Einweihung des Bürgerhauses Zehntscheuer in Betzingen am 18. Juli 2008 

- Es gilt das gesprochene Wort -

Ansprache Oberbürgermeisterin Barbara Bosch


Sehr geehrte Damen und Herren,
ich bin immer wieder gerne in Betzingen. Zur Zeit sogar ziemlich oft. Man hat das Gefühl, dass in Betzingen das Feiern und Festen gar nicht mehr aufhört. Aber so ist es halt, wenn man bedeutende Anlässe hat. 2007 war es 100 Jahre Eingemeindung, dieses Jahr sind es die Feierlichkeiten zum 750. Jubiläum, die uns zusammenführen. Passend zum Jubiläum machen sich die Betzinger heute ein Geschenk: Wir können gemeinsam die Zehntscheuer einweihen, ein Kleinod von hohem kultur- und ortsgeschichtlichen Rang.
Aus dem Jahr 1532/1533 stammt dieses Gebäude und war damals auf dem absolut modernsten Stand der Technik. Das ist es heute wieder.  „Hier trifft Hightech auf das Mittelalter“, wie es Architekt Hartmaier genannt hat.
Das moderne Thema Klimaschutz findet nämlich auch in den alten Mauern seinen Platz. Man betrachte nur einmal die Fußbodenheizung, die die Raumtemperatur des Gebäudes ganzjährig auf mind. 15 Grad hält. Ökologisch und ökonomisch sinnvoll kommt die Wärme aus der Erde, Stichwort: Geothermie. Ein Projekt mit Modellcharakter, deshalb bezu­schusst von der FairEnergie, gefördert aus dem Programm Klimaschutz und mit einer vom Handwerksbetrieb gespendeten Wärmepumpe. Ein Gemeinschaftswerk also auch im Detail. Schließlich kann man nicht überall Solarzellen montieren, schon gar nicht auf einer ehemaligen Zehntscheuer mit Original Biber­schwanzziegeln.
 Moderne Techniken verbinden sich in diesem Haus mit alter Baukunst. Alte Handwerkstraditionen wurden hier fortgesetzt. In diesem Zusammenhang fällt immer ein Name: Zimmermeister Horst Kern, natürlich auch Fördervereinsmitglied.
Sie, Herr Kern, haben sich als „Holzchirurg“ besonders um die liebevolle Restaurierung des Dachstuhls verdient gemacht und höchste Anerkennung dafür geerntet. Unter anderem haben Sie in der Zehntscheuer 1.150 solcher Holznägel (Muster in die Höhe halten) verbaut, denn schließlich handelt es sich um eine verzapfte Konstruktion, eine im 16. Jahrhundert überaus fortschrittliche Zimmermannskunst.
Es ist immer ein Abenteuer, wenn man ein Kulturdenkmal restauriert. Keiner weiß genau, welche Überraschungen sich in Gebälk und Mauern verbergen. Manche Kritiker einer Sanierung würden deswegen gerne so ein „altes Glump“ abreißen, weil ja die Kosten davonlaufen, die Zeitpläne nicht eingehalten würden und überhaupt jeder mit jedem Streit bekommt. Das war, um es vorweg zu sagen, hier in Betzingen bei der Restaurierung alles nicht der Fall. Lediglich beim Putzen soll es unterschiedliche Meinungen gegeben haben, ob jetzt alles auch sauber genug sei oder ob man vielleicht nochmals ran müsse. Also: Ich find’s wunderbar ...
Nicht nur dafür gilt es Dank zu sagen allen, die hier ihr Bestes gegeben haben. Das sind zunächst die über 100 Mitglieder des Fördervereins um ihren Vorsitzenden, Bezirks­bürgermeister Keck, die schwer geschuftet haben. Da galt es beispielsweise die Zehntscheuer zu entrümpeln, da mussten Mauerreste ausgekratzt, Latten gestrichen werden.
Stellen Sie sich vor, Sie müssten 3 km Latten grundieren und zweimal streichen. Macht summa summarum 9 Kilometer.
Wahrhaft eine Menge Holz!
Dann galt es, 13.000 alte Biberschwänze im ganzen Land zu organisieren und aufs Dach zu bringen. Was für eine Anstrengung - aber sie hat sich gelohnt!
Apropos Dach. Der Dachstuhl hing vor der Sanierung 70 Zentimeter gen Norden und drohte auf die Straße zu stürzen. Mit Seilwinden wurde er wieder ins Lot gebracht, nicht auf einmal, sondern nach und nach und mit einigen Ruhepausen. „S’ Dach muss a Nacht schnaufe“, hieß es dazu in Betzingen und das galt auch für die haupt- und ehrenamtlichen Handwerker.
Was Sie alle hier in Betzingen in liebevoller Arbeit geleistet haben, ist bestes bürgerschaftliches Engagement. Hier haben Alt und Jung zusammengearbeitet, Profis mit Amateuren, junge Handwerker mit routinierten Füchsen. Alle können jedenfalls von sich behaupten, „vom Fach“ zu sein - eine Redensart übrigens aus dem Zimmermannshandwerk, wo im Fachwerkbau das Gefache zwischen Ständern, Schwellen und Riegeln hergestellt wird.
Insgesamt sind bisher 4.000 ehrenamtliche Arbeitsstunden zusammengekommen.
Das ist nicht nur aller Ehren, sondern auch Geld wert.
Dieser Einsatz Betzinger Bürger sparte an den Baukosten rund 50 Tausend Euro. Außerdem werden Spenden eingeworben, beispielsweise für das Mobiliar.
Ich weiß, dass es ungeheuer risikoreich ist, aus der großen Zahl der engagierten Menschen, die tatkräftig am Erhalt und an der Sanierung der Zehntscheuer beteiligt waren, Einzelne namentlich herauszugreifen. Allen gehört unser Respekt für ihren Einsatz und die Mühen, die sie nicht gescheut haben. Und doch will ich, sozusagen stellvertretend für alle „Schaffer“ hier vor Ort, zwei weitere Personen besonders erwähnen. Es sind dies Vater und Sohn Martin Rupp und Friedemann Rupp. Unglaublich, wie viel Einsatz hier gezeigt wurde, welches hohe Maß an Identifikation mit dem Stadtteil Betzingen, seiner Geschichte und seiner Zukunft - denn genau daran ist hier gebaut worden - zum Ausdruck kommt. Ich bin wie vermutlich alle wirklich sehr beeindruckt und möchte ausdrücklich hervorheben, dass es der Stadt eine Freude ist, zu investieren und zu unterstützen, wenn wir auf der anderen Seite ein solches Bürgerengagement erleben. Wenn jemand nach dem Betzinger Erfolgsrezept fragen würde, um selbst vielleicht eine Sache voran­zubringen, dann ist dieses schnell genannt: engagierte Bürgerinnen und Bürger, die es zu ihrer Sache gemacht haben, ihr Umfeld zu verbessern, sich für die Lebensqualität der Stadt und des Ortes, in dem sie leben, einzusetzen. Keine Konsumhaltung, lässig zurückgelehnt im warmen Wohnzimmersessel nach dem Motto „Nun macht ihr mal“, sondern tatkräftiges Mitdenken und Zupacken. Die Eröffnung der sanierten Zehntscheuer in Betzingen mit Anbau ist nicht nur für unseren Stadtbezirk, seinen sozialen Zusammenhalt und seine gesellschaftliche Infrastruktur, bedeutsam, sondern für die gesamte Stadt ein beeindruckendes Beispiel, was geht, wenn man bereit ist, etwas zu tun. Und das hat einen extra Applaus verdient!
Alles in allem haben wir bei dieser Zehntscheuer eine beispielhafte denkmalgerechte Sanierung, die den Belangen aller Beteiligten gerecht wird. Hier wurde so einvernehmlich Hand in Hand gearbeitet, dass alle zufrieden sind, was heutzutage nicht immer selbstverständlich ist. Fröhliche Mienen sind zu sehen beim Förderverein, beim Denkmalschutz, vertreten von Herrn Dr. Kolb, bei den Architekten Hartmaier und Schmid, bei den Handwerkern und nicht zu vergessen bei den Geldgebern, der Stadt Reutlingen und dem Land Baden-Württemberg. Herr Minister Pfister, herzlichen Dank für die Unterstützung durch Sanierungsmittel des Landes und für die Zuschüsse aus den Denkmaltöpfen, insgesamt rd. 650.000 Euro. Nach aktueller Berechnung wird dadurch der bemerkenswerte Anteil von 43 % der Kosten abgedeckt. Der größte Betrag zu den Kosten von über 1,5 Millionen Euro wird von der Stadt Reutlingen geschultert, mit (nach Abschluss dann auch der Außenanlagen) über 755.000 Euro (einschließlich der Verkaufserlöse aus dem Umfeld der Zehntscheuer). Ich bin überzeugt, dass alle Betzinger das gut finden und gegen diese Reutlinger „Einmischung“ nichts haben.
Ich möchte ausdrücklich der Ersten Bürgermeisterin und zuständigen Baudezernentin Ulrike Hotz für ihren unermüdlichen und ideenreichen Einsatz danken, ohne den diese Sanierung nicht so reibungslos geklappt hätte. Der Dank gilt natürlich auch dem Team des städtischen Baudezernats für seine professionelle Arbeit.
Künftig werden in dieser alten Landgarbenscheune keine Dinkelgarben mehr abgeliefert, um den Zehnten zu bezahlen. Die Zehntscheuer hat als Finanzamt ausgedient, inzwischen gibt es andere fantasievolle Formen der Steuerabgaben, die den Zehnten weit übersteigen.
Künftig wird die Zehntscheuer der Geselligkeit und Unterhaltung dienen, hier werden Veranstaltungen Raum finden.
Wie ich höre, ist die Nachfrage riesig. So reichen Buchungen schon bis 2010.
Das gewährleistet, dass wir uns noch öfter hier sehen. Ich finde, das sind schöne Aussichten!
Zur Einweihung des Bürgerhauses Zehntscheuer dem Förderverein und der Betzinger Bevölkerung herzlichen Glückwunsch!
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