Brettspiel Bruderhaus-Reisespiel

  • Eine Reise zu den Standorten der „Gustav-Werner-Stiftung“ (heute Bruderhaus-Diakonie) im südlichen Baden-Württemberg bietet dieses Brettspiel aus den 1960er Jahren. Es wurde vom „Verein der Freunde der Gustav Werner’schen Anstalten“ herausgegeben.

    In seiner Aufmachung erinnert es stark an das beliebte Format der Deutschland-, Europa- oder Weltreisespiele, bei denen von den Mitspieler*innen eine vorgegebene Reiseroute zu absolvieren ist, auf der mehr oder weniger große Hindernisse auf die Reisenden warten. Dass es eine lustige und unterhaltsame Angelegenheit wird, verspricht schon die bunte Illustration auf dem Deckel: Im roten Cabriolet fährt eine Familie bei strahlendem Sonnenschein am Ufer eines Sees mit Segelschiffen entlang.

    Das Spiel nimmt die Mitspieler*innen mit auf eine Entdeckungsreise zu den damaligen Außenstellen der Stiftung in Württemberg, im Schwarzwald und in Oberschwaben. Laut Erklärungs-Text gibt es „in unseren Tagen viele kleine und große Erdenbürger, die keine Heimat haben. Es gibt junge Menschen, die sich in ihrer Umgebung nicht zurechtfinden und alte Männer und Frauen, die allein in dieser Welt leben müssen.“ Und zu all diesen sozial benachteiligten Personen will das Spiel die Mitspielenden führen. Dass das Ziel des Spiels nicht nur war, auf das Leben der von der Stiftung betreuten Menschen aufmerksam zu machen, sondern durchaus auch den handfesten Aspekt der Gewinnung von Mitarbeitenden hatte, zeigt ein weiterer Satz: „Vielleicht könnt ihr uns einmal besuchen oder gar einmal mithelfen, diese hilfsbedürftigen Menschen zu betreuen.“

    Das Spielfeld ist grafisch im Stil der Zeit gestaltet. Es zeigt eine stilisierte Landkarte der Regionen Schwarzwald, Bodensee, Oberschwaben und Reutlingen. Die schwarz-weißen Grafiken zeigen die Einrichtungen oder markante Bauwerke der besuchten Städte. Die Reiseroute wird durch grüne Kreise markiert. Die Farbe an den Wegstationen zeigt an, ob es sich um einen Stiftungs-Standort handelt (Orange) oder eine sehenswerte Stadt am Wegesrand (Petrol). Während sich zu den Außenstellen immer wieder knappe Details zu ihren Aufgaben und den betreuten Menschen finden, werden bei den Wegstationen eher allgemeine Informationen vermittelt. Auch fehlt selbstverständlich ein Portrait von Gustav Werner nicht.

    Die Reise startet am Stammsitz der Stiftung in Reutlingen an der ehemaligen Maschinenfabrik, die sich im Bereich des heutigen Bürgerparks befand. Heute erinnert hier noch das „Krankenhäusle“ mit dem Gustav-Werner-Forum an das „Bruderhaus“. Von hier aus führt die Route über die damaligen Außenstellen Dettingen/Erms, Bad Ditzenbach, Riesenhof, Friedrichshafen, Fluorn, Alpirsbach, Loßburg/Rodt, den Friedrich Gaiser-Hof, Göttelfingen und Schernbach nach Gaisbühl zum Jugenddorf. An jeder Station wartet eine Überraschung auf die Spieler. Mal müssen sie aussetzen, kommen nur mit einer bestimmten gewürfelten Zahl weiter oder dürfen einige Felder weiterziehen. Dass unterwegs einige Mitreisende verloren gingen, zeigt das beiliegende Zubehör, das nur noch aus drei Spielfiguren besteht.

    Heutzutage wäre das Spielfeld vermutlich deutlich größer, denn mittlerweile bietet die Bruderhaus-Diakonie in 15 Landkreisen 252 soziale Angebote an. Ihren Ursprung hat sie im Wirken von Gustav Werner (geboren 1809 in Zwiefalten, gestorben 1887 in Reutlingen). Nachdem er das evangelische Seminar in Maulbronn besucht hatte, studierte er bis 1832 in Tübingen Theologie. Anschließend arbeitete er als Privatlehrer in Straßburg, wo er mit dem sozialdiakonischen Werk von Johann Friedrich Oberlin in Berührung kam. In seiner Zeit als Vikar in Walddorf gründete er 1834 eine erste soziale Einrichtung – eine „Kinderrettungsanstalt für Waisenkinder“.

    Er predigte auch außerhalb seiner Gemeinde und sammelte Spenden. Aufgrund eines Konflikts mit der Kirchenleitung zog er 1840 nach Reutlingen, wo er ein „Rettungshaus“ für 10 Kinder gründete. 1848 betreute man dort bereits rund 80 Waisenkinder. Schon bald verband Werner diakonische Arbeit mit unternehmerischer Prinzipien. 1850/51 erwarb er eine stillgelegte Papierfabrik am Echazufer Dieser folgte eine Papierfabrik in Dettingen/Erms, eine Maschinenfabrik und Gießerei sowie eine Möbelfabrik. Die 1851 erstmals „Bruderhaus“ genannte Einrichtung, wurde zu ihrer wirtschaftlichen Sicherung 1881 in die „Gustav-Werner-Stiftung zum Bruderhaus“ überführt.

    Ihre Einrichtungen verbinden bis heute Bildungs- und Arbeitsmöglichkeiten für Kinder und Erwachsene mit und ohne Handicap. Die Arbeit der Werner’schen Schutzbefohlenen (damals auch als „Hausgenossen“ bezeichnet) war ein großer Schritt in der Sozialpolitik des sich gesellschaftlich rasch wandelnden Industriezeitalters, da sie das Prinzip der Teilhabe und nicht nur Fürsorge ermöglichte. Durch die Verbindung von diakonischer und unternehmerischer Denkweise war Gustav Werner vermutlich einer der frühesten Wegbereiter dessen, was wir heute unter „Inklusion“ verstehen.

    Verein der Freunde der Gustav Werner’schen Anstalten: Bruderhaus-Reisespiel, 1960er Jahre

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