Bürgerempfang am 6. Januar 2016

- Es gilt das gesprochene Wort -

Ansprache Oberbürgermeisterin Barbara Bosch


Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Gäste,

Mit einem der berühmtesten Märsche der Musikgeschichte, dem Triumphmarsch aus Verdis Oper „Aida“, hat uns das Bläserquintett der Württembergischen Philharmonie Reutlingen empfangen. Ein schwungvoller Auftakt des Bürgerempfangs, der nun schon zum vierten Mal in unserer Stadthalle stattfindet und zu dem ich Sie alle nochmals herzlich willkommen heiße. Die Stadthalle hat es übrigens kürzlich als eines von 50 Gebäuden in Deutschland zum Vorzeige-Projekt in einem Atlas europäischer Architektur gebracht.

Schön, dass Sie den Weg hierher gefunden haben, Sie haben sich in Bewegung gesetzt und damit bereits einen der vielen Vorsätze verwirklicht, die jedes Jahr gefasst werden und zu denen regelmäßig der Wunsch nach mehr Bewegung zählt. Weiter gehören zu den Top Ten der Vorsätze „mehr Familie und weniger Stress“. 
Für alle unter Ihnen, die noch keinen Vorsatz für 2016 gefasst haben, habe ich einen Kalenderspruch parat, den ich kürzlich gelesen habe: „ Wer sich vornimmt, Wein, Weib und Gesang aufzugeben, fange mit Gesang an. Der stört die Nachbarn am meisten“.

Interessant ist, dass sich laut DAK-Umfrage nur eine Minderheit von 39 Prozent überhaupt an die Vorsätze des vergangenen Jahres erinnert. Eine deutliche Mehrheit hat sie schlicht vergessen. Es passiert wahrscheinlich einfach zu viel im Laufe eines Jahres, als dass man alles im Gedächtnis behalten kann. Das gerade zu Ende gegangene Jahr hatte es diesbezüglich besonders in sich. Es liegt in der menschlichen Natur, dass uns Schreckensereignisse und Katastrophenmeldungen mehr beeindrucken und im Gedächtnis besser haften bleiben als gute Nachrichten.

Und es gab in der Tat viele Momente, in denen uns im vergangenen Jahr der Atem stockte: ob bei den Terrorattentaten in Paris, ob beim Flugzeugabsturz der Germanwings-Maschine in den Alpen oder bei den Bildern und Berichten aus den weltweiten Krisengebieten, die uns täglich erreichen. Wir erinnern uns an das kaum zu ertragende Foto des toten dreijährigen syrischen Jungen Ailan, angespült wie Treibgut an der griechischen Küste. 

Flüchtlinge waren ein großes Thema 2015 und werden ein großes, vielleicht noch größeres Thema 2016 sein. Viele Menschen verspüren angesichts der weltweiten Krisen und ihrer Folgen Unsicherheit, ein oft diffuses Gefühl von Bedrohung und manchmal auch Angst. Dabei spielen Befürchtungen, den Lebensstandard nicht halten zu können, oder die Angst vor Überfremdung eine, wenn auch nicht die einzige Rolle. Eine zentrale Frage dabei, die Teile der Bevölkerung besonders umtreibt, hat der Bundespräsident in seiner Weihnachtsansprache angesprochen: „Wie sollen wir mit den Flüchtlingen umgehen, die in unserem Land Bleibe und Zukunft suchen“? Wie so oft in diesen Tagen und Wochen ist diese Frage einfacher gestellt als beantwortet. Die Antwort ist auf verschiedenen Ebenen zu geben. Politisch zuständig für Flüchtlingsfragen sind der Bund und die Länder. Langsam, sehr langsam reift die Erkenntnis, welche Unterstützung die Kommunen vor Ort bei den Investitionen sowohl für neue Asylbewerberunterkünfte als auch im allgemeinen Wohnungsbau benötigen, ebenso wie bei der großen Aufgabe der Integration. In der sogenannten Anschlussunterbringung als letztem Baustein im Verfahren, wo sich die Städte und Gemeinden, wie auch Reutlingen, besonders um die bleibeberechtigten Flüchtlinge kümmern, ist ein breites und zielgruppengerechtes Angebot notwendig, an Sprach- und Integrationskursen für Erwachsene und die gezielte Förderung von Kinder und Jugendlichen in der Kindertagesbetreuung und in den Schulen. Damit Flüchtlinge mit Bleibeperspektive möglichst schnell in Arbeit kommen, müssen sie Ausbildungsabschlüsse nachholen und sich weiterbilden können. Eine enorme Kraftanstrengung, die aus dem Krisenmodus heraus in einen geordneten Regelbetrieb zu überführen ist. Noch zu wenig wird erkannt und anerkannt, welche enormen Belastungen von den Städten bei diesem Integrations-Einmaleins zu tragen sind. Reutlingen ist ein eindrucksvolles Beispiel hierfür, weil an jedem der inzwischen beschlossenen Standorte für Flüchtlingsunterkünfte, begleitend zur Inbetriebnahme, die Sozial- und Hausmeisterbetreuung, Sprachkurse und Sicherheitsdienste über Nacht und am Wochenende eingerichtet werden – zum Wohle und Nutzen der dort untergebrachten Menschen, aber auch der Nachbarschaft an diesen Standorten. Die Finanzierung dieser Aufgaben ist noch nicht vollständig geklärt, sie wird uns aber auf Jahre hinaus beschäftigen. Die kommunalen Landesverbände wie der Städtetag pochen in den vielen derzeit laufenden Gesprächen und Verhandlungen auf eine angemessene Regelung, und die anderen staatlichen Ebenen werden sich dieser berechtigten Forderung nicht entziehen können. Dazu zählt auch ein Zurückfahren der Standards im Baurecht und an anderen Stellen, weil ein Neubau heutzutage aufgrund der einschlägigen Vorschriften viel zu lange braucht und viel zu teuer geworden ist.

Dass politische Weichenstellungen ihre Wirkung entfalten können, sieht man an den letztes Jahr beschlossenen Änderungen im Asylrecht. Laut den Informationen des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge lag der Stand von Asylanträgen aus den sogenannten sicheren Drittstaaten am Ende des vergangenen Jahres bei Null. Es hat sich also herumgesprochen, dass unter den Aspekten des Asylrechts kaum eine Chance auf einen Verbleib in Deutschland besteht. Dies wird allerdings nicht zu einem Absinken der Flüchtlingszahlen führen, wegen anderer Entwicklungen. Sie alle haben die Bilder im Fernsehen gesehen, im Libanon hat der Winter eingesetzt und es schneit heftig. Besonders dramatisch ist die Situation für die rund 1,15 Millionen registrierten Flüchtlinge, sie sind in Hütten und Zelten untergebracht. Libanon selbst hat gerade einmal fünfeinhalb Millionen Einwohner. Die Nachbarstaaten Syriens beherbergen insgesamt mehr als vier Millionen Flüchtlinge. Viele der Flüchtlinge dort wollen zurück in ihre Heimat, sobald die Situation zuhause dies irgendwie möglich macht. Das UN-Flüchtlingshilfswerk schlägt seit einiger Zeit Alarm, dass die internationalen Hilfsmittel auf 23 Prozent der benötigten Unterstützung für die Flüchtlinge in diesen Camps zurückgegangen sind. Die reichen Geberländer sind nach Aussage des UNHCR mit ihren versprochenen Zahlungen entweder im Rückstand oder zahlen gar nicht. Den Helfern geht vor Ort schlicht das Geld für die Grundversorgung aus, die Notrationen mussten bereits mehrfach gekürzt werden. Diese Situation in den Auffanglagern zählt mit zu den Gründen, warum der Flüchtlingszustrom nach Europa so stark zugenommen hat, und es bleibt unverständlich, warum sich die internationale Staatengemeinschaft einschließlich Deutschlands nicht mehr engagiert; die Unterstützung eines Flüchtlings dort ist wesentlich günstiger als bei uns und zwingt die Menschen nicht, die große Nähe zu ihrem Herkunftsland, in das sie zurückkehren möchten, aufzugeben.

Zurück zur kommunalen Ebene in Reutlingen. Die Stadt Reutlingen erwartet nach derzeitigem Stand im Jahr 2016 mindestens 800 Personen, die von der Stadt unterzubringen sind. Ab Mitte 2016 wäre aus heutiger Sicht die Versorgung aufgrund unserer Entscheidungen, zuletzt die 3. Tranche mit weiteren 10 Standorten, in diesem Umfang gesichert. Die schnellere Bearbeitung von Asylanträgen durch das zuständige Bundesamt sowie der Familiennachzug können jedoch zu einem Anstieg der Zugangszahlen auch für Reutlingen führen. Besonders hervorzuheben ist, dass dort, wo gesetzlich möglich, durch unsere GWG Wohnbauten erstellt werden, die nach der vorübergehenden Belegung mit Flüchtlingen in regulären Wohnraum umgewandelt werden können. Außerdem hat die Stadt in Zusammenarbeit mit der Kreishandwerkerschaft und der Architektenkammer ein zweigeschossiges Holzbaumodul entwickelt, das eine Alternative zur Unterbringung von Flüchtlingen in Containern darstellt. Die Module werden von Betrieben aus der Stadt und der Region gefertigt. 
Ein beispielhaftes Reutlinger Modell!

Bei aller Anstrengung der Stadtverwaltung, Behörden des Landes und des Bundes, bei allem Mühen unserer gesellschaftlichen Institutionen wie auch der Kirchen: Zum Gelingen der Aufgabe Integration braucht es die moralischen Kräfte der Zivilgesellschaft. Ich bin sehr stolz und dankbar, dass sich viele Hundert Reutlinger Bürgerinnen und Bürger ehrenamtlich in Asylcafés und anderen Ehrenamtsgruppen für Flüchtlinge engagieren. Auch die Spendenbereitschaft in Form von Sachspenden ist groß.
Alle engagierten Bürger sind, wie der Bundespräsident sagt, „zum Gesicht eines warmherzigen und menschlichen Landes geworden“. Eine starke Kraft, die auch in Reutlingen sichtbar wird, wo ehrenamtliches Engagement in der guten Tradition Gustav Werners steht – ein Vermächtnis und eine Verpflichtung für uns heute! Im Rahmen dieses Bürgerempfangs werde ich später auch einer Persönlichkeit, die in der Flüchtlingsarbeit engagiert ist, die Verdienstmedaille der Stadt für ihr wertvolles Engagement verleihen, und knüpfe damit an eine Verleihung im letzten Jahr an.

Wir können darauf bauen, dass Reutlingen eine weltoffene Stadt ist. In Reutlingen leben seit Jahren und Jahrzehnten Menschen unterschiedlicher Herkunft friedlich zusammen. Auf unserer Einladungskarte zum Bürgerempfang sind stellvertretend für alle Reutlinger Bürgerinnen und Bürger neun Frauen und Männer abgebildet, die ungeachtet ihres Geburtsortes, ihrer Kultur, ihrer Hautfarbe oder ihres Glaubens bekennen: „Reutlingen ist unser Zuhause“. Ich finde dieses Zeugnis großartig und bedanke mich bei allen, die mitgemacht haben – als echte Reutlingerinnen und Reutlinger, nicht als Fotomodelle.
Für sie ist Reutlingen Heimat oder zur Heimat geworden, wie auch für Tausende Flüchtlinge aus den ehemals deutschen Ostgebieten nach dem Zweiten Weltkrieg und für 137 verschiedene Nationalitäten, die wir schon vor dem jüngsten Flüchtlingszuzug in Reutlingen zählten.

Der Einsatz für Flüchtlinge, die Verantwortung für das Wohl und Wehe anderer Menschen bereichern nicht nur das eigene Leben, wie ehrenamtliche Helfer immer wieder berichten, sondern ist auch ein gutes Mittel gegen Hetzparolen. Um es mit einer chinesischen Weisheit zu sagen: „Es gibt Menschen, die Fische fangen und solche, die nur das Wasser trüben.“ Ich habe großes Verständnis für die Sorgen der Menschen, und die ungeheuerlichen Vorgänge an Silvester am Kölner Hauptbahnhof beunruhigen auch mich, sie sind durch nichts zu entschuldigen und müssen mit aller Härte verfolgt werden. Konkrete Erkenntnisse über die Täter liegen noch nicht vor. Ich habe allerdings keinerlei Verständnis für menschenverachtende Parolen, erst recht nicht für anonyme Drohungen gegen Leib und Leben von Personen, wie im vergangenen Jahr in Reutlingen geschehen. Ich bin dankbar, dass alle Mitglieder des Reutlinger Gemeinderats und alle Bezirksbürgermeisterinnen und Bezirksbürgermeister diese Auffassung teilen. Es ist wichtig, dass wir alle zu unserer Verantwortung als Demokraten stehen. Dazu gehört auch, keine Gruppe unter Generalverdacht zu stellen.

„Die Zeiten ändern sich, und wir ändern uns in ihnen“, heißt es schon bei Ovid. Diese Erkenntnis gilt unverändert. Kein Land kann sich auf Dauer abkoppeln von den Krisen und Katastrophen in anderen Regionen der Erde, hat Bundeskanzlerin Angela Merkel gesagt, und sie hat Recht. Die Bedrohungen außerhalb Europas, in Syrien, dem Irak, in Nordafrika oder – nicht zu vergessen: in der Ukraine – haben zugenommen, siehe ganz aktuell auch die durch Saudi-Arabien ausgelöste krisenhafte Entwicklung im Mittleren Osten. Auch in der EU sind tiefe Gräben und Risse nicht zu übersehen. „Die Vorstellung, Europa und zumal Deutschland könnten so etwas wie ein stiller Garten inmitten des universellen Durcheinanders bleiben, hat sich endgültig als Illusion erwiesen“, analysierte kürzlich die ZEIT und spricht vom „Ende der Verwöhntheit“. Da ist etwas dran. Und: „Im politischen Diskurs wird es entscheidend darauf ankommen, in authentischer Weise sowohl Aufmerksamkeit für die Flüchtlinge zu zeigen als auch für die Anliegen der aufnehmenden Gesellschaft.“, so hat es mein OB-Kollege Dr. Maly als Vizepräsident des Deutschen Städtetages formuliert. Das sehe ich genauso, wir müssen nach vorne schauen, einen Schritt nach dem anderen mit Nüchternheit und Gelassenheit tun, gerne auch mit wacher Skepsis, aber nicht mit Angst.

Und in Reutlingen besteht ohnehin kein Grund, Angst zu haben um die Zukunft unserer Stadt. Richtig ist zwar, dass in Reutlingen wie in allen anderen großen Städte auch aufgrund der vielen Arbeit, welche durch den Bau von Unterkünften und die Organisation der Sozialbetreuung geleistet werden muss, die Kapazitäten nicht für alles reichen, was man sich bei der Verabschiedung des Doppelhaushaltes 2015/2016 vorgenommen hatte. Man kann nun in der Folge die Dinge auf sich zukommen lassen oder das Heft des Handelns in die Hand nehmen. Die Stadtverwaltung hat deshalb dem Gemeinderat für das laufende Jahr 2016 vorgeschlagen, nach Wichtigkeit vorzugehen und zuerst die dringlichsten Aufgaben abzuarbeiten, als da sind die Schadstoffsanierungen an den Schulen und im Rathaus, die Flüchtlingsunterbringung und die bereits begonnenen Bauprojekte. Noch nicht begonnene Vorhaben sollen danach drankommen. Diese Prioritätensetzung gilt nur für bereits beschlossene und etatisierte Bauprojekte und nur für das Jahr 2016, weil mit dem Doppelhaushalt 2017/2018 die Karten ohnehin neu gemischt werden. Projekte, die im jetzigen Haushalt nicht enthalten sind, wie zum Beispiel die Oberamteistraße oder die Gemeinschaftsschulen, können logischer Weise davon auch nicht betroffen sein; dies ist hin und wieder falsch verstanden worden. Die Erkenntnis, die diesem Vorschlag zugrunde liegt, ist eine ganz banale: Alles auf einmal geht halt nicht. Die Welt wird davon nicht unter gehen, auch in Reutlingen nicht.

Trotz der Flüchtlingsthematik vergessen wir die anderen Aufgaben nicht, schon gar nicht die drängenden. Hierzu zählt ganz sicher die Bereitstellung von ausreichend Wohnraum für alle Bevölkerungsgruppen, eine Aufgabe, die uns in allen Städten seit langem beschäftigt. Seit der Verabschiedung der Reutlinger Wohnbauoffensive vor drei Jahren sind Bebauungspläne für rund 1.600 Wohneinheiten auf den Weg gebracht worden, 400 Wohneinheiten pro Jahr ans Netz gegangen. In der Januar-Sitzung des Gemeinderates stehen weitere acht Bebauungspläne auf der Tagesordnung für noch einmal rund 1.000 Wohneinheiten. Darunter befinden sich Wohnareale, die ausdrücklich auch mit Sozialbindung geplant sind, also preiswerter Wohnraum. Reutlingen wächst um 800 Einwohner pro Jahr und hat die 114.000 Einwohnergrenze überschritten. Wir sind attraktiv, die Menschen ziehen zu uns.

Was dringend gebraucht wird, ist der Ausbau der Wohnraumförderung, damit nicht nur die kommunalen Wohnungsbauunternehmen wie unsere GWG, sondern auch private Investoren verstärkt aktiv werden. Ich habe deshalb mit Interesse Ihre Ankündigung, Herr Minister Dr. Schmid, eines Konzeptes mit einer Sonderabschreibung als Anreiz gelesen. Hier muss rasch entschieden werden, und zu Recht verweisen Sie darauf, dass die strikten Kriterien für den sozialen Wohnungsbau zu lockern seien. Der Druck auf dem Wohnungsmarkt wird sonst deutlich zunehmen, weil irgendwann auch jene Flüchtlinge, die dauerhaft hierbleiben werden und sich durch Arbeit selbst unterhalten können, von der Gemeinschaftsunterkunft in normalen Wohnraum ziehen wollen – und auch sollen.

Reutlingen zeigt in vielerlei Hinsicht eine dynamische Entwicklung, ob im Wohnungsbau, als Wirtschaftsstandort, beim Städtebau und sowieso im Ausbau der Kinderbetreuung, ja sogar bei den Finanzen. Immerhin konnten wir in den letzten zehn Jahren 40 Millionen Euro an Schulden abbauen und stehen laut aktuellen Pressemitteilungen unter den baden-württembergischen Großstädten am besten da.
Wenn Sie im druckfrischen Jahresrückblick blättern, den Sie sich draußen im Foyer kostenlos mitnehmen können, dann sehen Sie, wie Reutlingen voranschreitet, wie sich die Stadt weiter entwickelt, wie Stadtquartiere neu entstehen und sich alte Viertel herausputzen. Um nur einige Beispiele zu nennen: Der Bürgerpark verschönert sich sich mit Kulturplatz und Wasserspielen sowie mit der der Jugend versprochenen Skateranlage. Die Reutlinger Fußgängerzone in der Wilhelmstraße, einst ziemlich ramponiert, ist heraus geputzt, der Weibermarkt kommt demnächst dran. Der Rand der Innenstadt, rund um die Stadthalle, wird ein neues Gesicht bekommen, mit großstädtischer Geste. Der GWG-Neubau macht vom Süden den Auftakt, der Theaterneubau, auf der Grundlage des Bürgerentscheids als weitere Kulturinvestition beschlossen, macht die Fortsetzung, der Spatenstich wird am 1. März erfolgen. Entlang der Eberhard- und Karlstraße werden durch das Engagement privater Investoren und auf der Grundlage hierzu durchgeführter Wettbewerbe neue Stadtareale entstehen und die einstige Hinterhofsituation am Hamburg-Mannheiner-Gebäude vergessen machen. Wie auf einer Kette reihen sich danach der moderne Neubau des Pflegezentrums Stadtmitte der BruderhausDiakonie, die Überlegungen für eine neue Nutzung und Überbauung des Postareals sowie die konkreten Planungen für das sogenannte Stuttgarter Tor aneinander. Das Bahnhofsareal wird sich mit der Regionalstadtbahn verändern. Reutlingen gewinnt weiter an Urbanität und Lebensqualität, mit einem eigenen Charme auch durch seine vielfältigen Quartiere und Bezirksgemeinden. Die Großstadt Reutlingen braucht die eigenständige Verwaltungsstruktur eines Stadtkreises dringender denn je, um ihre Aufgaben in voller Souveränität und mit der entsprechenden Finanzausstattung erfüllen zu können. Der Gemeinderat hat im Sommer nach eingehender Diskussion mit einer überzeugenden Dreiviertel-Mehrheit den Antrag auf Gründung eines Stadtkreises beschlossen, über den nun in Stuttgart entschieden werden muss.

Die Stadt hat im vergangenen Jahr mehrfach ausführlich zum Thema Stadtkreis informiert. Wer noch Nachholbedarf hat, der findet draußen eine Broschüre mit den wichtigsten Argumenten der Stadt. 

Deshalb heute nur so viel: Unser Staatsaufbau ist auch auf der kommunalen Ebene klar gegliedert. Es gibt die kleineren Städte und Gemeinden unter 20.000 Einwohner; ab 20.000 Einwohnern kann auf Antrag die Ernennung zur Großen Kreisstadt erfolgen, bei Städten unserer Größe und unseres Aufgabenzuschnitts auf Antrag zum Stadtkreis, so wie es alle Großstädte in Baden-Württemberg, außer uns, sind. In beiden Fällen geht es um die Übertragung von mehr Verantwortung zur Regelung der eigenen Angelegenheiten. Ich gehe davon aus, dass der Landtag sich in der zweiten Jahreshälfte 2016 damit beschäftigen wird.

Es stehen also in diesem Jahr wichtige Entscheidungen an, nicht nur bei diesem Thema.
Die Ergebnisse der vertiefenden Untersuchung der historischen Bausubstanz der Häuser in der Oberamteistraße werden im Frühjahr vorliegen. Dann muss im Gemeinderat entschieden werden, wie es weiter geht. Ich spreche mich, zum wiederholten Male, ausdrücklich für den Erhalt und die Sanierung dieser Häuserzeile aus.
Ob die Regionalstadtbahn mit Modul 1 tatsächlich finanziert werden kann, entscheidet sich ebenfalls in diesem Jahr. In unserer Stadt sind 60 Prozent der Arbeitsplätze mit Einpendlern belegt. Wenn nur ein Teil der Autofahrer umsteigt, ist viel erreicht. Reutlingen ist vorbereitet, unsere Planungen für die vorgesehenen Haltestellen auf dem Weg.
Ein weiterer Baustein für den Klimaschutz könnte die Verknüpfung von Straße und Schiene beim Güterverkehr sein. Wir sind, in Abstimmung mit dem Land, gut unterwegs bei der Konzipierung eines intermodalen Terminals auf dem ehemaligen Güterbahnhof, ein für den Wirtschaftsstandort Reutlingen zukunftsträchtiges Thema.
Mit einer Entscheidung, wie es im Zusammenhang mit der Klage von Reutlingen und Tübingen gegen das Land wegen dessen Entscheidung über die Erweiterung des Factory Outlet Center in Metzingen weitergehen wird, ist ebenfalls 2016 zu rechnen.
Der Gemeinderat wird demnächst eine erneute Ausschreibung für das Hotel neben der Stadthalle auf den Weg bringen, deren Grundlagen bereits in einem Workshop im Dezember erarbeitet worden sind.
Die Konzepte zum Ausbau des Fußverkehrs, des Radwegenetzes und des öffentlichen Nahverkehrs sind fachlich in Vorbereitung oder liegen bereits vor, wie beim neuen Stadtbusnetz. Entscheidend wird die Frage sein, wie wir die beschlossene Erhöhung der jeweiligen Anteile am Gesamtverkehr finanzieren werden können.
Der Scheibengipfeltunnel geht 2017 in Betrieb. Die ersten Maßnahmen zur Verkehrslenkung im Vorgriff hierauf sind in Sondelfingen bereits vollzogen, weitere Entscheidungen für die Oststadt und für Orschel-Hagen sind in Arbeit, begleitet durch Bürgerbeteiligung.
Da ist es gut, dass sich auf der Haben-Seite der Wirtschaftsstandort Reutlingen positiv entwickelt. Es gibt nicht nur zahlreiche Neugründungen in unserer Stadt, einige Unternehmen verlegen auch ihren Sitz von anderen Standorten nach Reutlingen, wie zuletzt die Firma Transtec, Deuschle Kunststofftechnik sowie Fundel + Kurtz mit insgesamt über 140 neuen Arbeitsplätzen. Andere Firmen investieren in die Erweiterung oder den Neubau am Standort Reutlingen. Die Zahl der Arbeitsplätze steigt beeindruckend, zwischen 2008 und 2014 um 2.600 Plätze. Zur Erfolgsgeschichte gehört auch der Technologiepark Tübingen-Reutlingen, in dem inzwischen 1.500 Menschen in Zukunftsbranchen beschäftigt sind. Die Bauarbeiten für ein weiteres fünftes Gebäude haben begonnen.

Zur Positivliste unserer Stadt gehören unstreitig auch die vielen engagierten Bürgerinnen und Bürger, die sich für das Gemeinwesen einbringen. Dazu gehören die Mitglieder der Ahmadiyya Muslim Jamaat-Gemeide oder der Deutsche Alpenverein, die den Dreck beseitigen, den andere in der Silvesternacht in der Pomologie, im Volkspark und auf der Achalm hinterlassen haben. Dazu gehört am heutigen Tag besonders die Volkornbäckerei Berger, die auch in diesem Jahr durch ihre Spende der vielen tausend Leckereien, die es im Anschluss bei Wein und Saft zu genießen gibt, dazu beiträgt, dass dieser zweite wichtige Teil des Bürgerempfangs, die Gespräche untereinander, gut verläuft.. Herzlichen Dank der Volkornbäckerei Berger!

Nicht jedem geht die Entwicklung in Stadt und Land schnell genug, aber schon Helmut Schmidt wusste, dass das „Schneckentempo das normale Tempo jeder Demokratie ist“. 2016 wird die Schnecke vielleicht etwas schneller. Dank des Affen. Der steht für unbändige Energie und Bewegung. Da wir nach dem chinesischen Horoskop ab Februar im Jahr des Affen leben, erhalten wir für alles, was wir tun, den nötigen Rückenwind. „Es ist Zeit“, rät das Horoskop, „die Dinge anzugehen, unnötige Bedenken beiseitezulegen und den gewünschten Wandel selbst herbeizuführen.“ 
Da kann dann nichts mehr schiefgehen im Jahr 2016. Wir werden quasi einen „Affenzahn“ draufhaben.

Ob dies auch für den nachfolgenden Programmpunkt gilt, werden wir gleich hören. Es geht weiter mit afrikanischen Rhythmen und der Band Safnama mit Musikern aus dem Senegal und Gambia. Die Band hat sich 1999 in Reutlingen gegründet. 
Der Bandname Safnama aus der Landessprache heißt übersetzt: „Es gefällt mir.“
Ihnen hoffentlich auch! 

Mein Dank geht zum Schluss an alle Beteiligten des heutigen Bürgerempfangs.

Und damit wünsche ich Ihnen und Ihren Familien ein gutes, ein glückliches und zufriedenes neues Jahr 2016.

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