Spatenstich neue Stadthalle am 6. November 2009 um 14 Uhr

- Es gilt das gesprochene Wort -

Rede Oberbürgermeisterin Barbara Bosch


Meine sehr geehrten Damen und Herren,

heute ist ein guter Tag für unsere Stadt,
heute ist der Spatenstich für unsere Stadthalle. Es ist übrigens schon der zweite Spatenstich in dieser Woche. Vorgestern war ich in Sickenhausen. Dort entsteht ein neues Feuerwehrhaus, weil die Sanierung des alten Gebäudes sich nicht mehr rechnet und heutigen Raumanforderungen nicht mehr gerecht werden würde. Die Stadthalle ist ein Bauprojekt in dieser Stadt, aber nicht das einzige, wenn auch ein bedeutsames. Wir wagen die Zukunft und verwirklichen einen Traum, den Generationen von Reutlingern vor uns geträumt haben. „Dieses Haus ist der sehnlichste Wunsch der Reutlinger Bevölkerung geworden“. Das sagte der Komponist Hugo Herrmann, einer der Gründerväter unseres Hohner Handharmonika- und Akkordeonclubs Reutlingen, vor über 80 Jahren in der damaligen Diskussion über den Bau eines Volkshauses mit Konzertsaal. Wie stimmig, dass unser HHC heute den Spatenstich musikalisch bereichert.

Ludwig Finckh schrieb zur gleichen Zeit: „ Es wäre brennend zu wünschen, dass Reutlingen endlich in die Reihe der Städte träte, die ein würdiges Kunst- und Volkshaus haben. ... Allzu lange ist bisher gesäumt worden“.

Die Argumente von damals klingen ungeheuer aktuell, etwa wenn ein Bürger die Wettbewerbsfähigkeit Reutlingens anspricht. Zitat aus einer Denkschrift 1926: „Vielmehr muss sich Reutlingen als Handels- und Industriestadt, als Sitz einer Handels- und Handwerkskammer, einer Hochschule und anderer guter, höherer Schulen aus Selbsterhaltungsgründen zu einem wirtschaftlichen und kulturellen Bollwerk ausbauen und den Bezirk und das ganze Hinterland an sich fesseln, will es nicht von anderen Städten überholt und von der Landeshauptstadt auf ein totes Geleise geschoben werden... Zu hoffen ist, dass die Reutlinger Geschäftswelt und Kaufmannschaft weitblickend genug ist, die ihr drohenden, wirtschaftlichen Gefahren rechtzeitig zu erkennen, und sich davor zu schützen, dass ihre Platzkundschaft sich mit der Zeit nach auswärts, insbesondere in die Großstädte verlaufen wird. Es stehen deshalb mit dem Bau oder seiner Nichtausführung wichtige, tiefgreifende und grundlegende Interessen für die Bürgerschaft Reutlingens auf dem Spiel; seine künftige Entwicklung wird davon abhängen“.
Welche Weitsicht vor über 80 Jahren!

Viele unter uns heute tragen in ihrer jeweiligen Funktion Verantwortung für die Zukunft unserer Stadt und der Menschen, die in ihr leben, und sind sich dieser Verantwortung bewusst. Deswegen beginnen wir heute tatsächlich mit dem Bau einer zukunftsfähigen Stadthalle. Niemand kann den Reutlingerinnen und Reutlingern vorwerfen, ihre Entscheidungen leichtfertig oder gar leichtsinnig getroffen zu haben. Die Bürgerschaft unserer Stadt diskutierte lange, intensiv und auch kontrovers: Gut Ding will Weile haben. Aber irgendwann sind der Worte genug gewechselt, sind die Dinge entscheidungsreif und wollen tatkräftig angepackt werden. Auch dafür sind die Reutlinger bekannt, dass sie konsequent ihren Weg gehen und sich auch in schweren Zeiten nicht davon abbringen lassen. Sonst hätten wir in Reutlingen keine Marienkirche, wären kein Hallenbad und keine elektrische Straßenbahn in Zeiten der Weltwirtschaftskrise eröffnet worden, um nur einige Bauwerke zu nennen, die in schwierigen Zeiten entstanden sind. Zurück zur Stadthalle. Schon unter Oberbürgermeister Dr. Manfred Oechsle hatten die Reutlinger Stadträte mit großer Mehrheit beschlossen, Geld für eine neue Halle zurückzulegen, und diesen Beschluss in den folgenden Jahren und Jahrzehnten immer wieder bekräftigt. Allerdings haben auch die Bürger immer wieder genau hingeschaut und jenen Plänen eine Absage erteilt, die zu bombastisch und zu teuer, kurz: nicht passend für Reutlingen waren. Deswegen sagten die Bürger „nein“ zum Kultur- und Kongresszentrum und „ja“ zur passgenauen Planung einer Stadthalle. Beim Bürgerentscheid im März 2006 haben sich die Reutlinger Bürgerinnen und Bürger mit deutlicher Mehrheit für die Aufnahme der Planungen entschieden. Im vergangenen Jahr hat sich die Bürgerschaft in einer repräsentativen Umfrage des Forsa-Instituts mit einer Zweidrittel-Mehrheit dafür ausgesprochen, die Stadthalle nach dem Entwurf des Architekten Max Dudler zu bauen. Es gibt also einen klaren Auftrag der Bürgerschaft und des Gemeinderates dafür, diese Halle zu bauen, was auch durch den Grundsatzbeschluss im letzten Jahr und den Baubeschluss vom April bekräftigt wurde. Deswegen sind wir heute hier. Viele haben nicht geglaubt, dass wir in der Wirtschafts- und Finanzkrise die Kraft und den Mut finden, die Halle auf den Weg zu bringen. Manche werfen uns das auch vor. Aber es wäre unverantwortlich, die Halle nicht zu bauen oder den Bau zu verschieben.
Ich begründe gerne warum!

Der Zug „Neue Stadthalle“ ist schon lange aufs Gleis gesetzt und fährt mit wachsender Geschwindigkeit. Wenn wir den Zug jetzt stoppen, setzen wir den Großteil der sieben Millionen Euro in den Sand, die bislang in die Planungen und die bereits vergebenen Aufträge geflossen sind. Ebenfalls fraglich wäre dann noch einmal eine vergleichbare Summe aus verschiedenen Fördertöpfen von Bund und Land, die Reutlingen zum erheblichen Teil nur dann bekommt, wenn die Halle jetzt gebaut wird. Allein von den bis 2011 zugesagten 3,9 Mio. € muss in diesem Zeitraum die erste Finanzhilfe von 2,3 Mio. € aus dem Zukunftsinvestitionsprogramm des Konjunkturpakets II „verbaut“ sein. Ohne Fördergelder ist die Stadthalle nicht finanzierbar.
Der städtische Finanzierungsbeitrag für die Stadthalle ist angespart und tatsächlich vorhanden. Die Finanzierung der "Halle für alle" ist bekanntlich dank der Rücklagen, die außer dem Neubau auch das "franz.K" und die zweite Tonne-Spielstätte in der Planie 22 (mit)finanzieren, gesichert. Sogar ein Teil der Betriebskosten ist mit den Rücklagen noch zu stemmen, ohne den Haushalt zusätzlich zu belasten. Diese komfortable Situation gibt es übrigens bei keinem anderen Bauprojekt in der Stadt. Wollen wir wirklich unsere weiteren geplanten Kulturinvestitionen stoppen?
Die Forderung von Stadthallen-Kritikern, auf den Neubau zu verzichten und mit der Rücklage die riesigen Löcher zu stopfen, welche die Wirtschaftskrise im städtischen Etat hinterlässt, ist nicht sinnvoll: Wenn wir das Geld zur Haushaltskonsolidierung nehmen, ist es 2011 weg. Man kann das Geld nur einmal ausgeben. Eine neue Halle haben wir Reutlinger dann nicht, dafür aber ein altes Problem: Die Ertüchtigung der Listhalle zur Stadthalle auch der Zukunft würde geschätzt etwa 20 Millionen Euro kosten.
Es gibt auch Stimmen, die überhaupt keine Stadthalle in Reutlingen für notwendig halten. Man könne doch zur Kultur nach Stuttgart fahren. Und unsere Chören, Orchester, Schulen, Vereine und Firmen? Ab nach Stuttgart? Dann kann man sich vom Gedanken verabschieden, eine attraktive, wettbewerbsfähige Großstadt zu sein, die in der Region als Oberzentrum eine bedeutende Rolle spielt. Dann fahren auch unsere Nachbarn in der Region lieber nach Stuttgart oder Balingen als nach Reutlingen.
Ebenfalls wenig sinnvoll ist ein Aufschieben des Neubaus. Bleibt das für die Stadthalle angesparte Geld in den Rücklagen, entlastet es den gebeutelten Etat nicht. Außerdem verlieren wir dann wie dargelegt Millionenzuschüsse des Bundes und Landes. Darüber hinaus werden Baupreissteigerungen, die in den nächsten Jahren erwartet werden und die wir aus der Vergangenheit kennen, den Neubau einer Stadthalle um viele Millionen teurer machen.
Last but not least, ein ganz wichtiges Argument für den Bau der Stadthalle jetzt: Der Bau einer Stadthalle sichert Arbeitsplätze in der Region. Die bisherigen Arbeitsvergaben sind an Firmen der Region gegangen. Die Betriebe sind – gerade jetzt in der Krise – auf Aufträge der öffentlichen Hand angewiesen. Deswegen unterstützen Handwerkskammer, Kreishandwerkerschaft und die IHK ausdrücklich den Bau der neuen Stadthalle jetzt. Ebenso wie unsere Reutlinger Händler in RT Aktiv. Sie wissen: Nur eine attraktive Innenstadt ist ein beliebtes Zentrum, wo die Menschen gerne hingehen.
Wir alle werden von der neuen Stadthalle profitieren. Deswegen, liebe Gäste, liebe Bürger, wagen wir unsere Zukunft und vertrauen auf unsere Kraft. Auch und gerade in wirtschaftlich schwierigen Zeiten müssen wir die Weichen für die Zukunft der Stadt stellen. Auch in Zeiten, in denen das Geld knapp ist und nicht mehr alle Ausgaben getätigt werden können, über Einsparungen und Kürzungen zu sprechen sein wird. Zukunft sichern heißt, dass wir uns Gedanken machen, in welchem Zustand Reutlingen aus der Krise herauskommen soll. Wir müssen die Zeit nach der Krise bedenken, um im Wettbewerb mit anderen Städten wieder erfolgreich durchstarten zu können. Wir müssen unter anderem die Lebens- und Wohnqualität erhalten, als Wirtschaftsstandort mit vielen Arbeitsplätzen attraktiv bleiben und die soziale Balance in unserer Stadt bewahren. Ich bin überzeugt, dass wir gemeinsam die Herausforderung meistern. In dieser Stadt wird es keinen Stillstand geben.

Viele Menschen in unserer Stadt und dem Umland sehen dies genauso und sind deshalb heute in großer Zahl zum Spatenstich gekommen. Sie wissen, dass Reutlingen sich, sollte jetzt nicht gebaut werden, auf unübersehbar lange Zeit vom jahrzehntelangen Wunsch nach einer neuen Stadthalle als einem angemessenen Veranstaltungszentrum in der Region verabschieden müsste. Das wäre das falsche Signal.

Ich möchte abschließend noch meinen Dank aussprechen.

An Sie, Herr Wirtschaftsminister Pfister, und damit das Land Baden-Württemberg. Auch Sie haben sich davon überzeugen lassen, wie wichtig der Neubau der Stadthalle in Reutlingen für uns und die Region ist und deshalb „wertvolle“ Förderzusagen gemacht, über die ich mich sehr gefreut habe und für die wir Ihnen sehr dankbar sind.

Die Finanzhilfe im Rahmen des Zukunftsinvestitionsprogramms ist der höchste Einzelbetrag im Regierungsbezirk Tübingen. Ihnen, Herr Regierungspräsident Strampfer, und Ihrer Mannschaft herzlichen Dank für die maßgebliche Unterstützung unseres Projekts beim Antragsverfahren und bei der Mittelverteilung innerhalb des Regierungsbezirks.

Ich danke ausdrücklich für das gute Zusammenspiel aller Dezernate und Ämter im Haus. Dieses Projekt ist ein Ergebnis hervorragender Teamarbeit, und ich will dabei besonders unsere Baubürgermeisterin Frau EBM Hotz, Herrn BM Rist und Herrn BM Hahn mit ihren Leuten sowie den Projektleiter Herrn Kessler und sein Team nennen, sowie die über 30 beteiligten Fachingenieure und Fachplaner erwähnen, stellvertretend Herrn Brombach von IBB München als Projektsteuerer.

Ich danke dem Wettbewerbssieger Herrn Architekt Prof. Max Dudler mit seinen projektverantwortlichen Architekten Hanns-Malte Meyer und Andreas Enge für die professionelle und wohlwollende Zusammenarbeit, die uns viel Freude macht.

Ein besonderer Dank geht auch an die Bürgerinnen und Bürger Reutlingens, die sich in die außerordentlich umfangreiche Bürgerbeteiligung der zurückliegenden Jahre konstruktiv-kritisch mit vielen Anregungen eingebracht und die Diskussion bereichert haben. Wir haben deshalb auch ausdrücklich heute öffentlich zum Spatenstich eingeladen.

Das Projekt Neue Stadthalle Reutlingen wird von der Bürgerschaft mitgetragen. Das zeigt sich auch beim feierlichen Spatenstich heute, zum Beispiel bei der Verpflegung. Ich danke den Sponsoren, die uns das Fest ermöglichen:
  • der Metzgerei Oskar Zeeb für den Leberkäse,
  • der Vollkornbäckerei Berger für die Backwaren,
  • der Firma Romina für die alkoholfreien Getränke und
  • dem Zwiefalter Klosterbräu für das Bier und die Bereitstellung der Tischgarnituren.
  • Nicht nur der Gaumen-, sondern auch der Ohrenschmaus ist ein Beitrag von Vereinen und Bürgern unserer Stadt:


Ich danke dem Bläserquartett der Württembergischen Philharmonie Reutlingen und ihrem Intendanten Herrn Grube für den musikalischen Auftakt,
dem Hohner Handharmonika- und Akkordeonclub Reutlingen unter der Leitung von Horst Amann für den Walzerschwung von Schostakowitsch, (Ihr spiritus rector Hugo Hermann hat übrigens 1926 schon gesagt: „Ein Konzertsaal in Reutlingen ist notwendig. Darüber besteht nirgends ein Zweifel.“)
und dem Jugendblasorchester der Musikschule Reutlingen unter der Leitung von Gerhard Reb, die uns anschließend im Festzelt unterhalten werden.
Für die Bewirtung zeichnen die Mitglieder des traditionsreichen Männervereins Reutlingen verantwortlich. Danke.

Ich freue mich sehr, dass Sie alle heute mitwirken. Ich darf jetzt schon alle Gäste und Mitwirkende im Anschluss an den Spatenstich in das Festzelt einladen.

Herr Minister Pfister, Sie haben das Wort.
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