Rede zum Schwörtag 2013 am Sonntag, 14. Juli 2013

- Es gilt das gesprochene Wort -


Liebe Reutlingerinnen, liebe Reutlinger, liebe Gäste,

„Oh, du Ausgeburt der Hölle!
Soll das ganze Haus ersaufen?
Seh’ ich über jede Schwelle
Doch schon Wasserströme laufen.“

So manchem mag es vor kurzem beim Hochwasser ähnlich ergangen sein wie Goethes Zauberlehrling: dem unablässig ansteigenden Wasserpegel ausgesetzt zu sein, ohne etwas dagegen tun zu können. Leider reichte es bei der Naturkatastrophe nicht, wie in Goethes Gedicht, auf die Rückkehr des Hexenmeisters zu warten. Hier war handfestes Zupacken und umsichtiges Krisenmanagement gefordert, allein 15.000 Sandsäcke wurden befüllt und durch die Stadt transportiert.

Auch wenn in Mittelstadt und Altenburg sowie der Innenstadt Wohnhäuser von den Wassermassen eingeschlossen waren, eine Firma in Gönningen schwere Schäden zu beklagen hat – insgesamt sind wir in Reutlingen noch einigermaßen glimpflich davongekommen, vor allem wenn man nach Ostdeutschland und dabei wegen unserer gemeinsamen Städtefreundschaft nach Pirna schaut, wo 1.000 Gebäude unter Wasser standen, 7.700 Personen evakuiert werden mussten und die städtische Infrastruktur erhebliche Schäden davontrug, deren Wiederherstellung sich auf Jahre hinziehen wird.

Wenn man heute bei schönstem Wetter Schwörsonntag feiert, kann man sich fast gar nicht mehr vorstellen, zu welchen reißenden Fluten sich die gemächliche Echaz mit der Wiesaz entwickeln kann. Laut SPIEGEL dieser Woche könnte die Flut womöglich die kostspieligste Naturkatastrophe aller Zeiten in Deutschland sein. Folgende Schlussfolgerungen können aus der Naturkatastrophe Ende Mai/Anfang Juni gezogen werden.

1. Die über 12 Millionen Euro, die Reutlingen in den vergangenen Jahren in den Hochwasserschutz gesteckt hat, waren gut investiertes Geld. Man sieht zwar nichts, man riecht nichts – aber es wirkt halt doch, wie sich im Vergleich zur Hochwasserkatastrophe von 2002 zeigt.

2. Damit sind allerdings noch nicht alle Schwachstellen in der Stadt beseitigt. Das Thema wird uns weiterhin beschäftigen – und noch mehr Geld kosten.

3. Wieder einmal wurde unter Beweis gestellt, dass wir uns auf unsere Einsatzkräfte verlassen können. Zeitweilig waren über 800 Kräfte bei einer Vielzahl von oft gleichzeitig erforderlichen Einsätzen unterwegs, Angehörige der Freiwilligen Feuerwehr und der Berufsfeuerwehr, unserer Technischen Betriebsdienste und viele andere mehr. Sie haben Schlimmeres verhütet und halfen auch nach der Flut noch, Schlamm und Schutt zu beseitigen. Ihnen allen sei an dieser Stelle herzlich gedankt.

4. Die Jahrhunderte werden immer kürzer, was man daran erkennt, dass die letzte Jahrhundertflut erst vor 11 Jahren war.

Unsere Zeit erleben wir als immer schnelllebiger. Obwohl wir immer mehr Techniken zur Verfügung haben, um Zeit zu sparen, wie die Mikrowelle, den ICE, die EDV und die dadurch ermöglichte zeitgleiche Kommunikation rund um den Globus, klagen immer mehr Menschen über Zeitmangel. Die Mast des Schweines, das Reifen des Käses, eine neue Bildungspolitik oder Vorlagen für den Gemeinderat – alles soll heute noch schneller gehen, heute bestellt und morgen geliefert. „Zeitnah“ muss heute alles sein; wie wenn man größere oder geringere Nähe zur Zeit entwickeln könnte. Chronos, die äußere Uhr, läuft ab, ob wir das wollen oder nicht. Da ist es doch tröstlich, dass Anthony Quinn bekannt hatte, dass man auch mit 60 Jahren noch wie mit 40 sein kann – allerdings nur eine halbe Stunde am Tag.

Unbestritten lange hat es gebraucht, bis die Reutlinger eine neue Stadthalle bekommen haben; gemessen an der langen Vorlaufzeit bis ins 19. Jahrhundert hinein ein echtes Jahrhundertwerk. Es ist erst ein halbes Jahr her, dass wir voller Spannung auf deren Eröffnung schauten und uns fragten, wie sie denn wohl angenommen werden würde. Gut sechs Monate später ist sie zu einem selbstverständlichen Teil unseres Kulturlebens geworden, mit allseitigem Renommée innerhalb und außerhalb unserer Stadt. Das ging so schnell, dass dabei manchmal übersehen wird, dass so kurz nach Inbetriebnahme immer noch das eine oder andere nachzujustieren oder nachzurüsten ist.

Gar nicht schnelllebig, sondern historisch nachhaltig ist der Grund, weshalb wir heute gemeinsam feiern. In der Reutlinger Friedensordnung, die um 1300 entstanden sein dürfte, zeigen sich die Bemühungen des jungen städtischen Gemeinwesens, das bürgerschaftliche Zusammenleben zu entwickeln. Die Friedensordnung wurde einmal im Jahr öffentlich verkündet und von der Bürgerschaft beschworen. Weitgehende Mitbestimmungsrechte für die Mitglieder der Zünfte wurden dann 1343 festgeschrieben, womit Reutlingen über eine der ältesten geschriebenen Stadtverfassungen verfügt. Über Jahrhunderte nahmen sich in der Freien Reichsstadt Bürgerschaft und Stadtregierung gegenseitig durch Eid in die Pflicht, das Beste zum Wohl Reutlingens zu tun.

Die Botschaft unserer Stadtgeschichte hat bis heute nichts von ihrer Aktualität verloren. Alle sind wir für das Wohl der Stadt mitverantwortlich, gleich welchen Geschlechts, welcher Herkunft und welcher Nationalität. Die Idee des friedlichen Zusammenlebens ist Basis unserer demokratischen Grundauffassung, das Bekenntnis zu Freiheit und Selbstbestimmung sind die Ideen und Ideale unseres Europas. Wann immer diese Ideale bedroht sein könnten, sind wir gefordert, unsere Stimme dagegen zu erheben, für Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Achtung der Grundrechte wie Presse- und Meinungsfreiheit sowie Wahrung der Menschenwürde. Zur Zeit findet das Gerichtsverfahren gegen die rechtsextremistischen Gewalttaten statt, deren Anschlägen Menschen zum Opfer gefallen sind. Dies führt uns vor Augen, dass es auch bei uns immer wieder Gefahren für Demokratie und Toleranz gibt. Dass diese durch Fremdenfeindlichkeit motivierten Morde und Verbrechen geschehen konnten, das ist unfassbar und darf sich nicht wiederholen.

Der Zuzug von Menschen ist keine Bedrohung, verpflichtet uns jedoch gegenseitig auf Integrationsbereitschaft. Reutlingen ist eine internationale Stadt mit einem überdurchschnittlich hohen Bevölkerungsanteil von Menschen mit Migrationshintergrund. Die Erkenntnis, dass damit Chancen verknüpft sind, hat uns veranlasst, für die Stadtverwaltung Reutlingen, als dritte Stadt in Baden-Württemberg, die Charta der Vielfalt zu unterzeichnen und für ein gedeihliches Miteinander zu werben.

Dazu gehört auch, in der Kommunalpolitik die verschiedenen Interessen der Bevölkerungsgruppen zu kennen und dort, wo sie berechtigt sind, darauf einzugehen. Der Reutlinger Sportentwicklungsplan gibt hier Leitlinien vor, das Spielraumkonzept wird Vorschläge für die Umgestaltung der Spielplätze machen, Schulhöfe werden zu Bewegungsräumen verändert, weitere Pflegeheime für ältere Menschen sind in der Innenstadt und in den Stadtbezirken in der Planung oder bereits im Bau, ein Bebauungsplan für die Oststadt endlich aufgestellt. Die Fortschreibung des Verkehrsentwicklungsplanes geht Schritt für Schritt voran, beim Scheibengipfeltunnel wird demnächst Bergfest gefeiert.

Das Hotel in wunderschöner Lage auf der Achalm ist im Entstehen, das Hotel neben der Stadthalle wird voraussichtlich Anfang 2015 seine Zimmer für die Gäste öffnen. Immer wieder zeigen Baustellen wie zur Zeit in der Katharinenstraße, dass es in der Stadt weiter vorangeht. Behinderungen sind da manchmal unvermeidlich, auch wenn versucht wird, sie in Grenzen zu halten.

„Irgendwo auf der Welt
Gibt’s ein kleines bisschen Glück,
Und ich träum’ davon in jedem Augenblick.“

Das singen die Comedian Harmonists zur Zeit im Sommertheater des Theaters die Tonne im Spitalhof, und die Frage, wo das Glück für die Theaterbegeisterten auf dieser Welt künftig denn liegen könnte, ist jedenfalls für Reutlingen nach langen Diskussionen nun endlich entschieden: auf dem Areal der Listhalle, die derzeit abgebrochen wird. Manchmal braucht halt gut’ Ding doch Weile, bis sich eine Mehrheit findet. Aber dafür ist das Ergebnis jetzt in vielerlei Hinsicht zu begrüßen, begrenzt es doch die finanziellen Belastungen für die Stadt, schafft neue Möglichkeiten für das Theater und damit unsere Kulturlandschaft in Reutlingen, beantwortet die Frage nach der Zukunft des Listhallenareals und ermöglicht, über die weitere Verwertung des Areals in der Planie neu nachzudenken.

Das mit Abstand größte Projekt aller städtischen Vorhaben ist der Ausbau der Kinderbetreuung. Mit deutlich über 50 Prozent Platzangebot für ein- bis dreijährige Kinder liegt Reutlingen erheblich über den in dieser Woche für Deutschland veröffentlichten Durchschnittszahlen. Das ist der gemeinsamen Anstrengung vieler Fachämter im Haus zu verdanken. Allerdings liegt der Bedarf in Großstädten deutlich höher als im ländlichen Raum. Wie es konkret bei uns in Reutlingen aussieht, werden wir im August und September besser wissen, wenn dann die aktuellen Zahlen aus den Kinderbetreuungseinrichtungen vorliegen. Da hilft auch alle Aufregung jetzt nichts. Wir bleiben jedenfalls bei unserem Ausbauprogramm und werden die Zahl der Krippenplätze weiter erhöhen. Übrig bleibt bei diesem Vorgang der schale Geschmack, dass Bund und Länder in Berlin beim Krippengipfel etwas vereinbart haben, was Dritte, die nicht mit am Tisch saßen, nämlich die Kommunen, umsetzen müssen.

Wenn man sich diesen Kraftakt auch in finanzieller Hinsicht anschaut, darf sich niemand mehr über die Ausgabensteigerungen der öffentlichen Hand wundern. In Reutlingen haben wir trotz dieser vielen Herausforderungen in den letzten Jahren alle Möglichkeiten genutzt, unseren Schuldenstand abzubauen. Mein Vorschlag lautet, weiterhin bei dieser Linie zu bleiben. Die letzten Steuerschätzungen erlauben uns, die ursprünglich befürchtete Neuverschuldung deutlich reduzieren zu können. Der Finanzausschuss wird in seiner Sitzung in der nächsten Woche hierzu die aktuellen Daten erfahren.

Doch offenbart ein Blick auf die Finanzlage einer Stadt nur einen Teil der Wahrheit. Eine Kommune kann schuldenfrei sein und trotzdem wenig Anziehungskraft für Neubürger besitzen. Eine lebendige Stadt lebt von ihrer Bürgerschaft, die sich einbringt – am Arbeitsplatz, im sozialen Umfeld, im Verein oder anderweitig. Reutlingen ist ein stolzes Gemeinwesen mit einer langen Tradition des bürgerlichen Engagements. Jubiläen wie jetzt in diesem Jahr mit 125 Jahren Naturtheater oder auch GEA belegen dies. Vergangenheit als Freie Reichsstadt und Gegenwart zeigen: Reutlingen hat gestern wie heute den politischen Willen, die Kraft und die Kompetenz, selbstbestimmt die eigenen Angelegenheiten zu regeln, die kommunale Selbstverwaltung, so wie sie Verfassung und Gesetze vorsehen, auszuüben. Städte und Gemeinden spielen eine Schlüsselrolle im bürgernahen und demokratischen Rechtsstaat, und deshalb ergeht der Appell an alle Ebenen – EU, Bund und Land –, die örtliche Daseinsvorsorge so weit wie möglich im Rahmen der kommunalen Selbstverwaltung zu belassen. Solchermaßen geerdet und durch die tägliche kommunale Praxis gestählt werde ich nun den historischen Schwöreid nachsprechen, den so viele Amtsvorgänger in Zeiten der selbstständigen Stadtrepublik geleistet haben.
Mika Kreutzer, Schüler des Friedrich-List-Gymnasiums, bringt mir den historischen Schwörstab.

(Den Schwörstab aus der Reichsstadtzeit,
den halt ich hier für Sie bereit.
Geachtet sei unsere Tradition –
zum Wohl jeder Reutlinger Generation!)

„Meinem befohlenem Ambt mit Treue
und Fleiß, in aller Sorgfältigkeit vor zustehen,
der Statt, dem Land und ganzem Vatterland, jeder Zeith alle
treu und wahrheit zu leisten,
deren Nuzen und Frommen zu schaffen und zu fördern,
Nachtheil und Schaden zu warnen und zu wenden,
auch gegen Reich und Arme ohne unterschied der Persohnen
ein gleicher und unpartheyischer Ambtmann
zu seyn,
und innsgemein das Beste zu thun,
nach meinem besten Verständtnuß, ...“
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