Gedenkfeier zum Volkstrauertag am 18.11.2018

- Es gilt das gesprochene Wort -

Ansprache Von Oberbürgermeisterin Barbara Bosch


Werden wir Menschen aus Schaden klug? Dann wäre in diesen Tagen ein Volksfest zu feiern anlässlich des 100-jährigen Jubiläums des Endes des Ersten Weltkrieges. Aber da gab es nach 1918 noch den Zweiten Weltkrieg und weitere Kriege fast überall auf der Welt bis zum heutigen Tag. Deswegen brauchen wir den Volkstrauertag mehr denn je als Tag der Besinnung und der Mahnung, der Warnung vor den Gräueln eines Krieges. Schon im Ersten Weltkrieg verloren etwa 17 Millionen Menschen in den Völkerschlachten zwischen 1914 und 1918 ihr Leben, noch mehr wurden an Leib und Seele verletzt. Viele für den Rest ihres Lebens.
Verdun ist einer den Namen, der für ein bis dahin beispielloses Gemetzel steht. Welch‘ ein Hohn, das millionenfache Sterben seinerzeit als „Heldentod“ zu verbrämen! In jedem Krieg stirbt als Erstes die Wahrheit und wird durch Kriegspropaganda ersetzt. Welche hehren Worte man auch immer für sinnloses Sterben finden mag, die Zahlen der Toten und Verletzten sprechen eine eindeutige Sprache.
 
1918 kam der Erste Weltkrieg, der auch als die „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“ bezeichnet wird, an sein Ende. Aber: Die Ruhe nach dem Sturm war, wie wir heute wissen, die Ruhe vor dem Sturm, der gut 20 Jahre später ein Vielfaches an Menschenleben kostete. Fassungslos angesichts des Leids der Menschen fragen wir uns, wie das geschehen konnte. Man wusste doch um die vielen Toten und das Elend, das dieser Krieg über die Menschen gebracht hatte. Der erste Volkstrauertag ist immerhin bereits nach diesem Krieg 1922, auf Vorschlag des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge, begangen worden.
 
Doch die Lehren wurden offensichtlich nicht konsequent genug gezogen. Und: Je ausgefeilter die Waffensysteme sind, desto höher die Zahl der Opfer. 60 bis 70 Millionen Tote waren es im Zweiten Weltkrieg. Stalingrad ist einer der Namen, der in diesem Krieg für Vernichtung steht. Noch Jahrzehnte nach Kriegsende werden Opfer geborgen. Man findet Kriegstote in Erdlöchern, Schluchten und ausgetrockneten Bachläufen, wo sie damals aufgrund der Seuchengefahr schnell verscharrt worden waren. Pro Jahr werden im ehemaligen Stalingrad durchschnittlich drei bis vier Massengräber entdeckt. Funde von einzelnen Soldaten kommen sogar heute noch monatlich in der Millionenstadt vor. Nun kommen 800 weitere dazu, die in Stalingrad (heute: Wolgograd) einen grausamen Tod erlitten hatten. Wie der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge mitteilt, wurden die deutschen Kriegstoten im letzten Monat bei der Verlegung einer Wasserleitung entdeckt.
 
Bisher sind am Fundort die Gebeine von diesen 800 deutschen Soldaten exhumiert worden. Fünfzig der 150 gefundenen Erkennungsmarken sind noch gut lesbar, andere müssen zunächst vorsichtig gereinigt werden. Diese sind für die spätere Identifizierung der Kriegsopfer wichtig.
 
Es ist das Verdienst der Kriegsgräberfürsorge, dass die Opfer nicht nur würdevoll bestattet werden, sondern auch eine Stimme erhalten. Eine Stimme, die zum Frieden mahnt, auch und gerade in Zeiten, in denen auch bei westlichen Staatsoberhäuptern markige, aggressive Töne zu hören sind, die weder dem Frieden zwischen den Völkern noch dem inneren Frieden dienen.
 
In der ganzen Welt haben vor einer Woche am 100. Jahrestag Gedenkfeiern zum Ende des Ersten Weltkriegs stattgefunden. Die schwersten Schlachten mit unzähligen Toten hatten sich in Frankreich zugetragen. Der 11. November, der Tag des Waffenstillstandes, ist in Frankreich ein gesetzlicher Feiertag. Gerade das Beispiel von Frankreich und Deutschland zeigt, dass aus angeblichen Erbfeinden gute Freunde werden können und geworden sind, Nachbarn, die sich schätzen. Wir dürfen dieses Gut nicht leichtfertig verspielen.
Mit einer Reutlinger Delegation bin ich vergangenen Sonntag der Einladung meines Amtskollegen Bürgermeister Nicolin aus unserer französischen Partnerstadt Roanne gefolgt, um an der dortigen Gedenkfeier zum 100. Jahrestag des Waffenstillstandes teilzunehmen. Ich bin dem französischen Kollegen sehr dankbar für die Einladung, die erstmals an eine deutsche Delegation gerichtet worden ist, und besonders dafür, dass wir als Freunde aktiv in das würdevolle und feierliche Zeremoniell eingebunden wurden. Wer hätte sich vor ein paar Jahren vorstellen können, dass an diesem hohen Feiertag in Frankreich, an welchem des Waffenstillstandsvertrags zwischen den Siegermächten und Deutschland gedacht wird, an den Gräbern der Toten neben der Marseillaise die deutsche Nationalhymne gesungen wird, von einem französischen Chor mit deutschem Text vorgetragen? Die Gedenkfeierlichkeiten am letzten Sonntag in Roanne enthielt noch viele weitere Gesten und Worte der Freundschaft, welche die Aussöhnung und gemeinsame Verantwortung für Europa hervorgehoben haben. Es hat mich zutiefst berührt zu sehen, auf welche Weise in Frankreich die Erinnerung an die unzähligen Toten des Krieges aufrechterhalten wird, darunter auch die 280 deutschen Kriegsgefangenen, deren Gräber auf dem Roanner Friedhof vorbildlich gepflegt werden. Frankreich und Deutschland haben aus den schmerzlichen Erfahrungen zweier Weltkriege die Konsequenz gezogen, sie haben begriffen, dass Krieg nicht die Lösung von Problemen sein kann, dass nur eine grundlegende Verständigung eine gedeihliche Zukunft ermöglicht – so wie auch Roanne und Reutlingen dies seit 60 Jahren in ihrer Städtepartnerschaft praktizieren.
 
Andere sollten dies ebenfalls begreifen. Denn Kriege haben auch den Beginn unseres aktuellen Jahrhunderts bestimmt. Die Gegenwart, auch auf dem europäischen Kontinent, ist ein trauriges Beispiel dafür. Krieg, Gewalt, Terror, Verletzung der Menschenrechte, Vorurteile und Intoleranz als Mittel zur Durchsetzung staatlicher, aber auch religiöser oder persönlicher Macht-, Gebiets- oder Besitzansprüche sind noch immer aktuell.
 
Das Heidelberger Institut für Internationale Konfliktforschung publiziert alljährlich ein sog. globales Konfliktbarometer. In der aktuellen Ausgabe (2017) sind darin 20 Kriege und 385 Konflikte weltweit aufgeführt. Mehr als die Hälfte der aufgezählten Konflikte werden nach wie vor gewaltsam ausgetragen. Auch deutsche Soldaten nehmen aktuell an internationalen Einsätzen in Europa, Asien und Afrika sowie im Mittelmeer und am Horn von Afrika teil, in denen sie zu Opfern werden können.
 
Und machen wir uns nichts vor - Deutschland ist ein Teil dieser Welt. Auch in unserem Land gibt es Gewalt und Terrorismus. Auch dieser Opfer gedenken wir heute, so der Anschläge des sogenannten Islamischen Staates besonders in Frankreich, aber auch in Deutschland. Wir sind dankbar, dass weitere Attentate durch Bundesnachrichtendiest und Verfassungsschutz verhindert werden konnten. Wir gedenken der 671 Menschen, die im vergangenen Jahr in Deutschland nach Angaben des Bundeskriminalamts Opfer von Menschenhandel geworden sind – eine Zunahme von 25 % gegenüber 2016. Und wir wollen die Augen nicht verschließen vor Angriffen auf Asylunterkünfte in Deutschland; rechnerisch kommt es 2018 alle 2,5 Tage zu einem solchen Angriff auf ein Asylbewerberheim. Fast alle Taten haben einen rechtsradikalen Hintergrund.
 
Frankreichs Staatspräsident Emmanuel Macron hat beim Pariser Weltkriegsgedenken die versammelten Staats- und Regierungschefs eindringlich aufgerufen, für Frieden und eine bessere Welt zu kämpfen. „Die alten Dämonen steigen wieder auf – bereit, ihr Werk von Chaos und Tod zu vollenden“, warnte er.
 
Das darf nicht passieren! Auch deshalb erinnern wir uns am heutigen Volkstrauertag an vergangenes Leid. Um zu verhindern, dass wieder alles von vorn beginnt. Damit sich Vergangenes nicht wiederholt.
 
Wir gedenken heute in Trauer aller Toten von Krieg und Gewaltherrschaft. In unser Gedenken schließen wir auch die Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr ein, die bei Einsätzen für den Frieden in den vergangenen Jahren gefallen sind. Wir fühlen mit ihren Familien, mit ihren Kameradinnen und Kameraden und mit ihren Freunden.
 
Mit zunehmendem Zeitabstand zum Zweiten Weltkrieg schwindet die unmittelbare Erfahrung. Die Gedenkarbeit fällt in die Hände der Nachgeborenen, denen die Dimension der persönlichen Erfahrung fehlt.  Wir brauchen deshalb ein Datum wie den Volkstrauertag, der uns daran erinnert, dass es hier, auf deutschem Boden, nur wenige Jahrzehnte zurück Krieg gab. Um daran erinnert zu werden, dass Frieden keine Selbstverständlichkeit ist.
 
Und wenn wir die Mahnung des Volkstrauertages ernst nehmen, müssen wir darum bemüht sein, dass die Erinnerung von den nachwachsenden Generationen weitergetragen wird. Seit meinem Amtsantritt 2003 bitte ich deshalb jährlich jeweils wechselnd eine Reutlinger Schule, sich an der Gestaltung der Feierstunde zu beteiligen. Ich freue mich sehr darüber, dass dieser Bitte jedes Jahr mit großer Ernsthaftigkeit von Schülerinnen und Schülern der ausrichtenden Schule, unter Begleitung ihrer Lehrkräfte, nachgekommen wird. In diesem Jahr sind es Laura Gehr, Jule Schrimpf, Franziska von Wulffen, Thomas Ellenberger, Matthias Franz und Leon Schäfer des HAP Grieshaber Gymnasiums am BZN Reutlingen. Vielen Dank dafür.
 
Ich danke allen weiteren Mitwirkenden an der heutigen Gedenkstunde:
 
Herrn Diakon Ulrich Letzgus für das geistliche Wort,
dem Reutlinger Liederkranz und der Stadtkapelle Reutlingen für die musikalische Begleitung,
den Angehörigen der Reservistenkameradschaft und des Reserve-Unteroffiziers-Corps Reutlingen sowie der 52d Strategic Signal Battalion der US-Streitkräfte in Stuttgart-Vaihingen für die Ehrenwache,
dem Sozialverband VdK Deutschland, Ortsgruppe Reutlingen, als Mitveranstalter.
Und gleichfalls Dank zu sagen ist all jenen, die sich der Gräber der Toten und der Pflege der Gedenkstätten annehmen, ganz besonders dem Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge, der mit seiner Arbeit für Frieden und Versöhnung steht.
 
Herr Hildenbrand von der Reutlinger Reservistenkameradschaft wird auf Befehl der Bundesverteidigungsministerin aus Anlass des 100. Jahrestages des Kriegsendes heute ebenfalls einen Kranz niederlegen.
 
Ich bin dankbar, dass wir diesen Tag heute gemeinsam begehen. Und ich bin zuversichtlich, dass die Kraft der Erinnerung geeignet ist, im gemeinsamen Haus Europa weiter gemeinsam an einer demokratischen Zukunft in globaler Verantwortung zu arbeiten.
 
„Wer an Europa zweifelt, wer an Europa verzweifelt, der sollte Soldatenfriedhöfe besuchen! Nirgendwo besser, nirgendwo eindringlicher, nirgendwo bewegender ist zu spüren, was das europäische Gegeneinander an Schlimmstem bewirken kann.“
 
Das sagte vor 10 Jahren Jean-Claude Juncker, damals luxemburgischer Premierminister, heute Präsident der Europäischen Union, vor dem Deutschen Bundestag.
Genauso haben wir Reutlinger es am vergangenen Sonntag in Roanne empfunden, und so empfinden wir es heute hier.
 
Der ärgste Feind des Friedens ist das Vergessen.
Lassen Sie uns niemals vergessen.
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