Bürgerempfang am 6. Januar 2017

- Es gilt das gesprochene Wort -


Ansprache Oberbürgermeisterin Barbara Bosch


Liebe Reutlingerinnen und Reutlinger, meine sehr geehrten Damen und Herren,

seien Sie alle herzlich begrüßt zum Bürgerempfang 2017 in der Stadthalle Reutlingen. Ich freue mich, dass sich weder von nächtlichen Minusgraden noch von weiteren Unbillen des Wetters haben abhalten lassen, heute hierher zu kommen. Und Sie sehen, es hat sich gelohnt: Es ist hier warm und trocken, jeder hat einen Sitzplatz und auf uns wartet ein abwechslungsreiches Programm, an welches sich in bewährter Weise der Austausch untereinander bei Getränken und Gebäck anschließt. Dann ist es sicher draußen auch wieder wärmer.

Den musikalischen Auftakt hat traditionell das Bläserquintett der Württembergischen Philharmonie Reutlingen unter der Leitung von Jürgen Jubl genommen; vielen Dank hierfür. Der Musiktitel „That’s a Plenty“ hört sich geradezu wie eine Prognose für das neue Jahr an: Es wird „a plenty“, also „vieles“ geben – aber von was?

Ein neues Jahr liegt vor uns: Insgesamt 365 Tage, 8.760 Stunden und 525.600 Minuten. Was werden wir anfangen mit dieser Zeit und in dieser Zeit? An Vorsätzen und guten Absichten fehlt es sicher nicht, die bei den meisten Menschen die gleichen wie im letzten Jahr sind: weniger Stress, mehr Zeit für Familie und Freunde, mehr Sport, gesünderes Essen. Im vergangenen Jahr schaffte es mehr als jeder Zweite, seine guten Vorsätze für das neue Jahr immerhin vier Monate und länger durchzuhalten, so das Ergebnis einer Befragung.

Selbstverständlich haben wir auch Erwartungen und Wünsche an das neue Jahr, die über den Neujahrswunsch hinausgehen, der im Internet kursiert und den Sie vielleicht auch zugeschickt bekommen haben:
„An alle, die mir für 2016 die besten Wünsche gesendet haben:
Es hat überhaupt nichts gebracht! Schickt mir für 2017 entweder Geld, Alkohol oder Tankgutscheine! Danke.“

Meine Wünsche für das neue Jahr sind vor dem Hintergrund der Situation in der Welt wesentlich weniger profan. Die Welt ist allen Hoffnungen zum Trotz im vergangenen Jahr nicht sicherer und friedlicher geworden. Auch wenn die Top Ten von Google, welche die beliebtesten Suchanfragen des Jahres benennen, dies kaum widerspiegeln. Dort liegen Anfragen nach der EM 2016, Pokemon Go und dem iPhone 7 ganz vorne, ebenso wie die weltbewegende Frage, warum Katzen Angst vor Gurken haben. Erst auf nachfolgenden Plätzen rangieren politisch relevante Fragen, beispielsweise: Warum Brexit? Warum Trump? Ich glaube, die Mehrheit von uns stellt sich diese Fragen auch, sucht die Antworten allerdings nicht bei Google.

Als Jahr des Schreckens haben einige Zeitungen das vergangene Jahr bezeichnet und die Schlagworte mitgeliefert: Terror, Amok, Kriege, Katastrophen. Die Bilder dazu haben sich als furchtbare Ereignisse in unser Gedächtnis eingebrannt – aus Nizza, Brüssel, Berlin und Istanbul, aus Würzburg und München, die Beziehungstat in Reutlingen, und der Horror des Syrienkrieges, für den die Stadt Aleppo steht. Irgendwie scheint die Welt aus den Fugen zu geraten. Auch Silvester steht nicht mehr allein für unbeschwertes Feiern in das neue Jahr hinein. In der Neujahrsnacht hatte ein großes, bisher nie da gewesenes Polizeiaufgebot die Innenstädte von Köln, Berlin, Stuttgart oder München gesichert, um feiernde Menschen vor Übergriffen von wem auch immer zu schützen. Auch in Reutlingen war die Polizei präsent.

Wir sind froh, dass keine wesentlichen Vorfälle in der Silvesternacht zu vermelden waren. An dieser Stelle möchte ich einen ganz besonderen Dank an die Polizei aussprechen, die eine schwierige Aufgabe meistert, von der wir alle, auch in Reutlingen, profitieren. Umso bestürzender, dass sich auch in unserer Stadt Beleidigungen und Gewalthandlungen gegen Beamtinnen und Beamte richten. In Baden-Württemberg wurden 2015 bei Attacken fast 1900 Polizisten verletzt, davon 26 schwer. Der neue Reutlinger Polizeipräsident Prof. Alexander Pick hat in einem Interview mit dem Schwäbischen Tagblatt einige Ursachen für diese Entwicklung genannt. Ich zitiere: „Wir haben in Deutschland eine allgemeine Krise der moralischen Autoritäten. Es ist ja nicht nur die Polizei, die mit zunehmender Respektlosigkeit zu kämpfen hat. Denken Sie etwa an die Schulen, die Kirchen, die staatlichen Behörden allgemein, die politischen Mandatsträger. Oder auch an die Elternhäuser. Es gibt leider eine Minderheit in unserer Gesellschaft, die sich nicht mehr an einfachste Regeln des Anstands hält und beunruhigende Züge von Verrohung aufweist.“
Liebend gern würde ich jetzt sagen, dass der Polizeipräsident übertreibt, aber leider ist dem nicht so.

„Die Verrohung der Sitten im Umgang miteinander hat die Kommunen erreicht.“ 
Mit diesem Hilferuf hat die Stadt Karlsruhe kürzlich Alarm geschlagen und bestätigt unter Hinweis auf Diffamierung, Hassmails und Gewaltandrohung die Einschätzung, dass das Niveau in der politischen Auseinandersetzung sinkt. In der Tat: Die gesellschaftliche Auseinandersetzung wird zunehmend ruppiger, extremer und intoleranter. Leichtfertig und manchmal auch vorsätzlich werden Vorwürfe erhoben, die nicht belegt werden, dafür aber persönlich verletzen. Nicht selten werden Tatsachen nur dann als richtig empfunden, wenn sie ins persönliche oder politische Konzept passen.

„Postfaktisch“ ist deshalb nicht unerwartet das Wort des Jahres 2016, das diesen Sachverhalt ausdrückt. Selbstverständlich gibt es Fakten, Daten, Zahlen in jeder Menge, zu jedem Thema, auch zu unsinnigen. So wissen wir, dass angeblich jeder Dritte seine Haare selbst schneidet, jeder Vierte nie ein Buch anfasst und jeder Fünfte angeblich mit seinem Auto spricht. Wir sind auch informiert darüber, dass im Durchschnitt jede Frau 118 Kleidungsstücke (ohne Strümpfe und Unterwäsche) besitzt, der Mann 73 Teile (vermutlich mit Socken).

Nun wieder im Ernst: Fakten sind reichlich vorhanden, auch mit seriösen, wissenschaftlich gesicherten Inhalten. Das ist nicht das Problem. Das Problem ist, dass viele Menschen solche Fakten und Tatsachen nicht anerkennen, ihnen nicht glauben und denen misstrauen, die sie präsentieren. Immer größere Bevölkerungsschichten, so die Einschätzung der Gesellschaft für deutsche Sprache, sind in ihrem Widerwillen gegen „die da oben“ bereit, Tatsachen zu ignorieren und offensichtliche Lügen zu akzeptieren. 

Sehr auffällig war dies in den Diskussionen um den Brexit oder im Wahlkampf um die Präsidentschaft in den USA. Das sind sehr nachdenklich machende gesellschaftliche Entwicklungen, die sich leider nicht nur in anderen Ländern, sondern auch hier bei uns abzeichnen.

„Was wir derzeit verloren haben, ist der Zugang zu einer zivilisatorischen Errungenschaft: Besonnenheit. Es fehlt der Mut zum Innehalten, zum Durchschnaufen im Wortgewitter. Das Fühlen gewinnt zurzeit. Es siegt über das Denken. Die Angst gewinnt über das Wissen, die Wut über die Analyse.“ Das schreibt die Stuttgarter Zeitung und bezieht sich auf Panikmache in den sozialen Medien. Ich finde, Besonnenheit ist generell eine gute bürgerliche Eigenschaft. Sie verhindert auch in der realen Welt, dass wir auf jeder Erregungswelle mit„surfen“ oder, schwäbisch gesagt, dass wir auf jede Sau springen, die durchs Dorf getrieben wird. Als gute Kirchgänger, zumindest an Weihnachten, kennen Sie vermutlich Matthäus 15,11: „Nicht das, was in seinen Mund hineinkommt, verunreinigt den Menschen, sondern das, was aus seinem Mund herauskommt.“

Martin Luther, den ich im Reformationsjahr gerne zitiere, hat das in einem Wort ausgedrückt: „Schandmaul“.
Betrachtet man soziale Netzwerke wie Facebook, so treiben dort besonders viele Schandmäuler ihr Unwesen bis hin zur Hasskriminalität.
Es wäre allerdings zu einfach, die sozialen Medien, von manchen auch asoziale Medien genannt, als Urheber allen Übels zu sehen und ihnen die alleinige Schuld an schrillen, extremen und oft beleidigenden Tönen zu geben. Unbelegte Verdächtigungen und Verunglimpfungen lesen wir auch in Zeitungen und vernehmen sie in aller Öffentlichkeit. Es darf online und offline keinen rechtsfreien Raum geben.

Forderungen, diese virtuellen Stammtische gesetzlich zu reglementieren, sind so berechtigt wie schwierig in der Umsetzung. Für wesentlicher halte ich die Frage, wieviel wir bereit sind zuzulassen oder gar das Spiel mitzuspielen. Beschäftigen wir, die Gesellschaft, die Medien, uns vielleicht viel zu sehr mit den politischen Rändern und geben ihnen damit größeren Einfluss auf die öffentliche Debatte, als ihnen zahlenmäßig zusteht!? Melden wir uns als große bürgerliche Mitte in unserem Land, die über viele Parteigrenzen hinweg reicht, deutlich genug!? Wie anffällig sind wir als Mehrheit für populistische Anklänge?

Welche Folgen das beim Thema Flüchtlinge haben kann, beschreibt der Ortsbürgermeister von Tröglitz, Markus Nierth, in seinem Buch „Brandgefährlich“. Markus Nierth und der Ort Tröglitz sorgten für bundesweite Aufmerksamkeit, weil er sich als ehrenamtlicher Bürgermeister für die Unterbringung von Flüchtlingen eingesetzt hatte, worauf fremdenfeindliche Tröglitzer Bürger sowie rechtsextreme Gruppierungen Protestmärsche durch die Ortschaft veranstalteten und auch an seinem Haus vorbei gehen wollten. Bürgermeister Nierth trat zurück, weil er die Sicherheit seiner Familie als gefährdet ansah. Sein Buch trägt den Untertitel „Wie das Schweigen der Mitte die Rechten stark macht“. Nierth beklagt, dass ein großer Teil der Bürger sich weiterhin aufs Zuschauen und aufs Schweigen beschränke, den persönlichen Frieden behalten und Konflikte jeder Art meiden wolle. Nierth nennt das „ein unterstützendes Zuschauen“, begleitet von einem inneren Klatschen, weil endlich mal jemand gegen den Staat poltere, und fordert von jedem Einzelnen von uns, hetzerischen und rassistischen Äußerungen von Personen im eigenen Umfeld unmissverständlich zu widersprechen.

Gottseidank lässt sich die Lage vor Ort in Sachsen-Anhalt nicht mit unserer Situation in Reutlingen vergleichen; dennoch sind viele Bedenken und Gedanken nachvollziehbar. Ich bin froh und dankbar, dass wir hier in Reutlingen ein breites demokratisches Bündnis haben, das rechtsextremer Propaganda wenig Raum bietet. Im Gegenteil: Wir haben ein vorbildliches Netzwerk ehrenamtlicher Bürgerinnen und Bürger, die sich um die Aufnahme und Integration der Flüchtlinge verdient machen. Ihnen und allen anderen, die sich in unserer Stadt freiwillig ehrenamtlich engagieren, gebühren Anerkennung und Dank, den ich ausdrücklich an dieser Stelle aussprechen möchte. Generell ist das bürgerschaftliche Engagement in Reutlingen außerordentlich und vorbildlich. Ich werde später bei der Verleihung der Verdienstmedaille der Stadt Reutlingen noch einmal darauf zurückkommen.

Ich stimme den Autoren einer Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung zu, die vorschlagen, der lauten Minderheit der Fremdenfeinde in den gesellschaftlichen Debatten nicht so viel Raum zu geben, sondern der demokratisch gesinnten Mehrheit mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Das ist auch ein guter Ratschlag für das diesjährige Wahljahr, das eine zunehmende Polarisierung unserer Gesellschaft und damit nichts Gutes erwarten lässt. „Es ist derjenige am weitesten von der Wahrheit entfernt, der auf alles eine Antwort hat“, auch diese Jahrhunderte alte Weisheit eines chinesischen Philosophen könnten wir als Mahnung vor einfachen, aber falschen Wahrheiten rechter wie linker Demagogen verstehen. Populismus, Pauschalurteile, Verdächtigungen und Verunglimpfungen sind gewiss kein Beitrag zur Lösung unserer gesellschaftlichen und politischen Probleme. Aussitzen und Vertagen allerdings auch nicht. 

Gegen Schwarzmaler hilft keine Schönfärberei! Es ist deshalb gerechtfertigt, ja notwendig, wenn man auch beim Thema Flüchtlinge Probleme offen und ehrlich anspricht. Ich habe immer darauf hingewiesen, dass die Integration der Neuankömmlinge uns auf Jahre hinaus fordern wird. Wenn diese aber gelingt – und sie kann gelingen –, wird dies für unsere Gesellschaft positive Impulse mit sich bringen. Dazu muss es aber auch gelingen, Verbrecher und Kriminelle unter den Flüchtlingen, die in der Mehrheit friedlich sind und sich ihre eigene Existenz aufbauen wollen, dingfest zu machen und sie an ihrem schändlichen Treiben zu hindern.

In Reutlingen haben wir die Kommunalpolitik beileibe nicht nur auf das Thema Flüchtlinge eingestimmt, sondern beschäftigen uns mit vielen anderen Erfordernissen.

Das Chinesische Horoskop ruft 2017 das Jahr des Hahns aus. Damit ist nicht unser Bürgermeister gleichen Namens gemeint, sondern der Feuerhahn, der für ein Jahr voller Ehrlichkeit und Sachlichkeit stehen soll. Harte Arbeit soll der Schlüssel zum Erfolg in diesem Jahr sein. Was kann da noch schiefgehen?

Wir in Reutlingen haben schon einmal die Ärmel hochgekrempelt. Unser Haushaltsplan, der gerade im Gemeinderat zur Diskussion und Abstimmung steht, spiegelt diese Dynamik wider. Wir sind eine farbenfrohe, quirlige Stadt. Unser Jahresrückblick, der im Foyer ausliegt und den Sie sich gerne mitnehmen können, zeigt dies deutlich. Wir setzen in Reutlingen in den nächsten Jahren auf Wachstum und auf Pflege des Erreichten, um Reutlingen als attraktive Großstadt weiter zu entwickeln. Wir lassen uns nicht lähmen oder gar schrecken von den Unwägbarkeiten und Turbulenzen schwieriger Zeiten. Wir packen an, was getan werden muss, damit wir auch in Zukunft stolz sein können auf unsere Stadt, die wie alle Städte nie fertig ist, sondern sich fortwährend im Stadium des Wandels und des Übergangs befindet. „Reutlingen ist eine der beträchtlicheren Reichsstädte Schwabens. Die Häuser sind groß, massiv und zum Teil in einem neuen Geschmacke“, notierte 1791 anerkennend Christoph Heinrich Pfaff, der von Stuttgart kommend auf die Schwäbische Alb marschierte. Das Urteil des Naturwissenschaftlers Pfaff, damals noch Student, über die benachbarte Universitätsstadt Tübingen war weniger schmeichelhaft: „Tübingen ist eine Mördergrube gegen diese wirklich schöne Stadt“. Heute hätte der tapf‘re Wandersmann dies auf Facebook gepostet und wegen seiner Äußerung sicher einen Shitstorm oder Schlimmeres geerntet.

Zurück in die Gegenwart: Es tut sich Vieles in dieser Stadt, die nachweisbar eine große Anziehungskraft auf die Menschen ausübt. In drei Jahren werden 120.000 Menschen hier leben. Wir werden die Weichen für diese Entwicklung jetzt stellen müssen und natürlich auch wollen. Ist es nicht großartig, dass wir in der Lage sind, Zukunft zu gestalten, selbst zu gestalten? Das ist nicht selbstverständlich.
Wachstum ist dabei kein Selbstzweck. Die Menschen kommen zu uns, sie brauchen Arbeit, ein Zuhause und eine angemessene Infrastruktur. Wir freuen uns, dass die Stadt Reutlingen so anziehend ist. Eine Menge „G’schäft“ kommt weiterhin auf uns in der Verwaltung und im Gemeinderat zu. Ich möchte mich bei allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in den städtischen Ämtern und bei den Unternehmenstöchtern der Stadt sehr herzlich für die Arbeit bedanken, die sie im Dienste der Bürgerschaft leisten.

In diesen Dank schließe ich die Stadträtinnen und Stadträte mit ein, die hoffentlich auch in diesem Jahr mithelfen, dass neue Dinge vorankommen und Liegengebliebenes aufgearbeitet wird. Die Stadt muss in allen Bereichen mitwachsen, das heißt: mehr Gewerbeflächen, mehr Wohnraum, mehr Plätze in Kindergärten und Schulen, wir brauchen mehr Investitionen in den öffentlichen Nahverkehr, in Fußgänger- und Radwege. Zugleich dürfen wir nicht aus den Augen verlieren, dass die Lebensqualität – und all das, was unser Reutlingen so liebenswert macht – erhalten bleibt.

Deswegen wollen wir sanieren und reparieren, was in die Jahre gekommen ist.
Auch die Stadt muss ihr „Sach“ pflegen. Wachstum und Erhalt sind zwei wichtige Aufgaben, und für beide braucht es Mittel. Wir werden deswegen bis 2020 deutlich mehr Geld in den städtischen Haushalt einstellen, um die für die Stadt so wichtigen Zukunftsthemen anzupacken. Wir erwarten in diesem Jahr auch, dass unser Antrag auf Stadtkreisgründung nach den Verzögerungen durch die Landtagswahl und dem Wechsel im Regierungspräsidium beschleunigt vorankommt. Mit der Stadthalle, dem Neubau unseres Stadttheaters, dem soziokulturellen Zentrum franz.K, der Stadtbibliothek, der Volkshochschule und auch der Württembergischen Philharmonie Reutlingen setzen wir beispielsweise als Kulturstandort wichtige Akzente für unsere Gesamtstadt und für die ganze Region Neckar-Alb. Aber auch der Wirtschaftsstandort Reutlingen boomt. 4.000 neue Arbeitsplätze seit 2011 sind ein schlagkräftiger Beleg dafür.

Spätestens jetzt, angesichts der dynamischen Entwicklung Reutlingens auf vielen Gebieten, wird deutlich, wie wichtig die Verwaltungsstruktur eines Stadtkreises für Reutlingen ist. Die Stadt gestaltet ihre Entwicklung selbstständig mit großer Energie und erheblichem finanziellem Aufwand. Da ist es doch mehr als recht und billig, dass wir die Zukunft Reutlingens souverän und selbstbestimmt in die eigenen Hände nehmen.

Im genannten Finanzierungszeitraum bis 2020 planen wir rund 66 zusätzliche Millionen Euro für Investitionen ein, die für weiteres Wachstum und den Erhalt der Infrastruktur ausgegeben werden sollen. Wachstumsschwerpunkte sind die Förderung von Mobilität und Klimaschutz, unter anderem mit dem neuen Stadtbuskonzept und Mitteln für das erste Modul der Regionalstadtbahn, der weitere Ausbau der Kinderbetreuung und eine verstärkte Wohn- und Gewerbeflächenoffensive, um nur einige Beispiele zu nennen. Unser Bürgerbüro Bauen hat mir dieser Tage voll Stolz berichtet, dass 2016 erstmals über 600 Wohneinheiten genehmigt werden konnten. Für weitere knapp 3.000 Wohneinheiten sind die Bebauungspläne bereits im Verfahren. Mit dem Kauf eines Teils des Areals der Spedition Willi Betz kommen wir im Laufe dieses Jahres auch beim Grundstückserwerb für die Ansiedlung von Gewerbe und Industrie ein gutes Stück voran.
Unter die Rubrik Erhalt fällt beispielsweise die Sanierung von Schulen, Straßen, Sportplätzen, Turn- und Festhallen in den Stadtbezirken, der Hochwasserschutz in den Stadtbezirken und die Rettung der historischen Häuserzeile in der Oberamteistraße. 

Das sparsame Wirtschaften in den letzten zehn Jahren, in denen wir 35 Millionen Euro Schulden abbauen konnten, erleichtert uns die Finanzierung dieser Aufgaben, ebenso die gute Wirtschaftslage und die aktuelle Zinssituation, die Kredite fast zum Nulltarif ermöglicht. Wir ergreifen die Gelegenheit beim Schopf, um für die Bürgerinnen und Bürger in die Zukunft der Stadt zu investieren! Dabei ist es völlig unerheblich, ob Reutlingerinnen und Reutlinger in der betriebsamen Innenstadt oder in einem unserer ruhigeren Außenstadtbezirke wohnen. Wie in Familien üblich, können allerdings auch in der Stadtfamilie nicht alle Wünsche und gleich gar nicht alle auf einmal erfüllt werden. Das braucht es aber auch nicht. Wir haben in Reutlingen fast 100 Jahre gewartet, bis die Marienkirche vollendet war. Das wäre vielleicht ein bisschen lang heutzutage, aber ich bin überzeugt, dass wir auch im Internetzeitalter wichtige Themen mit Geduld und Gründlichkeit angehen müssen.
Wir schauen in Reutlingen zuversichtlich auf dieses Jahr, tun alles, was wir können, nehmen es letztlich, wie es kommt, und werden in jedem Fall versuchen, das Beste daraus zu machen.

Im Übrigen halten wir es mit der ewig gültigen Weisheit des römischen Philosophen Seneca: „Es ist wirklich töricht, heute unglücklich zu sein, weil man irgendwann in der Zukunft unglücklich sein könnte.“

Lassen wir uns nicht anstecken von einer allgemeinen Stimmung der Unzufriedenheit mit unserer Situation und den Verhältnissen in unserem Land. Es stimmt nachdenklich, dass eine so reiche Nation wie wir, in der die Mehrheit so gut lebt wie keine Generation zuvor, so unzufrieden ist. Wir sehen oft nur, was wir nicht haben, und beklagen dies. Dabei sprechen auch hier die Fakten eine andere Sprache. In unserem Arbeitsamtsbezirk ist die Beschäftigung auf einem Höchststand angelangt und die Arbeitslosenquote mit 3,3 % auf dem niedrigsten Niveau. Das sind die Zahlen von vorgestern. Reutlingen ist nach wie vor die sicherste Großstadt Baden-Württembergs und hat viele schöne Aufenthaltsorte vorzuweisen, je nach Gusto. Mit dem dritten Bauabschnitt im Bürgerpark, mit den Wasserspielen, der Skaterbahn, den Ruheflächen und dem Fitnessbereich, ist ein weiterer urbaner Anziehungspunkt dazu gekommen, der sich großer Beliebtheit bei allen Bürgern unserer Stadt und darüber hinaus erfreut. Und wenn in diesem Jahr der Scheibengipfeltunnel eröffnet wird, werden durch unsere Innenstadt hoffentlich auch weniger Autos und Lastwagen fahren.

Das wahre Pfund einer demokratischen Stadtgesellschaft ist eine engagierte Bürgerschaft, sind verantwortungsbewusste und erfolgreiche Unternehmerinnen und Unternehmer sowie rührige und gut qualifizierte Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer. Lassen Sie uns gemeinsam auch hier auf die Mehrheit in unserer Stadtgesellschaft schauen, für die Werte wie Anstand und Gemeinwohl nicht als überholt gelten, sondern die genau wissen, dass es sich hierbei um das Fundament unserer Gesellschaft handelt. Ich habe deshalb die Auszeichnung engagierter Bürgerinnen und Bürger durch die Verdienstmedaille der Stadt Reutlingen seit langem zu einem Höhepunkt des Bürgerempfangs gemacht, der sich nach dem ersten musikalischen Vortrag des Hohner Handharmonika- und Arkkordeonclubs 1930 Reutlingen e. V. unter der Leitung von Horst Amann anschließen wird. Unser Handharmonika- und Akkordeonclub ist eines unserer vielen Aushängeschilder für die rege Musikstadt Reutlingen und begeistert mich jedes Mal aufs Neue mit seinen schmissigen und stimmungsvollen Interpretationen. Herzlichen Dank den Musikerinnen und Musikern für ihren musikalischen Beitrag zum heutigen Bürgerempfang.

Eines unserer engagierten Unternehmen möchte ich besonders erwähnen. Es handelt sich um die Vollkornbäckerei Berger, die, wie seit vielen Jahren, heute früh tausende von Gebäckstücken hergestellt hat und den Arbeitslohn und die Materialkosten der Bürgerschaft für das gute Gelingen des Bürgerempfangs spendet. Herzlichen Dank an Sie, liebe Familie Berger!

Lassen Sie uns also miteinander in das kommunalpolitische Jahr 2017 starten. Lassen Sie sich von guter Laune anstecken, und nicht von schlechter. Lassen Sie uns im Zweifelsfall das halbvolle, nicht das halbleere Wasserglas sehen. Ich empfehle, uns mit Hermann Hesse zu wappnen: „Gegen die Infamitäten des Lebens sind die besten Waffen Tapferkeit, Eigensinn und Geduld. Die Tapferkeit stärkt, der Eigensinn macht Spaß und die Geduld gibt Ruhe.“

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen und Ihren Familien ein erfolgreiches, ein frohes und ein glückliches neues Jahr 2017.
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