Jubiläumsfeier am 20. November 2009 - 10 Jahre Reutlinger Tafel

- Es gilt das gesprochene Wort -

Grußwort Oberbürgermeisterin Barbara Bosch

  • Sehr geehrter Herr Opitz,
  • sehr geehrter Herr Dr. Mohr,
  • sehr geehrter Herr Klinger,
  • sehr geehrter Herr Göttner,
  • sehr geehrte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Tafel,
  • liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger,
Als 1999 dazu auf­ge­ru­fen wurde, die Reut­lin­ger Tafel ins Leben zu rufen, fand dies gleich viel Gehör. Der Ap­pell an die Ver­ant­wort­li­chen von Ein­zel­han­del und Be­trie­ben, das Auf­zei­gen eines ein­fa­chen un­bü­ro­kra­ti­schen Weges der Hilfe hatte den Nerv der Zeit ge­trof­fen. Spon­tan er­klär­te sich eine ganze Reihe von Bür­ge­rin­nen und Bür­gern sowie Ge­schäfts­in­ha­bern zum Mit­ma­chen be­reit. Heute sor­gen bis zu 60 Eh­ren­amt­li­che für eine täg­lich ge­deck­te Tafel, für die zahl­rei­che Su­per­märk­te und Re­stau­rants die Le­bens­mit­tel zur Ver­fü­gung stel­len. Das heißt, dass etwa 100 be­dürf­ti­ge Men­schen aus un­se­rer Mitte jeden Tag eine Mahl­zeit oder Nah­rungs­mit­tel er­hal­ten kön­nen. Für sie alle ist die Tafel nicht nur wegen des Le­bens­mit­tel­an­ge­bots ein Fix­punkt in schwie­ri­gen Le­bens­pha­sen ge­wor­den.
Als Hartz IV 2003 ein­ge­führt wurde, gab es in Deutsch­land be­reits mehr als 300 Ta­feln. Armut war immer da, sie war nur nicht immer ein öf­fent­li­ches Ge­sprächs­the­ma. Denn das Netz der staat­li­chen Für­sor­ge hat Lü­cken. Die Ta­feln und an­de­re eh­ren­amt­li­che In­itia­ti­ven – ich denke hier in Reut­lin­gen be­son­ders auch an die Ves­per­kir­che – ver­su­chen mit gro­ßem En­ga­ge­ment, diese Lü­cken aus­zu­fül­len. Dass sich die Bür­ger für ihre Nächs­ten frei­wil­lig en­ga­gie­ren, ist eine gute Nach­richt. Eine Mio. Men­schen holen sich in die­sem Jahr in Deutsch­land ihr Essen re­gel­mä­ßig von den der­zeit 833 Ta­feln. Die vie­len eh­ren­amt­li­chen Hel­fe­rin­nen und Hel­fer kön­nen und wol­len – und aus mei­ner Sicht auch sol­len – nicht die um­fäng­li­chen Auf­ga­ben der Da­seins­für­sor­ge über­neh­men. Sie schaf­fen aber ihren Kun­den einen klei­nen, wich­ti­gen fi­nan­zi­el­len Spiel­raum, der deren ge­sell­schaft­li­che Teil­ha­be etwas ver­bes­sert: Geld für ein wei­te­res Klei­dungs­stück, viel­leicht einen Zir­kus­be­such für die Kin­der, ein Buch.
Das Prin­zip der Ta­feln be­ruht auf einer eben­so ge­nia­len wie ein­fa­chen Idee: Man­gel und
Über­fluss wer­den zu­sam­men­ge­bracht. Die Ta­feln stel­len einen Aus­gleich her. Sie trans­por­tie­ren das, was an der einen Stel­le nicht mehr ge­braucht wird, da hin, wo es noch gut ge­braucht wer­den kann.
Von daher freue ich mich, dass das heu­ti­ge Ju­bi­lä­um eine gute Ge­le­gen­heit bie­tet, Ihr Tun er­neut ins Ram­pen­licht zu rü­cken und für die An­lie­gen der Reut­lin­ger Tafel zu wer­ben, denn Spon­so­ren und Hel­fer wer­den immer ge­braucht, jede Spen­de sowie jeder neue Mit­ar­bei­ter wird stets dank­bar will­kom­men ge­hei­ßen. Und jeder, der sich be­tei­ligt, kann si­cher sein, dass sein Tun un­mit­tel­ba­re Wir­kung zeigt.
Das Prin­zip funk­tio­niert nach einer ein­fa­chen For­mel. Jeder gibt, was er kann: Die einen geben Le­bens­mit­tel oder auch Spen­den, die an­de­ren geben ihre Zeit, ein paar Stun­den in der Woche oder im Monat. So wich­tig diese Mahl­zei­ten für Men­schen sind, die sich nur sel­ten fri­sches Obst und Ge­mü­se oder Fleisch leis­ten kön­nen, so wich­tig ist auch die so­zia­le Un­ter­stüt­zung, die sie dabei hier in un­se­rer Tafel er­fah­ren. Das Wort vom täg­li­chen Brot hat schon immer mehr be­zeich­net als das Back­werk an sich. Es geht so­zu­sa­gen um „Laib und Seele“.
Mit über 40.000 Eh­ren­amt­li­chen sind die Ta­feln einer der größ­ten so­zia­len Be­we­gun­gen in Deutsch­land. Mög­lich war die­ses be­ein­dru­cken­de Wachs­tum auch, weil sich die Freiwilligen-​Organisation kon­se­quent pro­fes­sio­na­li­siert hat. Ihr blieb vor dem Hin­ter­grund sich ver­schär­fen­der Ge­set­ze z.B. im Le­bens­mit­tel­recht auch gar nichts an­de­res übrig. Genau diese Pro­fes­sio­na­li­sie­rung aber ist an­de­rer­seits die Ge­währ, dass sich Spon­so­ren wei­ter en­ga­gie­ren. Ver­läss­lich­keit und Ver­trau­en in die un­ei­gen­nüt­zi­ge Ver­wen­dung für Be­dürf­ti­ge vor Ort sind er­for­der­lich, damit Geben und Neh­men als Ge­schäfts­be­zie­hung funk­tio­nie­ren.
Die Exis­tenz der Ta­feln kann durch­aus am­bi­va­lent be­trach­tet wer­den. Dass es sie über­haupt gibt, ist Aus­druck von Armut mit­ten im Reich­tum, von Man­gel mit­ten im Über­fluss. Of­fen­sicht­lich schafft es un­se­re Ge­sell­schaft nicht, die Güter ge­recht zu ver­tei­len. Kri­ti­ker wer­fen den Ta­feln vor, dass sie Armut nor­ma­li­sier­ten, einen zu nied­ri­gen Re­gel­satz von Hartz IV oder der Grund­si­che­rung sta­bi­li­sier­ten. Dem ist ent­ge­gen­zu­hal­ten, dass Ta­feln nur eine zu­sätz­li­che Hilfe leis­ten kön­nen, keine Grund­ver­sor­gung. Sie er­rei­chen auch nur einen klei­nen Teil der Emp­fän­ger staat­li­cher Trans­fer­leis­tun­gen. Den­noch wäre es das Beste, wenn es diese Ta­feln nicht mehr bräuch­te. Die Po­li­tik darf sich mit dem Ver­weis auf die Ta­feln nicht aus der Ver­ant­wor­tung zie­hen. Kei­nes­falls dür­fen den Leis­tungs­emp­fän­gern die Zu­wen­dun­gen zum Le­bens­un­ter­halt ge­kürzt wer­den, weil es die Ta­feln gibt, oder in den Job-​Centern statt Über­brü­ckungs­geld ein Zet­tel mit den Öff­nungs­zei­ten in die Hand ge­drückt wer­den. Vor­gän­ge, über die in ein­zel­nen an­de­ren Bun­des­län­dern be­reits be­rich­tet wor­den ist.
Die Kehr­sei­te vom Über­fluss ist der Man­gel. Nicht un­be­dingt der Man­gel an Essen,
oft­mals auch der Man­gel an Wis­sen. Hun­ger ist in Deutsch­land nicht ein Pro­blem des Über­le­bens, aber schon eine Frage der an­ge­mes­se­nen Ver­sor­gung mit Le­bens­mit­teln. Wer eine Tief­kühl­piz­za mit einem Grund­nah­rungs­mit­tel ver­wech­selt, braucht auch noch an­de­re Un­ter­stüt­zung. Er braucht Zu­wen­dung und Rat. Er­schre­ckend ist, dass ver­mut­lich auch in Reut­lin­gen immer mehr Fa­mi­li­en mit Kin­dern kom­men, Men­schen, die in Voll­zeit ar­bei­ten, deren Ein­kom­men aber trotz­dem nicht reicht. Diese Zahl wird in Zei­ten der welt­wei­ten Wirt­schafts­kri­se nicht so schnell ab­neh­men. Des­halb bin ich dank­bar, dass es die Tafel in Reut­lin­gen gibt. Mein Dank geht des­halb aus­drück­lich an Sie alle, die Sie sich für die Tafel und in der Tafel en­ga­gie­ren. Darum hat sich die Stadt auch be­reit er­klärt, ihren Bei­trag zu leis­ten und un­ter­stützt seit Mitte 2008 mit einem drei­fach er­höh­ten Miet­zu­schuss und damit ins­ge­samt 22.000 € pro Jahr die gute Sache.
Wer zu den Ta­feln kommt, mag arm sein. Wür­de­los ist er in Reut­lin­gen des­halb kei­nes­falls. Herz­li­chen Dank dafür.

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