Reutlinger Schwörtag am 13. Juli 2008

- Es gilt das gesprochene Wort -

Rede von Oberbürgermeisterin Barbara Bosch


Sehr geehrte Reutlingerinnen, sehr geehrte Reutlinger, liebe Gäste,

von Carl Bames, der am Lyzeum in Reutlingen unterrichtet und die später berühmt gewordene Chronica von Reutlingen geschrieben hat, stammt ein humorvolles Gedicht, in welchem er sich Gedanken darüber macht, wie es einem ehemaligen Reichsstädter wohl ergeht, wäre er Jahrzehnte später wieder in Reutlingen zu Besuch.

„Wenn jetzt ein Geist hernieder käme,
Ein Bürger aus reichsstädt’scher Zeit,
Und uns besuchend Einblick nähme,
Wie es in Reutlingen steht heut’;
.........
Wenn er die beiden Häuserreihen
Erblickte in der Gartenstraß’;
Die schönen Bauten all, die neuen,
Wo noch zu seiner Zeit wuchs Gras;
„Wo bin ich?“ würde er sich fragen,
Wenn er die Straßen zög’ einher;
Er würde staunen, würde sagen:
„Das ist die Reichsstadt nimmermehr“.
........
Kaum würd’ er seinen Augen trauen,
Kopfschüttelnd fragte er zuletzt:
„Wo nehmen sie das Geld zum Bauen?
Ist Reutlingen denn englisch jetzt?“
........
Wenn er durch uns’re Straßen schwebte
Und zählte all’ die Läden her,
Und schaut’ die Stadt, die vielbelebte,
Die Industrie und den Verkehr,
Den großen Marktplatz, frei und eben,
Die alte Metzig nicht mehr dort,
Die neue Frucht(Markt)hall’ gleich daneben –
Er spräch: “das ist ein andrer Ort“.
......“

Diese Zeilen stammen von 1860, und dennoch können wir uns gut in die Überraschung angesichts von Industrialisierung und technischer Entwicklung hineindenken.

Wie würde es dem alten Reichsstädter heute ergehen, wenn sein Geist noch einmal „hernieder käme“, er das heutige Reutlingen sich anschaute?! Er käme vermutlich aus dem Staunen nicht mehr heraus. Ein Jahr vor Entstehung des Gedichtes wurde 1859 die
Eisenbahnlinie von Plochingen nach Reutlingen eröffnet und damit ein entscheidender Impuls für den wirtschaftlichen Aufschwung in unserer Stadt gegeben. Dieses ist übrigens eines von drei Jubiläen, welche Anlass für die Durchführung der Heimattage Baden-Württemberg im nächsten Jahr sein und Reutlingen 2009 eine Vielzahl von Veranstaltungen bescheren werden. Die meisten der Fabriken, die im 19. Jahrhundert entstanden, gibt es heute nicht mehr. Andere Unternehmen, die sich im Maschinenbau, in der Automobilzulieferung und in neuen Technologien erfolgreich und oftmals international behaupten, sind an ihre Stelle getreten. Die wiedererstarkte Wirtschaftskraft Reutlingens lässt sich an einer großen Zahl von Investitionen ablesen, wobei die Firma BOSCH mit 550 Mio. und etwa 800 neuen Arbeitsplätzen herausragt; aber auch die vielen anderen Firmenentscheidungen zu Gunsten Reutlingens sprechen eine klare Sprache und sind wichtig. Ich denke hier an Manz, an Knecht, an Wafios, an Spectra, an Dr. Förster, an Eyevis, an die hoffnungsvolle Entwicklung in unserem Technologiepark mit einem zweiten Bauabschnitt, mit einem Neubau von Tetec, mit einer Erweiterung des Naturwissenschaftlich- Medizinischen Institutes NMI. Diese Liste ist keinesfalls abschließend. Allein die genannten Erweiterungen und Ansiedlungen beinhalten ein Investitionsvolumen zwischen 65 und 70 Mio. Euro. Der Wirtschaftsstandort Reutlingen ist attraktiv.
Das Selbstverständnis der freien Reichsstadt wie des modernen Reutlingen, als dynamisches Wirtschaftszentrum mit Bedeutung für die gesamte Region, wird dadurch eindrucksvoll unterstrichen. Die vielen interkommunalen Kooperationen belegen, dass Reutlingen sich nicht mehr wie zu Zeiten der Stadtrepublik als von feindlichem Umland umgeben versteht, sondern als Partner in der Region. Für den Geist des reichstädtischen Besucher wäre dies sicher unvorstellbar gewesen.

Wurde im Gedicht von Carl Bames noch über die städtische Gasbeleuchtung als einem wesentlichen Schritt in die Moderne geschwärmt, so ist diese längst dem „Elektrisch“ gewichen, dank Stadtwerke und FairEnergie. Und diejenigen unter unseren Zeitgenossen, denen allabendlich am Echazufer der besonders beleuchtete Marstall auffällt, heute eher bekannt unter der Bezeichnung Parkhaus, mögen sich mit Carl Bames trösten:

„Wie trübe brannten sonst die Lichter,
Wie dunkel war’s an dieser Stell!
Für Geister und für Bösewichter
Ist es jetzt eigentlich zu hell.“

Vor zehn Jahren wurde die Städtepartnerschaft zwischen Reading und Reutlingen
begründet. Dies hätte den reichsstädtischen Geist sicher gefreut. War doch Friedrich List, der berühmte Sohn unserer Stadt, der den Schwörtag selbst noch als Kind erlebt hat, Redaktionsleiter der deutschsprachigen Zeitung namens „Readinger Adler“ und hat sich in USA ebenfalls einen Namen als Förderer der Eisenbahn gemacht. Wir sind stolz darauf, mit der jüngsten unserer Städtepartnerschaften nun das 10-jährige Jubiläum begehen zu können, und freuen uns über den amerikanischen Besuch. Gleichzeitig feiern wir in diesem Jahr auch das 50-jährige Jubiläum unserer ältesten Städtepartnerschaft mit dem französischen Roanne, mit einem großen Reigen von Veranstaltungen. Für einen Menschen des 19. Jahrhunderts, in welchem Deutschland und Frankreich noch als sogenannte „Erbfeinde“ galten, sicher ebenfalls eine die Vorstellungskraft sprengende Entwicklung, hin zu einem geeinten Europa in Frieden und Freiheit.
Selbst die Zeitdauer unserer Partnerschaft mit Reading, nämlich zehn Jahre, würde genügen, um einen Besucher bei seiner Rückkehr zu überraschen. Der Gemeinderat hat in der jüngeren Vergangenheit wegweisende Entscheidungen getroffen, die das Gesicht unserer Stadt verändern und ihre Zukunftsfähigkeit stärken werden. Im Juni ist der Grundsatzbeschluss zur Altstadtsanierung gefallen; nach umfangreichen Vorbereitungen, mit erheblicher Bürgerbeteiligung, wird also nun endlich alles das, was bislang gedacht und geplant wurde, sichtbar werden. In der Wilhelmstraße wird begonnen, und andere Teile der Altstadt werden folgen. Die Entwürfe lassen bereits erahnen, wie schön es einmal mit neuem Bodenbelag und vielen anderen Neugestaltungen aussehen wird.

Auch im kulturellen Leben ist einiges auf den Weg gebracht worden. Die Einweihung des soziokulturellen Zentrums im ehemaligen Foyer U3 ist für Dezember terminiert. Über den Verbleib unseres Theaters Die Tonne und ein Theaterzentrum wird der Gemeinderat in den nächsten Tagen beraten. Einen kräftigen Schlussstrich unter eine jahrzehntelange Debatte hat der Gemeinderat nun mit seinem Beschluss zum Bau der neuen Stadthalle gezogen. Nicht nur ich freue mich auf die Realisierung des überzeugenden Architekturentwurfs der neuen Halle inmitten eines Bürgerparks, wunderbar an der Echaz und in Toplage in der Innenstadt gelegen. Dann werden wir endlich angemessene Räumlichkeiten für die Vereine und Firmen unserer Stadt sowie für die hervorragend aufgestellte Württembergische Philharmonie Reutlingen, und viele andere mehr, haben. Und wenn ich Ihnen noch verrate, dass Migros in der Müller-Galerie im September eröffnen und damit in der Innenstadt endlich wieder ein Lebensmittel-Supermarkt platziert sein wird, dann sieht man, zu welchem großen Sprung nach vorne Reutlingen insgesamt ansetzt. Besonders freue ich mich über das Engagement von Privatleuten und Unternehmern, welche zu dieser positiven Stadtentwicklung beitragen. Und wir sorgen mit unserer Familienoffensive dafür, dass unter anderem ein überdurchschnittlich gutes Angebot an Kinderbetreuungsplätzen und Ganztagesbetreuung an den Schulen, das wir noch weiter ausbauen werden, bereit steht – eine immer wieder von der Wirtschaft erhobene Forderung.

Unsere Stadtbezirke vergessen wir übrigens nicht, wie die umfangreichen Ortskern-sanierungen in Betzingen, Mittelstadt oder Rommelsbach zeigen.

Zum Glück fehlen uns eigentlich nur noch wenige Dinge. Zum einen, dass die Einnahmen unseres städtischen Haushalts mithalten mit den Ausgaben, die bedingt vor allem durch den Sozialbereich stark ansteigen. Zum anderen endlich der Bau des Scheibengipfeltunnels als notwendige Ortsumfahrung. Das ist eine längst begonnene Geschichte mit vielen Kapiteln, bei der wir darauf achten müssen, dass sie keine unendliche wird. Mit dem vor wenigen Tagen gefassten Planfeststellungsbeschluss im ergänzenden Verfahren, das durch die inzwischen ergangene Rechtsprechung und Gesetzesänderungen notwendig geworden ist, sind nun wirklich alle Voraussetzungen geschaffen, damit der Bund über das Land die Mittel für den Beginn dieser Baumaßnahme freigeben kann.

Unbestritten ist die Notwendigkeit dieses Tunnels für den Autoverkehr und unsere Stadt.
Wenn man, wie es die Landesregierung unnachgiebig tut, für einen Abbau der Feinstaubbelastung eintritt und uns Kommunen bürokratische und im Endeffekt nicht sehr hilfreiche Fahrverbote aufbürdet, muss auch konsequent sein und zuallererst dort, wo die Belastung mit Feinstaub am größten ist, und dies ist nun mal in den Großstädten, für Abhilfe sorgen. Das geht in Reutlingen nur mit dem Scheibengipfeltunnel. Mit Interesse habe ich diese Woche die dpa-Meldung gelesen, dass Ministerpräsident Oettinger die Kanzlerin auffordert, mehr Straßen und weniger Schulen zu besuchen, und die Bundestagsabgeordneten, sich stärker für mehr Bundesmittel für die Straßen in Baden-Württemberg einzusetzen. Von allen Seiten wird mir stets die Notwendigkeit des Baus der Ortsumfahrung bestätigt. Da sollte es doch auch bald zu einem Spatenstich für den Scheibengipfeltunnel kommen können.

Ich hoffe nicht, dass die seherischen Fähigkeiten von Kaiser Wilhelm II. als Vorbild für die moderne Verkehrsplanung genommen werden. Dieser sagte nämlich voller Überzeugung:
„Ich glaube an das Pferd. Das Automobil ist eine vorübergehende Erscheinung.“
Eine Aussage, die vielleicht bei einigen Umweltschützern und Kritikern des vor wenigen Tagen in Japan beendeten G8-Gipfels zumindest in der Schlussfolgerung uneingeschränkte Zustimmung finden könnte. Bei der ökologischen Alternative Pferdefuhrwerke, um bei Kaiser Wilhelm zu bleiben, ist allerdings in der Öko-Bilanz auch der sehr schädliche Methan-Ausstoß zu bedenken – ganz schöner Mist also. Da bleiben wir doch lieber bei der Fortsetzung der Klimaschutz-Aktivitäten der städtischen Töchter FairEnergie und GWG sowie der Stadt selbst, wie kürzlich mit dem Energiekataster beispielhaft vorgestellt.

Wenn ich dann noch hinzufüge, dass nach einem SPIEGEL-Artikel „korpulente Steakliebhaber“ wahre „Klimakiller“ seien, im Gegensatz zu Vegetarier und schlanken Frauen, dann belegt dies doch eindrücklich, wie komplex die Materie und wie hilfreich ein ausgewogenes Verhältnis ist. Wir setzen uns deshalb mit aller Kraft sowohl für den Scheibengipfeltunnel als auch für die Fortsetzung der Planungen der Regionalstadtbahn ein. Steak und Salat sozusagen.
Der Schwörtag alter und neuer Prägung ist ein Bürgerfest. Dem heutigen Tag gingen bereits andere Veranstaltungen voraus. Zum Rahmenprogramm gehört auch der mittelalterliche Zunftmarkt auf dem Bruderhausgelände mit Ritterturnier. Im Mittelpunkt aber stand zu Zeiten der freien Reichsstadt stets die feierliche Verkündung des neu gewählten Senats, heute vertreten durch die Mitglieder des Gemeinderates, die Vereidigung des neu gewählten Bürgermeisters, gefolgt von der Vereidigung der Bürgerschaft auf die neue Stadtregierung. Ein gegenseitiger Schwur zum Wohle der Stadt also. Sie, werte Besucher des heutigen Festaktes, sind in der kommoden Situation, dass die Arbeit nur von mir erledigt werden muss. Und deshalb bitte ich nun Lion Breisch, Schüler des Friedrich-List-Gymnasiums, mit dem Original-Schwörstab zu mir.

(Lion: „Den Schwörstab aus der Reichsstadtzeit,
den halt ich hier für Sie bereit.
Geachtet sei unsere Tradition -
zum Wohl jeder Reutlinger Generation!)
Eid: „Meinem befohlenem Ambt mit Treue
und Fleiß, in aller Sorgfältigkeit vor zustehen,
der Statt, dem Land und ganzem Vatterland, jeder Zeith alle
treu und wahrheit zu leisten,
deren Nuzen und Frommen zu schaffen und zu fördern,
Nachtheil und Schaden zu warnen und zu wenden,
auch gegen Reich und Arme ohne unterschied der Persohnen
ein gleicher und unpartheyischer Ambtmann
zu seyn,
und innsgemein das Beste zu thun,
nach meinem besten Verständtnuß, ...“

So lautete der Bürgermeister-Eid in der freien Reichsstadt Reutlingen.
Ich heiße Sie noch einmal alle herzlich willkommen zu unserem Schwörtagsfest.
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