Verleihung der Bürgermedaille an Winand Victor /Ausstellungs-eröffnung am 11. Januar 2008

- Es gilt das gesprochene Wort -

Laudatio Oberbürgermeisterin Barbara Bosch


Meine sehr verehrten Damen und Herren,

ich begrüße Sie zur feierlichen Verleihung der Bürgermedaille der Stadt Reutlingen an einen der bedeutendsten Reutlinger Künstler der Gegenwart: Herrn Winand Victor.
Gleichzeitig freue ich mich, dass diese Ehrung einhergeht mit der  Eröffnung einer Ausstellung seiner Druckgrafik im Reutlinger Kunstmuseum.

Ganz besonders und vornweg begrüße ich Sie, Herr Victor, quasi als Anlassgeber und Mittelpunkt dieses Abends zusammen mit Ihrer Familie. Seien Sie mit Ihren Freunden und Weggefährten, die Sie heute begleiten, herzlich willkommen hier im Foyer des Ratsgebäudes, sozusagen in der „guten Stube“ des Rathauses. Mein Gruß gilt auch dem Referenten des heutigen Abends, Herrn Dr. Smitmans. Herr Dr. Smitmans ist seit seiner Zeit als Leiter der städtischen Galerie Albstadt mit dem Werk Winand Victors bestens vertraut und wird uns anschließend in das grafische Schaffen des Künstlers einführen, wofür ich ihm bereits an dieser Stelle herzlich danke.

Herrn Friedemann Treutlein danke ich für seine spontane Bereitschaft, ganz kurzfristig die musikalische Umrahmung des Abends zu übernehmen. Herr Prof. Komma, den ich ebenfalls in unserer Mitte begrüße, ist leider durch eine Verletzung beeinträchtigt und kann daher nicht Klavier spielen.

Übrigens: Das vorhin gehörte erste Musikstück ist eine Komposition von Veit Erdmann aus dem Jahre 1994 mit dem Titel "Klangbild Winand Victor Teil I". Nun lässt allein schon der Titel darauf schließen, dass Sie, Herr Victor, auch das  Schaffen weiterer Künstler inspiriert haben. Im Besonderen wohl die Kollegen aus dem musikalischen Bereich. Dies ist auch beim Musikbeitrag mit dem Titel „Nachtstück I“ von Herrn Prof. Dr. Komma aus dem Jahre 2001, der Fall, das wir später noch hören werden. Wie mir berichtet wurde, geht dieses Stück auf ein Bild von Ihnen mit dem Titel "Die dunkle Weite VII" zurück. Das Bild ist im Besitz des Landkreises Reutlingen, der es freundlicherweise – auch zur Veranschaulichung Ihres Schaffens – für den heutigen Empfang zur Verfügung stellte und welches hier vorne auf der Staffelei am Flügel zu sehen ist.

Nun sind wir also alle hier, heute Abend, um mit Ihnen, Herr Winand Victor, einen der großen Reutlinger Künstler der Gegenwart zu ehren. Quasi am Vorabend Ihres 90. Geburtstages, den Sie am Sonntag begehen werden, ehrt die Stadt Reutlingen Sie mit der Verleihung der Bürgermedaille und der Eröffnung einer Ausstellung im Kunstmuseum Spendhaus – und diese Präsentation aus Ihrem druckgrafischen Schaffen ist nur eine Ausstellung einer ganzen Reihe, mit denen Ihr Werk in den nächsten Wochen von verschiedenen Institutionen in unserer Region gewürdigt wird.
Als Sie, Herr Victor, 1949 nach Reutlingen kamen und sich in der Ulrichstraße 5 niederließen, wo Sie noch heute leben, hatten Sie – wie viele Ihrer Generation – bereits unruhige Wanderjahre hinter sich.

Am 13. Januar 1918 als viertes von sieben Kindern im niederländischen Schaesberg geboren, besuchten Sie bereits als Vierzehnjähriger die Abendkurse an der Aachener Kunstgewerbeschule und erhielten 1935 Ihren ersten Privatunterricht bei dem Maler Josef Mataré in Aachen. Zwei Jahre später begannen Sie Ihr Studium an der Staatlichen Kunstakademie Düsseldorf bei Martin Paatz.

1940 wurden Sie zum Kriegsdienst einberufen, erlebten hautnah die Schrecken des Krieges und gerieten 1945 kurzzeitig in russische Gefangenschaft. Sie kamen wieder frei und lebten für drei Jahre in Ettenheim in Baden, wo Ihre aus Holland evakuierten Eltern eine neue Heimat gefunden hatten. Im Jahr 1948 schlossen Sie sich der Künstlergemeinschaft Bernstein an und verdienten Ihren Lebensunterhalt zusammen mit Lothar Quinte und Liselotte Vohdin mit Puppentheaterspiel auf der Schwäbischen Alb. Nach Ihrer Heirat mit Liselotte Vohdin im Jahr 1949 übersiedelten Sie nach Reutlingen. Ihr Haus in der Ulrichstraße mit dem neuen Ateliergebäude im Garten wurde schnell und für viele Jahre zu einem geistig-literarischen Zentrum unserer Stadt.

Bald traten Sie, Herr Victor, mit ersten Ausstellungen an die Öffentlichkeit und schon 1951 zeigte die Stadt Reutlingen im Spendhaus die erste Einzelausstellung von Ihnen. 1953 gründeten Sie zusammen mit Günter Bruno Fuchs und Richard Salis die „telegramme“, eine bibliophile Zeitschrift, die mit ihrer Synthese von Literatur und Bildender Kunst bald weit über Reutlingen hinaus wahrgenommen wurde und die bis 1957 „chiffrierte Nachrichten“ gegen Gewalt und Krieg in die Welt sandte.

In Reutlingen entstanden auch andere fruchtbare Künstlerfreundschaften, die über den Bereich der Bildenden Kunst hinausführen. Mancher von Ihnen wird sich vielleicht noch an das Konzert in der Reutlinger Stadtbibliothek im Januar 1996 erinnern, bei dem aus Anlass einer Ausstellung eine Reihe von Werken zeitgenössischer Komponisten zur Uraufführung kam, die sich auf das Werk Winand Victors bezogen. Die Veranstaltung hatte den sprechenden Titel „Musik für ein Bild – ein Bild für Musik“. Zwei Stücke, die damals zum ersten Mal erklangen, sind – wie zu Beginn bereits ausgeführt – auch heute Abend zu hören.
Auch die Begegnung Winand Victors mit der Reutlinger Bildweberin Gertrud Bernhardt im Jahr 1955 führte zu einer Jahrzehnte dauernden intensiven Zusammenarbeit. Es entstand eine besondere Art von Bildteppichen, die die Bild-Erfindungen des Künstlers kongenial in das textile Medium transponieren und die viele öffentliche Gebäude schmücken, so etwa die Kreiskrankenhäuser Reutlingen und Bad Urach. Von 1956 bis 1970 schufen Sie darüber hinaus im ganzen südwestdeutschen Raum eine große Anzahl von Glasbetonfenstern, bevorzugt für Sakralräume. Daneben dokumentierten immer wieder umfassende Ausstellungen Ihr freies Schaffen.

Zum Ihrem 65. Geburtstag richteten Ihnen die Stadt Reutlingen und die Hans-Thoma-Gesellschaft eine große monografische Ausstellung aus. In den folgenden Jahren folgten regelmäßig Ausstellungen in Reutlinger Institutionen, aber auch in vielen anderen Städten. Ihr Werk begann über den süddeutschen Raum hinaus Anerkennung zu finden: Die renommierte Berliner Galerie Nierendorf zeigte Ihre Arbeiten. 1990/91 zum Beispiel wurde die Ausstellung „Winand Victor. Stadtbilder“ außer in unserer Stadt noch in Aarau, Wetzlar und Gießen gezeigt.

1999 zog die Städtische Galerie mit einer umfassenden Retrospektive eine eindrucksvolle Bilanz Ihres Schaffens. Aus diesem Anlass erschien im Hirmer-Verlag auch die große Monografie von Rainer Zerbst.Im Jahr 2005 wurden Sie, Herr Victor, in Reutlingen von zwei privaten Galerien mit einer spannenden Doppelausstellung gewürdigt. Ihr Spätwerk war in der traditionsreichen Galerie Haus Geiselhart zu sehen, ältere Arbeiten zeigte die Art Gallery. Am 17. September 2006 schließlich wurden Sie für Ihr Lebenswerk mit dem Maria-Ensle-Preis der Kunststiftung Baden-Württemberg ausgezeichnet. Der mit 12.500 Euro dotierte Preis wurde Ihnen anlässlich einer Ausstellungseröffnung in der Stuttgarter Galerie Valentien überreicht.Ihr Schaffen, Herr Victor, ist gerade auch in unserer Stadt sehr präsent – und das nicht nur in zahllosen privaten Sammlungen, sondern auch im öffentlichen Raum: Ihre Bildteppiche und Fenster für verschiedene öffentliche Gebäude in unserer Region habe ich bereits erwähnt.

Ihre Werke, die Sie der Stadt teilweise schenkten, sind aus unserer Stadtbibliothek gar nicht mehr wegzudenken. Sie setzen dort ihre ganz eigenen Akzente und sind den Bibliotheksbenutzern seit Jahren vertraut.Natürlich sind auch in der Sammlung des Heimatmuseums Werke des Künstlers Winand Victor vertreten.

Aber auch das Städtische Kunstmuseum kann durch eine konsequente Ankaufspolitik mittlerweile rund 100 Ihrer Arbeiten sein eigen nennen. Für die Ausstellung, die wir heute Abend eröffnen, wurde aus diesem Bestand eine Auswahl von druckgrafischen Blättern zusammengestellt, die diesen bedeutenden Aspekt Ihres Schaffens beleuchtet.

Sehr geehrter Herr Victor, Sie können auf ein reiches und vielfältiges Schaffen zurückblicken, das bis in die unmittelbare Gegenwart reicht und heute u.a. fast 900 Gemälde und zahlreiche druckgrafische Blätter und Mappenwerke umfasst. Dabei haben Sie Ihr Werk über die Jahrzehnte mit bewundernswerter Konsequenz und unabhängig von wechselnden Moden weiterentwickelt. Rainer Zerbst spricht in diesem Zusammenhang zurecht von einem „kontinuierlichen Denken in Bildern“.

Immer stand dabei der Mensch im Zentrum Ihrer künstlerischen Reflexion. Ein gesunder Skeptizismus gegen die vermeintlichen Errungenschaften des Fortschritts zieht sich konsequent durch alle Ihre verschiedenen Schaffensphasen: Die Werke der Nachkriegsjahre waren dabei noch ganz unmittelbar von der existenziellen Erfahrung des Krieges geprägt. In den 1960er Jahren erhoben Sie mit Ihren „Bildern der leidenden Erde“, von denen Willy Leygraf sprach, Ihre mahnende Stimme gegen die Bedrohung unserer Lebensgrundlagen – Bilder, die uns heute im Angesicht des globalen Klimawandels als geradezu prophetisch erscheinen. Die Großstadtbilder der 1980er Jahre reflektierten dann die Anonymität des Großstadtlebens.

In Ihrer nun über 60-jährigen Schaffenszeit haben Sie sich so stets als ein wacher und kritischer Beobachter des Zeitgeschehens erwiesen, der auch immer wieder brisanten Gegenwartsthemen eine künstlerische Sprache zu geben vermochte. Heute, im Alter von nun 90 Jahren, gelangen Sie in Ihren Bildern, denen man das Alter ihres Schöpfers nicht ansieht, zu einer fast schon visionären Weltsicht. Herr Dr. Smitmans wird später in seiner Einführung in unsere Ausstellung auf das Werk Winand Victors eingehen und seine kunsthistorische Bedeutung würdigen.

Sehr geehrter Herr Victor, seit langer Zeit prägen Sie das geistige und künstlerische Leben in unserer Stadt entscheidend mit. Sie gehören ohne Zweifel nicht nur zu den bedeutendsten Künstlern in unserer Stadt und in unserer Region, Sie genießen auch große Anerkennung weit über die Grenzen von Stadt und Region hinaus. Das zeigt sich nicht nur in der langen Reihe Ihrer Ausstellungen, sondern auch darin, dass sich Ihre Werke heute in einigen der renommiertesten Sammlungen finden, so etwa im Berliner Kupferstichkabinett oder in der Wiener Albertina. Sie haben so das Ansehen der Stadt Reutlingen – auch als einer Stadt der Künste – gemehrt und sich in hervorragender Weise um unsere Stadt verdient gemacht.

Reutlingen ist bekannt für seine jahrhundertealte Tradition als Wirtschafts- und Industriestandort. Dabei wird oftmals übersehen, dass sich in Reutlingen ein reges Kulturleben auf bemerkenswertem Niveau entwickelt hat, wozu auch die Bildende Kunst zählt. Als Beleg für meine Aussage will ich das städtische Kunstmuseum Spendhaus Reutlingen mit seiner vom Werk HAP Grieshabers und Wilhelm Laage ausgehenden Konzeption als „Museum für den neuen Holzschnitt in Deutschland“, die Stiftung für konkrete Kunst, den Kunstverein Reutlingen, die Grieshaber-Stiftung mit dem Jerg-Ratgeb-Preis sowie das Engagement der Kreissparkasse und des Landratsamtes und vieler privater Sammler und Stiftungen anführen. Die Kulturkonzeption Reutlingen hat dies 2006 erstmals in einen Überblick gebracht und bewertet. Eine Würdigung des künstlerischen Schaffens in Reutlingen kommt ohne die Nennung des Namens von Winand Victor nicht aus. Ihr Werk und Ihr Wirken wird dauerhaft mit dem Namen unserer Stadt verbunden bleiben. Für diese Verdienste verleiht Ihnen die Stadt Reutlingen die Bürgermedaille, die ich Ihnen hiermit überreichen darf. 
Nach oben