Rede zum Schwörtag 2009, am Sonntag, 12. Juli 2009

- Es gilt das gesprochene Wort -

Liebe Bürgerinnen und Bürger Reutlingens, sehr geehrte Gäste,

was ist Heimat? Dieser Fragestellung spüren wir in diesem Jahr der Heimattage Baden-Württemberg in Reutlingen in vielen Veranstaltungen nach, und je nach Standpunkt, Fachbereich und eigener Biographie kommen dabei sehr unterschiedliche, höchst interessante Annnäherungen zustande. Drei Jubiläen bilden den äußeren Anlass für die Durchführung der Heimattage 2009 in Reutlingen, und alle drei haben mit bedeutenden Persönlichkeiten in unserer Stadt zu tun. Friedrich List, der die Einweihung der Eisenbahnlinie vor 150 Jahren nicht mehr erleben konnte, Gustav Werner und HAP Grieshaber stehen für Reutlingen als Stadt der Wirtschaft und des Unternehmertums, des sozialen Bürgersinns und der Kunst und Kultur. Friedrich List hat die Zeiten der Freien Reichsstadt selbst noch erlebt, und Gustav Werner hätte ohne die Unterstützung einer in dieser Tradition des reichsstädtischen Denkens verwurzelten Bevölkerung hier nicht sein Wirken entfalten können.

Der Stolz auf 600 Jahre reichsstädtischer Freiheit und dem daraus abgeleiteten Selbstverständnis und Selbstbewusstsein sind der Grund, warum wir an diesem Wochenende am historischen Ort zum fünften Mal an die Schwörtagstradition erinnern. Wir sind inzwischen eine dynamische Großstadt in der Europäischen Metropolregion Stuttgart, (mit dem kleineren Nachbarn Tübingen) Oberzentrum für die Region Neckar-Alb und, am Rande erwähnt, neben Wien die einzige Großstadt in Europa, die einem Biosphärengebiet angehört.

Heimat ist wie ein Baum. Sie hat Wurzeln, ohne darauf reduziert werden zu können. Sie hat einen Stamm, der über viele Jahre gewachsen ist, und Blätter, die ohne Stamm und Wurzeln nicht existieren, aber genauso wenig wie die Wurzeln allein den Baum ausmachen würden. Die zünftisch-demokratische Vergangenheit Reutlingens als Stadtrepublik stellt einen wichtigen Teil unseres Wurzelgeflechts dar, und der daraus erwachsene Bürgersinn hat in unserer Stadt bereits über viele schwierige Zeiten hinweggeholfen.
Reutlinger Schriftsteller und Dichter haben dies immer wieder beschrieben. Hermann Kurz, der die Reichsstadtzeit selbst noch erlebt hat, schreibt über den Wiederaufbau nach dem Stadtbrand:

„So baut der Mensch, was die Natur mit einem Schlage in den Staub warf, langsam wieder auf, ihre Gewaltstreiche überbietend durch zähe Geduld und Ameisenfleiß.“

Gerd Gaiser formulierte:

„Die Reutlinger Luft ist nicht zärtlich, aber sie macht regsam. Der Ernst des Lebenskampfs hat hier nie aufgehört, und die Reutlinger bekamen ihren Aufstieg nicht billig.“

Und Ludwig Finkh vermeldete:

„Die Reutlinger sind ein raues Geschlecht; dreimal ist ihre Stadt niedergebrannt, und sie haben sie wieder aufgebaut; auf dem gleichen Fleck; denn sie geben nicht nach. Es ist ihnen in die Seele gegraben: wir müssen uns unser Brot verdienen.“

Beispiele für Regsamkeit, Daseinskampf, Standhaftigkeit und Zusammenhalt gibt es viele in der Reutlinger Geschichte; man denke an den 100-jährigen Bau der Marienkirche als Bürgerkirche nach erfolgreicher Abwehr der Belagerung, an den Stadtbrand, an den Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg. Aber auch in den politischen wirtschaftlich schwierigen Zeiten vor dem Ersten Weltkrieg haben die Reutlinger nach vorne geschaut und wegweisende Investitionen in die Zukunft getätigt. Getreu Gustav Werners Satz: „Was nicht zur Tat wird, hat keinen Wert.“

Im Inflationsjahr 1923 kostete ein Bier 45 Mio. Reichsmark, ein einziges Hühnerei
40 Mio. Genau in diesen Zeiten zeigten die Reutlinger Mut und Tatkraft und planten und bauten eines der bis dahin größten Investitionsprojekte, nämlich ein neues Wasserkraftwerk in Kirchentellinsfurt. Übrigens wurden damals Steuern erhöht, um diese notwendigen Ausgaben zu schultern. Im März 1924 führte der Gemeinderat die Getränkesteuer ein. Nur selbst gemachter Most für den Hausgebrauch blieb unbesteuert. Das würde uns heute wenigstens die Sorge um den Erhalt der Streuobstwiesen nehmen.

1928 wurde die elektrische Straßenbahnlinie von Reutlingen über Rommelsbach und Oferdingen nach Altenburg eröffnet. 1929 wurde das Hallenbad in der Albstraße als viel beachtetes Architekturwerk eingeweiht. Das waren die Jahre der Weltwirtschaftskrise mit Hungersnöten und Massenarbeitslosigkeit.

Auslöser der damaligen Krise war der Zusammenbruch am US-amerikanischen Aktienmarkt am sogenannten Schwarzen Donnerstag 1929. Auch wenn sich die Vorgänge, insbesondere die internationalen und volkswirtschaftlichen Reaktionen hierauf, in einigem nicht mit der heutigen Situation vergleichen lassen, so sehen sich doch jetzt alle Staaten dieser Welt mit einer in dieser Größenordnung seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges nicht bekannten Wirtschaftskrise konfrontiert. Auch in Deutschland, auch in Reutlingen, hat dies, wie wir alle wissen, tiefgreifende Auswirkungen. Die neuesten Zahlen für die öffentliche Hand liegen hierzu seit kurzem vor. In Reutlingen fehlen uns auf einen Schlag im Doppelhaushalt 2009/2010 knapp 50 Mio. Euro. Das übertrifft alles bisher Dagewesene. Und trotzdem wäre es falsch, die Regler in unserer Stadt jetzt komplett auf Null zu stellen und nichts mehr zu tun. Deshalb ist es richtig, weiterhin jene Projekte, die aus dem Konjunkturprogramm des Bundes Zuschüsse erhalten, voran zu treiben. Wir müssen durch Aufträge Arbeitsplätze in den Handwerksbetrieben und anderen Unternehmen sichern, dürfen die Stadt nicht zum Stillstand verdammen.

Gleichzeitig sind wir uns bewusst darüber, dass viele andere Vorhaben geschoben oder gestrichen werden müssen, nicht gleich oder nicht im vorgesehenen Umfang realisiert werden können. Das Haushaltsloch ist so mächtig, dass wir nur mit einem ganzen Bündel an Maßnahmen diese schwierige Zeit überstehen können. Auf den neuen Gemeinderat kommen hier schwierige Entscheidungen zu. Vielleicht ist ein gewisser Trost, dass sich kein Politikfeld wegducken können wird, dazu ist das Loch zu groß. Es wird überall weh tun - es geht nicht anders. Es wird die Unterstützung aller relevanten Gruppen in unserer Stadt brauchen, diese Krise zu überwinden.

Die Reutlinger Geschichte lehrt uns, dass wir es schaffen können. Unsere Stadt hat Dank einer engagierten Bürgerschaft immer wieder den Weg nach vorne gefunden, wie zuletzt auch in der wirtschaftlichen Strukturkrise nach dem Wegbrechen der Textilindustrie, dem damaligen Markenzeichen unserer Stadt. Lassen Sie uns nicht vergessen, dass beim Schwörtagsritual in der Freien Reichsstadt Reutlingen nicht nur der neu gewählte Bürgermeister und die neu gewählten Mitglieder des Gemeinderates ihren Schwur auf die Stadt geleistet haben, sondern gleichzeitig auch die Bürger Reutlingens sich durch ihren Gehorsamseid in die Pflicht nehmen ließen. Beide Seiten zum Wohl der Stadt. Es reicht nicht, um mit Norbert Blüm zu sprechen, den Gürten enger schnallen zu wollen, aber dabei nur am Gürtel des Nachbarn herumzufummeln. Wir müssen jetzt zusammenrücken und in den Diskussionen ab Herbst darauf achten, dass wir uns durch eine gut austarierte Mischung aus gezielten Investitionen und Zurückhaltung auf hoffentlich bald wieder bessere Zeiten vorbereiten können.

Unsere Projekte im Rahmen des Konjunkturprogramms dienen bei den energetischen Sanierungen dem Umweltschutz oder dem notwendigen Ausbau der Infrastruktur in unserer Stadt. Die Schulen profitieren am meisten davon. Wer das für die Stadthalle zurückgelegte Geld jetzt ausgeben will, muss ehrlicher Weise auch hinzufügen, dass damit Reutlingen auf Jahrzehnte hinaus keine Stadthalle haben wird. Oder er müsste zugestehen, dass mind. Zweidrittel der Neubaukosten in die Sanierung der Listhalle fließen würden; andernfalls ist sie nämlich wegen ihrer veralteten Statik abzureißen.

Die Achalm haben wir übrigens nicht gekauft, weil dort der Überlieferung nach am Fuße des Berges eine goldene Kette geschlungen ist. Das hatte nämlich 1716 einen wahren Goldrausch in und um Reutlingen ausgelöst, weil ein Bürger auf seinem Acker am Breitenbach einige faustgroße Steine fand, die wie Gold glänzten. Da das Goldfieber auch in der Nachbarschaft graste, verfügte die Obrigkeit der Stadt, dass zum einen nur Reutlinger Bürger die vermeintlichen Goldsteine auflesen dürften, und zwar nur Donnerstag und Samstag nachmittags. Das Gold musste anschließend auf dem Rathaus gegen einen Kreuzer pro Pfund abgeliefert werden, sonst drohte Strafe. Bergleute trieben sogar Schächte in das Gestein. Der Goldrausch endete wie jeder Rausch allerdings mit einem mächtigen Kater. Das Golderz entpuppte sich als Schwefelkies, auch Katzengold genannt. Der Platz am Scheibengipfel, wo das Bergwerk war, heißt heute noch Goldloch.

Und wenn jetzt nach dem Spatenstich am 18. August der Tunnelbau für die Umfahrung Reutlingens in den Berg getrieben wird, werden wir ja sehen, was sich dort verbirgt.

Mit dem Kauf der Achalm haben wir die zweite Chance in tausend Jahren erhalten und dieses Mal ergriffen. Nach sehr langen Verhandlungen stand die Stadt zu ihrem Wort. Um die Bedeutung dieses Vorgangs für Reutlingen zu ermessen, hilft ebenfalls ein Blick in die Geschichte der Freien Reichsstadt. Von dort oben, von der Achalm und der damaligen Burg aus, wurde die Stadt beeinflusst, behindert, bedroht, belagert und bekämpft. Die damaligen württembergischen Feinde saßen wie die Katze auf dem Vogelkäfig. Unvorstellbar, dass ein Anderer unseren Hausberg erworben hätte. Der Verkauf aber war beim bisherigen Eigentümer gemachte Sache. So können wir nun selbst dafür Sorge tragen, dass die Achalm das bleibt, als was wir sie kennen und schätzen - ein wunderbares Naherholungsgebiet und ein unverbrüchlicher, symbolträchtiger Teil unserer Stadt.

Auch an anderen Stellen hilft die Rückbesinnung auf geschichtliche Wurzeln. Die europäische Stadt zeichnet sich seit der griechischen Antike dadurch aus, dass Markt und Rathaus gemeinsam in ihrem Zentrum liegen. Jeder Tourist sucht sie genau dort. Wirtschaftliches Handeln als Grundlage für Wohlstand und Unabhängigkeit sowie das Rathaus als Symbol des Bürgerstolzes und der bürgerschaftlichen Selbstverwaltung stehen seit über 2.000 Jahren in der Mitte der Stadt. Der gebaute Inbegriff der demokratisch verfassten Bürgerschaft, das Rathaus, gehört nicht an die Peripherie einer Stadt verlegt oder gar durch ein Shoppingcenter ersetzt, von dem wir nicht wissen, ob es dieses in 20 Jahren noch gibt.

Liebe Bürgerinnen und Bürger, liebe Gäste, seit den Schwörtagsfeierlichkeiten im vergangenen Jahr sind viele positive Dinge geschehen. Das Kulturzentrum franz.K und die neue Tribüne des Naturtheaters konnten eingeweiht werden, ebenso der große Jugendtreff in der Tübinger Vorstadt. Mit dem Bildungshaus und dem Projekt „Willkommen im Leben“, dem Mittagessen für bedürftige Schüler und dem Ausbau der Kinder- und Schulbetreuung investieren wir nach wie vor am meisten in Reutlingen als soziale Stadt. Dazu zählt auch das Kinder- und Familienzentrum Ringelbach; der Spatenstich hat vor wenigen Tagen stattgefunden. Für das Theaterzentrum Die Tonne befinden wir uns in den Planungen, ebenso bei der Sportentwicklung. Den Güterbahnhof haben wir uns nach langem Rechtsstreit sichern können, endlich kommt auch der lang geforderte IC-Anschluss an Köln und Berlin. Der Scheibengipfeltunnel wird gebaut, die Altstadtsanierung hat sichtbar begonnen. Mit dem Bezug von Ökostrom für alle städtischen Liegenschaften haben wir unserem Klimaschutzprogramm einen weiteren wichtigen Baustein hinzugefügt.
Unsere Stadt fällt nicht in den Dornröschenschlaf, wenn wir das hohe Tempo der vergangenen 12 Monate nun drosseln müssen. Lassen Sie uns die schwierigen Aufgaben, die vor uns liegen, gemeinsam anpacken. Und weil eine gute Bürgerinformation längst Tradition ist in Reutlingen, werden wir auch bei den anstehenden Sparprogrammen dieses nicht vergessen.

Ich danke zum Schluss allen Beteiligten an diesem Schwörtagsfest für Ihre Mitwirkung. Wieder waren viele Vereine und Gruppen aus unserer Stadt aktiv dabei, hier auf dem Platz die Stadtkapelle, die Schützengilde, der Fahnenflaiger, die Stadtgarde, die Liedertafel Concordia und die Schulchöre des FLG. Ihnen danke ich wie allen Mitwirkenden am Umzug und im Gottesdienst der Marienkirche und im nachfolgenden Programm. Ich danke auch den Sponsoren, die Sie auf der Tafel nachlesen können, darunter die Hauptsponsoren FairEnergie, Kreissparkasse und RWT. Das Schwörtagsfest ist damit in diesem Jahr erneut eine von der Bürgerschaft und den bürgerlichen Gruppen in unserer Stadt getragene und finanzierte Veranstaltung.

Nun bitte ich Max Beddies, Schüler des Friedrich-List-Gymnasiums, mit dem Original-Schwörstab zu mir.

(Schüler Max: „Den Schwörstab aus der Reichsstadtzeit,
den halt ich hier für Sie bereit.
Geachtet sei unsere Tradition -
zum Wohl jeder Reutlinger Generation!)

Eid: „Meinem befohlenem Ambt mit Treue
und Fleiß, in aller Sorgfältigkeit vor zustehen,
der Statt, dem Land und ganzem Vatterland, jeder Zeith alle
treu und wahrheit zu leisten,
deren Nuzen und Frommen zu schaffen und zu fördern,
Nachtheil und Schaden zu warnen und zu wenden,
auch gegen Reich und Arme ohne unterschied der Persohnen
ein gleicher und unpartheyischer Ambtmann
zu seyn,
und innsgemein das Beste zu thun,
nach meinem besten Verständtnuß, ...“

So lautete der Bürgermeister-Eid in der Freien Reichsstadt.
Ich heiße Sie alle nochmals herzlich willkommen zum Schwörtagsfest.
 
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