Kranzniederlegung anlässlich des 75. Jahrestages der Deportation von Sinti und Roma aus Reutlingen
am 15. März 2018, 14:30 Uhr am Gerberhäusle

- Es gilt das gesprochene Wort -

Ansprache Oberbürgermeisterin Barbara Bosch


Vor 75 Jahren, am 15. März 1943 wurden 456 Sinti und Roma aus Württemberg und Baden in das Konzentrationslager Ausschwitz-Birkenau deportiert, in eine Abteilung, die bald den Namen „Zigeunerlager“ tragen sollte. Die Menschen, vielfach ganze Familien, stammten aus 52 Orten im Land. Im gesamten damaligen Deutschen Reich waren es 12.000, europaweit eine halbe Million, die dem Völkermord zum Opfer fielen.
 
In Reutlingen wurden an diesem Tag in aller Früh zwei Familien, Eltern und Kinder,  verhaftet, ins Polizeigefängnis in der Museumsstraße verbracht und von dort nach Stuttgart überstellt. Dieser Deportationszug reiht sich in viele im Schatten des Krieges schon lange vorbereiteten Maßnahmen zur systematischen Ermordung der Sinti und Roma im gesamten besetzten Europa. Am 16. Dezember 1942 hatte Heinrich Himmler angeordnet, alle noch im Reichsgebiet und in den besetzten Gebieten lebenden Sinti und Roma in ein Konzentrationslager einzuweisen, drei Monate später war es auch hier bei uns soweit. 
Besonders erschütternd ist es zu lesen, dass die Hälfte von diesen Verschleppten Kleinkinder und Jugendliche unter 16 Jahren waren. Kaum Einer überlebte Zwangsarbeit und Misshandlungen, kaum Einer entging dem Weg in die Gaskammern, keiner von den aus Reutlingen Deportierten. 
Dies war ohne Zweifel der Tiefpunkt in der jahrhundertelangen Geschichte der Sinti in Deutschland. Und diese Geschichte ist keineswegs nur durch Verfolgung und Diskriminierung gekennzeichnet. Vielmehr lebten Sinti als zumeist fahrende Musiker, als Händler und Handwerker in einer Gemeinschaft mit und in der Mehrheitsgesellschaft.
 
Die Familie Anton und Katharina Reinhardt wohnte seit Beginn der 1920er Jahre in Reutlingen, 1926 konnte sie, anfangs noch mit der Großmutter und mit sechs Kindern, das dann später sog. „Zigeunerhäusle“ beziehen, das in reichsstädtischer Zeit dem Torwächter am Gerbersteg gedient hatte. Die Reinhardts waren in der Stadt integriert, der Vater handelte mit Stoffen und Geigen, war nebenbei Musiker. Die Mutter verkaufte Spitzen, die Kinder gingen in Reutlingen zur Schule.  
 
Ganz ähnlich lebten die  Eheleute Johannes und Rosina Reinhardt mit ihren fünf Kindern in der Federnseestraße, die ebenfalls an diesem Tag deportiert wurden. Insgesamt wissen wir von wenigstens 14 Menschen aus Reutlingen, und die Zahl würde sich noch erhöhen, wenn man jene hinzurechnet, die während der dreißiger Jahre nur eine Zeitlang hier lebten. Neben den Ermordeten sind auch jene zu nennen, die vielfache Verfolgung, Verhaftungen und Zwangsarbeit über sich ergehen lassen mussten, vom Schicksal einer Deportation jedoch glücklich verschont blieben.
 
Anders als etwa bei den jüdischen Opfern des Holocaust wurde nach dem Krieg die Verfolgung der Sinti und Roma in Europa lange Zeit kaum anerkannt, ja die Diskriminierung dieser Volksgruppen setzte sich noch fort. Für ein Umdenken in der Erinnerungskultur sorgte das 1997 eröffnete Dokumentations- und Kulturzentrum deutscher Sinti und Roma in Heidelberg, das uns ein wichtiger Partner geworden ist. 2012 schließlich wurde in Berlin das lange diskutierte Denkmal für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma Europas eingeweiht.
Die Verfolgung der sog. Zigeuner im Nationalsozialismus, bei der Tübinger Wissenschaftler eine besonders unrühmliche Rolle gespielt haben, ist für Reutlingen gut erforscht und in Publikationen zugänglich. Gedenken braucht aber auch ein sinn- und augenfälliges Zeichen im öffentlichen Raum. 2007, am Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz, wurde diese Gedenktafel auf Beschluss des Gemeinderates für die seinerzeit hier lebende Familie Reinhardt enthüllt.
 
Seither hat es immer wieder Anregungen gegeben, der Geschichte des Hauses, die sich allerdings nicht mit diesem einen Thema erschöpft, Rechnung zu tragen. Im vergangenen Jahr wurde hier die Außenstelle des Jugendcafés in der Federnseestraße eröffnet. Die jungen Leute möchten sich auch der Geschichte dieses Ortes stellen, die von der reichsstädtischen Zeit bis in die dunklen Tage unserer jüngeren Geschichte reicht.
 
Ich begrüße es sehr, dass dieser Ort, an dem das Schicksal der Reutlinger Sinti-Familien durch die Gedenktafel dokumentiert ist und damit sichtbar bleibt, eine solche Begegnungsstätte für Jugendliche geworden ist. Das Erinnern an die Greueltaten in der Zeit des Nationalsozialismus darf nicht aufhören; deshalb muss es von den nachwachsenden Generationen weitergetragen werden. Diskriminierung und Verfolgung, wie sie sich im Nationalsozialismus auch in Reutlingen ereignet haben, dürfen sich nie mehr wiederholen. Lassen Sie uns nun, in einem Moment der Stille, der Opfer der nationalsozialistischen Verbrechen gegen Sinti und Roma gedenken, ganz konkret der beiden deportierten Reutlinger Familien Reinhardt.
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