Empfang der ehemaligen jüdischen Mitbürger am Montag, 7. April 2008 im Rathausfoyer

- Es gilt das gesprochene Wort -

Rede von Oberbürgermeisterin Barbara Bosch


(Beginn: Choralvorspiel von J. S. Bach, siehe Programm)

Nach diesem feierlichen Auftakt mit Bach’scher Musik darf ich Sie, sehr geehrte Damen und Herren, liebe Gäste, an diesem Nachmittag herzlich begrüßen.

Ich freue mich, dass wir heute wieder zum Empfang der ehemaligen jüdischen Mitbürger Reutlingens einladen konnten. Es ist in diesem Jahr der 8. Besuch seit 1987. Seitdem lädt die Stadt Reutlingen im dreijährigen Turnus ihre ehemaligen jüdischen Bürgerinnen und Bürger zu einer Besuchswoche in die alte Heimat ein.

Es ist mir eine große Freude, zuallererst Frau Hannelore Maier aus London willkommen
zu heißen. Liebe Frau Maier, Sie sind dieses Mal die einzige ehemalige jüdische Reutlingerin unter unseren sechs Gästen. Alle anderen eingeladenen Ehemaligen konnten aus gesundheitlichen Gründen die Reise nicht mehr antreten. Es ist bewundernswert, dass Sie, Frau Maier, trotz Ihrer Lebensjahre und der gesundheitlichen Beeinträchtigungen, unserer Einladung nach Reutlingen gefolgt sind und die Reise von London hierher auf sich genommen haben. Wir sind froh, dass Sie gerade noch rechtzeitig eingetroffen sind, wegen der Schwierigkeiten auf dem Flughafen Heathrow, wenn auch noch ohne Ihr Gepäck... So freuen wir uns ganz besonders über Ihr Kommen – und ich begrüße auch sehr herzlich Ihre Freundin, Frau Linda Rogers, die Sie auch in diesem Jahr begleitet.

Mein herzlicher Willkommensgruß gilt unseren aus früheren Besuchen bereits bekannten Gästen aus Israel, zunächst den Damen, Frau Daniela Nativ und Frau Dorit Rom, Töchter der ehemaligen Reutlingerin Marta Elsaesser, verheiratete Kossmann; und er gilt den Herren Ilan und Uri Elzasser, Söhne von Hans und Ursel Elsaesser (Hans Elsaesser, Ihr verstorbener Vater, war der ältere Bruder von Marta Elsaesser).

So sind Sie vier also Cousinen und Cousins – und uns als Nachfahren der Reutlinger Familie Elsaesser herzlich willkommen. Sie sind wie beim letzten Mal anstelle Ihrer Mütter, die aus gesundheitlichen Gründen leider nicht mehr reisen können, heute hier. Bitte nehmen Sie die besten Wünsche mit und grüßen Sie Ihre Mütter vielmals von uns.

Herzlich begrüßen darf ich von der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württemberg, und zwar von der Zweigstelle hier in Reutlingen, Herrn Alexander Lerner und Frau Rita Zaltsman. Schön, dass Sie hier sind.

Leider kann ich nicht alle Anwesenden namentlich nennen. Lassen Sie mich aber stellvertretend für alle Gäste, die mit der jüdischen Geschichte in unserem Land und unserer Stadt enger verbunden sind, sehr herzlich Herrn Prof. Dr. Utz Jeggle aus Tübingen willkommen heißen. Prof. Jeggle hat sich als einer der Ersten bereits in den 1960er Jahren intensiv mit der Erforschung jüdischer Geschichte in Württemberg befasst. Er schrieb auch das Vorwort zu unserem 2005 erschienenen historischen Lesebuch „Es gab Juden in Reutlingen“, das beim letztmaligen Empfang vor drei Jahren eine besondere Rolle gespielt hat.

Ja, es gab Juden in Reutlingen. Im Mittelalter existierte eine kleine Gemeinschaft mit eigener Synagoge und rituellem Bad, dann gab es erst wieder im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts eine Gemeinde, nun mit Tübingen zusammengefasst, wo die Synagoge stand. Die Geschichte der Juden in Reutlingen ist, wie andernorts, auch eine Geschichte ihrer Verfolgung und Vertreibung. Da macht die rechtschaffene Achalmstadt leider keine Ausnahme.

Dabei waren die jüdischen Frauen, Männer und Kinder, die jüdischen Geschäfte und auch die jüdischen Studenten am Textiltechnikum gut in das städtische Leben eingebunden. Bernd Serger und Karin-Anne Böttcher schreiben im erwähnten Lesebuch: „Ohne die NS-Herrschaft wären die jüdischen Familien Reutlingens wohl innerhalb weniger Jahrzehnte als solche kaum mehr wahrzunehmen gewesen. Viele von ihnen wurden erst durch die Rassengesetzgebung wieder dazu gemacht, erst zu Juden und dann, war ihnen nicht vorher die Flucht gelungen, zu Nummern.“

Das war das Bittere. Zuallererst waren die Juden Deutsche. Ihr Jüdischsein war ein Merkmal unter vielen. Aber auf dieses Merkmal hoben die Rassengesetze ab.

In diesen Tagen liegt der Boykott-Aufruf der NSDAP fast genau 75 Jahre zurück. Am 1. April 1933 marschierten SA und SS-Posten vor jüdischen Geschäften auf und verbreiteten mit Transparenten und Tafeln die Parole: „Kauft nicht bei Juden“. In Reutlingen waren von dieser Boykott-Aktion 14 Geschäfte von jüdischen Eigentümern betroffen, die meisten befanden sich in der Wilhelmstraße. Auch die Tankstelle der Ölfirma Elsaesser & Cie. an der Ulrichstraße war von braun Uniformierten umstellt, wie Hans Elsaesser bei einem Besuch in Reutlingen im Jahr 1988 berichtete.

Die Elsaessers waren dann auch eine der ersten jüdischen Familien, die ihre Auswanderung nach Palästina vorbereiteten, nachdem in ihrer schwäbischen Heimat kein normales Leben mehr möglich war. Die Geschwister Marta und Hans Elsaesser waren damals 12 bzw. 18 Jahre alt, als sie Reutlingen Anfang 1934 verließen bzw. verlassen mussten. Für Sie, liebe Gäste aus Israel, bleibt dieser Bruch Teil Ihrer Familiengeschichte.
Auch vor Adolf Maiers Büro in der Gartenstraße 9 standen am 1. April 1933 Posten der SA und SS. Sein Immobilien- und Hypothekenvermittlungsgeschäft war nach diesem Boykott gebrandmarkt – es lief nicht mehr. Im August 1936 musste er schließlich Konkurs anmelden. Krankheiten kamen dazu. Im Februar 1937 schied Adolf Maier freiwillig aus dem Leben – drei Wochen, nachdem seine Tochter Hannelore sich mit Hilfe eines Stipendiums nach England retten konnte. Adolf Maiers Tod war einer von 13 jüdischen Selbstmordfällen im Gebiet des heutigen Baden-Württemberg in den Jahren 1936/37.

Liebe Frau Maier, diese Jahre markieren das Ende Ihrer in Reutlingen verbrachten Kindheit. Am Fuße der Achalm sind Sie groß geworden – wir haben das Motiv „Albrand“ bewusst auf die Einladungskarte gesetzt. Es handelt sich um einen Farbholzschnitt von HAP Grieshaber aus dem Mappenwerk „The Swabian Alb“ aus eben diesen letzten Jahren, 1936/37, die für Sie einen so schmerzlichen, doppelten Abschied bedeuteten – von der Heimat, von den Eltern. Grieshaber fand im Holz, wie er sich ausdrückt „jenen fruchtbaren Widerstand“, der ihm „Maß und Welt zurückgewinnen wollte“. Für ihn war „das Schneiden und Drucken immer ein Eiland gegen den totalen Staat.“

Der totale Staat unterdrückte und zerstörte viele Familien. Die Geschichte der Familie von Frau Maier wird diese Woche am Mittwochabend bei einem öffentlichen Vortrag in der Volkshochschule noch ausführlich Thema sein. Herr Dr. Wilhelm Borth, der Vorsitzende des Reutlinger Geschichtsvereins, hat hierfür u.a. Briefe herangezogen, die Ihnen Ihre Mutter nach England geschrieben hat, bis zu ihrem gewaltsamen Tod in Auschwitz.

Nach der Buchveröffentlichung vor drei Jahren begrüße ich es sehr, dass ein weiteres Medium sich erneut der Familiengeschichten Reutlinger Juden annimmt. Am Dienstagabend wird der im letzten Jahr gedrehte Film “Zwischen gestern und heute ein Licht – Lebenswege Reutlinger Juden“ zum ersten Mal der Öffentlichkeit präsentiert. Ihre Geschichte, Frau Maier, und die von Frau Marta Kossmann, geb. Elsaesser, wird darin eine Rolle spielen. Der Tübinger Filmemacher, Herr Harald Weiß, der unter uns ist – seien Sie herzlich willkommen! – reiste im letzten Jahr nach England und Israel, um die beiden Zeitzeuginnen zu ihren Erinnerungen zu befragen.

Es ist etwas sehr Wertvolles, wenn auf diese Weise Geschichte lebendig gehalten werden kann. Vielen Dank, liebe Frau Maier – und auch einen Dank an Frau Kossmann, den Sie, liebe Töchter Kossmann, bitte mitnehmen, – dass Sie sich für diese Arbeit zur Verfügung gestellt haben. Im Film kommen auch heutige jüdische Gemeindeglieder aus Reutlingen zu Wort. Das Filmprojekt wurde von der Stadt Reutlingen sowie von der Landeszentrale für politische Bildung finanziell unterstützt. Zu den beiden Abenden – Vortrag und Film – lädt die Volkshochschule Reutlingen herzlich ein (Beginn jeweils 20 Uhr).
Lassen Sie mich an dieser Stelle einige Worte zur Praxis kommunaler Besuchsprogramme für jüdische Emigranten und Überlebende der Shoah sagen. Die meisten deutschen Städte und Gemeinden mit ehemals jüdischer Bevölkerung begannen damit, wie Reutlingen auch, Mitte der 1980er Jahre. Die Einladungen der ehemaligen jüdischen Bürger waren vielerorts Bestandteil regionaler Erinnerungs- und Versöhnungsaktivitäten. Mit den Initiativen verbindet sich das Ansinnen, den einstigen Bürgern ein Zeichen der Erinnerung und Anerkennung ihrer Leiden zu senden und so den Versuch einer Aussöhnung zu unternehmen. Mir ist aus den Gesprächen beim letzten Besuch noch sehr eindrücklich in Erinnerung, wie schwer es nach den mit dem Unrechtsregime der Nationalsozialisten gemachten Erfahrungen gewesen sein muss, den ersten Schritt wieder auf Deutschland, auf uns in Reutlingen zuzumachen. Das Ausmaß der im deutschen Namen verübten Verbrechen war von solcher Wucht, dass wir dankbar dafür sind, dass mit Ihrem Besuch erneut die Hand gereicht wird unserem den demokratischen Grundwerten verpflichteten Staat, der in seiner Verfassung allen anderen Artikeln die unantastbare Würde des Menschen voranstellt. Wir begreifen dieses Zeichen der Versöhnung nicht als Legitimation, mit der Vergangenheit abzuschließen, sondern ganz im Gegenteil als Verpflichtung, sie niemals zu vergessen, um daraus für unsere Gegenwart und Zukunft zu lernen.

Die Gräuel der Vergangenheit können wir mit unseren Einladungen nicht ungeschehen machen. Es ist so, wie Prof. Dr. Utz Jeggle in dem o.g. Vorwort schreibt: „Was zerstört wurde, kann nicht immer wieder repariert, sondern nur als Verlust betrauert werden.“
Vielleicht ist dies die einzig adäquate Reaktion auf das Unwiederbringliche: „Trauer über Verlorenes, über verlorene Bürger, die in dieser Stadt so unauffällig und so auffällig lebten wie andere auch, Trauer, dass diese Geschichte nicht rückgängig gemacht werden kann, dass uns Jüngere ‚die Gnade der späten Geburt’ nicht schützt, sondern dass es unsere Geschichte ist.“
Über 60 Jahre nach dem Ende der nationalsozialistischen Diktatur steht die deutsche Gesellschaft vor einem – wie es der Historiker Norbert Frei ausdrückt – „erinnerungspolitischen Gezeitenwechsel“. Der Anteil der Zeitzeugen schwindet zunehmend, immer weniger Menschen kennen Krieg und die Verbrechen der NS-Zeit aus eigenem Erleben. Der „Gezeitenwechsel“ hat auch die Besuchsprogramme erfasst und stellt die Städte nun vor die Aufgabe, neue Wege für die Fortsetzung der Beziehungen zu ihren Bürgern im Exil, direkten Opfern des Nationalsozialismus wie auch deren Nachkommen, zu finden.

Unlängst war unsere Bundeskanzlerin Angela Merkel zu einem Staatsbesuch in Israel. In ihrer auf Deutsch in der Knesset gehaltenen Rede gratulierte sie Israel zum 60. Jahrestag der Gründung und stellte die Besonderheit der deutsch-israelischen Freundschaft heraus: „Deutschland und Israel bleiben für immer auf besondere Weise durch die Erinnerung an die Schoah verbunden.“ Frau Merkel drückte aus, was auch uns hier in Reutlingen wichtig ist: „Nur wenn Deutschland sich zu seiner immerwährenden Verantwortung für die moralische Katastrophe in der deutschen Geschichte bekennt, können wir die Zukunft menschlicher gestalten.“

Aus diesem Grund ist uns auch die Gedenkkultur ein Anliegen – und zwar unter Einbeziehung der jungen Generation. Schüler beteiligen sich nicht nur am Volkstrauertag, sondern gestalten auch die Gedenkfeier zur sogenannten Reichspogromnacht in der Marienkirche. Wir müssen und wollen die Erinnerung wach halten.

Dazu gehört die Pflege der jüdischen Friedhöfe ebenso wie die Präsentation jüdischer Geschichte in einer ehemaligen Synagoge. Die vielen Spuren in unserem Land, die auf ein einst lebendiges jüdisches Leben hinweisen, kann man heute noch entdecken.
Unser Ausflugsprogramm, liebe Gäste, wird Sie in dieser Besuchswoche u.a. auch auf solche Spuren nach Wankheim, Tübingen, Haigerloch und Mühringen führen.

Lassen Sie mich zum Schluss eine erfreuliche Neuerung herausstellen, nämlich: Es gibt wieder (!) Juden in Reutlingen. Seit einigen Jahren, genauer gesagt, seit Herbst 2003, hat die Stuttgarter jüdische Gemeinde in Reutlingen eine Dependence für die hier lebenden Bürger jüdischen Glaubens eingerichtet – diese Bereicherung religiösen Lebens in unserer Stadt empfinde ich als ein kleines Stück „Normalität“ und wünsche der Gemeinde alles Gute.

Bevor ich nun das Wort an Sie weitergebe, sehr geehrter Herr Lerner von der Repräsentanz der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württemberg, möchte ich mich nochmals bei Ihnen allen für Ihr Kommen bedanken und unseren Gästen eine angenehme Besuchswoche wünschen.
Zunächst können wir uns noch auf weitere Programmpunkte freuen. Nach dem anschließenden Grußwort spielt uns Herr Kontorowski das Heiligungsgebet (Kaddisch) von Maurice Ravel, es folgt der Eintrag ins Goldene Buch der Stadt Reutlingen, und nach einem weiteren Klaviervortrag mit Sonaten von Domenico Scarlatti am Schluss der obligatorische Ständerling mit Reutlinger Wein – und, so hoffe ich, mit vielen angenehmen Gesprächen.

Das Musikprogramm mit Stücken eines deutschen, eines französischen und eines italienischen Komponisten symbolisiert übrigens aus meiner Sicht das heutige Deutschland vortrefflich, als Mitglied und Partner in einem modernen, demokratischen und freiheitlichen Europa.

Herr Lerner, Sie haben das Wort....
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