Rede zum Schwörtag 2014 am Sonntag, 13. Juli 2014

- Es gilt das gesprochene Wort -

„Reutlingen schwört auf sich“,


 
lautete eine überregionale Schlagzeile nach meiner Entscheidung 2005, den Schwörtag wiederzubeleben. Und ich finde, zum zehnten Geburtstag unserer neuzeitlichen Version dieses „Fests des demokratischen Frohsinns“ passt diese doppeldeutig-selbstbewusste Überschrift besonders gut. Denn wir, also Sie und ich, schwören ja nicht nur symbolisch auf die Rechte und Pflichten, die unser demokratisches Dasein mit sich bringt, sondern eben auch auf die Attraktivität und auf die hohe Lebensqualität unserer Stadt – die sich unter anderem auch in diesem Festwochenende ausdrückt.
 
Nach zehn Schwörtagen können wir sagen: Reutlingen schwört völlig zu Recht auf sich! Denn dieser Tag und sein umfangreiches Rahmenprogramm ist aus unserem städtischen Veranstaltungskalender gar nicht mehr wegzudenken. Über 30.000 Besucher haben sich seit der Schwörtags-Premiere am 17. Juli 2005 hier im einstigen „Schwörhof“ auf ihre reichsstädtischen Wurzeln besonnen. Darunter nicht nur die Reutlingerinnen und Reutlinger, sondern auch viele Gäste aus nah und fern, die vielleicht in der Vergangenheit nicht immer nur wohlwollend auf das fröhliche demokratische Treiben am Fuß der Achalm geschaut haben mögen.
 
Das hatte seine Gründe. Denn ehe das Württembergische Königreich sich Reutlingen im Jahr 1802 einverleibt und hier auf dem Schwörhof Bäume gepflanzt hat, um weitere Schwörtage zu verhindern, war Reutlingen 600 Jahre lang eine eigenständige Stadtrepublik, die nur dem Kaiser unterstellt war. Wenn auch eher eine der kleineren: Im Jahr 1545 tummelten sich hier gerade mal 5500 Einwohner, beim Übergang an Württemberg waren es 7800. Dafür aber eine mit einem „Alleinstellungsmerkmal“, wie man heute sagen würde – anders als in anderen Reichsstädten waren es hier nicht die Patrizier, die das Sagen hatten, sondern die Handwerker, genauer, die zwölf Zünfte. Deshalb dürfen sie natürlich auch bei unserem Schwörtag der Neuzeit nicht fehlen: Die Handwerkerinnungen sind jedes Jahr aufs Neue mit Nachbildungen der Zunftfahnen vertreten.
 
Damals wie heute versammelte sich die Bürgerschaft einmal jährlich, und zwar immer am zweiten Sonntag nach dem 4. Juli, dem Ulrichstag, im Schwörhof, wo die Wahl des Bürgermeisters bekannt gegeben und Bürgermeister und Ratsmitglieder auf das Wohl der Stadt vereidigt wurden. Aber auch die Bürgerschaft musste schwören, nämlich den Gehorsamseid, auf den wir im 21. Jahrhundert leider verzichten müssen.
 
Andere Eide gibt es heute noch, wenn auch nicht mehr jährlich, weil ja auch nicht mehr jährlich gewählt wird. In gut zwei Wochen, bei der konstituierenden Sitzung am  Dienstag, 29. Juli, habe ich selbst die Ehre und das Vergnügen, den neuen Reutlinger Gemeinderat zu vereidigen, der am 25. Mai gewählt worden ist. Diesen 40 Frauen und Männern, die heute so etwas sind wie zu Schwörtagszeiten die Ratsmitglieder, die stellvertretend für die Bürgerschaft die Geschicke der Stadt bestimmten, stehen spannende – und sicherlich nicht immer einfache – fünf Jahre bevor.
 
Nicht zuletzt wegen der vielen anspruchsvollen Themen und Projekte in unserer Stadt. In der letzten Legislaturperiode des „alten“ Gemeinderats, der erstmals am 28. Juli 2009 im großen Sitzungssaal tagte, zählten zu den gemeinsamen Beschlüssen unter anderem die Einrichtung der ersten fünf Werkrealschulen, die Sanierung des Ratsgebäudes, das Integrationskonzept, der Baubeschluss für die jeweiligen Abschnitte der Altstadtsanierung und des Bürgerparks, weitere Beschlüsse rund um die Stadthalle, die wir im Januar 2013 feierlich einweihen konnten, der Theaterneubau, der Neubau weiterer Kinderhäuser in Mittelstadt und in Sickenhausen, das Klimaschutzprogramm sowie schwierige Haushaltsberatungen vor dem Hintergrund knapper Kassen – ich denke bspw. an die weltweite Finanzkrise 2009.
Dafür mussten die Stadträtinnen und Stadträte hunderte Vorlagen mit abertausenden Seiten wälzen und tief eindringen in die eine oder andere Materie, die mit dem eigenen erlernten Beruf oftmals nichts zu tun hatte. Vom zeitlichen Aufwand für Sitzungen und viele andere Termine gar nicht erst zu sprechen.
Gerade heute, wenn wir uns stolz und selbstbewusst auf unsere reichsstädtisch-demokratischen Wurzeln besinnen, ist doch ein guter Zeitpunkt für ein herzliches Dankeschön! Auch die Bürgerinnen und Bürgerinnen dieser Stadt können durchaus dankbar sein dafür, dass sich auch für die diesjährige Kommunalwahl wieder Kandidatinnen und Kandidaten bereit erklärt haben, diese Verantwortung und diesen Zeitaufwand ehrenamtlich zu schultern.
 
Sich so einer Wahl zu stellen, ist in der heutigen Zeit oftmals wohl keine Selbstverständlichkeit mehr, aber etwas, auf das unsere Gesellschaft nicht verzichten kann. Denn nur so – nämlich durch die Übernahme von Verantwortung des Bürgers für die Bürger, für unser unmittelbares Lebensumfeld und alles, was das Stadtleben lebenswert macht, hat die kleine freie Reichsstadt Reutlingen 600 Jahre lang funktionieren können und nur so kann heute die Großstadt Reutlingen funktionieren.
 
Allerdings hatten die Bürger im Mittelalter wohl noch mehr Geduld mit ihren Vorhaben, sonst wäre die Marienkirche nie errichtet worden. Die Erbauer der ersten Stunde wussten nämlich damals, dass sie die Vollendung selbst nicht mehr erleben würden. Heute scheint es hilfreich zu sein, daran zu erinnern, dass frisch gepflanzte Bäume eben noch ein paar Jährchen brauchen, bis sie zur vollen Größe ausgewachsen sind.
 
Auch hilft der Blick auf zurückliegende Jahre, bisweilen mehr Gelassenheit zu entwickeln. Manche Aufreger-Themen werden, wenn man sie mit einem gewissen Abstand betrachtet, halt dann doch nicht so heiß gegessen, wie sie gekocht wurden. Auch wenn es in Zeiten der digitalen Gesellschaft schwieriger geworden ist, die Ruhe zu bewahren und sachlich Vor- und Nachteile abzuwägen. Vor allem in den sozialen Netzwerken jagt eine Empörungswelle die andere, der Umgang mit Andersdenkenden lässt oftmals Anstand und Maß vermissen.
 
Wenn im Gemeinderat oder Bezirksgemeinderat unterschiedliche Auffassungen aufeinanderprallen, dann sitzt derjenige, an den die Kritik gerichtet ist, leibhaftig gegenüber und man weiß, dass man dieser Person weiterhin regelmäßig begegnen und sie vielleicht ein anderes Mal für Mehrheiten brauchen wird. Auch wenn diese Form der Diskussion auf manche altbacken wirken mag, so zwingt sie doch die Beteiligten bei den Kontroversen dazu, sich in die Augen zu sehen. Außerdem hat der Gemeinderat seinen Eid auf das gesamte Wohl der Stadt geschworen und darf demzufolge nicht nur Einzelinteressen gelten lassen. Da haben es Bürgerinitiativen, die eine wertvolle Ergänzung und Bereicherung in den politischen Debatten sind, viel leichter, weil sie nur ihre Blickweise vertreten und nicht in der Verantwortung für das Gesamte entscheiden müssen. Umso mehr gilt der Respekt den Gremienmitgliedern, wenn sie sich immer wieder aufs Neue der Herausforderung stellen, sich ohne ideologische oder andere Scheuklappen, aber mit einer überzeugenden Grundhaltung und Wertsetzung den Themen zu widmen.
 
Humanitäre Grundüberzeugungen sind besonders gefordert, wenn es um die Unterbringung von Flüchtlingen geht. Baden-Württemberg rechnet in diesem Jahr mit bis zu 23.000 neuen Asylbewerbern, die vor allem über das Mittelmeer nach Europa kommen. Dazu sind noch die sog. syrischen Kontingentflüchtlinge zu zählen. Viele Landkreise und Städte wie Gemeinden kämpfen mit der Suche nach geeigneten Unterkunftsmöglichkeiten, für die Erst- und Folgeunterbringung. So auch Reutlingen. Hier sind rasche Entscheidungen gefordert, auch Kompromisse müssen möglich sein. Wenn wir kein „Dach über dem Kopf“ anbieten können, bleibt nur die Unterbringung in Hotels und Gaststätten. Das wäre nicht nur die teuerste Lösung, sondern erschwerte immens die von uns allen gewünschte Integration der Flüchtlinge in unser Gemeinwesen. Die Bilder vor der Küste Italiens sprechen Bände, die uns nicht unberührt lassen sollten. Es steht, so meine ich, einer Stadt wie Reutlingen mit seiner liberalen Vergangenheit als freie Reichsstadt, die ein Reutlinger Asyl kannte, wenn auch mit völlig anderen Vorzeichen, gut an, sich offen für die Aufnahme von Menschen in Not zu zeigen und bei Standortentscheidungen nicht nach dem St.-Florians-Prinzip zu verfahren. Vom Land erwarten wir, dass die Kostenerstattung an die tatsächliche Entwicklung angepasst wird, wie dies bereits im Gespräch mit Ministerpräsident Kretschmann ist.
 
Der demokratische Geist, der unsere Vorfahren rund sechs Jahrhunderte lang beseelt hat, hat auch so manchen großen Denker hervorgebracht. So feiern wir in diesem Jahr den 225. Geburtstag Friedrich Lists (6. August 1789). Der weit über die Grenzen der Stadt hinaus bekannte Eisenbahnpionier, deutsche Patriot und Vordenker eines gesamteuropäischen Markts war zwar erst 13, als seine kleine Stadtrepublik den Status der freien Reichsstadt verlor, aber er vergaß nie, in einer Stadt aufgewachsen zu sein, die nur der Autorität des Kaisers des Heiligen Römischen Reichs untertan gewesen war. Er erklärte stolz, ein „geborener Republikaner“ zu sein. Sein Leben lang war List ein Verfechter repräsentativer Institutionen und ein mächtiger Gegner des Absolutismus und unterwürfiger Bürokratien (William Henderson). Lists Vater Johannes war übrigens ein wohlhabender Weißgerber und Landwirt, der verschiedene öffentliche Ämter bekleidete und im Jahr 1800 (also zwei Jahre vor dem vorerst letzten Schwörtag) sogar zum stellvertretenden Bürgermeister gewählt worden war. Die Weißgerber wiederum waren eine der zwölf Zünfte, die den Stadtrat bildeten. Gut möglich also, dass der kleine Friedrich hier auf dem Schwörhof war, um dem zentralen politischen Ereignis und Festtag beizuwohnen.
 
Das Römerglas und der Trinkspruch gehören damals wie heute dazu, denn Veranstalter des historischen Schwörtags war schließlich die Weingärtnerzunft. Davon kündet heute übrigens auch die Fahne, die unser Fahnenflaiger Thomas Walker auf sehenswerte Weise schwingt.
 
Darüber, dass auch künftig Reutlinger Wein in unsere Gläser fließt, dürfen wir uns in diesem Jahr sogar noch ein bisschen mehr freuen als sonst. Den furchtbaren Hagelsturm vom 28. Juli haben Sie sicher noch alle in lebhafter Erinnerung. Beschädigt wurden nicht nur unzählige private und fast alle städtischen Gebäude, Grünflächen, Spielplätze – auch für unseren kleinen, aber feinen städtischen Weinberg mussten wir 100 Prozent Ausfall für den Jahrgang 2013 vermelden. Inzwischen hat sich aber wenigstens herausgestellt, dass zumindest der größte Teil der Weinstöcke das Unwetter überlebt hat. Portugieser, Müller-Thurgau, Sekt und Rosé-Sekt des Jahrgangs 2014 wird es zwar nur in kleinen Mengen geben, aber wir müssen den Weinberg nicht neu anlegen, wie zunächst befürchtet.
 
Die Verzögerungen, die der Hagel bei vielen anderen städtischen Projekten ausgelöst hat, sind dagegen nicht ganz so leicht zu verdauen. Etliche Sanierungsarbeiten an Kindergärten oder Renovierungen öffentlicher Gebäude mussten wegen des Hagels verschoben werden. Dennoch blieb nicht alles liegen. So schreitet die Sanierung der Stadtmauerstraße und des Nikolaiplatzes beispielsweise in großen Schritten der Vollendung entgegen.
 
Für die kleineren Reutlingerinnen und Reutlinger gibt’s jetzt in der Altstadt ein richtiges Spielparadies mit Matschanlage, Kletterlabyrinth und Drehwelt. Den Kinderspielplatz Nürtingerhofstraße habe ich erst in der vergangenen Woche nach umfangreicher Umgestaltung zusammen mit den Mädels und Jungs vom benachbarten Kindergarten eingeweiht. Hier sind wir schon im Vorfeld bemerkenswerte Wege gegangen: Bürgerbeteiligung wird in Reutlingen ja bekanntlich seit langem groß geschrieben, aber beim Kinderspielplatz Nürtingerhofstraße hatten zuallererst die ganz Kleinen das Sagen. In zwei Veranstaltungen durften sie ihre Wünsche und Vorstellungen äußern, die dann in die Planung eingeflossen sind. Zwei weitere Veranstaltungen mit erwachsenen Bürgern und deren Anregungen rundeten das neue Gesicht des einzigen Spielplatzes in der Altstadt ab.
 
Der Spielplatz im Volkspark präsentiert sich  ebenfalls bald in neuem Glanz. Überhaupt passiert im Zuge des 30-jährigen Landesgartenschau-Jubiläums momentan sehr vieles in Volkspark, Pomologie und anderen städtischen Grünanlagen. Unter anderem werden wir im Oktober auf der Pomologie viele neue Obstbäume pflanzen. Rund um die vornehmlich lokalen und regionalen alten Apfel-, Birnen- oder Kirschsorten wird sich dann ein Lehrpfad ranken, der jede Menge Wissenswertes bereit hält.
Im Bürgerpark laden mittlerweile Bänke zum entspannten Verweilen am Echazufer ein. In Sachen Kulturplatz und Hotel, da bin ich zuversichtlich, wird sich in den kommenden Wochen und Monaten noch einiges tun. Dass Kultur und Bürgerpark bestens zusammenpassen, hat ja erst vor knapp zwei Wochen das Festival vom Rande gezeigt, weitere Glanzlichter werden sich dort nach und nach etablieren. Längst ihre großen und kleinen Anhänger gefunden hat die neu gestaltete Freifläche vor dem Tübinger Tor, die wir im vergangenen Herbst zusammen mit der neugestalteten Katharinenstraße eingeweiht haben. Wann immer ich dort vorbei komme, sind die beiden Trampoline bevölkert. Für unseren Nachwuchs, der zusammen mit seinen Eltern diese und die neu gestaltete Rasenfläche für sich entdeckt und erobert hat, haben wir aber noch mehr getan. Mit den beiden neuen Kinderhäusern in Sickenhausen und Mittelstadt lagen und liegen wir allen Hagel- und sonstigen Unbilden zum Trotz voll im Plan.
 
Eine weitere erfreuliche Baumaßnahme haben wir unserem skurrilen Weltrekord gewidmet: Die „engste Straße der Welt“, die Spreuerhofstraße, konnten wir kürzlich nach Renovierungsarbeiten wieder ganz offiziell für den „Verkehr“ freigeben, und zwar mit einem ordnungsgemäß durchgeschnittenen Absperrband, wie es sich für eine richtige Straße gehört – auch, wenn sie gerade mal 31 Zentimeter breit ist. Das angrenzende Haus mit der Adresse Spreuerhofstraße 9, das die Stadt im vergangenen Jahr gekauft hat, ist inzwischen saniert und die Handwerker haben sich strikt an die Anweisung gehalten, die Straße ja nicht größer oder kleiner zu machen!
 
Touristen aus aller Welt können sich nun also wieder frohgemut ins aparte Reutlinger „Alleinstellungsmerkmal“ zwängen und testen, ob ihr (neudeutsch) „Body Mass Index“ noch in einem vertretbaren Rahmen ist. Und falls doch mal einer stecken bleiben sollte, bin ich zuversichtlich, dass Sie, die Reutlinger Bürgerinnen und Bürger, ihn wieder herausholen und damit den unbekannten Verfasser der Oberamtsbeschreibung aus dem Jahr 1893 Lügen strafen, der da behauptete: „Dem Fremden gegenüber macht sich die Eigenart des Reutlingers in einem geringen Maß von Entgegenkommen, bisweilen sogar in einer schroff ablehnenden Haltung geltend, weshalb die Reutlinger, wie auch die Bewohner der angrenzenden Orte Pfullingen, Eningen, Betzingen, nicht im Geruche besonderer Höflichkeit stehen.“
 
Liebe Kollegen, der Verfasser war vermutlich ein Beamter aus Behörden in Stuttgart oder Tübingen...
 
Ich bitte jetzt besonders höflich und entgegenkommend Silas Berger, Schüler des Friedrich-List-Gymnasiums, mit dem von meinen Vorgängern bis 1802 noch verwendeten Schwörstab zu mir.
 
(„Den Schwörstab aus der Reichsstadtzeit,
den halt ich hier für Sie bereit.
Geachtet sei unsere Tradition,
zum Wohle jeder Reutlinger Generation!)

„Meinem befohlenem Ambt mit Treue
und Fleiß, in aller Sorgfältigkeit vor zustehen,
der Statt, dem Land und ganzem Vatterland, jeder Zeith alle
treu und wahrheit zu leisten,
deren Nuzen und Frommen zu schaffen und zu fördern,
Nachtheil und Schaden zu warnen und zu wenden,
auch gegen Reich und Arme ohne unterschied der Persohnen
ein gleicher und unpartheyischer Ambtmann zu seyn,
und innsgemein das Beste zu thun,
nach meinem besten Verständtnuß, ...“
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