Bürgerempfang der Stadt Reutlingen am 6. Januar 2009

- Es gilt das gesprochene Wort -

Rede Oberbürgermeisterin Barbara Bosch


Begrüßung
Meine sehr verehrten Damen und Herren,
beim jetzigen Jahreswechsel wäre es so gut wie unmöglich gewesen, dass eine Rede aus dem Vorjahr wieder ausgestrahlt wird – zumindest wäre es allen aufgefallen. In allen Neujahrsreden 2009 taucht nämlich mit großer Wahrscheinlichkeit das Wort „Krise“ gehäuft auf. Wenn Sie in einer bekannten Internet-Suchmaschine das Wort „Krise“ eingeben, erhalten Sie 13,2 Mio. Einträge. Zumindest das Internet bleibt also auf Wachstumskurs.
Die Hypothekenkreditkrise in den USA hat sich zu einer weltweiten Finanzkrise mit erheblichen Auswirkungen auf die Wirtschaftslage und einer drohenden Rezession auch für Deutschland entwickelt. Mit ihr sind vor allem aber auch Leitlinien des wirtschaftlichen Handelns ad absurdum geführt worden, die über viele Jahre als scheinbar unumstößlich galten. Der Glaube an die allein seligmachende Steuerungskraft des Marktes ist verloren gegangen. „Es wäre weltfremd, alles dem Markt zu überlassen“, sagt sogar Christian Wulf. Jetzt wird, längst überfällig, wieder das Primat der Politik eingefordert. Wobei Primat der Politik nicht pauschal „mehr Staat“ bedeutet. Aber mit „shareholder value – only”, der alleinigen Ausrichtung auf die größtmöglichste Gewinnmaximierung, ist auf Dauer nicht nur schlecht wirtschaften, sondern eben auch kein Staat zu machen. Primat der Politik heißt, dass der Rahmen, innerhalb dessen gewirtschaftet wird, von der Politik festzulegen ist. Und wenn die Quittungen für eine miserable Unternehmensführung nun von der Allgemeinheit beglichen werden sollen, dann ist dies ohnehin nicht mehr als recht und billig.
Finanzblasen sind übrigens so alt wie der Geldkreislauf. Es gab sie im antiken Rom wie in der Renaissance, als im Florenz der Medicis reihenweise Banken Pleite gingen. Und selbst im Platzen können Blasen noch Fortschritt bewirken: Die holländische Tulpen- Manie des 17. Jahrhunderts hat zwar Hunderte von Kaufleuten ruiniert, langfristig aber dazu beigetragen, dass die Niederlande zu einer führenden Agrarnation geworden sind. Und so sind Krisen immer auch eine Chance, wenn man sich von alten Denkweisen befreit und Mut und Tatkraft nicht verliert.
Auch in Reutlingen sind die Folgen der Wirtschaftskrise zu spüren. Wir haben dies bereits im vergangenen Jahr durch einen erheblichen Einbruch bei den Gewerbesteuerzahlungen bemerkt. Nicht alles ist der Finanzkrise geschuldet, besonders im Automobilbau haben die Schwierigkeiten früher eingesetzt, und die Zuliefererindustrie, auch hier in unserer Stadt, bleibt davon nicht verschont. Unseren Entwurf für den Doppelhaushalt 2009/2010 mussten wir deshalb bereits im Laufe der Beratungen korrigieren, hatten von Seiten der Verwaltung dem Gemeinderat die größtmögliche Fortsetzung unseres ohnehin überdurchschnittlich hohen Investitionsprogramms als antizyklische Konjunkturstütze vorgeschlagen, bei einer leichten Neuverschuldung in 2009 und Rückführung dieser Verschuldung schon ab dem darauffolgenden Jahr. Der nun von der Mehrheit des Gemeinderates verabschiedete Doppelhaushalt 2009/2010 beinhaltet zum überwiegenden Teil die von uns vorgeschlagenen Investitionen; das ist die gute Nachricht. Die schlechte ist, dass dies mit einem deutlichen Anstieg der Neuverschuldung auf 122,6 Mio. € bis Ende 2010 erkauft wird. Was die Jahre danach bringen werden, kann derzeit niemand verlässlich abschätzen. In Schönwetterzeiten Politik zu machen, ist einfach. In Zeiten der Krise das Schiff gut durch den Wellengang zu steuern und dabei das Ziel nicht aus den Augen zu verlieren, ist eine viel größere Herausforderung. Und genau dieser wollen wir uns in Reutlingen stellen. Auch im nächsten Jahr wird in unserer Stadt der Regler nicht auf Null gefahren, geht es weiter mit Investitionen in die Infrastruktur unserer Stadt, mit dem Ausbau in wichtigen Politikfeldern.
Dass unsere im Januar 2006 vom Gemeinderat verabschiedete Kulturkonzeption Früchte trägt, hat sich zwischenzeitlich herumgesprochen. Die Planungen für die neue Stadthalle und das ganze komplexe Vorhaben auf dem Bruderhausgelände laufen auf Hochtouren. Für einen Außenstehenden ist nicht erkennbar, wie viele Details bei der Freiraumplanung oder beim Hallenkonzept vorbesprochen und sorgfältig abgewogen sein müssen. Nachdem nun der städtische Finanzhaushalt, dessen Beratungen uns seit September beschäftigt haben, unter Dach und Fach ist, werden wir, wie angekündigt, als nächstes einen Bericht über den aktuellen Zwischenstand der Planungen geben. Der Spatenstich soll bekanntlich in diesem Jahr stattfinden. Die Stadthalle ist übrigens das einzige Projekt, bei dem sich mit Zuwarten und Verschieben keine Entspannung in unserer Finanzsituation erreichen ließe, weil das Geld für diese Investition in guten Jahren für diesen Zweck angespart worden ist und zur Verfügung steht. Vielleicht aber profitieren wir von sinkenden Baupreisen, was zumindest aus der Sicht des Bauherrn, also der Stadt, erfreulich wäre.
Diese Überlegung fließt auch bei dem im Januar anstehenden Baubeschluss über die Innenstadtsanierung mit dem Beginn in der Wilhelmstraße ein. Maßgeblich ist jedoch, dass die bisherigen Vorentscheidungen bezüglich der Materialwahl für den Bodenbelag noch vor dem Hintergrund einer anderen Finanzlage der Stadt getroffen worden sind. Wir legen mit einem Baubeschluss jetzt den Standard für die gesamte Innenstadt und damit Bauausgaben über viele Jahre hinweg fest. Ich werde dem Gemeinderat deshalb vorschlagen, die Gesamtkosten hinsichtlich der Materialauswahl noch einmal sorgfältig unter die Lupe zu nehmen. Ich meine, dazu sind wir vor dem Hintergrund der neuen Finanzsituation verpflichtet. Das Ziel der Innenstadtsanierung wird dadurch keineswegs beeinträchtigt, auch werden die Handwerksbetriebe so oder so ihre Aufträge erhalten.
Die Vorbereitungen für eine angemessene, insbesondere auch feuerschutztechnische Sanierung der zweiten Spielstätte unseres Stadttheaters Die Tonne in der Planie laufen ebenfalls planmäßig. Optionen für den Ausbau zu einem Theaterzentrum werden, wie vom Gemeinderat beschlossen, in die Überlegungen mit einbezogen. Mit der stattgefundenen Einweihung des Kulturzentrums franz.K kurz vor Weihnachten wären somit die von der Kulturkonzeption empfohlenen Investitionen in Kulturräume komplett erfolgreich umgesetzt.
Die angemessene, auf die zukünftigen Bedürfnisse ausgerichtete Entwicklung der Sportangebote wird uns in diesem Jahr ebenfalls sehr beschäftigen. Ich meine damit nicht nur den Neubau der Carl-Diem-Halle, sondern vor allem auch die demnächst vorliegenden Ergebnisse aus der Untersuchung zur Sportentwicklung in Reutlingen. Sie wird uns, in gewisser Weise ähnlich wie die Kulturkonzeption, aufzeigen, wo die Potenziale der Weiterentwicklung des Sports in unserer Stadt liegen könnten, welche Angebote in Zukunft mehr und welche weniger von der Bevölkerung voraussichtlich nachgefragt werden. Ich bin schon sehr gespannt auf diese Diskussionen, weil mit ihnen die Leitplanken für die Weiterentwicklung des guten Niveaus, das wir im Sport in Reutlingen haben, gesetzt werden sollen.
2009 wird auch ein Jahr der Wahlen sein. Die Kommunalwahlen im Juni werden an der einen oder anderen Stelle in unserem Gemeinderat zu Veränderungen führen; allein schon deshalb, weil manche Stadträte angekündigt haben, nicht mehr zu kandidieren. Außerdem stehen Bundestags- und Europawahlen, in Reutlingen zudem auch Jugendgemeinderatswahlen an. Bitte machen Sie als Bürgerinnen und Bürger von Ihrem Wahlrecht kräftig Gebrauch und entscheiden Sie so die Zusammensetzung der Gremien und Parlamente mit.
Die Qual der Wahl werden Sie in unserer Stadt im nächsten Jahr auch bei den vielen Veranstaltungen der Heimattage Baden-Württemberg haben. Mit Ulm war letztes Jahr erstmals eine Großstadt Ausrichterin dieser Werbeplattform baden-württembergischer Regionen und Städte, Reutlingen folgt in diesem Jahr nach. Und das hat seinen guten Grund. Gleich drei Jubiläen waren Ausschlag dafür, und alle drei prägen auch das Programm mit. 150 Jahre Eisenbahnanschluss in Reutlingen, 100. Geburtstag von HAP Grieshaber und 200. Geburtstag von Gustav Werner – uns steht in dieser Hinsicht ein Festjahr bevor. Fünf Schwerpunkt-Wochenenden bis in den Oktober hinein, in welchen geschafft, sozial agiert, musiziert, gelacht sowie gegessen und getrunken wird, warten auf ihre Besucher. Hier und bei vielen weiteren Veranstaltungen dürfte für jeden Geschmack etwas dabei sein, von der leichten bis zur ernsten Muse, von Informationen bis zur Unterhaltung, dargeboten sowohl von Laiengruppen wie auch von Profis. Wir haben extra für Sie einen Stand draußen im Foyer aufgebaut, bei welchem Sie sich informieren und auch etwas mit nach Hause nehmen können. Ich bin sicher, dass sich Reutlingen in der Region und in Baden-Württemberg mit seinen besten Seiten präsentieren kann, als moderne, dynamische Großstadt mit Tradition.
Das von uns für diese Heimattage ausgewählte Motto „Kultur schafft Heimat!“ unterstreicht unser großes kommunalpolitisches Engagement in diesem Bereich und macht deutlich, dass Reutlingen Heimat sein will für Junge und Alte, Schwache und Starke, Ur-Reutlinger und Zugereiste.
Und wenn Sie sich schon am Stand zu den Heimattagen befinden, dann nehmen Sie auch unsere Broschüre „Energie und Klimaschutz in Reutlingen“ mit. Die Stadt und die städtischen Tochterunternehmen haben in den vergangenen Jahren erfolgreich vieles unternommen, um den Verbrauch an fossiler Energie zu verringern. Wir haben in der Vergangenheit uns in erster Linie darauf konzentriert, etwas zu tun, und weniger, darüber zu reden. Zur Information der Bürgerschaft haben wir deshalb diese Broschüre aufgelegt; sie enthält nicht Ankündigungen, sondern Ergebnisse. Neuestes Beispiel ist die Entscheidung, seit 1. Januar 2009 den gesamten Strombezug aller städtischen Einrichtungen auf Ökostrom aus Wasserkraftanlagen umzustellen, außerdem die Bereitstellung von 2 Mio € im Doppelhaushalt für zusätzliche energetische Sanierungsmaßnahmen.
Wir wollen uns natürlich auf diesem Stand nicht ausruhen. Ebenfalls für dieses Jahr ist die Fortschreibung des Kommunalen Klimaschutzberichtes der Stadt Reutlingen mit Zielvorgaben für die nächsten Jahre vorgesehen.
Zwei Themen will ich zu guter Letzt ansprechen, bei denen allerdings noch nicht entschieden ist, wie es konkret weitergeht. Da ist zum Einen das Interesse eines großflächigen Einkaufszentrums, sich am Rande der Innenstadt auf dem Postareal anzusiedeln. Meine skeptische Haltung zu der gewünschten Größenordnung an dieser Stelle ist bekannt. Der Gemeinderat hat einen Gutachter mit der Analyse verschiedener Fragestellungen beauftragt, ist aber mit deren Ausfertigung noch nicht zufrieden. Hier muss also noch nachgearbeitet werden. Wichtig ist aus meiner Sicht vor allem, dabei wie gefordert nicht nur den Blick auf dieses eine Gelände zu fokussieren, sondern die Potenziale in unserer Innenstadt insgesamt herauszuarbeiten. Das Thema wird in diesem Jahr zu entscheiden sein.
Das erhoffe ich mir dringlichst auch bei einer anderen Problematik. Es geht um den Scheibengipfeltunnel. Bei dieser Entscheidungsfindung sind wir in Reutlingen allerdings auf die Zuschauerrolle beschränkt; das Geld wird in Berlin vergeben. Der Tunnel ist seit 1997 baureif; inzwischen mussten die Planungen wegen der verschärften Tunnelbaurichtlinien noch einmal überarbeitet werden. Dies ist zwischenzeitlich geschehen, das Regierungspräsidium hat am 9. Dezember den Planfeststellungsbeschluss vorgelegt. Einem Baubeginn steht also erneut prinzipiell nichts im Wege. Ich habe mich deshalb sofort nach diesem Beschluss in Berlin persönlich noch einmal für die Freigabe der entsprechenden Mittel aus dem Straßenbau eingesetzt, gemeinsam mit unserem Bundestagsabgeordneten Beck aus dem Wahlkreis Reutlingen. Dabei ist mir versichert worden, dass der Scheibengipfeltunnel bei einer entsprechenden Ausstattung des von der Bundesregierung für Januar angekündigten Konjunkturprogramms unter den Straßenbaumaßnahmen in Baden-Württemberg erste Priorität habe. Sie haben sicher den Nachrichten entnommen, dass dieses Konjunkturprogramm seit gestern von den Regierungsparteien diskutiert wird. Drücken Sie also die Daumen. Im anderen Fall bleibt uns die enorm hohe Feinstaubbelastung mitten in unserer Innenstadt, die keiner haben will, weil sie schädlich für den Menschen ist, erhalten – nicht nur in der Silvesternacht.
Das von mir gegründete „Aktionsbündnis Scheibengipfeltunnel jetzt“ hat deshalb im Dezember unter Beteiligung vieler Vertreter aus Stadt, Landkreis und Region ein Signal nach Berlin gesandt und unterstrichen, wie wichtig diese Straßenbaumaßnahme für uns ist.
Meine sehr geehrten Damen und Herren, von Thomas Mann stammt der Satz: „Wenn schon Untergang, dann möchte man doch wenigstens dabei gewesen sein.“ Trotz aller Unkenrufe: Auch 2009 wird die Welt nicht untergehen. Umwälzungen, Krisen und Neubeginn hat es immer gegeben. Der Mauerfall an der deutsch-deutschen Grenze jährt sich zum 20. Mal, die Bundesrepublik und die Volksrepublik China werden 60 Jahre alt. Die geostrategische und wirtschaftliche Machtverschiebung Richtung Indien und China wird sich aus heutiger Sicht beschleunigen. Die Krise schafft mehr Zwang zur Zusammenarbeit. Zunehmend globalisierte Märkte können dazu führen, dass der Wohlstand, an dem derzeit 2 Mrd. Menschen vor allem in der westlichen Welt partizipieren, sich in Zukunft gleichmäßiger über den Erdball verteilt, wenn auch die Maxime des „immer weiter – immer höher“ für den Westen dadurch einen Dämpfer erhält. 200 bis 250 Mio. Chinesen lernen eine Fremdsprache. China bildet jährlich zehn mal mehr Ingenieure aus als der Rest der Vereinten Nationen. Das sind Herausforderungen nicht nur, aber besonders auch an unser Bildungssystem. Reutlingen ist mit den fortgesetzt hohen Investitionen in den Ausbau der Ganztagesbetreuung an den Schulen dabei auf einem guten Weg, genauso wie beim Ausbau der Kinderbetreuung. Nach wie vor werden auch in den kommenden Jahren in diese beiden Bereiche die höchsten Zuschussbeträge aus unserem städtischen Haushalt fließen. Außerdem müssen wir darauf achten, dass die Schere zwischen Arm und Reich nicht weiter auseinander geht, sondern zurückgeführt wird. Bei vielem liegt die Zuständigkeit für entsprechende Maßnahmen gar nicht bei der Stadt. Dennoch haben wir uns im Gemeinderat entschieden, nicht nur die Mittagessenspreise für Kinder aus bedürftigen Familien zu reduzieren, sondern gleichzeitig auch, in Kooperation mit dem Landkreis, Begleitung für Familien in schwierigen Situationen anzubieten, sowie deutlich erhöhte Zuschüsse an die Fördervereine  für die Organisation des Mittagessens zu leisten. Dies ist das jüngste, aber nicht das einzige Beispiel für das soziale Gewissen in unserer Stadt.
Am Jahresende tritt saisonal immer ein bekanntes Nutztier auf, allerdings in dreierlei Ausprägung: Ich spreche vom Trio Glücksschwein, Sparschwein und Schweinehund. Das Glücksschwein ist ein Sylvesterartikel, wird am liebsten aus rosigem Marzipan geformt und ist in der Größe variabel, meist mit einem vierblättrigen Kleeblatt aus grüner Pappe in der Schnauze. Man verschenkt die putzigen Dinger als Glücksbringer, was auf mittelalterliche Wettspiele zurückgeht, bei denen das Schwein ein Trostpreis war. Ich wünsche uns allen, dass wir trotz aller Hiobsbotschaften für das neue Jahr „Schwein haben“ werden.
Die historische Spur für das Sparschwein lässt sich schon schwerer zurückverfolgen. Kein Wunder, schließlich verwirkt ein Sparschwein sein Leben am Tag seiner vollstmöglichen Stopfung. Die Kreditinstitute versuchten früher, die Kinder mit Spardosen zum Geldhorten zu animieren, lang bevor sie ihnen das Taschengeld mit dem Überziehungskonto zwecks Erwerbs von Klingeltönen für das Handy entzogen. Ich wünsche uns, dass wir gerade auch in diesem Wahljahr den Mut zum sparsamen Wirtschaften zeigen können – nicht um das Geld zu horten, sondern um es sinnbringend für unsere Stadt auszugeben.
Der dritte im Trio, der innere Schweinehund, verkriecht sich meistens über Silvester, weil dann gute Vorsätze Hochkonjunktur haben, zeigt sich aber kurz darauf wieder. Dieses Schwein ist mir das unsympathischste, weshalb ich zum Schluss lieber noch einmal auf China ausweiche. Im chinesischen Horoskop ist 2009 das Jahr des Büffels. Menschen, die im Jahr des Büffels geboren sind, sind bescheiden, fleißig und geduldig. Sie sind konsequent in ihren Handlungen und man kann sich als Freund auf sie verlassen. Der Büffel weiß genau, was er will und auch wohin er will. Indem er seine Angelegenheiten immer mit Bedacht angeht und sich nicht Hals über Kopf ins Risiko stürzt, ist Haus und Hof abgesichert, während andere ständig im Kampf mit dem Pleitegeier liegen. Soweit das Horoskop.
Da verbleibt mir zum Schluss, Ihnen persönlich ein frohes und gesundes neues Jahr, uns allen aber auf jeden Fall ein büffelstarkes 2009 zu wünschen.
Ich schließe mit einem Dank an das Bläserquartett der WPR und den Knabenchor capella vocalis unter der Leitung von Herrn Weyand, die wir jetzt hören werden für die musikalische Begleitung – beides erfolgreiche Beispiele für die Musikszene in Reutlingen.
Viel Vergnügen.
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Laudationes am Bürgerempfang
Ehrung mit der Verdienstmedaille der Stadt Reutlingen
für Herrn Christos Chrissakopoulos, Frau Renate Doms und Herrn Paul Mohl
Meine sehr verehrten Damen und Herren,
“Over the Rainbow“ = „Über dem Regenbogen“ haben wir als zweites Stück von capella vocalis gehört. Dieses zauberhafte Lied, das vor genau 70 Jahren für die Verfilmung des Romans „Der Zauberer von Oz” geschrieben und damals von der jungen Judy Garland gesungen wurde, gehört inzwischen zu den beliebtesten Nummern im Jazzrepertoire. Wenn es die capella-vocalis-Sänger hier live darbieten, geht einem das Herz noch einmal so weit auf. Herzlichen Dank für den tollen Vortrag!
In dem Lied wird eine märchenhaft schöne Situation beschrieben, eigentlich eine Utopie, ein Land, wo der Himmel immer blau ist und Träume wahr werden. Wir Menschen brauchen solche Utopien. „Wenn die utopischen Oasen austrocknen, breitet sich eine Wüste von Banalität und Ratlosigkeit aus“, so lautet die Warnung des Philosophen Jürgen Habermas.
„Over the Rainbow“ wurde im 2. Weltkrieg mit Irving Berlins „White Christmas“ für die US-amerikanischen Truppen zum Symbol der Sehnsucht nach der Heimat. Da ist das Stichwort wieder: „Heimat“! Das Thema lässt uns heute und das ganze Jahr über nicht los! 
Das Motto der Heimattage 2009 – Sie erinnern sich: Kultur schafft Heimat! – dient mir nun auch als Überleitung zu unserem zweiten Teil heute Vormittag, bei dem ich, wie jedes Jahr, verdiente Bürgerinnen und Bürger in den Mittelpunkt rücken möchte.
Zur Kultur gehört im weiteren Sinn auch das sich Einbringen, sich Engagieren, sich Beteiligen. Bürgerschaftliches Engagement ist unabdingbar Teil einer städtischen demokratischen Kultur. So gesehen lautet die Gleichung: Bürgerschaftliches Engagement schafft Identifikation und damit Heimat. Ich freue mich, dass ich Ihnen nun den ersten unserer drei zu Ehrenden vorstellen darf, Herrn Christos Chrissakopoulos. Herr Chrissakopoulos verwirklichte genau das: Er brachte sich ein, er engagierte sich, er nahm teil – und schuf dadurch Heimat, für sich und für andere. Seit über vier Jahrzehnten, nämlich seit er 1962 als junger Lehrer aus Griechenland zur Weiterbildung nach Deutschland kam, ist sein leidenschaftliches Anliegen die Integration von Einwanderern. Nach seinem Studium der Soziologie und Pädagogik in Tübingen hat er in Reutlingen Sonderpädagogik an der Fachhochschule studiert und von 1967 an als Lehrer an der Griechischen Schule in Reutlingen gearbeitet, später in Stuttgart. Für Sie ist, so vermute ich, Reutlingen zu einer Heimat geworden. 
Sehr geehrter Herr Chrissakopoulos, Sie haben sich in Reutlingen bereits vor 25 Jahren für die Einrichtung eines Ausländerrats (damals noch: Ausländerbeirat) eingesetzt. Die erste Ausländerratswahl fand am 29. Januar 1984 statt. Sie waren von Anfang an mit dabei, bis Sie sich aus gesundheitlichen Gründen im Jahr 2005 nicht mehr aufstellen ließen. Während Ihrer 20-jährigen Tätigkeit als Ausländerrat hatten Sie besonderes Augenmerk auf das Fortschreiten der Integrationsarbeit. Themen, die Ihnen besonders am Herzen lagen, waren die Förderung der Integration in den Kindergärten und Schulen. 
Eine Großstadt wie Reutlingen tut gut daran, dem Thema Migration/Integration angemessenes Gewicht einzuräumen, weil wir auch in Zukunft ein friedliches Miteinander praktizieren wollen, nicht nur in Anbetracht der demografischen Entwicklung – über die Hälfte (52%) der unter Dreijährigen in unserer Stadt haben einen Migrationshintergrund –,  sondern auch in Anbetracht der globalen Entwicklung: Durch wachsende globale Risiken sind wir gezwungen, die kulturell Anderen in unsere Wahrnehmung einzubeziehen. Als positiven Effekt könnte dabei ein neues weltweites Zusammengehörigkeitsgefühl erzeugt werden [so der Soziologe Ulrich Beck]. Und wir können in einer Kommune den Anfang machen, indem wir eine Atmosphäre der gegenseitigen Akzeptanz und des Respekts schaffen.
Sehr geehrter Herr Chrissakopoulos, Sie haben in Ihrem letzten Antrag aus dem Jahr 2004 zu diesem Themenkreis angeregt, ein gesamtstädtisches Integrationskonzept zu entwickeln. Dahinter steht die Überzeugung, dass erfolgreiche Integration kein Zufall ist. Eine nachhaltige Integrationsarbeit muss Querschnittsaufgabe in allen kommunalen Handlungsfeldern sein und die gleichberechtigte Teilhabe von Menschen unterschiedlicher Herkunft am kulturellen, sozialen, politischen und wirtschaftlichen Leben fördern. Ein solches von Ihnen initiiertes städtisches Integrationskonzept ist derzeit in Arbeit und soll, so ist es geplant, in diesem Jahr in den Gemeinderat eingebracht werden.
Sie haben sich neben dem Ausländerrat auch in vielen anderen Gremien wie dem Landesverband der Kommunalen Ausländervertretungen Baden-Württemberg (LAKA) oder der Gewerkschaft für ausländische Lehrer/-innen (BAMA) engagiert. Mit Ihrem intensiven ehrenamtlichen Engagement haben Sie Verantwortung übernommen und sich für die Stadt Reutlingen und ihre Bürger verdient gemacht. Als Zeichen des Dankes und meiner Anerkennung darf ich Ihnen nun die Verdienstmedaille der Stadt Reutlingen überreichen.
(Überreichen von Urkunde und Medaille).
Nach C wie Chrissakopoulos kommt D wie Doms. Sehr geehrte Frau Renate Doms, man sagt über Sie, Sie hätten das Herz auf dem sozialen Fleck! Seit über zwei Jahrzehnten engagieren Sie sich im sozialen Bereich, mit dem Schwerpunkt der Seniorenarbeit.
Als sich seit der Landesgartenschau im Jahr 1984 der regelmäßige Seniorentanz in zwei Gruppen in der Listhalle etabliert hat, übernahmen Sie nach und nach verantwortlich die Gruppe von Albert Beck. Im Wechsel mit Frau Margret Grimm leiten Sie seit 1994 alleinverantwortlich diese beliebte Tanzveranstaltung, die ja nicht nur Gymnastik für die Gliedmaßen, sondern auch Gymnastik für die Seele bedeutet.
Seit 1995 sind Sie, liebe Frau Doms, Vorsitzende des Vereins „Freundeskreis Reutlinger Senioren e.V.“. Seitdem organisieren Sie den ehrenamtlichen Betrieb der Seniorenstube in der Krämerstraße. Dieser Treffpunkt für Senioren wurde 1975 nach der Gründung des Freundeskreises eröffnet. Jährlich organisieren Sie eine große Weihnachtsfeier in der Festhalle Rommelsbach, bei der sich Senioren aus ganz Reutlingen einfinden. Regelmäßige Ausflugsfahrten und Reisen bringen viele Senioren „in Bewegung“. Seit zwölf Jahren organisieren Sie jährliche Reisen zu einem Kur-Urlaub nach Montegrotto Terme, Italien, die Sie selbst begleiten. Davor waren Sie zuerst Begleiterin und dann Organisatorin von Reisen nach Mallorca und Ibiza. Sie sind also seit 15 Jahren ehrenamtlich im Senioren-Freizeit-Management tätig, wie man das kurz zusammenfassen könnte, und schenken damit vielen älteren Menschen ein großes Stück Lebensfreude.
Noch länger als in der Seniorenarbeit sind Sie beim Deutschen Roten Kreuz engagiert, nämlich seit 35 Jahren. Von 1976 bis 1982 waren Sie Bereitschaftsführerin beim DRK-Ortsverein Reutlingen. Sie brachten sich bei Kursen und Veranstaltungen ein, unter anderem als Ausbilderin – häufig auch am Wochenende. 
Darüber hinaus sind Sie kommunalpolitisch tätig. Seit 1980 sind Sie im Bezirksgemeinderat in Rommelsbach, zehn Jahre lang (von 1994 bis 2004) waren Sie für die SPD im Gemeinderat in Reutlingen und eine wichtige Stimme im Verwaltungs-, Kultur- und Sozialausschuss. Ihr Augenmerk gilt vor allem den sozialen Fragen in der Stadt. Sie sind nach wie vor stets hilfsbereite Ansprechpartnerin für Menschen, die in Schwierigkeiten stecken.
Als vor 25 Jahren Ihr Ehemann schwer erkrankte, übernahmen Sie die Pflege und versorgten Ihren Mann, bis er im Mai letzten Jahres verstorben ist. Sie haben es mit beeindruckender Energie geschafft, die Pflege, das Ehrenamt und die Kommunalpolitik unter einen Hut zu bringen. Das bewundere ich und dafür danke ich Ihnen.
Sehr geehrte Frau Doms, mit Ihrem ehrenamtlichen Einsatz haben Sie Verantwortung übernommen und sich für die Stadt Reutlingen und ihre Bürger verdient gemacht. Sie erhalten für Ihr außerordentliches Engagement die Verdienstmedaille der Stadt Reutlingen, die ich Ihnen nun überreichen möchte.
(Überreichen von Urkunde und Medaille)
Wir kommen zur dritten und letzten Person, die heute geehrt wird: Es ist jemand, der seit einem halben Jahrhundert für das Deutsche Rote Kreuz tätig ist und langjähriger Vorstandsvorsitzender des DRK-Ortsvereins Reutlingen ist. Bereits vor der Hochzeit war der Ehegattin klar: Wenn sie diesen Mann heiratet, heiratet sie das Rote Kreuz gleich mit. Wir sprechen von Paul Mohl.
Sehr geehrter Herr Mohl, schon Ihr Vater war in Reutlingen beim Roten Kreuz aktiv. Sie haben das vermutlich im Blut. Und mit Blut haben Sie es auch zu tun, nämlich bei den unzähligen Blutspendeaktionen, die Sie organisieren und mitbegleiten. Sie sind auch darüber hinaus für die Stadt von besonderer Bedeutung: Seit vielen Jahren sind Sie der kompetente Ansprechpartner für Veranstaltungen im öffentlichen Raum mit großem Besucheraufkommen, wenn es um den Einsatz der Sanitätsdienste geht wie z.B. beim Stadtfest, bei Faschingsumzügen, bei der Fußball-WM, bei Veranstaltungen im Stadion Kreuzeiche. Aber auch beim Schwörtagsfest und nicht zu vergessen beim jährlichen Bürgerempfang sind Sie stets mit Ihren Kollegen vor Ort. Als beim letzten großen Empfang im Oktober hier an dieser Stelle meine Kollegin aus unserer französischen Partnerstadt Roanne spektakulär gestürzt ist, waren wir doch sehr froh, unsere Rot-Kreuzler gleich in der Nähe zu wissen, auch wenn sich Frau Déroche Gott sei Dank nichts zugezogen hat.
Im Bereich der Städtepartnerschaften haben Sie sich über die Jahre immer wieder engagiert. Sie waren maßgeblich daran beteiligt, dass zwischen dem DRK-Ortsverein Reutlingen und dem Croix Rouge in Roanne im Jahr 1985 eine Partnerschaft entstand, die über viele Jahre bis 2001 einen regen Austausch pflegte. Außerdem hat sich das DRK finanziell an mehreren Projekten mit den Partnerstädten Bouaké (Elfenbeinküste) und Duschanbe (Tadschikistan) beteiligt und Hilfslieferungen organisiert. Erst kürzlich konnte dank Ihrer Vermittlung die aufgrund des Engagements von Stadträtin Suse Gnant erhaltene Pulloverspende einer Reutlinger Textilfirma nach Duschanbe transportiert werden. Über 1000 Pullover gelangten vor Wintereinbruch an die Schulen 89 und 28, mit denen die Stadt Reutlingen kooperiert. 
Lang ist die Liste Ihres Engagements, sehr geehrter Herr Mohl:
Seit über 25 Jahren haben Sie die sanitätsdienstliche Ausbildung bei den Freiwilligen Feuerwehrabteilungen maßgeblich geprägt und durchgeführt. Insbesondere die Ausbildungen Erste Hilfe und Herz-Lungen-Wiederbelebung wurden durch Sie bei der Feuerwehr eingeführt.
Sie haben im Jahr 1993 die Arbeitsgemeinschaft aller Reutlinger Hilfsorganisationen mitbegründet, deren Ziele das gegenseitige Kennenlernen der Führungskräfte und die Schaffung eines Forums zum Informationsaustausch waren. Seit über 15 Jahren wirken Sie in der Arbeitsgemeinschaft mit und sind Mitorganisator des Reutlinger Sicherheitstages, der im Jahr 2008 zum 9. Mal durchgeführt wurde.
Sie haben sich sehr stark dafür eingesetzt, dass das DRK im Rahmen des Verkehrssicherheitsprojektes „fahRT fair“ Erste-Hilfe-Kurse für bestimmte Personengruppen anbietet.
Sie nahmen bereits beim ersten Kurs der Reutlinger Mentoren Werkstatt (das war 2003) teil. Als Frucht daraus entstand in Zusammenarbeit mit der Abteilung für Ältere das Angebot von Erste-Hilfe-Kursen für Senioren. Zwei Mal führten Sie im „Kreis der Älteren“ in Orschel-Hagen einen speziellen Seniorenkurs mit je fünf Doppelstunden durch. Auch für die Jugendarbeit im Jugendrotkreuz haben Sie sich stark gemacht.
Und zu guter Letzt: Ihrem hartnäckigen Engagement ist es zu verdanken, dass das DRK-Ortsvereinszentrum mit Zuschüssen der Stadt am 24. Oktober 2008 eingeweiht werden konnte. Über 2000 Stunden Eigenleistung wurden von den Rotkreuzlern dafür erbracht, davon knapp 800 Stunden von Ihnen selbst.
Sehr geehrter, lieber Herr Mohl, Sie übernehmen Verantwortung für das Leben von Menschen, Sie haben sich nicht nur für das Rote Kreuz, sondern auch für die Stadt Reutlingen und ihre Bürger verdient gemacht. Als Dank und Anerkennung für Ihr außerordentliches Engagement überreiche ich Ihnen die Verdienstmedaille der Stadt Reutlingen. 

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