Bürgerempfang am 6. Januar 2015

- Es gilt das gesprochene Wort -

Ansprache Oberbürgermeisterin Barbara Bosch


Liebe Bürgerinnen und Bürger,
sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Gäste,

herzlich willkommen zum Bürgerempfang 2015 in unserer Reutlinger Stadthalle, die ein Bürger unserer Stadt unlängst in der Zeitung sogar als „gereifte Diva mit Charme, Eleganz und einer wunderbaren Ausstrahlung“ beschreibt. Auch wenn Geschmäcker bekanntlich auseinander gehen können, das Schöne an dieser Diva ist, dass sie ganz undivenhaft normal daher kommt, als Stadthalle für alle – wie auch heute. Ich freue mich, dass so viele Bürger den Weg hierher gefunden haben, um mit uns das neue Jahr kommunalpolitisch einzuleiten. Die Ouvertüre, die wir gerade vom Bläserquintett der Württembergischen Philharmonie Reutlingen gehört haben, ist nicht nur die geeignete Auftaktmusik der heutigen Veranstaltung als Start ins neue Jahr – mal langsam-nachdenklich, mal zupackend-furios. Sie ist vielfach in Filmen verwandt worden. Außerdem ist der Dreiklang der gelben Postautos in der Schweiz auf das Andante der Rossini-Ouvertüre zurück zu führen. Die Oper wurde komponiert von einem Italiener für Paris, handelnd vom Freiheitskampf schweizer Kantone gegen Österreich, nach der Vorlage des deutschen Klassikers Schiller – europäischer geht es fast nicht mehr. Und dazu heute also noch eine Reutlinger Variante von den Musikern unserer Philharmonie. Ich danke allen Künstlerinnen und Künstler, die den heutigen Bürgerempfang musikalisch bereichern.

Rossinis Oper über den Freiheitskämpfer Wilhelm oder Guillaume Tell war im 19. Jahrhundert vielen Staatsoberhäuptern zu revolutionär, so dass sie entweder gar nicht aufgeführt werden konnte oder der revolutionäre Schauplatz in ein anderes Land, möglichst weit weg, verlegt werden musste. Diese Probleme haben wir heute nicht mehr. Wir leben in Deutschland in einer stabilen Demokratie, die Zensur nicht kennt. Meinungsfreiheit wird im Grundgesetz garantiert, geschützt wie das Recht auf Demonstration oder auf Asyl. Dass viele unserer Rechtsgüter von unterschiedlichen Gruppen und Gruppierungen, mit höchst unterschiedlichen, oft gegensätzlichen Zielsetzungen in Anspruch genommen werden, erleben wir gerade in diesen Wochen und Monaten. Es kommen Flüchtlinge in unser Land und suchen Schutz und Sicherheit vor den Gräueln dieser Welt. Allein in Baden-Württemberg waren es im vergangenen Jahr rund 26.000. Die Tendenz ist stark steigend.

Da gibt es aber auch die Pegida-Bewegung, die Ängste gegen Flüchtlinge und alles Fremde mobilisiert. Ich habe selbst in Dresden eine dieser Demonstrationen gesehen und verwahre mich dagegen, dass mit deren Ruf „Wir sind das Volk“ ein Vertretungsanspruch für uns alle formuliert wird. Ich stimme unserem Bundespräsidenten zu, der in seiner
Weihnachtsansprache geraten hat, Ängste ernst zu nehmen, aber ihnen nicht zu folgen. „Mit angstgeweiteten Augen“, so Gauck, „werden wir Lösungswege nur schwer erkennen, wir werden eher klein und mutlos. Die Botschaft "Fürchtet euch nicht!" dürfen wir auch als Aufforderung verstehen, unseren Werten, unseren Kräften und übrigens auch unserer Demokratie zu vertrauen“.

Dieser Meinung bin ich auch. Unsere demokratische Gesellschaft wird es schaffen, die Flüchtlinge aufzunehmen und sie anständig zu versorgen. Das wird nicht einfach, das kostet nicht nur guten Willen, sondern auch Geld. Guter Willen bei sehr vielen Menschen, auch in Reutlingen, ist vorhanden und ich möchte diese Gelegenheit nutzen, mich bei allen Ehrenamtlichen zu bedanken, die sich mit großem Einsatz der Flüchtlinge annehmen und sie unterstützen. Ich freue mich sehr darüber, heute einen Reutlinger Bürger für sein herausragendes, beispielhaftes Engagement in der Flüchtlingshilfe, unter anderem bei der Gründung und Begleitung der Asylcafés in Reutlingen, ehren zu können.

Eines der vordringlichsten Probleme ist die Unterbringung der Flüchtlinge, also die Versorgung mit Wohnraum. Ich danke jenen in Reutlingen, die uns bereits ein Angebot für
eine Unterkunft gemacht haben. Dennoch, suchen wir nach weiteren Möglichkeiten, die wachsende Zahl der Flüchtlinge unterzubringen. Wenn Sie also Wohnraum zur Verfügung stellen oder auf andere Weise helfen können – bitte melden Sie sich. Wir stehen vor einer großen humanitären Herausforderung, die wir nur gemeinsam schultern können. Lassen Sie uns dabei aber auch die Chancen erkennen, die der Zuzug von zum großen Teil gut ausgebildeten Menschen für unsere Gesellschaft bedeuten kann.

Ich bin überzeugt, dass viele von uns in ähnlichen Lebenslagen, wie sie in Syrien, im Irak oder in Teilen Afrikas herrschen, in Zeiten der höchsten Not und in Todesangst, ebenfalls ein rettendes Ufer, ein sicheres Land suchen würden. Unsere Vorfahren haben es so gemacht, sie erlebten die Not am eigenen Leib. Vor fast 200 Jahren, in den Hungerjahren 1816/17, setzte in Württemberg eine große Auswanderungswelle mit Ziel Russland oder auch Amerika ein, an der sich auch viele Reutlinger Familien beteiligten oder – besser gesagt – beteiligen mussten. Es ist gut, sich das wieder vor Augen zu führen. Die Geschichte lehrt uns Bodenhaftung und bewahrt uns vor überheblichen Urteilen. Hoffentlich. Auf der anderen Seite sollten wir aber nicht verharmlosen, was uns eine menschenwürdige Aufnahme von Flüchtlingen abverlangt. Da sind zuallererst der Bund und die Länder gefragt. Die Aufnahme von Flüchtlingen ist deren gesetzlich geregelte Aufgabe. Die kostet Geld und kann auch nicht auf Kommunen und ehrenamtliche Kräfte abgeschoben werden. Der Bund und das Land Baden-Württemberg sind mit den kommunalen Spitzenverbänden hierüber im Gespräch.

Damit Gastfreundschaft gedeihen kann, braucht es einen stabilen Rahmen. Das heißt, es braucht neben Unterkünften die nötige Ausstattung und auch hauptamtliche Personen, welche die Flüchtlinge betreuen und für die ehrenamtlichen Helfer Ansprechpartner sind. Und wir müssen anerkennen und akzeptieren, dass die Integration von Flüchtlingen eine gesellschaftliche Herausforderung für uns alle ist. Wir denken zu oft in Schwarz und Weiß. Für die einen sind alle Flüchtlinge per se gut und mühelos zu integrieren, für andere, darunter auch welche, die in Dresden marschieren, sind Flüchtlinge eine Bedrohung und sollen verschwinden. Für mich und viele andere Menschen ist das Thema vielschichtiger. Wer oft traumatisiert aus anderen Kulturkreisen zu uns kommt, braucht handfeste Unterstützung. Integration geschieht nicht automatisch, die Menschen verstehen sich eben meistens nicht blind. Vorurteile, Ängste, Ablehnung gibt es auch aufseiten der Flüchtlinge. In den Sammelunterkünften leben Menschen, die sich nicht nur in einem fremden Land zurecht finden müssen und sollen, sondern sich auf engstem Raum auch mit Angehörigen anderer Kulturen und Nationen arrangieren müssen. Das führt fast unvermeidlich auch zu Spannungen und Aggressionen. Deshalb sind Wohnungen immer die erste Wahl. Ich will nicht kleinreden, dass es auch Bedenken und Unsicherheiten in unserer Bevölkerung gibt, ob und wie diese Integration gelingen kann. Diesen Fragen müssen wir uns auf allen Ebenen stellen. Ich werde deshalb selbst an einer städtischen Informationsveranstaltung teilnehmen und bei der zusätzlich vorgesehenen Anschlussunterbringung durch die Stadt im Gebäude der früheren Ypern-Kaserne für Unterstützung der dort dann untergebrachten Flüchtlinge werben Mitmenschlichkeit ist nicht nur ein Thema für Weihnachten. „Zu Weihnacht zeigt die Welt sich immer so, wie sie sein könnte, wenn es die anderen 364 Tage im Jahr nicht gäbe“, sagt Willy Meurer, ein deutsch-kanadischer Publizist.

Aber es gibt sie, diese Tage, 359 liegen in diesem Jahr noch vor uns. Wir haben also ausreichend Gelegenheit zu handeln. Die Sterne stehen günstig. 2015 ist das Jahr der Ziege. Laut chinesischem Horoskop steht die Ziege für Sanftmut, Frieden, Liebe , Kooperation und Hilfsbereitschaft. So können dieses Jahr viele neue Ideen umgesetzt werden. Soweit das chinesische Horoskop. Ich hoffe, die chinesische Regierung liest es und richtet sich danach, genauso wie die anderen Mächtigen dieser Welt. Wir alle hier wünschen uns in diesem neuen Jahr weniger Krisen, Konflikte und Kriege.

Dies gilt auch für die lokale Politik. Um es mit dem italienischen Dichter Dante zu sagen: „Der eine wartet, dass die Zeit sich wandelt, der andere packt sie kräftig an – und handelt.“

Letzteres wollen wir in dieser Stadt weiterhin tun – Stadtverwaltung, Gemeinderat und die Bürgerschaft. Auch wenn es einigen nicht schnell genug gehen kann und Ungeduld
aufkommt und man sich schnell auf die Suche nach einem vermeintlich Schuldigen begibt, so sind wir in Reutlingen bisher gut vorangekommen. Schauen Sie sich den gedruckten Jahresrückblick der Stadt an, der im Foyer zum Mitnehmen ausliegt. Sie werden sehen, wie vielfältig, bunt und quirlig unsere Stadt ist. Glaubt man dem griechischen Philosophen Platon, so ist Gott der Stadt Reutlingen wohlgesonnen. „Wünscht Gott einer Stadt sein Wohlwollen zu zeigen, bringt er in sie gute Bürger ein. Wünscht er es nicht, zerstört er die Stadt, indem er ihre guten Bürger aus dieser entfernt.“

Wir sind stolz auf unsere aktiven Bürgerinnen und Bürger in Reutlingen, weil wir nur gemeinsam unsere Stadt gestalten können. Eine Stadt ist nie fertig, sie wird sich weiter
entwickeln. Wie das geschehen soll, darüber wird man reden müssen, manchmal auch streiten. Es ist ja keineswegs so, dass Einigkeit herrscht, wohin der Weg geht. Auseinandersetzungen, verschiedene Meinungen sind auch nicht auf den Gemeinderat und die dortigen Fraktionen beschränkt. Auch in der Bürgerschaft gibt es verschiedene Interessen, die sich teilweise widersprechen. Nicht jeder, der vorgibt, für das Gemeinwohl oder das Volk zu sprechen, hat dieses auch gefragt. Nicht selbsternannte Bürgervertreter, sondern ausschließlich die von der Bürgerschaft gewählten Vertreter repräsentieren und sprechen für die ganze Bürgerschaft. Deshalb liegt die endgültige Entscheidung beim gewählten Gremium der Stadt, dem Gemeinderat. Er hat das Recht und die Pflicht, unterschiedliche Interessen und Vorstellungen gegeneinander abzuwägen, nach dem Gesamtwohl der Stadt zu fragen und dann eine Entscheidung zu treffen, für die er auch die Verantwortung trägt. Das ist das Wesen unserer repräsentativen Demokratie in Deutschland, mit der wir bei aller Kritik in den letzten 70 Jahren gut gefahren sind.

In diesem Jahr stehen viele wichtige kommunalpolitische Themen zur Entscheidung an. Ich kann Ihnen ohne Risiko wieder ein spannendes Jahr versprechen, in dem uns der Gesprächsstoff nicht ausgehen wird und bei dem Entscheidungen nicht mit leichter Hand getroffen werden können. Unter anderem deswegen nicht, weil das Geld fehlt. Sechs von zehn Deutschen wünschen sich laut Forsa weniger Stress in diesem neuen Jahr und mehr Entspannung, ob nun durch ein ausgiebiges Frühstück mit dem Partner oder durch eine Yogastunde. Wahrscheinlich wird es so kommen wie alle Jahre, es bleibt beim guten Vorsatz. Wir werden sehen, wie der Stressabbau für uns im Gemeinderat aussieht. Yoga wird wohl nicht das Mittel der Wahl sein. Schon in wenigen Tagen werden uns wichtige Haushaltsberatungen beschäftigen und möglicherweise auch quälen. Jeder möchte sparen und fordert dies vehement von anderen ein. Gleichzeitig hat sich eine Mehrheit des Gemeinderates in den Vorberatungen bereits auf Mehrausgaben in Höhe von rund drei Millionen Euro geeinigt. Wie das Kunststück gelingen soll, diese gegensätzlichen Positionen zusammenzubringen, das wird Thema der nächsten Wochen sein.

Wie ich bei der Haushaltseinbringung gesagt habe, zeigt die Auswertung der Finanzdaten der Städte und Gemeinden sowie Landkreise deutschlandweit, dass sich die Hoffnungen der Kommunen auf langsamer steigende Sozialausgaben und eine weitere Verbesserung des Finanzierungssaldos zwischen Einnahmen und Ausgaben leider nicht erfüllen. Auch wenn von seiten des Bundes und des Landes Entlastungen angekündigt werden – sie decken die Kosten nie vollumfänglich ab. Mit anderen Worten: Die Ausgaben galoppieren uns davon, und selbst in guten Zeiten reichen die Einnahmen zur Finanzierung dieser Ausgaben nicht aus. Erschwerend kommt bekanntlich in Reutlingen hinzu, dass wir strukturell unterfinanziert sind, besonders bei den Gewerbesteuereinnahmen. Wir werden dem Gemeinderat wie angekündigt konkrete Standorte für Gewerbegebiete vorschlagen, die wir dringend brauchen.

Ich bin gespannt, wie die Diskussionen darüber verlaufen werden, denn jeder sieht die Notwendigkeit neuer Gewerbegebiete, aber bitte nicht vor seiner eigenen Tür. Auch die vom Gemeinderat beschlossene Prüfung der Antragstellung auf Gründung eines Stadtkreises wird Aussagen treffen, ob Mehrbelastungen oder Mehreinnahmen zu erwarten sind, welche Vorteile darüber hinaus zu erwarten sind. Wir sind im Fahrplan und werden wie vereinbart im Frühjahr dem Gemeinderat die Fakten und Daten zum Thema Stadtkreis vorlegen. Dann könnte ein Thema, das meine Vorgänger und den Gemeinderat in verschiedenen Zusammensetzungen immer wieder beschäftigt hat, einer Antwort zugeführt werden. Ich habe manchmal den Eindruck, dass manche gar nicht abwarten wollen, welche Antworten sich ergeben und das Totenglöckchen läuten, bevor jemand gestorben ist.

Ich habe bei meinem Amtsantritt gelobt, „die Rechte der Stadt Reutlingen gewissenhaft zu wahren und ihr Wohl und das ihrer Einwohner nach Kräften zu fördern“. Genau danach handle ich und dies leitet auch den Gemeinderat. Ist es nicht das, was wir alle fordern:

Offenheit, Fakten auf den Tisch, Daten und Berechnungen, um sich ein eigenes Urteil zu bilden? Soll das beim Thema Stadtkreis nicht gelten? Auf diesen Gedanken könnte man kommen, wenn man manche Verlautbarung liest.

Ich rate zu mehr Gelassenheit und erinnere noch einmal an den Stolz und den demokratischen Geist der freien Reichsstadt Reutlingen und seiner Bürgerschaft. "In Reutlingen sind die Leute von alters her arbeitsam und erfinderisch, erwerbstüchtig und sparsam, zäh und standfest, kritisch und aufgeschlossen und nicht so leicht aus dem Gleichgewicht zu bringen". Das schrieb vor 50 Jahren ein in Tübingen arbeitender Reutlinger Journalist. Ich bin überzeugt, das gilt auch heute noch. Also warten wir doch auch beim Thema Stadtkreisgründung selbstbewusst ab, was die Prüfung ergibt und urteilen dann. Vielleicht helfen auch hierbei die Sanftmut und die Kooperationsbereitschaft der vorhin
erwähnten Ziege. Karl Kraus, der österreichische Schriftsteller, Satiriker und Dramatiker, veröffentlichte 1912 folgende Erwartung: „Ich verlange von einer Stadt, in der ich leben soll: Asphalt, Straßenspühlung, Haustorschlüssel, Luftheizung, Warmwasserleitung. Gemütlich bin ich selbst.“

Vielleicht darf es – wie beim Metzger – doch noch ein bisschen mehr sein. Die Erwartungen der Bürgerschaft sind inzwischen merklich höher. Da gehört zum Beispiel die Kultur zu Leben dazu. Die Großstadt Reutlingen als Teil des Oberzentrums der Region Neckar-Alb ist Kultur-Zentrum der Region, was sie unter anderem mit dieser Stadthalle eindrucksvoll unter Beweis stellt. Diese Halle ist nicht nur ein kulturelles Aushängeschild, sondern auch Beleg dafür, dass Bauprojekte dieser Größenordnung die Kosten einhalten können. Der Schlussstrich, der in diesem Monat im Gemeinderat öffentlich vorgestellt wird, bestätigt: Wir können von einer Punktlandung bei den Bau- und den Betriebskosten sprechen.

Sie erinnern sich, dass im Zusammenhang mit Investitionen in Kulturräume neben der Stadthalle auch das franz.K und das Theater „die Tonne“ genannt wurden. Dieses „Paket“ war auch Gegenstand des Bürgerentscheids 2006. Wir halten Wort und haben im Haushalt Geld zum Bau eines Theaters als dauerhafte Betriebsstätte der „Tonne“ eingestellt. Wenn der Gemeinderat zustimmt, kann mit dem Bau am Ende des Jahres begonnen werden. Sie sehen, trotz finanzieller Engpässe, unsere Stadt kommt weiter voran. Das gilt auch für die Bereiche Kinderbetreuung und Bildung, in die das meiste städtische Geld fließt, aber auch die Sportstätten und die Verkehrspolitik. So werden beispielsweise in diesem Jahr die ersten baulichen Maßnahmen umgesetzt, die im Vorgriff auf die Einweihung des Scheibengipfeltunnels im Gemeinderat beschlossen worden sind.

Den Durchbruch für die Regionalstadtbahn haben wir noch nicht geschafft – aber sie ist auch noch nicht verloren. Nach mühevollem Ringen halten wir momentan sozusagen einen Bettzipfel in der Hand und geben noch nicht auf. Die Stadt Reutlingen hat bei diesem Thema seit langem Flagge gezeigt. Es ist eines der Themen, bei denen wir uns aus Überzeugung Seite an Seite mit Ihnen, Herr Landrat Reumann, für die gemeinsame Sache einsetzen. Es ist auch ein Thema, das wie viele andere mit langem Planungsvorlauf deutlich macht, dass man sie nicht an aktuellen kommunalpolitischen Situationen ausrichten darf, sondern unabhängig hiervon dranbleiben muss.

Die Altstadt liegt uns aus guten Gründen am Herzen. Dies sieht man nicht nur an den kontinuierlichen Sanierungsabschnitten, sondern auch daran, dass in Reutlingen noch nie so viel historische Gebäudesubstanz saniert worden ist wie seit 2006, seit wir die Altstadt zum Sanierungsgebiet erklärt haben. Leider prägen die wenigen Negativbeispiele in privater Hand, die es auch gibt, die öffentliche Wahrnehmung. Aufreger bleiben offensichtlich eher haften als die gute Tat. Ich hoffe sehr, dass wir die Oberamteistraße mit ihrer historischen Gebäudesubstanz bald zu den positiven Beispielen zählen können. Die Stadtverwaltung hatte ja vor zwei Jahren bei den letzten Haushaltsberatungen die erforderlichen Sanierungsmittel in den Haushaltsentwurf eingestellt, die allerdings von einer Mehrheit des Gemeinderates – gegen meine Stimme – wieder herausgestrichen worden sind. Deshalb landet das Thema jetzt erneut auf unserem Tisch, und ich sehe uns alle miteinander in der Pflicht, endlich eine Entscheidung über den weiteren Umgang mit dieser Häuserzeile zu treffen.

Prima Klima ist etwas, das wir alle gerne hätten. Auf unsere Ausschreibung für eine Klimaschutzmanager sind viele Bewerbungen eingegangen; er wird sich um einzelne Bausteine des im letzten Jahr verabschiedeten Klimaschutzkonzeptes kümmern. Leider wird auch er die Luft auf der Lederstraße nicht selbst verbessern können. Der Luftreinhalteplan ist eine gut gemeinte Sache, welche allerdings die Ursache der Schadstoffemissionen nicht beseitigt und damit nur bedingt Wirksamkeit entfalten können wird. Für das Festsetzen von Grenzwerten für technische Anlagen ist jedoch nicht die Kommunalpolitik zuständig.

Für die Sanierung unseres Rathauses, das inzwischen unter Denkmalschutz steht, haben wir einen maßvollen Einstieg vorgeschlagen, dem weitere Schritte folgen können, auch abhängig von unserer Finanzlage. Und das Hotel neben der Stadthalle bleibt auf der Tagesordnung für dieses Jahr. Es verwundert nicht, dass manche es jetzt im Nachhinein wieder besser gewusst haben. Wir haben uns im Gemeinderat jedenfalls redlich und umfangreich mit diesem Thema beschäftigt und werden dies weiterhin tun. An anderer Stelle ist im vergangenen Jahr immerhin ein Hotelneubau erfolgreich realisiert worden. Mit einem großen öffentlichen Lob an die Stadtverwaltung übrigens. Es geht also.

Es würde zu weit führen, alle Themen aufzulisten, die uns dieses Jahr beschäftigen werden. Zu den bereits bekannten werden noch welche kommen, von deren Existenz wir heute gar nichts wissen. Ich hoffe natürlich, dass die Überraschungen positiv sein werden.

Im Gemeinderat werden wir bei allen Themen sehr sorgfältig vorgehen und in großer Verantwortung für die gesamte Bürgerschaft handeln müssen. In einer Stadt mit über rund 110 Tausend Einwohnern kann man es beim besten Willen nicht allen recht machen. Das gelingt ja schon in der Kleinfamilie kaum.

In Schweden hat ein 36jähriger seine Mutter angezeigt, weil ihm ihr Weihnachtsgeschenk, ein knallgelber Pullover, nicht gefallen hat. Die Polizei hat die Anzeige aufgenommen, wertet das Geschenk aber nicht als Verbrechen.

Nun aber ein letztes Mal zurück zu den Reutlinger Themen.

Wir werden entscheiden müssen, was wir tatsächlich anpacken und was wir nur erträumen wollen. Die Stadt Reutlingen muss auch für Investoren ein verlässlicher Partner sein. Wir können nicht für den Ausbau innerstädtischer Einkaufsmöglichkeiten plädieren und deswegen ein ECE ablehnen und dann wie beim K8 Hürden aufbauen, die jeden Investor scheitern lassen. Man kann eben nicht gleichzeitig nach links und nach rechts abbiegen.

Selbst mit Yoga ist das nicht möglich.

Ebenfalls nicht Meditation – jedenfalls vermute ich das – , sondern harte Arbeit, gepaart mit handwerklichem Können, ist die Grundlage für eine Spende, die wir inzwischen schon traditionell von Volkornbäckerei Berger für diesen Bürgerempfang entgegennehmen dürfen.

Sie, lieber Herr Berger, haben es sich mit Ihren Beschäftigten erneut nicht nehmen lassen, mehrere tausend Gebäckstücke zu fertigen und für ein gutes Gelingen des Bürgerempfangs zu spendieren. Der Vollkornbäckerei Berger ein herzliches Dankeschön für diese großartige Unterstützung!

Was immer hilft, die Mühsal des Lebens zu tragen, im politischen wie im beruflichen als auch im privaten Bereich, ist das Lachen oder, wie Tolstoi rät, die gute Laune: „Üble Laune macht den Menschen immer unglücklich, ihn und seine Umgebung. Gute Laune schmiert, wie mit Fett, die Räder des Lebens.“

In diesem Sinne hoffe ich, dass es bei Ihnen in diesem Jahr wie geschmiert läuft und wir alle immer wieder Anlass für gute Laune haben werden.

Ich wünsche Ihnen und Ihren Familien ein glückliches, ein gesundes und erfolgreiches neues Jahr!
Nach oben