Rede Einweihung  Einweihung Jugendtreff Tübinger Vorstadt

- Es gilt das gesprochene Wort -

Ansprache Oberbürgermeisterin Barbara Bosch

Begrüßung
  • An Planung und am Bau beteiligte Jugendlichen und deren Eltern
  • Bewohner/innen des Stadtteils
  • Gemeinderät/innen und Jugendgemeinderät/innen
  • Alle am Bau beteiligten Firmen, Architekt/innen, Handwerker
  • Mitarbeiter/-innen der Stadt (Gebäudemanagement, Amt für Schulen, Jugend und Sport, Stadtkämmerei)
  • Vertreter/innen der Medien
  • (Fachöffentlichkeit aus Stadtteil und aus Reutlingen)
Rückblick auf die Stadtteilbegehung Innenstadt im letzten Sommer (24. Juni 2008): Leerer Platz, verfallenes Gebäude, davor Jugendliche, die anhand vom Modell den neuen Jugendtreff zeigen: Große Begeisterung und Identifikation war damals zu spüren und jetzt ist es endlich soweit: wir können das neue Haus einweihen und seiner Bestimmung übergeben.

Es ist aber nicht irgendein Haus für Jugendliche. Ein paar Punkte zeichnen es in besonderer Weise aus.

Zum Einen befinden wir uns hier in der Tübinger Vorstadt, einem Stadtteil, der sich seit 2004 im Bund-Länder-Programm „Soziale Stadt“ befindet und seither eine Vielzahl von Veränderungen erlebt hat und in Überlegungen für weitere Verbesserungen steckt. Wir haben uns beim Start dieses Programms vorgenommen, der Tübinger Vorstadt ein neues Erscheinungsbild zu geben, das Miteinander im Stadtteil zu stärken, kritische Dinge wie Verkehrsfragen und die Straßenraumgestaltung anzugehen. Vieles konnte bereits unter hoher Beteiligung der Bewohner in einer Vielzahl von Einzelprojekten erreicht werden, manches bleibt noch zu tun. Es gibt ein Stadtteilbüro, das sich zu einer Drehscheibe vielerlei Aktivitäten im Stadtteil entwickelt hat, Spiel- und Sportflächen auf den Bösmannsäcker, der Schulhof der Hermann-Kurz-Schule wurde umgestaltet, neue Kinderspielplätze hergerichtet, zuletzt die Fußgänger- und Radwegverbindung entlang der Echaz eingeweiht. Alle durchgeführten Maßnahmen zeichneten sich durch das große Engagement der Bürgerinnen und Bürger aus. Der Jugendtreff ist Teil dieses Gesamtkonzeptes.

Der zweite Rahmen, in den wir den neuen Jugendtreff stellen können, sind die Jugendleitlinien der Stadt Reutlingen. Lange schon war ein Bedarf für eine solche Einrichtung im Stadtteil benannt, der Arbeitskreis Tübinger Vorstadt hat sich dafür ausgesprochen (Grußwort durch Vertreterin Frau Groth-Kramer).

Grundsatz- und Baubeschluss des Reutlinger Gemeinderats im Juni 2007. Das Richtfest konnte im Oktober 2008 gefeiert werden.

Fachlicher Hintergrund/ Konzept
Der Jugendtreff in der Tübinger Vorstadt wird ein „interkultureller“ Jugendtreff sein, ein Ort der Begegnung: der Anteil von Menschen mit Migrationshintergrund in der Tübinger Vorstadt ist hoch und damit auch der entsprechende Anteil Jugendlicher. Dies spiegelt sich auch an der Hermann-Kurz-Schule wider: der Anteil an Jugendlichen mit Migrationshintergrund liegt über 80%. Im Jugendtreff kann kulturelle Vielfalt daher als Erweiterung des eigenen Horizonts, als Bereicherung der Lebenswelten junger Menschen gelebt werden.

Mit der Fertigstellung des Jugendtreffs wird bei der Versorgung mit freizeitpädagogischen Angeboten im Nahbereich für ältere Kinder/jüngere Jugendliche (10 - 16 Jahren) eine Angebotslücke für den Stadtteil Tübinger Vorstadt geschlossen.

Konzept: Jugendtreff als wohnortnahe Versorgung für die Jugendlichen danach Jugendhaus Bastille und Jugendcafé als Innenstadteinrichtung für die älteren Jugendlichen. (weitere Beispiele: pro juventa betreibt im Wiesprojekt für den Stadtteil Voller Brunnen/Römerschanze/Storlach einen Treffpunkt für jüngere Jugendliche.)

Alle Einrichtungen der offenen Jugendarbeit in der Stadt sind den Leitlinien Jugendarbeit als fachliche Standards verpflichtet:

Integration von jungen Menschen mit Migrationshintergrund. Von Anfang an wurde mit verschiedenen Institutionen kooperiert, wie dem Bunten Tisch oder dem Internationalen Frauencafe, d. h., also Migrantenselbstorganisationen

Teilhabe von Jugendlichen mit Behinderungen (Inklusion) soll möglich sein: Berücksichtigung in der Planung durch eine für Rollstuhlfahrer geeignete, barrierefreie Ausstattung

Partizipation als durchgängige Prämisse: Geschlechterdifferenzierung, also Beteiligung von Mädchen und Jungen, z.B. das Projekt Mädchenpodest – dazu aber später mehr von Frau Röck

Und beim Stichwort Beteiligung bin ich bei einem weiteren Punkt, der hervorgehoben werden muss. Dieser Jugendtreff ist nicht nur für die Jugendlichen entstanden, sondern gemeinsam mit ihnen. Sie waren von Anfang an den Planungen beteiligt und es war mir schon im vergangenen Jahr vor Ort eine Freude zu sehen, wie sehr sie sich mit ihren Ideen eingebracht und dabei nicht nur Wunschlisten aufgestellt, sondern auch intensiv über Vor- und Nachteile sowie Machbarkeiten diskutiert haben. Es wurden hierfür eigens Workshops durchgeführt. Durch Zuschüsse des Bundes aus Mitteln des europäischen Sozialfonds war es möglich, hierfür eine Mitarbeiterin einzustellen, weil Beteiligung grundsätzlich und immer Mehraufwand bedeutet und damit auch mehr Geld kostet.

Ich brauche, so glaube ich, nicht weiter auszuführen, welche großen Vorteile es hat, Jugendliche in den Planungs- und Bauprozess einzubinden. So wird diese Einrichtung zu ihrem Treff, mit dem sie sich identifizieren können und sicher einen ganz anderen Zugang finden, sich verantwortlich fühlen. Dazu kommt das Erfolgserlebnis, etwas in die Tat umgesetzt haben zu können, dabei zu erleben, welche Fähigkeiten, sprich Kompetenzen,
selbst eingebracht werden können.

Was dies für den Bauprozess und die beteiligten Fachfirmen und Fachämter bedeutet, kann man sich vorstellen. Jugendinteressen und baurechtliche Vorschriften sowie der Finanzrahmen sind nicht von Vornherein identisch, deshalb mussten die Planungen in den Workshops immer wieder überarbeitet werden. Ich will deshalb an dieser Stelle auch meine Anerkennung und meinen Dank aussprechen an
  • die beteiligten Jugendlichen
  • den ganzen Stadtteil mit seiner zentralen Kooperationspartnerin, der Hermann-Kurz- Schule und der dortigen Schulsozialarbeit
  • die zuständigen Bauämter, die sich stets erfolgreich darum bemühten, „Standardplanungen“ jugendgerecht zu modifizieren und zu interpretieren (ein herzliches Dankeschön hier insbesondere an Frau Stadthaus)
  • die externen Architekturbüros Wiedemann und Schweizer (Außenflächenplanung) und Herrn Goldbach (der sich weit über seinen Auftrag hinaus sehr engagiert hat und dessen „jugendliches Denken“ wir ja schon vom Jugendcafé her kannten)
  • den Generalunternehmer, die Firma Syndikat (toll, wie selbstverständlich Vorschläge
  • gemacht wurden, wie Jugendliche in den Bau einbezogen werden können - Praktika, Bau des Schuppens etc.)
  • das Fachamt (und hier insbesondere Frau Röck und Herrn Czernin, die die Schnittstelle zwischen Jugendlichen und Erwachsenen bildeten und die euch Jugendlichen Verwaltungslogik und Bauvorschriften nahe bringen durften)
  • Dank an alle Beteiligten für ihre Leistungen und das besondere, beispielhafte Engagement bei der Beteiligung und der damit verbundenen Qualifizierung junger Menschen.

Das Ergebnis (kann sich sehen lassen):
Es ist ein weiterer eindrücklicher Beleg dafür, dass die Stadt Reutlingen ihr Ziel einer kinder- und jugendfreundlichen und damit familienfreundlichen Stadt nicht nur bei den Schulen, sondern auch im Freizeitbereich junger Menschen ernst nimmt und bedarfsgerecht umsetzt.
Wir sehen dies heute bei einem Gebäude, das sich durch besondere Qualität auszeichnet: Die Aufteilung der Räumlichkeiten, die Präsentations- und Rückzugsbereiche, der Schuppen als Tobe- und Bewegungsraum, das Mädchenpodest, das erstmalig im Jugendcafe konzipiert und hier aufgegriffen wurde, aber auch in vielen Details, wie z. B. das Sichtfenster zum Büro, in dem Spiele und Bastelmaterialien präsentiert werden sollen.

Die offene Jugendarbeit ist in Reutlingen mit Jugendtreffs und Jugendhäusern sowie offene Angebote freier Träger gut aufgestellt. Für diesen Bereich wendet die Stadt jährlich knapp 3 Mio. € auf.

Und beim Stichwort Finanzen noch die Zahlen zu diesem Bauprojekt.
Noch liegen nicht alle Abrechnungen zum Bau vor. Einschließlich der Außenanlagen und der Ausstattung investiert die Stadt hier mehr als eine halbe Mio. €.
Wir hoffen dabei auf einen Zuschuss aus dem Bund-Länder-ProgrammSoziale Stadt“ in Höhe von 240.000 €. Zur Finanzierung der Projekte für die Beteiligung der Jugendlichen konnten wir Mittel aus anderen Zuschusstöpfen einholen. Aus drei Bundesministerien und dem europäischen Sozialfonds fließen hierzu Mittel in die Tübinger Vorstadt, unter den Titeln LOS: „Jugend plant mit“ (lokales Kapital für soziale Zwecke); „Meine Interessen, mein Viertel, mein Treff“ (Eingliederung von Spätaussiedlern); „Beschäftigung, Bildung und Teilhabe vor Ort“ sowie „Die Vorstadt baut auf“. Dadurch konnte nicht nur eine Entlastung der städtischen Finanzierung erreicht, sondern die Mitarbeiterin bereits im Vorfeld des Baus zur Betreuung der Jugendlichen eingestellt werden. Nicht vergessen werden darf, dass die aus dem XENOS-Sonderprogramm geschaffenen sechs Ausbildungs- und weitere Praktikumsplätze in der Tübinger Vorstadt geschaffen wurden.

Sie sehen, dass die Stadt hier die unterschiedlichsten Zuschusstöpfe virtuos angezapft hat, damit der Jugendtreff gebaut und nebenbei noch das Ziel erreicht werden konnte, Jugendlichen Ausbildungsplätze zu schaffen, und eine breite Beteiligung bei Planung und Bau ermöglicht wurde (hier gilt ein besonderer Dank Frau Reimann (51) und Frau Scherer (20).

Für den Betrieb des Jugendtreffs wurden bei der Stadt Reutlingen zwei
zusätzliche 50 % Stellen für Sozialpädagogen/innen beim Amt für Schulen, Jugend und Sport eingerichtet. Die Betriebskosten dieser neuen Jugendeinrichtung belaufen sich auf 53.000 Euro jährlich.

Zukunft - Ausblick
Die enge Verzahnung mit dem Stadtteil wird weitergeführt (Hermann-Kurz-Schule, Schulsozialarbeit, AK Tübinger Vorstadt, Vereine des Bunten Tischs, in welchem sich Migrantenselbstorganisationen aus der Tübinger Vorstadt zusammengeschlossen haben,
und dem Nachbarn, dem Kindergarten Kurrerstraße).
Mit der Eröffnung des Jugendtreffs habt ihr, Mädchen und Jungen von 10 bis 16 Jahren aus der Tübinger Vorstadt, endlich euer ersehntes offenes Freizeitangebot und die Mitarbeiterteam des Jugendtreffs (Frau Röck und Herr Czernin) stehen euch an 3 Tagen in der Woche zur Verfügung (Dienstags und Freitags für alle, Mittwochs mit geschlechterdifferenzierten Angeboten für Jungen und Mädchen und am Wochenende werden einmal im Monat Aktionen durchgeführt).
Bei dem hohen Vernetzungsgrad, der hier in der Tübinger Vorstadt inzwischen realisiert ist, bin ich sicher, dass sich auch weitere Nutzungen der Räumlichkeiten für den Stadtteil noch ergeben werden.

Bevor ich zum Ende komme, will ich meinen Dank noch abschließen, denn nicht nur die am Bau Beteiligten haben sich eingebracht:
Dank an alle, die an der Gestaltung des Programms heute mitgewirkt haben und ein besonderes Dankeschön an die drei Vereine vom Bunten Tisch: der Türkischen Gemeinschaft und den serbischen und kroatischen Kulturvereinen. Ihr gemeinsames Engagement zeigt mir, dass sich in der Tübinger Vorstadt sich schon einiges bewegt hat und Sie gemeinsam auf einem guten Weg sind.

Der Richtfestspruch der Fa. Syndikat war so treffend und gut, dass ich ihn heute gern wiederholen und an das Ende meiner Rede setzen möchte. Mit diesen gereimten Sätzen übergebe ich die Schlüssel an Frau Röck und Herrn Czernin und wünsche Ihrer Arbeit hier im Jugendtreff eine hohe Wirksamkeit und der Tübinger Vorstadt insgesamt eine weiterhin gute Entwicklung. Vor allem aber den Jugendlichen viel Freude im neuen Jugendtreff.

„Seht doch das Haus wie euer eig’nes an.
Denkt daran, was hier alles laufen kann.
Freunde treffen, Partys machen,
miteinander spielen, lachen,
oder auch mal Hilfe holen, Sorgen teilen, helfen wollen.
Ihr könnt den Treff lebendig halten!
Ihr könnt mit eurer Phantasie und euren Träumen
Ein Stück eurer eigenen Zukunft hier gestalten.“

Nach oben