über die Zukunft des Marktplatzes diskutieren. Für die Umgestaltung von Straßen, Wegen und Plätzen stehen bekanntlich 7 Mio. Euro bereit.  
Die Eröffnung der Markthalle markiert einen weiteren Baustein der Stadtent­wicklung am südlichen Ende unserer Altstadt. Das Areal ist ein gelungenes Beispiel dafür, dass die Kooperation von Stadtentwicklung und Stadtplanung sowie privaten Investoren viel bewirken kann und dem allgemeinen Trend zur Verödung der Innenstädte erfolgreich entgegenwirkt. Der anderen Seite der Altstadt, rund um den Bahnhof und das Postgelände, wollen wir uns nach Vorlage des Gutachtens intensiv zuwenden und noch vor der Sommerpause dessen Zukunft diskutieren, wozu bekanntlich auch die Frage nach Möglichkeiten und Grenzen der Ansiedlung eines großflächigen Einzelhandels in der Innenstadt gehört. Wir werden in aller Ruhe und Sachlichkeit diskutieren, ob und ggf. wo und in welcher Größe und Zusammensetzung ein weiterer Shopping Center nach Reutlingen kommt und bis dahin sollten wir möglicher Weise auftauchenden krausen Überlegungen mit großer Gelassenheit begegnen.  
Viertes Stichwort: Kultur. Die Umbauarbeiten im Foyer U3 zum Soziokulturellen Zentrum haben begonnen. Wir setzen damit einen weiteren wichtigen Bestandteil unserer Kultur­konzeption um. Über die Zukunft der Planie und der zweiten Spielstätte unseres Stadttheaters Die Tonne werden wir, so hoffe ich, demnächst beraten und entscheiden können. Die Stadthalle, von der ich bereits gesprochen habe, ist bekanntlich ein weiteres Investitionselement unserer Kulturkonzeption. 
Fünftes Stichwort: der Sport. Ebenfalls in seiner letzten Sitzung hat der Gemeinderat die Sportstättenplanung 2010 verabschiedet, welche das Ergebnis der Besprechungen und Abstimmungen mit den Reutlinger Sportvereinen darstellt. Die Maßnahmen, welche die Stadt bei ihren Sportanlagen in den kommenden Jahren in Angriff nehmen will, beinhaltet, soweit sie bereits beziffert sind, Investitionen in Höhe von 12,8 Mio. Euro. Diese Sport­einrichtungen stehen den Schulen und den Sportvereinen der Stadt zur Verfügung. Damit stellt Reutlingen erneut unter Beweis, dass es sich auch als Sportstadt versteht. Zusätzlich zu den Investitionen in städtische Sportanlagen erhalten die Vereine Investitions­zuschüsse im Rahmen der Sportförderung. In den letzten 10 Jahren sind allein hierfür über 1,8 Mio. Euro direkt an die Vereine ausbezahlt worden. Die Sportförderung bleibt in Reutlingen also auf hohem Niveau.  
Die bisher genannten Stichworte umreißen nur einen Teil der Vorhaben, welche das neue und die kommenden Jahre prägen werden. Dies bezieht sich auch auf den städtischen Finanzhaushalt. Man hört allenthalben, aufgrund der guten wirtschaftlichen Entwicklung seien die öffentlichen Kassen gut gefüllt, die Steuereinnahmen sprudelten. Richtig ist, dass die Konjunktur wieder angezogen hat. Das ist überaus erfreulich und dies tut allen gut, den Unternehmen, dem Arbeitsmarkt, der öffentlichen Hand - damit letztlich jeder Bürgerin und jedem Bürger. Allerdings haben die Kommunen enormen Aufholbedarf in vielen Bereichen, und es ist noch lange nicht gesichert, dass den ständig wachsenden Ausgaben insbesondere im Sozialbereich, ich nenne hier nur das Stichwort Kinderbetreuung, dauerhaft auch konjunkturbedingte Mehreinnahmen aus den beiden Haupteinnahmequellen, der Einkommens- und der Gewerbesteuer, gegenüberstehen werden. Hinzu kommt, dass in Reutlingen weitere Höhenflüge bei der Gewerbesteuer aufgrund der Situation einzelner Betriebe nicht erwartet werden können, wir also für letztes und dieses Jahr voraussichtlich bei den Planzahlen bleiben werden. Dennoch bauen wir in Reutlingen Schulden ab und haben uns dies auch für die nächsten Jahre vorgenommen, wozu die Verwaltung selbst durch nicht unbeträchtliche Einsparungen beiträgt. Wenn wir aber die geplanten enormen Investitionen in die Infrastruktur unserer Stadt, von der letztlich alle profitieren werden, in den nächsten fünf Jahren realisieren wollen, dann kann es nicht nur quer über die verschiedenen gesellschaftlichen Gruppierungen ein Bündnis der Forderung nach jeweils Mehr geben, sondern dann muss auch ein Bündnis der Verteilung dieser Lasten auf alle Schultern greifen. Im Hinblick auf den Gegenwert, der durch die Investitionen in die Infrastruktur geschaffen wird, hat der Gemeinderat deshalb, wenn auch mit sehr knapper Mehrheit, die Anpassung des Gewerbesteuerhebesatzes auf ein sehr moderates und mit anderen Städten absolut vergleichbares Niveau ab 2009 beschlossen. Ich weiß, dass sich daran heftige Kritik insbesondere von der Kammervertretung der Wirtschaft entzündet hat, stehe aber (im Hinblick auf die nach den Sommerferien beginnenden Beratungen zum Doppelhaushalt 2009/10) zu dieser Entscheidung, weil sie zum Wohl der Stadt und der Wirtschaft gegenüber vertretbar ist. Wir sind auf diese Einnahmen dringend angewiesen, wenn wir unser Ausbauprogramm wie beschlossen fortsetzen wollen. 
Sechstes und letztes Stichwort: Europa. Wer sich nur ein bisschen mit der Geschichte beschäftigt und wachen Blickes auf die Krisenregionen dieser Welt schaut, ermisst die Bedeutung eines geeinten Europas in Frieden, Freiheit und Wohlstand. Die kommunalen Städtepartnerschaften haben es in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg den Völkern, die noch kurz zuvor gegeneinander Krieg geführt hatten, ermöglicht, sich gegenseitig kennen und schätzen zu lernen und wesentlich dazu beigetragen, dass die Europäische Union aufgebaut werden konnte. Die Partnerschaften zwischen europäischen Kommunen gehören zu den wirksamsten und erfolgreichsten kommunalen Aktivitäten für das Gelingen der europäischen Integration. Die Partnerschaften zwischen französischen und deutschen Städten, zweier Völker, die sich über mehrere Kriege als Erzfeinde verstanden haben, haben dabei eine herausragende Rolle eingenommen. Die deutsch-französischen Beziehungen waren und sind das Rückgrat der europäischen Integration. Versöhnung unter den ehemaligen Kriegsgegnern und Sicherung des Friedens in Europa durch Austausch und Begegnung waren die Leitmotive.  
Reutlingen und die französische Partnerstadt Roanne haben ihren Beitrag hierzu geleistet. Vorgänger der DFG, der deutsch-französische Club, wurde 1959 gegründet. Bereits 1958 gehörte Reutlingen zu den ersten 40 deutschen Städten, die eine offizielle Partner­schaft mit einer französischen Stadt begründeten. Tausende von Bürgerinnen und Bürgern, vor allem junge Menschen, haben sich über die Jahre besucht und generations­übergreifende Freundschaften geknüpft. Das Jahr 2008 ist demnach auch das Jahr des 50-jährigen Jubiläums der Freundschaft zwischen Roanne und Reutlingen. Der heutige Bürgerempfang ist deshalb musikalisch vollkommen auf Frankreich hin ausgerichtet und bildet insofern den Auftakt in unser Jubiläumsjahr. Das Bläserquartett der Württem­bergischen Philharmonie Reutlingen, deren Intendanten und die Mitglieder des Stiftungsrates ich an dieser Stelle herzlich begrüße, hat traditionell zu Beginn unseres Bürgerempfangs aufgespielt, das Te Deum von Marc Antoine Charpentier. Sie haben es sicherlich erkannt, es ist seit 1954 die Eurovisionsmelodie. 
Seit ich den Bürgerempfang der Stadt Reutlingen verantworte, habe ich darauf geachtet, dass neben den professionellen Musikern auch das musikalische Vereins- und Schulleben unserer Stadt seinen Platz im Programm findet, mit einer Vorliebe für jugendliche Darbietende. Heute hätten deshalb der Kammerchor und das Streichquintett des Johannes-Kepler-Gymnasiums unter der Leitung von Herrn Schauffler und Herrn Stanger aus gegebenem Anlass einen französischen Liedbeitrag vorgetragen. Nun müssen wir aus Krankheitsgründen, die bekanntlich immer kurzfristig kommen, auf diesen Beitrag verzichten. Beste Genesungswünsche von dieser Stelle aus an Herrn Schauffler.
Das Bläserquartett der Württembergischen Philharmonie Reutlingen hat das Stück für ihre Instrumente abgeändert, so dass wir darauf nicht verzichten müssen, und trägt nun aus dem Film „Die Kinder des Monsieur Mathieu“ den Titel „Vois sur ton chemin“ vor.
Das Bläserquartett wird in bewährter Weise nach den Ehrungen auch den musikalischen Abschluss unseres Programms bilden, mit dem bekannten Rondeau von Jean-Joseph Mouret. 
Viel Vergnügen.
Laudationes für
Herrn Conrad Dolderer, Frau Marlis Breitinger
und die Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft Integration Reutlingen e.V,
Frau Winifred Dürr, Frau Helga Platen und Herrn Dr. Werner Schuman
am Bürgerempfang, 6. Januar 2008, Großer Sitzungssaal, Rathaus Reutlingen
Sie hörten den passend zum Jubiläumsjahr gewählten Liedbeitrag aus dem französischen Film „Die Kinder des Monsieur Mathieu“ (Les Choristes).
Ein besonderes Dankeschön an Herrn Jubl und das Bläserquartett der Württembergischen Philharmonie, die kurzfristig auch dieses Stück arrangierten.
Der Beitrag (Übrigens eine Musik von Bruno Coulais, die im Jahr 2004 als „Beste Filmmusik“ mit dem Europäischen Filmpreis ausgezeichnet wurde.) leitete auch schon über zu unserem Ehrungsteil.
Es geht um Menschlichkeit, Lebensqualität, Bildung für Kinder und Jugendliche. Mit dieser inhaltlichen Klammer lässt sich die Arbeit umschließen, für die sich die heutigen Empfänger der Verdienstmedaille der Stadt Reutlingen ehrenamtlich engagiert haben – in drei unterschiedlichen Bereichen.
Lassen Sie mich mit Ihnen, sehr geehrter Herr Dolderer, beginnen. Vor 15 Jahren hatten Sie bei Ihrem ersten Besuch in unserer ungarischen Partnerstadt Szolnok ein Schlüsselerlebnis: Mitten im Winter sahen Sie hungrige Kinder in kurzen Hosen und Sandalen auf der Straße. Daraufhin fassten Sie einen Entschluss, nämlich Spenden zu sammeln für die in Armut lebenden, kranken oder behinderten Kinder in Szolnok. So taten Sie genau das, was in einer Strophe des soeben gehörten Liedes beschrieben wird: „... donne leur la main...“ Sie reichten den Kindern die Hand.
Seit damals kümmerten Sie sich regelmäßig darum, dass durch verschiedene Aktionen Spendengelder zusammenkamen für den von Ihnen begründeten „Fonds bedürftiger Kinder Szolnoks“. Im Jahr 1994 setzten Sie dafür erstmals Ihr Drehorgelspiel ein – in der Weihnachtszeit auch im Ornat eines Nikolaus. Und seit 2000 gibt es die von Ihnen initiierte und jahrelang selbst durchgeführte Weihnachtspaketaktion. Dieses Mal beteiligten sich daran wieder 14 Kindergärten und Schulen. So konnten am Nikolaustag über 500 Weihnachtspakete in die ungarische Tiefebene gebracht werden und für strahlende Kindergesichter sorgen.
Ihr Engagement ist nachhaltig – das zeigt sich auf verschiedenen Ebenen. Auch wenn Sie inzwischen aus gesundheitlichen Gründen als langjähriger Realschulrektor des Bildungszentrum Nord sowie als langjähriger geschäftsführender Schulleiter in den vorzeitigen Ruhestand treten mussten, bewegt sich das weiter, was Sie in Bewegung gesetzt haben. Mehr als 25 Jahre lang haben Sie sich in herausragender Weise im Bereich der Städtepartnerschaften verdient gemacht. Seit 1978/79 organisierten Sie einen regelmäßigen Schüleraustausch der BZN-Realschule in Reutlingen und dem Collège Jean de la Fontaine in Roanne. Bis 2005 waren das insgesamt 1300 deutsche und französische Schüler, die in die jeweilige Partnerstadt gereist sind. Ihr Haus stand den französischen Begleitpersonen immer offen. Dank Ihrer vielfältigen persönlichen Kontakte konnten immer wieder Praktika vermittelt werden, viele dauerhafte deutsch-französische Freundschaften sind entstanden.
Was den deutsch-ungarischen Schüleraustausch betrifft, ist es hauptsächlich Ihnen, lieber Herr Dolderer, zu verdanken, dass dieser so lebendig ist. Ihr unermüdliches Engagement, Kontakte zu den verschiedensten Schulen zwischen Szolnok und Reutlingen herzustellen, ist beispiellos und hat sich gelohnt. Viele Schülerinnen und Schüler stimmen mit Ihnen überein, dass Ungarn, Zitat: „sehnsüchtig und süchtig zugleich (macht). Man muss immer wieder hin.“ (Zitat Dolderer) Der aktuelle Reisebericht eines Austauschschülers der 10c des Albert-Einstein-Gymnasiums endet mit dem Satz, er könne diesen Austausch „wirklich nur empfehlen“.
Nicht umsonst haben Sie, sehr geehrter Herr Dolderer, für Ihre Verdienste in Szolnok bereits Auszeichnungen erhalten: den Pädagogen-Preis der Stadt Szolnok im Dezember 1998 und – vor 2 Jahren – die Ehrenplakette des Kuratoriums der Kinderstiftung Szolnok für soziales Engagement für Szolnoker Kinder.
Heute nun sollen Sie von der Stadt Reutlingen für Ihr breites, leidenschaftliches Engagement geehrt werden. Ein Engagement, das neben den erwähnten Städtepartnerschaften auch die zu Aarau und die Städtefreundschaft zur sächsischen Stadt Pirna betraf sowie Ihre Mitgliedschaft im Gemeinderat von 1999 bis 2006.
Ich darf Ihnen nun die Verleihungsurkunde überreichen:
„In Anerkennung der Verdienste um die Stadt Reutlingen und ihre Bürgerschaft verleihe ich Herrn Conrad Dolderer die Verdienstmedaille der Stadt Reutlingen. Reutlingen, 6. Januar 2008.“
(Überreichen von Urkunde und Verdienstmedaille)
Wir bleiben im Bereich Schulen und Kinder. Die Gründungsmutter des Freundeskreises der Eduard-Spranger-Schule, Frau Marlis Breitinger, darf ich ansprechen.
Sehr geehrte Frau Breitinger, ein Thema, das heute in aller Munde ist, war Ihnen schon vor 21 Jahren wichtig: die Ganztagesbetreuung an den Schulen und – damit einhergehend – die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Das Thema ist inzwischen an 80% der Schulen im wörtlichen Sinne „in aller Munde“, seitdem gibt es nämlich moderne Schulküchen und Mensen, in denen sich hungrige Mäuler mit gutem Essen versorgen können.
Fördervereine sind wichtige Partner bei der inhaltlichen Gestaltung und Umsetzung der Ganztagesbetreuung. Der Förderverein der Eduard-Spranger-Schule war einer der ersten in Reutlingen. Sie, sehr geehrte Frau Breitinger, hatten im Jahr 1986 die Initiative zur Gründung ergriffen und waren seit Beginn im Vorstand tätig. Dank Ihrer Tatkraft und Entschlossenheit wurden die Ziele des Fördervereins in den Bereichen Öffentlichkeitsarbeit, Nachmittagsbetreuung, Verbesserung der Kontakte zwischen Lehrern, Eltern und Schülern nicht nur zügig umgesetzt, sondern auch weit übertroffen. Sie hatten maßgeblichen Anteil an der Einführung der Schulsozialarbeit. Sie haben den Bau der Mensa und der Betreuungsräume mit auf den Weg gebracht, die Einweihung konnte am 6. Oktober gefeiert werden. Ihnen war es wichtig, dass die Schule ein wirklicher „Lebensort für Kinder“ sein kann. Dieser Anspruch ist erfolgreich umgesetzt. Mit dem Ausbau der Ganztagesbetreuung an den Reutlinger Schulen kam wieder ein Stück mehr Lebensqualität in die Stadt.
Liebe Frau Breitinger, zum Schuljahresende im Juli 2007 beendeten Sie Ihre über 21 Jahre lange Tätigkeit im Förderverein. Stets haben Sie hervorragend mit der Schulleitung kooperiert. Sie legten sogar übereinstimmend den Zeitpunkt Ihres Ausscheidens fest – parallel zum Ruhestandsbeginn von Herrn Rektor Kick. Dies zeigt, dass der Förderverein, verkörpert durch Ihre Person, zu einer Institution auf Augenhöhe mit der Schulleitung geworden war. Sie können stolz auf das sein, was Sie all die Jahre in bestem Einvernehmen geleistet haben.
Auch Sie haben mit Ihrem ehrenamtlichen Dienst Verantwortung übernommen und sich für die Stadt Reutlingen und ihre Bürger verdient gemacht. Dafür danke ich Ihnen herzlich! In Anerkennung Ihres außerordentlichen Engagements darf ich Ihnen die Verdienstmedaille der Stadt Reutlingen verleihen.
(Überreichen von Urkunde und Medaille)
Sich Einsetzen für mehr Lebensqualität für Menschen in unserer Stadt – das ist auch das Thema der drei Personen, die nun gemeinsam eine Ehrung entgegen nehmen dürfen. Lebensqualität für alle! Für Menschen mit und ohne Behinderung.
Die erfolgreichen Aktivitäten zur Integration von Menschen mit Behinderungen in Stadt und Landkreis Reutlingen in den letzten drei Jahrzehnten sind vor allem auf das kontinuierliche und hohe Engagement von Frau Winifred Dürr, Frau Helga Platen und Herrn Prof. Schumann zurückzuführen. Die genannten Personen gehören zu den Gründungsmitgliedern der Arbeitsgemeinschaft Integration Reutlingen e.V., abgekürzt AGI.
Die Arbeit der AGI begann Anfang der 1980er Jahre. Zugrunde liegt der demokratische Gedanke, dass alle Menschen, ob mit oder ohne Beeinträchtigung, zuallererst als (gleiche) Menschen zu sehen sind. Wir sind alle Teil einer Gesellschaft. Niemand soll ausgegrenzt werden. Die Arbeit beruht auf der Überzeugung, dass jedes Mitglied der Gesellschaft auf andere angewiesen ist, der eine mehr, der andere weniger. Auf dieser Grundlage ist das Motto der Bundesarbeitsgemeinschaft zu verstehen: „Gemeinsam leben – gemeinsam lernen“ – ein Motto, das die Arbeitsgemeinschaft Integration Reutlingen konkret umsetzt. Nicht umsonst erwarb sich die AGI eine Vorbildrolle und den Ruf, eine Art Zentrum der Integrationsarbeit zu sein. Hier wurden auch in Zusammenarbeit mit der Evangelischen Fachhochschule für Sozialwesen Reutlingen Modelle entwickelt, die inzwischen beispielhaft in Deutschland sind.
Dabei haben Sie, sehr geehrte Gründungsmitglieder, Frau Dürr, Frau Platen, Herr Prof. Schumann, zusammen mit der BruderhausDiakonie maßgeblich mitgewirkt, zum Beispiel am Konzept und an der Etablierung der Integrativen Wohngemeinschaften. In diesen Wohngemeinschaften leben behinderte und nicht behinderte Menschen zusammen, erleben gemeinsam den Alltag und unterstützen sich dort, wo Unterstützung gebraucht wird. Die gemeinsame Alltagsbewältigung mit Einkaufen, Kochen, Essen, Putzen, Ausgehen führt die Bewohner zusammen und bringt für alle einen Zugewinn an sozialer Kompetenz. Zwei dieser bestens funktionierenden Integrativen Wohngemeinschaften gibt es bereits seit 11 bzw. 6 Jahren in Betzingen und in Sondelfingen. Es seien „ganz normale Nachbarn“, sagen die Nachbarn.
Ein weiteres Feld Ihrer Arbeit möchte ich erwähnen. Um das Grundrecht aller Kinder zu einem gemeinsamen Leben und Lernen weiter umzusetzen, hat die AGI 2001 den Fachdienst für Beratung und Inklusion (FABI) aufgebaut. Damit wurde ein wichtiger Grundstock gelegt um Kinder, Eltern, Erzieherinnen und Kindergartenträger bei der Inklusion in so genannten Regeleinrichtungen zu begleiten. Die Erfahrungen zeigen, dass das Erleben von Vielfalt und Unterschiedlichkeit von Kindern ein wichtiger Beitrag zur Bildung und Erziehung im Kindergarten ist.
In diesem Kontext der AGI-Arbeit entstand auch die „Reutlinger Erklärung“, die im Mai vergangenen Jahres vom Gemeinderat verabschiedet wurde und in Baden-Württemberg Aufmerksamkeit erregte. Mit den „Leitlinien zur integrativen Erziehung, Bildung und Betreuung in Kindertageseinrichtungen in Reutlingen“ ist schriftlich fixiert, dass sich alle Träger in der Kindertagesbetreuung bewusst der Verantwortung und Aufgabe stellen, Kinder mit und ohne Behinderung in Gruppen gemeinsam zu fördern. Im gewohnten Umfeld, unter Beibehaltung des sozialen Gefüges sollen Kinder mit Assistenzbedarf die Möglichkeit haben, im Kindergarten um die Ecke die Unterstützung zu erfahren, die sie brauchen. Auch an die fachliche Qualifizierung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hat die AGI gedacht und entsprechende Angebote entwickelt.
Sehr geehrte Frau Dürr, sehr geehrte Frau Platen, sehr geehrter Herr Prof. Dr. Schumann, Sie haben sich als Vordenker um die Integration von Kindern mit Behinderungen in die Gesellschaft sehr verdient gemacht. Gerade durch die Kombination von betroffenen Eltern – damit spreche ich Sie, liebe Frau Dürr und liebe Frau Platen an – und dem fachlich-wissenschaftlichen Beitrag von Ihnen, Herr Prof. Dr. Schumann, konnte die wichtige Arbeit vorangetrieben werden. Häufig werden Sie überregional zu Vorträgen über Ihre Projekte eingeladen. Ihre Arbeit findet nicht nur in Fachkreisen viel Anerkennung.
Heute sollen Ihre Verdienste um die Stadt Reutlingen und ihre Bürgerschaft hier im Rathaus Reutlingen durch die Verleihung der Verdienstmedaille der Stadt Reutlingen Anerkennung erfahren. Stellvertretend auch für weitere Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft Integration Reutlingen e.V. darf ich Ihnen, sehr geehrte Frau Dürr, sehr geehrte Frau Platen, sehr geehrter Herr Prof. Dr. Schumann, sehr herzlich danken für Ihr außerordentliches soziales Engagement, und Ihnen nun die Verdienstmedaille mit Urkunden der Stadt Reutlingen überreichen.
(Überreichen von Urkunden und Medaillen, alphabetisch)
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