10 Jahre Städtepartnerschaft mit Reading, Empfang am Samstag, 12. Juli 2008 im Rathausfoyer

- Es gilt das gesprochene Wort -

Ansprache von Oberbürgermeisterin Bosch


Begrüßung

Es ist mir eine große Freude, die Delegation aus unserer Partnerstadt Reading/USA in Reutlingen im Namen der Stadt und damit unserer Bürgerinnen und Bürger begrüßen zu können. Ich heiße Sie alle an diesem Samstagvormittag sehr herzlich im Rathaus willkommen und freue mich, dass Sie mit uns heute das 10-jährige Jubiläum unserer Städtepartnerschaft mit Reading feiern.
Erst gestern sind unsere amerikanischen Gäste angekommen und gleich gestern Abend konnten Sie unsere gute schwäbische Küche genießen. Mit Herrn Bürgermeister Hahn, einem passionierten „Herr der Töpfe“, waren Sie nicht nur gemeinsam essen, sondern auch gemeinsam kochen - und ich habe gehört, dass Sie alle Ihren Spaß dabei hatten.

Liebe, so sagt das Sprichwort, geht durch den Magen. Und welcher Auftakt für einen Besuch von Freunden könnte geeigneter sein, als wie in einer Familie gemeinsam um einen Tisch ein gutes Essen einzunehmen!?
Mit der Städtepartnerschaft zwischen Reading und Reutlingen, die unsere Amtsvorgänger vor 10 Jahren begründet haben, verknüpfen wir jedoch weitergehende Ziele als nur der Austausch kulinarischer Besonderheiten.
Freundschaften zwischen Menschen in ganz verschiedenen Städten der Welt sind beispielhaft dafür, was im Englischen „citizen diplomacy“ genannt wird. Die Diplomatie auf Regierungsebene ist eine Sache, das Verständnis von Mensch zu Mensch aber erfüllt sie erst mit Leben. Jeder einzelne Besucher – ob nun Tourist, Austauschstudent oder Geschäftspartner – ist ein „citizen diplomat“.

Why is citizen diplomacy so important?
The renowned American anthropologist Margaret Mead describes the impact of individuals as follows:
“Never doubt that a small group of thoughtful, committed citizens can change the world. Indeed, it is the only thing that ever does.”
Städtepartnerschaften werden aus der Überzeugung geschlossen, dass durch das gegenseitige Kennenlernen und durch den gesellschaftlichen, kulturellen und wirtschaftlichen Austausch das Verständnis füreinander, Respekt und Toleranz gefördert werden. Städtepartnerschaften können, wenn sie von den Bürgerinnen und Bürgern vor Ort getragen und unterstützt werden, mithin zu einer besseren Welt beitragen.
Die Städtepartnerschaft zwischen Reading und Reutlingen gehört ganz sicher zu dieser Kategorie. Dies zeigen insbesondere die Begegnungen zwischen Jugendlichen und Studenten.
Der erste Schüleraustausch mit der Reading High School fand 2003 statt. Damals kamen elf Schüler mit zwei Begleitlehrern aus Reading nach Reutlingen und besuchten die am Austausch beteiligten Schulen, das Isolde-Kurz-Gymnasium und die Hermann-Hesse Realschule. Im darauffolgenden Jahr haben Sie – Herr Bürgermeister McMahon – die erste Schülergruppe aus Reutlingen im Rathaus in Reading begrüßt.

Seitdem findet der Austausch jährlich statt. Erst im April diesen Jahres waren 20 Schülerinnen und Schüler des Friedrich-List-Gymnasiums, des Johannes-Kepler-Gymnasiums und der Eichendorff-Realschule zu Besuch in Reading. Und im Oktober diesen Jahres kommt wieder eine neue Schülergruppe aus Reading nach Reutlingen und es werden voraussichtlich sogar 24 Schülerinnen und Schüler sein. Das freut Kate Clewell, Koordinatorin des Austausches an der Reading-High-School, ebenso wie uns. Ich begrüße es sehr, dass das Interesse an einem Austausch zwischen Reutlingen und Reading wächst und sich die Beziehungen unter den jungen Menschen so erfolgreich entwickeln. Die Schülerinnen und Schüler sammeln dabei wertvolle interkulturelle Erfahrungen, lassen meist liebgewonnene Freunde zurück, wenn sie wieder abreisen müssen.
Erfreulich entwickeln sich auch die weiteren Austausche mit Reading. So wird im August erneut eine Schülerin des Friedrich-List-Gymnasiums ein vierwöchiges Praktikum bei der Historical Society in Reading absolvieren. Und auch der Studentenaustausch zwischen der Hochschule Reutlingen und Reading ist lebhaft. Letztes Jahr waren sechs Studenten aus Reading an der Hochschule Reutlingen, davon vier mit Unterstützung der Karl-Danzer-Stiftung. Im Gegenzug werden im Wintersemester 2008/09 vier Studenten von Reading nach Reutlingen an die Hochschule kommen.
Dank der Unterstützung durch die Karl-Danzer-Stiftung wird es zudem einer Absolventin des Johannes-Kepler-Gymnasiums möglich sein, in diesem Monat einen Sommerkurs am Albright College zu belegen.
Die Begegnungen und Aktivitäten zwischen Reutlingen und Reading haben sich in den vergangenen 10 Jahren zunehmend positiv entwickelt. Wir können stolz darauf sein, dass besonders der Austausch zwischen jungen Menschen das Fundament für unsere nun 10-jährige Städtepartnerschaft darstellt.

Für die Zukunft einer Welt, in der nach unserer gemeinsamen Überzeugung Frieden, Freiheit und Demokratie herrschen sollen, ist es unabdingbar, das junge Menschen die Chance erhalten, sich auszutauschen, durch interkulturelle Begegnungen dazuzulernen. Dies trägt auch zur eigenen Standortbestimmung bei, schärft das Verständnis für ethische und politische Werte, schult den Umgang miteinander. So etwas lässt sich nicht theoretisch begreifen, sondern wird am Besten vor Ort, dort, wo sich Menschen aufhalten, erfahrbar. Das sind die Städte und Gemeinden in unseren Ländern, dort werden aus Partnerschaftsbegegnungen persönliche Kontakte. Hier kann fröhlich-praktisch erfahren werden, was an Universitäten und in der Politik die Pflege von internationalen Beziehungen genannt wird.
Die deutsch-amerikanischen Beziehungen haben eine lange Tradition. Im Rahmen der Hoover- Speisung, benannt nach dem ehemaligen amerikanischen Präsidenten, erhielten fast 7.000 Schüler und Studenten allein in Reutlingen eine solche warme Mahlzeit. Herbert C. Hoover wurde 1949 Reutlinger Ehrenbürger.
Es war US-Außenminister Marshall, der im Juni 1947 den Grundstein zu einem europäischen Wiederaufbauprogramm legte. Sein weitsichtiger Plan schuf die wichtigsten Rahmenbedingungen für den Wiederaufbau Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg.

Als Deutsche und als Europäer sollte uns im Bewusstsein bleiben: Die europäische Integration und die Einigung unseres Kontinents konnten gelingen, gerade weil Amerika nach 1945 in Europa engagiert geblieben ist. Der Marshall-Plan war ein Bekenntnis zu einem einheitlichen und auf Freiheit gegründeten Europa.
Die Vereinigten Staaten und Deutschland haben inzwischen im Rahmen ihrer Beziehungen eine solide Grundlage der bilateralen Zusammenarbeit geschaffen - nicht nur als Handelspartner, sondern auch als Bündnispartner (NATO).
Der G8-Gipfel im letzten Jahr und die deutsche EU-Präsidentschaft haben die traditionell starke Freundschaft zwischen beiden Ländern einmal mehr bestätigt. Umfrageergebnisse bestätigen immer wieder die große Sympathie der deutschen Bevölkerung gegenüber der amerikanischen – unabhängig von der Tatsache, dass in der nationalen Politik teilweise unterschiedliche Auffassungen vorherrschen, wie mit den globalen Herausforderungen wie Klimawandel, Energiesicherheit und Terrorismus umzugehen ist. Gerade bei unterschiedlicher Sichtweisen sind Partnerschaften besonders wertvoll, weil sie dazu beitragen, mehr zu wissen und besser verstehen zu können.
Die Verbindungen auf der lokalen Ebene, zwischen Reading und Reutlingen, sind wesentlich älter und datieren zurück ins 19. Jahrhundert. Friedrich List, der berühmte Sohn unserer Stadt, Nationalökonom, Eisenbahnpionier, Politiker und Publizist hat in Reading schon im Jahr 1826 Reutlinger Spuren hinterlassen. Er war bei der deutschsprachigen Lokalzeitung namens „Readinger Adler“ Redaktionsleiter. Die Zeitung gehörte zu den ältesten und verbreitetsten Zeitungen in Amerika und war das Organ für die deutschsprachige Bevölkerung Pennsylvanias (ein Exemplar kann übrigens in unserem Heimatmuseum bewundert werden). Eine Kuriosität am Rande, weil wir ja aktuell gerade wieder erleben, wie heiß umkämpft die Wahl eines Präsidenten in Amerika ist: Lists Einfluss als Redakteur war so gewichtig, dass er mit seinem Readinger Adler den damaligen Präsidentschaftswahlkampf mit entschied. Zum Dank machte ihn der dann gewählte Präsident Andrew Jackson zum amerikanischen Konsul.
Die Erinnerung an Friedrich List und seine Beziehung zu Amerika wurde stets wachgehalten. Eine Delegation der Historical Society aus Reading besuchte uns 1989 anlässlich Friedrich Lists 200. Geburtstag. Dies bildete den Auftakt zu einer freundschaftlichen Verbindung beider Städte. Am 4. September 1998 konnte die Städtepartnerschaft in Reading mit einem feierlichen Akt besiegelt werden und seit 2005 haben wir es auch „schwarz auf weiß“: Beim letzten Delegationsbesuch aus Reading, ebenfalls geleitet von Ihnen, Herr Bürgermeister McMahon, haben wir die Städtepartnerschaft mit der Unterzeichnung einer offiziellen Urkunde bekräftigt.

Wir freuen uns, dass Ihre Delegation anlässlich des 10-jährigen Städtepartnerschaftsjubiläum zu unserem Schwörtagswochenende angereist ist. Nicht zufällig haben wir die Jubiläumsfeierlichkeit auf dieses Wochenende gelegt, an dem Reutlingen seinen traditionellen Schwörtag begeht. Der Schwörtag war in der Reichsstadtzeit (bis 1802) das zentrale politische Ereignis und zugleich ein allgemeiner Festtag in Reutlingen. Im Schwörtag kommt die große reichsstädtisch-demokratische Tradition Reutlingens zum Ausdruck. In einem komplizierten Wahlverfahren wählte die in Zünften organisierte Bürgerschaft der Reichsstadt während der Schwörwoche jedes Jahr aufs Neue die eigene Regierung des kleinen Stadtstaates. Der Schwörtag mit der Verkündung des neugewählten Senats und die anschließende Wahl und Vereidigung der Bürgermeister sowie die Vereidigung der Bürgerschaft auf die neue Stadtregierung standen am Ende der Schwörwoche. Übrigens: Als Friedrich List 1825 im Juli den Festtag der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung in New York erlebte, erinnerte ihn dieses Fest an den Reutlinger Schwörtag.
Ich freue mich sehr, dass Sie morgen beim Schwörtagszeremoniell dabei sein werden!
Deutschland und die USA sind wichtige Wirtschafts- und Handelspartner. Die wirtschaftlichen Beziehungen stehen deshalb auch beim Besuch in Reutlingen im Mittelpunkt. Das Besuchsprogramm für die Delegation aus Reading beinhaltet Kontakte und Gespräche mit verschiedenen renommierten High-Tech-Firmen in unserer Stadt.
Doch vorher sollen auch die Schönheiten Reutlingens und seiner Umgebung nicht zu kurz kommen. Gleich nach dem Empfang geht es auf die Schwäbische Alb: mit Münsterbesichtigung in Zwiefalten, Wimsener Höhle und Schloss Ehrenfels.
Ich hoffe, dass Sie einen angenehmen und informativen Aufenthalt in Reutlingen haben werden. Möge auch dieser Besuch zur Vertiefung der Freundschaft zwischen unseren beiden Städten und unseren beiden Ländern beitragen. Liebe „Citizen Diplomats“ aus Reading:

„Herzlich willkommen in Reutlingen!
Wir freuen uns über den Besuch der Delegation aus Reading, Pennsylvania/USA
anlässlich des 10-jährigen Jubiläums der Städtepartnerschaft.“

So steht es in unserem Goldenen Buch. Anlässlich unseres 10-jährigen Jubiläums darf ich Sie nun bitten, sich gemeinsam mit mir und den anwesenden Gemeinderäten dort einzutragen.
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