Festakt zum 100. Geburtstag von HAP Grishaber im Foyer des Reutllinger Rathauses

- Es gilt das gesprochene Wort -

Ansprache Oberbürgermeisterin Barbara Bosch


Begrüßung
Wir ehren heute eine der großen Künstlerpersönlichkeiten des 20. Jahrhunderts: Vor genau 100 Jahren wurde HAP Grieshaber in Oberschwaben geboren. Sein 100. Geburtstag heute ist willkommener Anlass für vielfältige Aktivitäten in Reutlingen und weit über unsere Stadt hinaus. So sind nicht nur hier in unserer Stadt ab heute zwei große Grieshaber-Präsentationen zu sehen – im Städtischen Kunstmuseum und in der Kreissparkasse –, auch in den Museen in Bochum und in Recklinghausen werden zu dieser Stunde wichtige Ausstellungen eröffnet.
Wir haben für die Veranstaltung bewusst diesen Ort gewählt, obwohl wir natürlich wussten, dass viele Freunde Grieshabers unserer Einladung folgen würden. Im Kunstmuseum selbst hätten wir diese große Zahl von Gästen nicht empfangen können. Durch Grieshabers Sturmbock und seine anderen, draußen im Foyer ausgestellten Werke gewinnt unser Rathaus eine ganz eigene Aura und bietet sich für diese Jubiläumsveranstaltung an wie kein anderer Raum in unserer Stadt. 1965 hat Grieshaber sein monumentales Holzrelief quasi für diese gute Stube unserer Stadt geschaffen. In ihm hat der Künstler Schlüsselszenen unserer Stadtgeschichte in unverwechselbarer Weise gestaltet.
Reutlingen und seine Region sind Grieshaber denn auch besonders eng verbunden. Bereits als Kind war der Künstler nach Reutlingen gekommen. Hier erhielt er seine Ausbildung als Schriftsetzer. In der Zeit des Nationalsozialismus fand er in Erwin Sautters Kunstanstalt einen Schutzraum gegen den Ungeist der Zeit. Die ersten Nachkriegsjahre, in denen sich Grieshaber endgültig auf seinem (Eninger) Gartengrundstück an der Achalm niederließ, waren geprägt von großer materieller Not. In den 1950er-Jahren gewann der Künstler schließlich schnell an Anerkennung und Einfluss. Sein kleines Gartenhaus hoch über unserer Stadt baute er nun immer mehr zu einem Atelierhaus aus, das bis zu seinem Tod sein Lebens- und Arbeitsmittelpunkt bleiben sollte.
 
Sammler, Kunstkritiker und andere Intellektuelle gingen dort ein und aus, und die Achalm wurde zunehmend zu einer wichtigen Landmarke auf der kulturellen Karte der alten Bundesrepublik. Belege für die enge, aber beileibe nicht immer reibungsfreie Beziehung zwischen der Stadt Reutlingen und dem – in den 1960er-Jahren längst überregional hoch geschätzten und erfolgreichen – Künstler sind der Auftrag für den Sturmbock und schließlich 1969 die Verleihung der Bürgermedaille zum 60. Geburtstag.
Das Erbe Grieshabers ist in unserer Stadt auch über ein Vierteljahrhundert nach dem Tod des Künstlers noch sehr präsent: Unzählige seiner Werke finden sich hier in privatem oder öffentlichem Besitz, in verschiedenen Kirchen und Schulen.
Grieshaber und das von ihm zu neuer Bedeutung geführte Medium des Holzschnitts spielten in den 1980er-Jahren bei den Überlegungen zur Konzeption für das geplante städtische Kunstmuseum eine zentrale Rolle. Zunächst konnte ein umfangreiches Konvolut seiner Werke erworben werden. Es bildet heute den Kern der städtischen Kunstsammlung und wird seither regelmäßig durch gezielte Neuerwerbungen ergänzt. 1989 wurde schließlich im aufwändig umgebauten Spendhaus das neue Museum, das sich zu einem führenden Haus für den Holzschnitt der Moderne entwickelt und hierbei großes Renommee erarbeitet hat, mit einer umfassenden Grieshaber-Retrospektive eröffnet. Seither beleuchtet das Museum in seinen Ausstellungen immer wieder neue Aspekte im Werk dieses Jahrhundertkünstlers.
Die kontinuierliche Arbeit unseres Kunstmuseums mit der städtischen Galerie sowie jene der Stiftungen, des Kunstvereins, weiterer Sammlungen und Galerien haben die Bildende Kunst zu einem Schwerpunkt des Kulturlebens in unserer Stadt gemacht. Zusammen mit den anderen Bereichen des kulturellen Schaffens, hier sei herausragend das Musikleben sowie das Theater zu nennen – am Donnerstag hatte in unserem Theater in der Tonne das Stück „Grieshabers letzter Ritt“ Uraufführung –, ist es Reutlingen gelungen, nicht nur als bedeutender Wirtschaftsstandort wahrgenommen zu werden, sondern sich auch als Stadt der Kultur zu etablieren. Deutlich wird dies auch bei den diesjährigen Heimattagen Baden-Württemberg, die wir in Reutlingen ausrichten und denen wir das Leitmotiv „Kultur schafft Heimat!“ gegeben haben. Heimat ist eine Begrifflichkeit, die vielschichtig ist, Geborgenheit genauso vermitteln wie als Gefängnis empfunden werden kann. Diesen Brüchen kann man auch im Leben und im Werk von HAP Grieshaber, der viel gereist, hier auf der Achalm verwurzelt und mit seiner Kunst in der Welt zuhause war, nachspüren.
HAP Grieshaber hat bleibende Spuren im kulturellen Leben unserer Stadt hinterlassen. So halten u. a. ein bedeutender Kunstpreis und ein Stipendium in Reutlingen die Erinnerung an den Künstler wach.
1976 stiftete Grieshaber zusammen mit dem Bildhauer Rolf Szymanski den Jerg-
Ratgeb-Preis, mit dem das Lebenswerk eines bedeutenden bildenden Künstlers ausgezeichnet wird. Seit 1987 wird dieser bedeutende Preis von der posthum gegründeten HAP Grieshaber Stiftung, deren Vorsitz ich wie meine Amtsvorgänger innehabe, regelmäßig in Reutlingen vergeben.
1994 wurde durch die Stiftung zudem ein Stipendium ins Leben gerufen. Es sieht einen mehrmonatigen Arbeitsaufenthalt eines jüngeren Künstlers in Reutlingen vor. Mit großzügiger Unterstützung durch den Freundeskreis HAP Grieshaber und durch die Kreissparkasse Reutlingen können wir dieses Stipendium seither regelmäßig vergeben.
Im Herbst wird dann die bereits 12. Stipendiatin das Atelier in der Peter-Rosegger-Straße beziehen.
Zu HAP Grieshabers 100. Geburtstag belegt nun auch in Reutlingen ein eindrucksvoller Reigen an verschiedensten Veranstaltungen die Bedeutung seines Lebenswerks und seines Lebenswegs. Erster Höhepunkt des Grieshaber-Jahres und gleichzeitig des Jahres, in dem Reutlingen als zweite Großstadt die Heimattage Baden-Württemberg ausrichtet, ist sicher die umfangreiche Ausstellung des Kunstmuseums, die wir heute eröffnen. Aus Anlass des Jubiläums präsentiert das Spendhaus den Künstler im Kontext der Avantgarden seines Jahrhunderts.
Ein solch ambitioniertes Vorhaben ist nur möglich dank der Unterstützung von vielen Seiten. Denjenigen, die zum Zustandekommen der Ausstellung beigetragen haben, gilt daher mein herzlicher Dank – allen voran den verschiedenen öffentlichen und privaten Leihgebern, die Werke aus ihren Sammlungen zur Verfügung gestellt haben.
Ich danke auch der OEW Energie-Beteiligungs GmbH und dem Freundeskreis HAP Grieshaber für ihre großzügige finanzielle Förderung des Projekts, ebenso den Autoren und Autorinnen für ihre Beiträge zum Katalog. Den Mitarbeitern des Hatje Cantz Verlags, der mit dem prachtvollen Ausstellungskatalog an seine langjährige enge Zusammenarbeit mit dem Künstler anknüpft, danke ich für ihre Sorgfalt bei Gestaltung und Produktion. Der Katalog wurde übrigens auf zweifacher Ebene hier in Reutlingen erarbeitet: zum einen im Städtischen Kunstmuseum, zum anderen von der Firma Repromayer in Betzingen, der ich für ihr Fingerspitzengefühl bei der Reproduktion der Kunstwerke danke.
Nun bitte ich um Aufmerksamkeit für Herrn Prof. Klaus Gallwitz, den viele von Ihnen sicher kennen. Er war viele Jahre Direktor der Staatlichen Kunsthalle Baden-Baden und später des Städels in Frankfurt. Zuletzt war er Gründungsdirektor sowohl des Museums Frieder Burda in Baden-Baden als auch des Arp-Museums in Rolandseck.
Herr Prof. Gallwitz hat Grieshaber bereits in den fünfziger Jahren in seiner Zeit in Karlsruhe kennengelernt und ist mit seinem Werk bestens vertraut. Schon 1959 verfasste er übrigens den Katalogtext zu einer Grieshaber-Ausstellung im Spendhaus. Wir sind ihm dankbar, dass er nun zum Auftakt des Jubiläumsjahres den Künstler würdigen wird.
Nach dem Tod Picassos im April 1973 bat die Tageszeitung „Die Welt“ Grieshaber um einen Textbeitrag und Grieshaber lieferte einen Artikel mit dem provozierenden Titel „Picasso ist nicht tot“.
Wenn ich mir die vielen Ausstellungen und Veranstaltungen der nächsten Monate vor Auge führe, dann stimmen Sie mir sicher zu, wenn ich in Anlehnung daran heute feststelle: Auch Grieshaber ist nicht tot! Sein Lebenswerk erweist sich im Jahr seines 100. Geburtstags als äußerst lebendig.
Herr Prof. Gallwitz, wir freuen uns jetzt auf Ihren Festvortrag.
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