Adolf Holst, Emil Kutzer: Lirum Larum. Lustige Verse, Enßlin & Laiblins Verlagsbuchhandlung, Reutlingen, ohne Jahr [1913].

  • Schon das farbig illustrierte Titelblatt zeigt es: Bücher machen neugierig. Auf einer Wiese stehen um ein Mädchen mit einem Buch geschart weitere Kinder, die versuchen, einen Blick auf den Inhalt zu werfen. Bei dem 1913 in Reutlingen erschienenen Kinderbuch „Lirum Larum“ handelt es sich um das erste „Gemeinschaftswerk“ des erfolgreichen Kinderbuchautors Adolf Holst (1867-1945) und des Illustrators Emil Kutzer (1880-1965). Diesem folgten zahlreiche weitere gemeinsame Veröffentlichungen. Zu sehen sind die beiden auf dem Innentitel des Buches, der als Schlussapplaus einer Theatervorführung gestaltet ist. Auf der Bühne befinden sich die Protagonisten der Gedichte, im Zuschauerraum sitzen einige Kinder. In einer Loge links von der Bühne stehen Adolf Holst (mit einem Buch in der Hand) und Emil Kutzer mit Zigarre und Malutensilien. In der Loge gegenüber sieht der Betrachter die damaligen Inhaber des Verlags: Carl und Hugo Hebsaker. Erschienen ist das Buch im November 1913 pünktlich zum Weihnachtsgeschäft. Auch das vorliegende Exemplar war ursprünglich ein Weihnachtsgeschenk, wie eine handschriftliche Widmung verrät. Ein eingeklebtes Etikett verweist auf eine Charlottenburger Buchhandlung als Ort des Kaufs.
    Auf 32 Seiten bietet „Lirum Larum“ zahlreiche Gedichte, die mit teils mehrfarbigen, teils einfarbigen Illustrationen versehen sind. Die Zeichnungen und Reime entsprechen dem vom Jugendstil geprägten damaligen Stil der Kinderbücher. Die Themen der Gedichte sind weit gestreut: von den Jahreszeiten bis zu Dingen, die das Kinderleben um 1900 prägten. Auffallend ist die zeittypische Nähe zu militärischen Themen.
    Der Verlag Enßlin & Laiblin war als Jugendbuchverlag weit über Reutlingen hinaus bekannt. Gegründet wurde er 1818 als „Grözinger und Ensslin“. Einer der Teilhaber war Jacob Noah Ensslin (1790-1865). Zu dieser Zeit hatte der Buchdruck in der Stadt bereits eine lange Tradition und zu Beginn des 19. Jahrhunderts herrschte ein regelrechter Boom in diesem Bereich. Das Verlagsprogramm bestand vor allem aus günstigen Nachdrucken vorhandener Werke, was durch das Fehlen eines Urheberrechts in Württemberg bis 1836 begünstigt wurde. Es umfasste Titel aus Theologie, Philosophie und Veterinärmedizin. Eine neue Produktsparte waren Bücher für Kinder und Jugendliche, da im Zuge der Aufklärung seit dem Ende des 18. Jahrhunderts ein stärkeres Augenmerk auf die Kindererziehung gelegt wurde. Begünstigt wurde die Entwicklung auch dadurch, dass im 19. Jahrhundert die Alphabetisierung der Bevölkerung stark zunahm. Hinzu kamen neue technische Entwicklungen in der Produktion durch die Einführung der Lithographie, die es ermöglichte, illustrierte Bücher günstig herzustellen. Dies alles brachte auch bei den Kinderbüchern eine starke Zunahme der Nachfrage. So verwundert es kaum, dass auch der neu gegründete Verlag in dieser Produktsparte rasch Erfolge verbuchte.
    Zwischen 1824 und 1837 führte Ensslin den Verlag mit wechselnden Geschäftspartnern. Nachdem er seinen Schwiegersohns Paul Hermann Laiblin (1812-1847) in die Geschäftsführung aufgenommen hatte, erhielt der Verlag seinen bis ins Jahr 2000 geführten Namen „Enßlin & Laiblin“ Das Sortiment bestand damals aus einer bunten Mischung – vom Sprachführer bis zum Jugendbuch. 1859 übergab Jacob Noah Ensslin die Geschäfte an seine Enkel. Gustav Laiblin verkaufte den Verlag 1864 an die Witwe des Buchbinders Martin Hebsaker, Christine Barbara Hebsaker (1817-1885). Nach der damals notwendigen offiziellen Billigung des Verkaufs an eine Frau durch die württembergische Regierung führte sie den Verlag bis ihre Söhne die Geschäfte übernahmen. Insbesondere Carl Adolf Hebsaker (1842-1898) prägte die Entwicklung der Firma durch wagemutige und innovative Entscheidungen maßgeblich. Er sorgte für die Verlegung der Räumlichkeiten aus der Weingärtnerstraße in die Gartenstraße (1873), wo der Verlagssitz bis in die 1970er Jahre war. Heute befindet sich dort die „Kaiserpassage“. Seit den 1880er Jahren verfolgte Carl Adolf Hebsaker durch den Kauf anderer Verlage eine starke Expansionspolitik. So gelang es ihm 1891 mit dem Erwerb des Reutlinger „Volksbücherverlags“ Fleischhauer & Spohn, einen innerörtlichen Konkurrenten im Bereich der Jugendliteratur auszuschalten.
    Nach seinem Tod übernahmen die Söhne Karl Friedrich (1899-1956) und Manfred (1902-1944) den Verlag, der ab 1926 zum Jugendbuchverlag ausgebaut wurde. Nach 1945 verfolgte Karl Friedrich Hebsaker diesen Weg konsequent weiter, so dass Ensslin & Laiblin in den 1950er Jahren der größte Arbeitgeber in der Druckbranche in Reutlingen war (1961 279 Mitarbeiter*innen). Die letzten Generationen der Familie führten den Verlag von 1970 bis 2000 bis zum Verkauf an den Arena-Jugendbuchverlag.

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